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Donnerstag, 30. August 2007

Das Leben des Sinns

300px-Moderne_SchrankeWas ist das Leben? – Die Antwort hängt von der Frage ab. Man könnte auch fragen: Wie ist das Leben? Wozu ist das Leben? Sobald man aber danach fragt, gerät man ins Stocken. Es ergeht einem wie dem Tausendfüßler: Sobald er darüber nachdenkt, wie er seine tausend Füße koordiniert, fällt er vom Blatt. Das Leben, meint man, müsse von allein gehen, es scheint selbstverständlich. Und ist es doch nicht. Weil immer irgendwo etwas klemmt, dann denkt man eben drüber nach. Das nennt man dann Philosophieren. Und im Leben klemmt es ja ständig. Kaum hat man eine Sache gängig gemacht oder gelöst, hakt es an einer anderen Stelle. Und man fragt sich: Wieso denn jetzt schon wieder? Konsequenz: Nicht mehr denken? Einfach nur machen? Gibt noch mehr Gewurstel. Das Handgemenge des Lebens ist schon groß genug.

Eigentlich sollte man sich wundern, dass man im Leben überhaupt so weit gekommen ist. Wo man doch nichts weiß. Wie ein Laie steht man da, Tag für Tag. Man ist Improvisateur. Eine Art Lebens-Essayist. Und wenn alles nicht hinhaut, wird man zuerst zum Ironiker und dann zum Zyniker. Weil aber der auf Dauer nicht sozial kompatibel ist, reißt man sich wieder zusammen und versucht sich einen Sinn einzureden. Man gibt nach. Aber niemals auf. Man ist Held. Bis man mit dem Kopf gegen die nächste Schranke knallt. Und dieser Knall ist der philosophische Urknall. Solange die Schranken offen sind und alles flutscht, denkt man eben nicht. Sokrates hatte Recht: Die glücklichen Götter philosophieren nicht. – So lasst uns jeden Tag ein bisschen philosophieren. Damit wir das Leben etwas besser verstehen, denn wenn wir etwas verstehen, wird es auch leichter. Philosophieren bedeutet, sich die Dinge des Lebens so zurecht legen, dass sie erträglicher sind und weniger weh tun.
Und dennoch: Man kann sich das Leben noch so zurecht biegen, es passt nie so richtig. Es fühlt sich immer wieder an wie die verdrehten Ärmel des übergezogenen zu kleinen Pullis. Man kann sich winden wie man will, nach einer gewissen Zeit zwickt etwas.

So hört das Leben des Sinns nicht auf. Hat man für eine Phase des Lebens, für eine Lebenssituation, für ein Ereignis oder für ein Lebensphänomen sich Erklärungen zurecht gelegt und einen Sinn ausfindig machen können, so können wir uns drauf verlassen, dass an irgend einer anderen Stelle sich eine Holprigkeit ergibt, die uns ins Straucheln bringt. Dann sagen wir uns: Macht nichts. Im Stolpern lernt der Mensch gehen. Du hast keine andere Wahl als weiterzumachen, mag das Leben auch manchmal fremd erscheinen. Es gehört zum Menschen welt-fremd zu sein. Das Leben ist zunächst Niemandsland und somit auch Jedermanns Land, man muss so gut es geht heimisch werden, ohne dabei aufzuhören, die Fragen beantworten, die sich immer wieder aufdrängen. Dabei ist damit zu rechnen, dass viele Widersprüche ungeklärt und unauflösbar bleiben.
Manche sagen, das Leben sei ein Experiment. Das sagt man halt so, weil es nach Abenteuer klingt. Ich finde das nicht. Diese Charakterisierung ist irreführend. Denn ein Experiment ist wiederholbar, das Leben nicht. Das Leben ist einmal und nicht nie wieder. Der Lebensweg gleicht einem Steg, der auf ein Meer hinausführt, dessen Bretter nach jedem Schritt brechen und wegschwimmen. Es gibt nicht DEN Halt, wir leben in einer geländerlosen Welt.

Sollte aber jemand meinen, den Stein der Weisen gefunden zu haben, der irrt und muss uns suspekt sein. Der Findende behauptet: Es ist so! Der Suchende fragt zurück: Ist es so? Das bedeutet mithin: Wer sein Maß zum Maß der Dinge macht, der maßt sich im wahrsten Sinne des Wortes etwas an. Man kann den Stein suchen, nicht finden. Der Philosoph, so wenig er sonst weiß, weiß das.
Veranschaulichen möchte ich diesen Gedanken mit Impressionen von Karl Valentin, der das Leben immer wieder von seiner sperrigen Seite gezeigt hat. Das Leben lässt nicht so zurecht stutzen, dass es passt, irgendwas, an irgendeinem Ende wird wieder schief. So sehe ich den folgenden kleinen Film als Allegorie des Lebens:
http://www.youtube.com/watch?v=4NF99_QOF-w

So, das war’s. Wer weiter etwas derart Philosophisches lesen möchte, findet es in dem einen oder anderen P.M.-Heft. Aber jetzt heißt es erst mal: Ein Jahr gebloggt – und aus die Maus. Wer darüber enttäuscht oder erleichtert ist, Entzugserscheinungen oder die Krise kriegen sollte, kann sich an den P.M.-Chefredakteur, Herrn Vasek, wenden, der freut sich immer über Leserpost: Vasek.Thomas@muc.guj.de
Und wer sich über meine anderen Publikationen und überhaupt über meine Tätigkeit als praktizierender Philosoph informieren möchte, wird fündig unter www.kyon-muenchen.de

Montag, 27. August 2007

Zehn Thesen zum Humor

250px-Eduard_von_Gr-C3-BCtzner_FalstaffVon einem Amerikaner bekam ich unlängst zu hören, das Leben sei zu meistern „with humour and sportsmanship“. Typisch burschikose Haltung, wie man sie von Amerikanern kennt? Weit gefehlt. Humor hat durchaus philosophische Wurzeln und die liegen in der Antike, genauer gesagt unter anderem bei Horaz, der die damit verbundene philosophische Lebenspraxis auf den Punkt gebracht hat: „Verum ridentem dicere.“ (Das Wahre ist lachend zu sagen.)
Und da die Philosophen sich viel zu wenig mit Humor befassen, ich aber gerade Humor im philosophischen Denken sowie im Leben überhaupt für wichtig halte, möchte möchte ich zehn Thesen zum Humor aufstellen. Wobei selbstverständlich sein dürfte, dass Humor nicht zu verwechseln ist mit Büttenreden auf so genannten Karnevalssitzungen, auch nicht mit „Comedy“-Schwachköpfigkeiten und den berüchtigten Schenkelklopfern. Also:

1. Humor hat zur Voraussetzung, von den Dingen des Lebens nicht in Beschlag genommen zu sein, also auch die Fähigkeit und Bereitschaft, sich nicht von ihnen in Beschlag nehmen zu lassen.
2. Nicht in Beschlag genommen zu sein, bedeutet, eine Loslösung von den Dingen als auch von sich selbst vollzogen zu haben.
3. Von den Dingen sich gelöst zu haben, heißt auch, ganz bei sich zu sein, sich zu haben und sich zu wissen. - Denn: Nur wer auch bei sich ist, vermag es, sich von sich zu lösen.
4. Sich von sich lösen können, macht wiederum frei und unbefangen für die Dinge des Lebens.
5. Unbefangen und frei zu sein, setzt Distanz voraus. Humor ist folglich eine Frage der Distanz und somit der Selbst-Distanz.
6. Distanz setzt Relativtät in mehrfacher Hinsicht voraus: Relativität im Sinne eines negierenden Aktes des Relativierens bedeutet zum einen, den Dingen des Lebens ihre Absolutheit abzusprechen, und zum anderen, das eigene Verhältnis zu ihnen zu zerschlagen bzw. aufzulösen, d. h. die eigene Position ebenfalls zu relativieren. Relativieren meint dabei eine Umkehrung, also die einmal getroffene Wertschätzung und auch Tabuisierung in Hinblick auf die Dinge des Lebens umzukehren, ihnen die Wichtigkeit, Einmaligkeit und Besonderheit abzuerkennen. Diese Aberkennung wertet die Dinge des Lebens wieder auf, weil es sich auch hier so verhält, dass eine Loslösung von den Dingen ihre Zuwendung und eigentliche Aufwertung erst möglich macht, aber die Notwendigkeit dazu entfällt.
7. Humor nimmt folglich den Dingen des Lebens und den Lebenstatsachen ihre Schärfe, ihre Übermacht und Bedeutung. Im Humor vollzieht sich ein Akt der Zerschlagung der Dinge des Lebens und der Lebenstatsachen und ermöglicht dadurch die Neuzusammensetzung.
8. Im Humor drückt sich nach landläufiger Meinung Gelassenheit aus. Die Leute glauben, man "müsse die Sache eben mit Humor nehmen", Humor zu haben, übersehen aber dabei, dass sie der Konvention seiner provinziellen Stereotypisierung nicht entronnen sind. "Eine Sache mit Humor nehmen" bleibt also bloße Attitüde, mit der sie die Lebenstatsachen einzuschätzen vermeinen, d. h. sie verkennen den Ernst des Lebens bzw. behalten ihn formal bei und haben sich von den Dingen des Lebens noch nicht gelöst. Ihr konventioneller Humor verrät Anpassung und bleibt den Dingen verbunden, er ist Scheinhumor, da er auf traditionelle Werte und Tabus gleichermaßen fixiert ist. Denn, nur indem die Lebenstatsachen in ihrer wahrhaften existentiellen Bedeutung anerkannt und aberkannt sind, können sie durch Humor gesteigert und auch negiert zugleich werden.
9. Humor und Negation sind also nicht voneinander zu trennen, gehören wesentlich zusammen. Negation beeinhaltet nicht nur ein simples "Nicht-so-wichtig-Nehmen", also Gelassenheit, sondern vollzieht sich in drei Schritten:
- Die Anerkennung einer Lebenstatsache,
- deren Aberkennung und
- die anerkennende Aberkennung bzw. die aberkennende Anerkennung, in Form der Übertreibung, der Überzeichnung, aber auch der Untertreibung und Herabwürdigung. Dadurch zeigen sich für uns die Lebenstatsachen verändert: Sie werden in ihrer ursprünglichen Wertschätzung bzw. Tabuisierung anerkannt, ihrer enthoben (Zerschlagung) und erscheinen dadurch in ihrer Relativität in bezug auf andere Lebenstatsachen. Insofern manifestiert sich im Humor eine Erkenntnisleistung in bezug auf die Lebenstatsachen, denn durch die Relativität werden sie erst sichtbar.
10. Humor und Lachen. Wir lachen, wenn ein Ding unerwartet oder in einer dafür unpassenden Umgebung erscheint, wenn also ein vertrauter oder üblicher Zusammenhang zwischen einem Ding und seiner Umgebung aufgelöst wird und das Ding in einen unerwartet neuem Zusammenhang gebracht wird. Man spricht von Verdrehung. Diese Verdrehung setzt aber genaue Kenntnis von den Lebenstatsachen und den Dingen des Lebens voraus, d. h. die Kenntnis ihrer Relativität. Und wie erkennen wir die Relativität, der Dinge des Lebens? Indem sie in Unordnung gebracht wurden, auch indem wir sie entbehren mussten, weil sie uns genommen wurden, d. h. ihr, der Relativität, ging ein Verlust von Sicherheit und Vertrautem, ein unterwandernder Zweifel oder eine Leidenserfahrung voraus.
Wenn wir etwas erlitten haben, können wir darüber hinweggehen, uns davon fortentwickeln und befreien. Von diesem neu gewonnenen Standpunkt hallt unser Lachen aus der Distanz zu den Lebenstatsachen wider, in den und außerhalb derer wir zugleich sind.

Humor meint also nicht die bloße Bereitschaft zum Bekichern irgendwelcher Kalauer oder platttkomischen Situationen, sondern die tiefe Einsicht und Weisheit, dass alles auf der Welt zweitrangig ist.

Donnerstag, 23. August 2007

Letzte Ausfahrt

180px-Zeichen_448_svgAls zu Anfang des Jahres der Wirbel ums Klima immer heftiger wurde und die Zeitungen immer mehr knallharte Fakten brachten, dass die Ressourcen dieser Welt in absehbarer Zeit definitiv zur Neige gehen, da hatte man schlagartig das Gefühl von Wochenende und fast leerem Kühlschrank. Oder von zwei Zigaretten noch und kein Kleingeld mehr. Von Einseifung und abgedrehtem Wasser. Man ging davon aus, dass alles weiter geht wie bisher, stellt jetzt aber fest, dass man entweder das Aus akzeptiert oder erfinderisch werden, also handeln muss.

An dem Wochenende, nachdem die unerfreulichen Nachrichten bekannt wurden – bzw. wieder mal bekannt wurden, denn die Neige ließ sich vor über dreißig Jahren schon berechnen – war ich auf der Autobahn unterwegs und vermeinte eine größere Raserei als sonst zu bemerken. Ein seltsame Stimmung oder war es Einbildung? Ich erinnerte mich an die Aussagen eines Managers der Automobilindustrie: „Der ungebrochene Hang zu großen Autos hängt damit zusammen, dass alle glauben, demnächst seien solche Autos sowieso tabu.“ Trifft diese Behauptung zu, hätte sich tatsächlich eine Art Endzeitstimmung ausgebreitet: Bevor alles aus ist, wird noch mal richtig auf die Tube gedrückt.

Und in der Tat scheinen die Autofahrer zu den Klimaignoranten zu gehören. Speziell die erklärten Fans von Sportwagen und von als Limousinen verkleidete Traktoren und Schützenpanzern scheinen nichts begriffen zu haben. Denn ausgerechnet diese den Spritsäufern und CO2-Schleudern zugerechneten Fahrzeugsegmente konnten in den ersten Monaten 2007 gegen den Trend deutlich zulegen, d.h. wurden mehr gekauft. (Cayenne 22,5 l/100 km, Audi Q7 18,1 l/100km, Hummer H3 18 l/100 km) – Leichtsinn, Verdrängung, Dummheit? Was geht hier vor?

Die Ergebnisse einer Studie des Umweltbundesamtes von 2007 zeigen, dass die Deutschen, denen man – wer weiß warum – ein Öko-Bewusstsein nachsagt, keine große Sensibilität aufweisen, wenn es um Klimawandel geht. Vor allem ganz jungen Menschen und der Generation 70 plus fehle das Bewusstsein für die Gefahren des globalen Klimawandels. Bei den 20- bis 69Jährigen ist dagegen ein langsamer Anstieg zu verzeichnen. Ein Unterschied zwischen Männern und Frauen sei nicht festzustellen. Nahe liegender Weise sind so genannte engagierte Idealisten und Wertepluralisten klimabewusster als Wertedistanzierte und egozentrierte Hedo-Materialisten. Klimaignoranten finden sich nicht nur unter besagten Autofahrern, sondern sind auch in Dörfern und Kleinstädten eher anzutreffen.

Wir müssen uns bewusst machen, dass wir auf Reserve fahren. Wenn wir weiter so auf die Tube drücken, dürfen wir uns nicht wundern, wenn bald nichts mehr drin ist. Das Gefühl der vorgerückten Sperrstunde schafft Unbehagen. Dabei meinten wir doch ein Recht auf eine offene Zukunft zu haben. Aber nur wenn wir uns verpflichten, eine solche zu gewährleisten.

Um diese Zukunft offen zu halten, müssen wir uns allzu deutlich vor Augen halten, dass auf westlichem (Anspruchs- und Konsum)Niveau sieben Milliarden Menschen auf dieser Erde nicht leben können, ohne deren Kollaps zu riskieren. Wir werden uns verändern müssen: Unsere Mentalität, die Technologien und Wissenschaften, das politische Agieren, besonders die Bevölkerungspolitik und das wichtigste: unser Wirtschaften, also das Haushalten, schließlich kommt Ökonomie von Oikos, die Hausgemeinschaft.

Aber bekanntlich ändern sich Menschen erst, wenn ihnen das Wasser bis zum Hals steht oder die Katastrophe bevor, im schlimmsten Fall merken sie gar nicht, wenn sie bereits mitten drin sind (vgl. vorangegangenen post vom 20.8.). Die Menschheit lebt schon längst nicht mehr mit der Natur, sondern sie ist zu ihrem Parasiten geworden. So sagt der Kulturtheoretiker Hartmut Böhme: „Parasitärer Anthropozentrismus dominiert die Weltbeziehungen.“ Das antike „secundum naturam vivere“ muss also Grundsatz werden: gemäß der Natur leben. Auch der Begriff Naturschutz muss neu interpretiert werden: Die Natur muss vor uns geschützt werden.
Umkehren kann man bekanntlich nicht, wenn man nicht zum Geisterfahrer werden will. Man kann die Renn-Strecke entweder bei der nächsten Ausfahrt verlassen oder langsamer fahren, wenn es nicht die letzte Ausfahrt werden soll.

Montag, 20. August 2007

Von Fröschen und blind schleichenden Prozessen

160px-FroschaufblattWie das Leben verläuft, überrascht einen immer wieder. Interessant ist zum einen, dass Entwicklungen vollkommen gegenteilig zu den ursprünglichen Absichten verlaufen können. Verhältnisse entwickeln sich anders als geplant und man gerät dadurch in genau die Situationen, denen man immer schon zu entgehen hoffte. Und das passiert meist dann, wenn man etwas Bestimmtes nicht nur erreichen, sondern erzwingen wollte. Diese Strategien sind als escalation of commitment (übersteigertes Engagement für ein Ziel) bekannt geworden. Beispiele: Je mehr einer beim Glücksspiel verloren hat, desto mehr Geld setzt er ein. Oder: Vermeintlich meisterhafte technische Innovationen werden stur gefördert, obwohl sie nichts bringen als weiter Kosten zu verursachen. Begründung: Die vorangegangenen Investitionen sollen doch nicht vergebens gewesen sein. Und auch das kennt jeder: Wut, Streit und Enttäuschung in Beziehungen und Ehen. Aber trennen will man sich doch nicht und macht weiter.

Unter diesen nicht-intendierten, also gegenabsichtlichen Lösungen sind Lösungen zu verstehen, die deutlich machen, dass die Lösung das eigentliche Problem erst hervortreten lässt. Mein Lieblingsbeispiel dazu: In einer ohnehin wasserarmen Region der USA wird während einer Trockenperiode die Bevölkerung von der Administration eindringlich dazu aufgefordert, Wasser zu sparen. Was passiert? Aus Angst, irgendwann auf dem Trockenen zu sitzen, steigt der Wasserverbrauch. Auch hier wird das Problem durch die Problemlösung verschärft.

Abgesehen von solchen Extremsituationen machen wir im Alltag wie im Leben als ganzem immer wieder Erfahrungen, die die so genannte Ironie des Schicksals bereithält. Jähe Wendungen, abenteuerliche Konstellationen, Verstrickungen und Ereignisse, die man in keinem Roman findet, kommen auf diese Weise zustande. Da dachten wir eben noch, autonom zu handeln, „alles im Griff“ zu haben - und schon werden wir zum Zuschauer von katastrophischen Entwicklungen und müssen einem Schauspiel folgen, das tragisch und komisch, meistens beides zugleich ist.

Zum anderen finde ich noch viel erstaunlicher, dass man die Entwicklung, die zum eigenen Nachteil verläuft, selbst gar nicht wahr nimmt, es sind schleichende Prozesse, für die man wie blind zu sein scheint.
Was haben nun diese blind schleichenden Prozesse mit Fröschen zu tun? Das Problem mit Veränderungen besteht darin, dass Übergänge meist nicht sprunghaft vonstatten gehen, sondern kaum spürbar. Wer man wurde, sieht man selbst erst im Nachhinein. Erst wenn etwas war, merkt man, was ist. Das heißt, das, was ist, sieht man im Augenblick nicht. Deshalb spricht der Philosoph Ernst Bloch vom „Dunkel des gelebten Augenblicks“, in dem man vollkommen aufgeht und von ihm absorbiert wird. Was gerade passiert, ist nicht erkenn- oder erklärbar. Ein Zustand wird vollständig sichtbar, wenn er durch einen anderen abgelöst wurde. So hinken wir mit unserer Wahrnehmung immer hinterher.

Besonders dramatisch wird das am boiling-frog-Syndrom deutlich: Wirft man einen Frosch in sehr heißes Wasser, dreht er durch und wird alles tun, um zu entkommen. Setzt man ihn in lauwarmes Wasser und erhöht nach und nach die Temperatur, lässt er sich zu Tode kochen, ohne sich zu wehren. Fazit: Von Veränderungen werden wir in den seltensten Fällen überrannt, sie verlaufen schleichend. Am Ende haben wir sie nie so gewollt – Gerade Widrigkeiten nimmt man hin und scheint wie blind dafür zu sein.

Krankheiten verlaufen oft nach diesem Muster oder Entwicklungen der eigenen Persönlichkeit nehmen erstaunliche Formen an. Man hielt sich zum Beispiel stets für liberal, offen und großzügig, aber langsam und unmerklich nimmt man reihenhäuslerisch-engstirnig-bigotte Wesenzüge an, die man an anderen immer ganz grauenhaft fand. Am schlimmsten jedoch sind Modifikationen in Beziehungen. Was zu Anfang liebe- und rücksichtsvoll, einfühlsam und geduldig begann, verkommt zu einem respektlos-unwirschen Beziehungsdebakel, zu Verhaltensweisen, die man vorher hochnäsig ins Interaktionsrepertoire der Unterschicht verwiesen hätte.

Vielleicht sind wir alle kochende Frösche. Also ich spring jetzt erst mal ins kalte Wasser.

Donnerstag, 16. August 2007

Wie langweilig

Yawn„Am Anfang war die Langeweile.“ – So fundamental sieht sie der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855). „Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva geschaffen. Von diesem Augenblick an kam die Langeweile in die Welt und wuchs an Größe in genauem Verhältnis zu dem Wachstum der Volksmenge. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann nahm die Volksmenge in der Welt zu, und die Völker langweilten sich en masse. Schließlich bauten die Völker aus Langeweile den babylonischen Turm.“ – Kierkegaard zufolge ist die Langeweile nicht irgendeine beliebige Befindlichkeit des Menschen, sondern sie ist für die Entwicklung der menschlichen Kultur insgesamt verantwortlich. Langeweile kann aber auch die Wurzel allen Übels darstellen, das geht sogar so weit, dass die Menschen Kriege aus Langeweile führen, so die Ansicht von Emile Chartier. Gerade auf den Ersten Weltkrieg mag dies durchaus zutreffen.

Aber gab es Langweile schon immer? Als Phänomen taucht sie in der Literatur und Philosophie der Romantik auf und damit ist sie erst seit gut zweihundert Jahren ein zentrales Kulturphänomen. Allerdings sind auch ähnliche Phänomene aus früheren Zeiten bekannt, so zum Beispiel das taedium vitae, der aus der Erfahrung des immer Gleichen entspringende Lebensüberdruss, den Seneca beschrieben hat, oder die acedia, die in manchen frühen Klöstern geradezu epidemische Ausmaße annahm und von der klassischen Theologie der Kirche zur schwerwiegendsten Sünde erklärt wurde, weil sie den Ursprung für alle anderen Sünden bildete.
Der norwegische Philosoph Lars Svendsen (Kleine Philosophie der Langeweile, Frankfurt/M. 2002) hält Langeweile für „eine Stimmung, die sich durch Qualitätslosigkeit" auszeichnet. Somit seien Langeweile und fehlender Sinn letztlich dasselbe. Svendsen unterscheidet zwischen zwei Formen der Langeweile, einer situativen, die wesentlich überzeitlich existiert, und einer existentiellen.
Langeweile enthält stets ein kritisches Element, denn wo sie zunimmt, weist „die Gesellschaft einen ernsten Fehler auf“. Dieser Fehler bestehe, so Svendsen, im „Verlust eines Ganzheitssinnes“. Langeweile entspringe einer modernen Technologie, die den Menschen mehr und mehr zu einem passiven Konsumenten mache, welcher sein Leiden paradoxerweise durch Konsum „sozialer Placebos“ aufzulösen suche. Diese Placebos wiederum haben ein nur "kurzes Verfallsdatum".

Philosophen ist anscheinend nie langweilig, sonst würden sie sich nicht auch darüber Gedanken machen, was nicht heißen soll, dass sie zu viel Zeit hätten. Sie sind realistisch und erkennen ein Problem, zu dessen Lösung sie auch Tipps anbieten. Blaise Pascal etwa empfahl, ein Verhältnis zu Gott aufzubauen. Andere - insbesondere der eine oder andere Aufklärer - erblickten das Heilmittel in der Arbeit, Friedrich Schlegel in einer alles verschlingenden Liebe und Schopenhauer in der ästhetischen Erfahrung.

Ich persönlich halte Wachheit, Eigenständigkeit und Interessiertsein für die besten Voraussetzungen gegen Langeweile, wobei sie als „Mittel“ gar nicht bewusst eingesetzt zu werden brauchen, denn wer wach, eigenständig und interessiert der Welt begegnet, bei dem kommt Langeweile niemals auf. Er bedarf nicht der permanenten Anregung von außen, er belebt die Welt mit seinem Interesse, sie schließt sich dadurch für ihn auf und wird wiederum dadurch interessant für ihn. Man könnte sogar sagen, der Philosoph kennt keine Langeweile, denn durch seine Fähigkeit zu staunen und zu zweifeln, durch sein Fragen hat er genug zu tun. So sind Menschen, die sich langweilen, einfach langweilig. Beklagen sie sich darüber, dass in ihrem Leben nichts los ist, so deshalb, weil mit ihnen nichts los ist.

Montag, 13. August 2007

Autobiographie - Was man nicht alles wissen muss!

225px-Boris_BeckerDie Veröffentlichung und Verbreitung von Erinnerungen wird immer demokratischer. Was lange Zeit nur Feldherrn, Dichtern, Politikern, Wissenschaftlern vorbehalten war oder Menschen zugestanden wurde, die von Schicksalen historischer Einzigartigkeit zu berichten hatten, kann nun jeder tun bzw. tut’s einfach: Eine Autobiographie schreiben.
Nur: Wer kann sich vorstellen, eine Autobiographie von Oliver Kahn zu lesen? (Wer hätte so viel überschüssige Lebenszeit?) Wer kann sich vorstellen, warum Stefan Effenberg eine Autobiographie schreibt (bzw. hat schreiben lassen)? Weil das jemanden interessiert oder weil er sein Leben für so „spannend“ hält? Es ist der Wunsch, die eigene Vermarktung zu optimieren, um ja nicht in Vergessen zu geraten, der Wunsch Spuren zu hinterlassen, Spuren der Eitelkeit. Der Wunsch nach Ewigkeit. (Aber wird jemand in 20 Jahren die Autobiographie von Dieter Bohlen oder Boris Becker zur Hand nehmen? Nicht mal in zehn vermutlich. Oder die wichtige Autobiografie von Britney Spears, die sie im fortgeschrittenen Alter von 21 Jahren verfasste.)

Oder es besteht das Verlangen, die Welt endlich darüber in Kenntnis zu setzen, was für ein Hecht man ist. Heiner Lauterbach, nannte deshalb mit Nachdruck sein Werk „Nichts ausgelassen“. Eines hat er aber schon ausgelassen, nämlich die Tatsache, dass Geständnisliteratur kaum auszuhalten ist. Diese Art des Beichtens geht wahrscheinlich auf den inquisitorischen Katholizismus zurück und somit auf die Angst, in der Hölle zu landen bzw. auf die Hoffnung davor verschont zu bleiben und Ablass zu erfahren. Heiner hat nach dem, was die Rezensenten so schreiben, sich alles reingezogen, was Spaß macht: Alkohol, Drogen, Frauen sowieso, jede Menge lebensgefährliche action – alles was eben so macht. Nur: Wer will davon wissen? Diejenigen, die selber so leben oder gelebt haben, kippt das Buch beim Einschlafen weg, und diejenigen, die nicht so leben können oder wollen, werden neidisch oder empören sich, sie werden es also gar nicht erst leben.

Es gibt eben Menschen, die halten „ihr Leben“ für besonders mitteilungswürdig, völlig unabhängig davon, wie das die anderen sehen. Und dennoch sind Ausnahmepersönlichkeiten wie Fußballer, Schauspieler und Popstars in bester Gesellschaft, schließlich reichen autobiografische Aussagen in einer langen Tradition von der Antike über das Mittelalter zur Renaissance, bis Ende des 18. Jahrhunderts die so genannte klassische Epoche der Autobiografie anbricht.
Die Autobiografie ist eine hybride Form von subjektiver (Selbst)Wahrnehmung und Wirklichkeit, also die Narration einer Vita, in der die historischen und poetischen Aspekte zusammengeführt werden. Dabei mag es erhebliche (Selbst)Täuschungen geben, die sich nicht einmal vermeiden lassen, denn Erinnern und Vergessen finden ihren Niederschlag in Selektion und Zensur. Das was, subjektiv wichtig erscheint, wird erwähnt, was man lieber nicht erzählt, wird eliminiert. Die hundertprozentige Erinnerung gibt es ebenso wenig wie den totalen Chronisten. Es ist somit ein Irrtum anzunehmen, dass alle Erfahrungen, die man im Leben macht, irgendwo im Gehirn zuverlässig gespeichert werden, denn das Gedächtnis revidiert sich im Laufe seines Lebens immer wieder selbst. Während des Erinnerungsprozesses wird lediglich eine Auswahl getroffen, die wiederum einer permanenten Veränderung durch den gegenwärtigen Perspektivenwechsel oder Akzentverlagerungen unterliegt und den eigenen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen folgt, wie etwa dem Anspruch, eine kohärente Lebensbeschreibung zu produzieren.

Somit ergibt sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen den zurückliegenden Ereignissen und deren retrospektiver Aufbereitung und Darstellung. Der Nutzen allen autobiografischen Erinnerns kann neben dem Wunsch sich hervorzutun darin liegen, das eigene Selbst mit Sinn auszustatten, um für sich selbst ein stimmig-übersichtliches Ganzes zu schaffen.
Mit anderen Worten: Eine Autobiographie ist kein historisches Dokument, aber auch kein Roman. Sie ist eine Erfindung, im schlechtesten Fall eine Lüge, ein Fake. Skepsis ist also angesagt, wenn uns Fußball- und andere Stars ihr Leben verzapfen mit dem Anspruch, ja so war’s und nicht anders, und damit meinen, die Sehnsucht der Leser nach einer authentischen Person befriedigen zu können. – Habt ihr eine Ahnung!

Donnerstag, 9. August 2007

Die Mega-Kopie

Vakuum_konsensor_offenAbkupfern, Kopieren, Plagiieren, Clonen – mit den technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung, der endlosen Reproduktion, der Vermassung des Singulären und Individuellen wird das Neue immer unwahrscheinlicher. Der moderne Mensch ist außerstande, Neues bzw. sich neu zu erschaffen. Massenproduktion bringt Massenmenschen hervor und Massenmenschen bringen Massenprodukte hervor, konsumieren Massenprodukte und ebnen sich deshalb ein.
Sind wir nur noch Epigonen? Gibt es keine Entwicklung mehr? Ja und nein. Ich bin davon überzeugt, dass die technischen Entwicklungen und Veränderungen weiter rasant voranschreiten. Aber für die gesellschaftlich-kulturell-mentale Entwicklung wird trifft dies nicht in diesem Maße zu. Da zeichnet sich wenig Neues ab. – Aber nicht einmal dieser Gedanke ist neu:

Der französische Mathematiker, Nationalökonom und Philosoph Antoine Augustin Cournot (1801-1877), der sich auch zur Beziehung zwischen Geschichte und Wissenschaft geäußert hat, hat den Begriff des post-histoire beschrieben. Mit „Nach-Geschichte“ meint er die Situation, die entsteht, wenn eine menschliche Erfindung oder Einrichtung so weit vervollkommnet ist, dass jegliche weitere Wandlung und Veränderung ausgeschlossen erscheint. Wenn man die Theorie Cournots auf die heutige Lage anwendet, könnte man die Schlussfolgerung begründen, dass unsere Kultur sich nicht weiter entwickeln kann und in eine Phase der Sinnlosigkeit eintritt. Die Alternative wäre dann entweder Tod oder Mutation – oder flatrate-Saufen. Das Posthistoire wäre also kein geschichtsloses Dasein oder die Lethargie einer Kultur, die ihre Lebenskraft verloren hätte, sondern eine Phase des Weltgeschehens, die gänzlich aus dem Rahmen der Geschichte herausfällt.

Im 20. Jahrhundert lebte die Diskussion um das Ende der Geschichte wieder auf: Von Erstarrung und Schweigen war die Rede, Schweigen als der Endpunkt der menschlichen Geschichte, in dem Sinne, dass alles, was gesagt werden konnte, gesagt wurde. Bei vielen Autoren des Posthistoire wie bei Arnold Gehlen ist von 'Kristallisation', aber auch schon vorher von 'Kristall' (Walter Benjamin) und 'Kristallisierung' (Georg Simmel) die Rede. Darunter ist eine Metapher aus der biologischen Evolutionstheorie zu verstehen, die besagt, "dass sich aus zufälligen genetischen Mutationen und aus dem Überleben der durchsetzungsfähigsten Varianten Gattungen herausbilden, die dann in ihrer genetischen Bestimmung erstarren und sich in derselben Art so lange reproduzieren, wie sie ihr Überleben in ihrer Umwelt durchsetzen können." (Lutz Niethammer: Posthistoire)

Vielleicht zeigt sich auch das Ende der Geschichte in der Mega-Kopie, deren Erfindung wiederum die Globalisierung ist: Globalisierung bedeutet Uniformierung, Verbreiung und Verwurstung: Um uniform zu werden, musste zunächst alles kopiert werden, damit alle gleich aussehen. Die Globalisierung könnte man sich auch als große Wurst vorstellen. Es ist alles drin, was keiner so genau kennt, sie wird überall hergestellt, verkauft und gekauft. Der Wurst wiederum geht voraus der große Brei alles Eingekochten, der Brei, den immer schon alle Köche verdorben haben, wenn’s denn Köche waren.

Das Faszinierende: Das Phänomen der Mega-Kopie ist neu und zugleich nicht. Denn Plagiatentum ist nicht neu, Kopisten fanden sich – gerade in der Kunst – seit Jahrhunderten, gerade in der Kunst zu Hauf. Seit längerem überschwemmen Produktplagiate aus Fernost die westlichen Märkte. Wer vermag noch Originale zu unterscheiden? Irgendwann gibt es nur noch Kopien.
Aber nicht nur Produktkopien. Denn: Das Internet ist ein Kopiergerät, die Fähigkeit zum geistigen Clonen. Wenn alle von allen abschreiben, entsteht das Hyperplagiat, die veritable Reproduktion eines großen Ganzen, die Superdoublette. Alles, was als einzigartig galt, findet sich wieder. Das gilt auch für Medien und Kommunikation zwischen Einzelnen: Wir kommunizieren über bereits Kommuniziertes. Mit der Folge: Wir sind überkommuniziert bis zur Penetranz. - Deshalb weichen wir aus in künstliche Welten, in der Hoffnung, etwas Neues zu erleben. Ein Beispiel für die Lebenskopie ist Second Life, da passiert dann dasselbe wie im „richtigen Leben“.
Bei all den Materienkopien, Lebenskopien, Wissens- und Denkkopie sowie Clonereien kann es passieren, dass du morgen früh zum Bäcker gehst, dich selbst triffst und dieselben Gespräche führst wie vor zehn, zwanzig Jahren. Alles war schon einmal da. Das Wirklichkeit gewordene Déjà-vu-Erlebnis, die exakte Wiederholung. – Grauenhafte Vorstellung das!

Montag, 6. August 2007

Weil der Mensch lesen muss

180px-Latin_dictionaryÜbers Lesen wird ja viel geschrieben. Besonders vor oder zur Urlaubszeit befassen sich die Zeitungen damit, ihren Lesern Empfehlungen zu geben, welches Buch oder welche Bücher sie in den Urlaub mitnehmen sollten oder könnten. Nicht selten kommt es dann zu der beliebten wie dämlichen, weil lebensfernen Frage: Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Auch machen sich (die etwas anspruchsvolleren) Zeitungen darüber Gedanken, welche Bücher man überhaupt gelesen haben sollte. Schulen und Hochschulen schreiben das den Schülern und Studenten regelrecht vor. In der Hoffnung, dass alle die gleichen Bücher gelesen haben. Ich habe mich so gut wie nie an diese Vorgaben gehalten, weil ich diesen Weg nicht besonders innovativ finde und ich keine Lust hatte, dem bildungsbürgerlichen Belesenheitskanon auf den Leim zu kriechen. Im Studium fand ich es gerade interessant, immer wieder die Fachgrenzen zu verlassen, weil die Außenperspektiven das Innen erst erhellen. Mit anderen Worten: Ich bin für das inspirative Lesen. Jedes Buch dient mir als Impulsgeber für Ideen und Fragen, die ich in anderen Büchern erweitert bzw. beantwortet finde.

Mit dem Lesen entstehen Landkarten, Orientierungspunkte, von denen aus man wieder weitergehen kann. Lesen fördert das organische Wachstum des Denkens. Jedes Buch – und sei es nur ein Satz daraus – wird an irgendeiner Stelle des sich entwickelndes Geistes eingeflochten und bildet wieder einen offenen Anknüpfungspunkt für weitere Gedanken. Ich sage bewusst Gedanken, nicht Informationen oder Wissensmodule, denn diese wären rein formal angeeignetes Material. Erst das reflektierte Wissen, also das nach seinem eigenen Denken umgearbeitete „Material“ wird zu Gedanken, - ein Vorgang, den man nur selbst bewerkstelligen kann.
Was soll man nun lesen? So viel wie möglich. Denn Lesen ist ein Selektionsprozess, bei dem viel Unwichtiges oder Uninteressantes heraus fällt. Jetzt könne man einwenden: Quantität kann doch nicht vor Qualität gehen. Das stimmt auch meistens. Nur: Beim vermehrten Lesen, bei der Aneignung von Wissen und dessen Verarbeitung, wird einem bewusst, was man alles nicht weiß. Das mag eine philosophische Erschütterung sein. Aber genau diese Erfahrung macht kritisch und dringt auf noch stärkere Selektion und höheren Anspruch.

Das Eigenartige am Lesen ist ja, dass man nicht nicht lesen kann. Egal, welche Wörter oder Sätze man vor sich hat, man liest sie. Eigenartig ist weiterhin: was sieht man, wenn man liest? Schwarze (oder wie auch immer farbige) Zeichen? Weiße Zwischenräume? Bilder? Assoziationen. Erinnerung an etwas Bekanntes, denn fremdsprachige Wörter sind dazu nicht in der Lage. Man sieht vermutlich nichts, man identifiziert, konstruiert.

Wörter oder die aus ihnen bestehenden Buchstaben sind an Materie gebunden, genauso wie Farben. Materie ist häufig Druckerfarbe und Papier, das ganze zu einem Bündel verarbeitet ergibt ein Buch. Nüchtern betrachtet nichts Besonderes. Dennoch gibt es genügend Menschen, die ein liebhaberisches Verhältnis zu Büchern haben. Ich kann das nachvollziehen, wobei ich meine Affinität zu Büchern kaum begründen kann. Das ist vergleichbar mit der Frage, warum man einen Menschen liebt. Man wird sofort darauf kommen, dass man ihn nicht auf ein paar Eigenschaften reduzieren kann, sondern man bejaht ihn als Ganzes. So ist das auch bei Büchern. Ich würde behaupten, solange ich von Büchern umgeben bin, kann nichts schief gehen, sie sind potenzielle Gesprächspartner.
Ich glaube, es war Balzac oder Stendhal, ist auch egal, ein französischer Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert war es, der behauptet hat, mancher mit einer Frau durchlebten Nacht hätte er fraglos ein Buch vorgezogen. Keine Panik, liebe Leserin, das ist keine frauenfeindliche Bemerkung, denn die Sichtweise gilt anders herum bestimmt genauso. – Ich weiß nur eines: Läse ich nicht, ich verrücktete.
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