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Dr. Andreas Belwe

Aktuelle Beiträge

schön zu lesen
für mich lässt sich das ganze beantworten...
Fachübersetzungen - 3. Sep, 11:42
Hi
Schön geschrieben. Grüße
Roller - 26. Aug, 09:48
Hi
Was soll's? Her mit dem Zeug! - Ganz meine Rede :)...
Lasik - 25. Aug, 14:18
Einverstanden
Ha guter Bericht und toll geschrieben. Mein Lieblingssatz...
Räuchermännchen Shop - 18. Aug, 09:15
^
Super beitrag spiegelt vieles in mir wieder dar ;)
Kredit Arbeitslose - 19. Mai, 11:07

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Samstag, 28. Oktober 2006

Pornographie des Krieges

totenkopfschaendungWas empört uns an Soldaten, die mit Totenköpfen zu spielen scheinen, die damit posieren? Warum sind wir entrüstet, dass es Deutsche sind, die Tote verhöhnen? Sollten denn die Grausamkeiten des Kriegs-Dienstes auf eine Nationalität beschränkt sein? Sollten die Deutschen, die sich um die Auslandseinsätze ihrer Armee mehr oder weniger gerissen haben, von der bizarren Seite einer kriegsähnlichen Mission verschont bleiben? Und warum legen wir die Maßstäbe des Normalen im Ausnahmezustand an, wie er das Gefährdetsein durch Hinterhalt, Anschläge und Autobomben darstellt?

Das, was Angst macht, kann oftmals nur ausgehalten werden, indem es verächtlich gemacht wird. Als Nicht-Soldat kann ich mir vorstellen, dass auch ein Soldat nicht nur Angst vor dem Tod, sondern ganz besonders Angst vor dem Sterben hat, wahrscheinlich mehr als jeder andere sie hat, da es zum Kriegs-Handwerk gehört, sowohl zu töten als auch getötet zu werden. Wohin also mit dieser Angst? Sie kann zu einem großen Teil in der Ausbildung wegtrainiert werden oder sie wird abgespalten oder mit Todes-Symbolen gebannt.

Zwei Assoziationen hatte ich angesichts der posierenden Bundeswehr-Soldaten:
Zum einen die Rede, die Heinrich Himmler vor SS-Offizieren am 4. Oktober 1943 im Schloss von Posen gehalten hat. Darin heißt es unter anderem: „Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammen liegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht.“ Was Himmler damit sagen wollte: Eigentlich müssten wir kotzen, wenn uns die eigene Grausamkeit bewusst würde und Furcht und Zittern müsste uns ergreifen, sollten wir jemals zu Rechenschaft gezogen werden. Aber wir sind eben die ganz harten Verdränger. – Die „schwachen“ Soldaten haben sich wie man weiß vor Massenerschießungen besoffen, falls sie die Indoktrination oder der Wahnsinn nicht trunken genug gemacht haben sollte.

Zum anderen die Formulierung von der „Pornographie des Krieges“, die im Zusammenhang mit dem Vietnam-Krieg entstanden ist. Existiert hat sie allerdings schon länger. Wie marodierende Krieger wüten, kann man bereits im „Simplizissimus“ von Grimmelshausen (erschienen 1669) nachlesen, der von den Abenteuern im Dreißigjährigen Krieg erzählt. Die Urszene der Pornographie des Krieges liegt allerdings im Ersten Weltkrieg, in dem hunderttausendfaches Morden durch neue Waffen möglich wurde. Und damit die Menschen in bislang unvorstellbare Erlebnissphären vordrangen. Dieses Unvorstellbare konnte nun erstmals fotografisch festgehalten und gezeigt werden.

Aber auch schon vorher, z.B. im Japanisch-Chinesischen Krieg 1894/95 bzw. 1937-1945 kam es zu irrsinnigen Gräueltaten. Bekannt wurde das Massaker von Nanking (Ostchina) durch die damaligen japanischen Besatzer, bei dem bis zu 300.000 Zivilisten und Kriegsgefangene ermordet und 20.000 (manche Quellen: 80.000) Mädchen und Frauen vergewaltigt wurden.
Oder der Herero-Aufstand im August 1904 gegen verstärkte Kolonisierungsbestrebungen in der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Die Deutschen reagierten auf diese Revolte mit der vollständigen Vernichtung der etwa 60 000 Herero, – ein Schlachtfest, das auf Fotos dokumentiert wurde.
Das Grauen wurde nicht nur erlebbar, es wurde zeigbar. Und es musste gezeigt und gesehen werden: Denn, so lautete im Zweiten Weltkrieg die Medien-Maxime: "Tote sind umsonst gestorben, wenn die Lebenden sich weigern sie anzusehen."
Wenn Pornographie die Darstellung der menschlichen Sexualität und des Sexualakts ist, mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, dann ist die Pornographie des Krieges eine Steigerung: Exzessive Gewalt oder Horror wirkt sexuell stimulierend, das ist der ultimative Thrill.
Gerade durch das Internet kann mehr denn je gezeigt werden, wir haben Zugang zu tausendfachen Obszönitäten. Wobei zu fragen wäre: Ist die Wirklichkeit obszön oder das Zeigen? – Aufmerksamkeit erregte 2005 eine Internetseite mit einer Rubrik für "Gore"-Fotos, für brutale Bilder von getöteten und zerfetzten Irakern und Afghanen. Die Bilder wurden damals von der US-Polizei kommentiert mit den Worten: "It is the most horrific, vile, perverted sexual conduct. It is as vile, as perverted, as non-normal sexual conduct, which rises to the level of obscenity, as we've ever investigated."

Dass nun die „Kriegs-Pornos“ der Bundeswehr gerade für die BILD-Zeitung und für RTL ein gefundenes Fressen waren, steht in der Logik dieser Art des Journalismus: Anprangern, Entrüsten und sich dabei ergötzen: Seht die Bestien! (aber zum Glück gibt es sie, sonst hätten wir zu wenig zu berichten.)
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