Sind wir nicht alle Quereinsteiger?
In vielen Berufen oder Branchen finden sich sogenannte Quereinsteiger. Man nennt die einfach so. Damit will man sagen, dass sie eigentlich von einer bestimmten Sache keine Ahnung haben, sie aber trotzdem machen. Ein Quereinsteiger kommt von irgendwo anders her und versucht sich auf einem ihm sachfremden Gebiet. Er ist also nicht darauf vorbereitet. In der Politik zum Beispiel sind die meisten, naja eigentlich alle Quereinsteiger. Oder wissen Sie einen Abgeordneten, der sich zum Politiker ausbilden und dann hat wählen lassen, so wie man als Bewerber nach bestimmten Qualifikationen ausgewählt wird? Aber jetzt, da ich es schreibe, fällts mir natürlich auf: Einen Bewerber für einen bestimmten Job wählen die Personaler aus, je nach Eignung, Profil und Persönlichkeit. Und einen Kandidaten wählt man, unabhängig davon, ob er alle diese drei Dinge hat. Man wählt ihn einfach, dabei gesteht man ihm zu, dass er sich von seiner Ahnungslosigkeit wegentwickelt und in sein Amt hineinwächst, vielleicht sogar Minister wird, so ist das mit den Quereinsteigern. Darunter sind Lehrer (z.B. Wieczorek-Zeul, Garbriel, Schmidt), Juristen (Steinmeier, Schäuble), ein Müller (Glos) oder eine Ärztin (von der Leyen). Würde ich mich entscheiden, in die Politik einzusteigen, ich hätte – ginge es nach Platon – genau die richtigen Voraussetzungen. Denn nach Platon sollten Philosophen den Staat anführen. Aber ich will es sowieso nicht, dennoch kann es nicht schaden, um seinen Marktwert zu wissen. Kein Unternehmen würde einen Politiker einstellen. So etwas macht nur der Staat, obwohl er eigentlich auch kein Geld dafür hat. Aber er möchte schließlich jedem Quereinsteiger eine Chance geben. Schließlich sind wir ein Sozial-Staat und Politiker Volks-Vertreter. Sie vertreten das Volk wie der Staubsaugervertreter Staubsauger. Mit dem Unterschied, dass sie auf das Volk keine Garantie geben. Verkauft werden aber beide. So repräsentiert der Politiker als Quereinsteiger den Querschnitt des Volkes, frei nach Thomas Bernhard: „Wir dilettieren alle.“
Politiker ist so eine Art überbezahlter Ein-Euro-Job. Real bekommt man natürlich schon mehr. Als Minister stehen einem so um die 17.000 Euro brutto im Monat zu (ohne Aufwandsentschädigung natürlich). Als Kanzler/in bekommt man etwas mehr. Nur zum Vergleich: Als Heidi Klum noch mehr, das macht dann ca. 600.000 im Monat und hat damit zu tun, dass sie geringfügig besser aussieht als die Ministerinnen und vermutlich besser für den Job geeignet ist. Oder einfach von vorn herein noch querer eingestiegen ist. Sie hat nämlich gar keine Ausbildung, ein hoffnungsvolles Zeichen, dass man es als Quereinsteiger in dieser Welt ziemlich weit bringen kann, also rein finanziell gesehen.
Ich persönlich steige quer seit ich denken kann. Das liegt daran, dass ich ursprünglich vom Leben keine Ahnung hatte. Woher auch? Mich traf es völlig unvorbereitet. Kein Briefing, kein Assessment-Center, nichts. Vielleicht gibt es aber Menschen, die gerade einsteigen. Ich frage mich nur, wo die die Landkarte herhaben.
Ein typischer Quereinsteiger ist Michel Friedman. Der ist Jurist, stieg auch quer in die Politik ein und wurde dann Fernseh-Moderator und ich bin mir fast sicher, der hat das auch nicht gelernt. Aber er geht jetzt seine Sache solider an. Er studiert jetzt nämlich Philosophie. Und er behauptet, er sei ein „ganz normaler Student“. Nadelstreifenanzug, Einstecktuch, bewaffnete Leibwächter, gepanzerte Limousine. Mit Blaulicht zur Uni Frankfurt. Alles ganz normal halt. Von Koks zu Kant, ich finde das eine überzeugende Metamorphose. Für mich ist der Mann rehabilitiert. – Der zupackende Talkmeister hat zwar schon einen Doktortitel, will aber in Philosophie auch noch promovieren. Vielleicht kann er eins draufsetzen und woanders auch einen Doktor machen, dann kann er mit sich selber Skat spielen. Wenn das kein Quereinstieg ist! – Contra!
Philosophie-Blog - 25. Okt, 17:42

