Das Leben des Sinns
Was ist das Leben? – Die Antwort hängt von der Frage ab. Man könnte auch fragen: Wie ist das Leben? Wozu ist das Leben? Sobald man aber danach fragt, gerät man ins Stocken. Es ergeht einem wie dem Tausendfüßler: Sobald er darüber nachdenkt, wie er seine tausend Füße koordiniert, fällt er vom Blatt. Das Leben, meint man, müsse von allein gehen, es scheint selbstverständlich. Und ist es doch nicht. Weil immer irgendwo etwas klemmt, dann denkt man eben drüber nach. Das nennt man dann Philosophieren. Und im Leben klemmt es ja ständig. Kaum hat man eine Sache gängig gemacht oder gelöst, hakt es an einer anderen Stelle. Und man fragt sich: Wieso denn jetzt schon wieder? Konsequenz: Nicht mehr denken? Einfach nur machen? Gibt noch mehr Gewurstel. Das Handgemenge des Lebens ist schon groß genug. Eigentlich sollte man sich wundern, dass man im Leben überhaupt so weit gekommen ist. Wo man doch nichts weiß. Wie ein Laie steht man da, Tag für Tag. Man ist Improvisateur. Eine Art Lebens-Essayist. Und wenn alles nicht hinhaut, wird man zuerst zum Ironiker und dann zum Zyniker. Weil aber der auf Dauer nicht sozial kompatibel ist, reißt man sich wieder zusammen und versucht sich einen Sinn einzureden. Man gibt nach. Aber niemals auf. Man ist Held. Bis man mit dem Kopf gegen die nächste Schranke knallt. Und dieser Knall ist der philosophische Urknall. Solange die Schranken offen sind und alles flutscht, denkt man eben nicht. Sokrates hatte Recht: Die glücklichen Götter philosophieren nicht. – So lasst uns jeden Tag ein bisschen philosophieren. Damit wir das Leben etwas besser verstehen, denn wenn wir etwas verstehen, wird es auch leichter. Philosophieren bedeutet, sich die Dinge des Lebens so zurecht legen, dass sie erträglicher sind und weniger weh tun.
Und dennoch: Man kann sich das Leben noch so zurecht biegen, es passt nie so richtig. Es fühlt sich immer wieder an wie die verdrehten Ärmel des übergezogenen zu kleinen Pullis. Man kann sich winden wie man will, nach einer gewissen Zeit zwickt etwas.
So hört das Leben des Sinns nicht auf. Hat man für eine Phase des Lebens, für eine Lebenssituation, für ein Ereignis oder für ein Lebensphänomen sich Erklärungen zurecht gelegt und einen Sinn ausfindig machen können, so können wir uns drauf verlassen, dass an irgend einer anderen Stelle sich eine Holprigkeit ergibt, die uns ins Straucheln bringt. Dann sagen wir uns: Macht nichts. Im Stolpern lernt der Mensch gehen. Du hast keine andere Wahl als weiterzumachen, mag das Leben auch manchmal fremd erscheinen. Es gehört zum Menschen welt-fremd zu sein. Das Leben ist zunächst Niemandsland und somit auch Jedermanns Land, man muss so gut es geht heimisch werden, ohne dabei aufzuhören, die Fragen beantworten, die sich immer wieder aufdrängen. Dabei ist damit zu rechnen, dass viele Widersprüche ungeklärt und unauflösbar bleiben.
Manche sagen, das Leben sei ein Experiment. Das sagt man halt so, weil es nach Abenteuer klingt. Ich finde das nicht. Diese Charakterisierung ist irreführend. Denn ein Experiment ist wiederholbar, das Leben nicht. Das Leben ist einmal und nicht nie wieder. Der Lebensweg gleicht einem Steg, der auf ein Meer hinausführt, dessen Bretter nach jedem Schritt brechen und wegschwimmen. Es gibt nicht DEN Halt, wir leben in einer geländerlosen Welt.
Sollte aber jemand meinen, den Stein der Weisen gefunden zu haben, der irrt und muss uns suspekt sein. Der Findende behauptet: Es ist so! Der Suchende fragt zurück: Ist es so? Das bedeutet mithin: Wer sein Maß zum Maß der Dinge macht, der maßt sich im wahrsten Sinne des Wortes etwas an. Man kann den Stein suchen, nicht finden. Der Philosoph, so wenig er sonst weiß, weiß das.
Veranschaulichen möchte ich diesen Gedanken mit Impressionen von Karl Valentin, der das Leben immer wieder von seiner sperrigen Seite gezeigt hat. Das Leben lässt nicht so zurecht stutzen, dass es passt, irgendwas, an irgendeinem Ende wird wieder schief. So sehe ich den folgenden kleinen Film als Allegorie des Lebens:
http://www.youtube.com/watch?v=4NF99_QOF-w
So, das war’s. Wer weiter etwas derart Philosophisches lesen möchte, findet es in dem einen oder anderen P.M.-Heft. Aber jetzt heißt es erst mal: Ein Jahr gebloggt – und aus die Maus. Wer darüber enttäuscht oder erleichtert ist, Entzugserscheinungen oder die Krise kriegen sollte, kann sich an den P.M.-Chefredakteur, Herrn Vasek, wenden, der freut sich immer über Leserpost: Vasek.Thomas@muc.guj.de
Und wer sich über meine anderen Publikationen und überhaupt über meine Tätigkeit als praktizierender Philosoph informieren möchte, wird fündig unter www.kyon-muenchen.de
Philosophie-Blog - 30. Aug, 10:00

Von einem Amerikaner bekam ich unlängst zu hören, das Leben sei zu meistern „with humour and sportsmanship“. Typisch burschikose Haltung, wie man sie von Amerikanern kennt? Weit gefehlt. Humor hat durchaus philosophische Wurzeln und die liegen in der Antike, genauer gesagt unter anderem bei Horaz, der die damit verbundene philosophische Lebenspraxis auf den Punkt gebracht hat: „Verum ridentem dicere.“ (Das Wahre ist lachend zu sagen.)
Als zu Anfang des Jahres der Wirbel ums Klima immer heftiger wurde und die Zeitungen immer mehr knallharte Fakten brachten, dass die Ressourcen dieser Welt in absehbarer Zeit definitiv zur Neige gehen, da hatte man schlagartig das Gefühl von Wochenende und fast leerem Kühlschrank. Oder von zwei Zigaretten noch und kein Kleingeld mehr. Von Einseifung und abgedrehtem Wasser. Man ging davon aus, dass alles weiter geht wie bisher, stellt jetzt aber fest, dass man entweder das Aus akzeptiert oder erfinderisch werden, also handeln muss.
Wie das Leben verläuft, überrascht einen immer wieder. Interessant ist zum einen, dass Entwicklungen vollkommen gegenteilig zu den ursprünglichen Absichten verlaufen können. Verhältnisse entwickeln sich anders als geplant und man gerät dadurch in genau die Situationen, denen man immer schon zu entgehen hoffte. Und das passiert meist dann, wenn man etwas Bestimmtes nicht nur erreichen, sondern erzwingen wollte. Diese Strategien sind als escalation of commitment (übersteigertes Engagement für ein Ziel) bekannt geworden. Beispiele: Je mehr einer beim Glücksspiel verloren hat, desto mehr Geld setzt er ein. Oder: Vermeintlich meisterhafte technische Innovationen werden stur gefördert, obwohl sie nichts bringen als weiter Kosten zu verursachen. Begründung: Die vorangegangenen Investitionen sollen doch nicht vergebens gewesen sein. Und auch das kennt jeder: Wut, Streit und Enttäuschung in Beziehungen und Ehen. Aber trennen will man sich doch nicht und macht weiter.
„Am Anfang war die Langeweile.“ – So fundamental sieht sie der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855). „Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva geschaffen. Von diesem Augenblick an kam die Langeweile in die Welt und wuchs an Größe in genauem Verhältnis zu dem Wachstum der Volksmenge. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann nahm die Volksmenge in der Welt zu, und die Völker langweilten sich en masse. Schließlich bauten die Völker aus Langeweile den babylonischen Turm.“ – Kierkegaard zufolge ist die Langeweile nicht irgendeine beliebige Befindlichkeit des Menschen, sondern sie ist für die Entwicklung der menschlichen Kultur insgesamt verantwortlich. Langeweile kann aber auch die Wurzel allen Übels darstellen, das geht sogar so weit, dass die Menschen Kriege aus Langeweile führen, so die Ansicht von Emile Chartier. Gerade auf den Ersten Weltkrieg mag dies durchaus zutreffen.
Die Veröffentlichung und Verbreitung von Erinnerungen wird immer demokratischer. Was lange Zeit nur Feldherrn, Dichtern, Politikern, Wissenschaftlern vorbehalten war oder Menschen zugestanden wurde, die von Schicksalen historischer Einzigartigkeit zu berichten hatten, kann nun jeder tun bzw. tut’s einfach: Eine Autobiographie schreiben.
Abkupfern, Kopieren, Plagiieren, Clonen – mit den technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung, der endlosen Reproduktion, der Vermassung des Singulären und Individuellen wird das Neue immer unwahrscheinlicher. Der moderne Mensch ist außerstande, Neues bzw. sich neu zu erschaffen. Massenproduktion bringt Massenmenschen hervor und Massenmenschen bringen Massenprodukte hervor, konsumieren Massenprodukte und ebnen sich deshalb ein.
Übers Lesen wird ja viel geschrieben. Besonders vor oder zur Urlaubszeit befassen sich die Zeitungen damit, ihren Lesern Empfehlungen zu geben, welches Buch oder welche Bücher sie in den Urlaub mitnehmen sollten oder könnten. Nicht selten kommt es dann zu der beliebten wie dämlichen, weil lebensfernen Frage: Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Auch machen sich (die etwas anspruchsvolleren) Zeitungen darüber Gedanken, welche Bücher man überhaupt gelesen haben sollte. Schulen und Hochschulen schreiben das den Schülern und Studenten regelrecht vor. In der Hoffnung, dass alle die gleichen Bücher gelesen haben. Ich habe mich so gut wie nie an diese Vorgaben gehalten, weil ich diesen Weg nicht besonders innovativ finde und ich keine Lust hatte, dem bildungsbürgerlichen Belesenheitskanon auf den Leim zu kriechen. Im Studium fand ich es gerade interessant, immer wieder die Fachgrenzen zu verlassen, weil die Außenperspektiven das Innen erst erhellen. Mit anderen Worten: Ich bin für das inspirative Lesen. Jedes Buch dient mir als Impulsgeber für Ideen und Fragen, die ich in anderen Büchern erweitert bzw. beantwortet finde. 