Ein Weblog von



Dr. Andreas Belwe

Aktuelle Beiträge

schön zu lesen
für mich lässt sich das ganze beantworten...
Fachübersetzungen - 3. Sep, 11:42
Hi
Schön geschrieben. Grüße
Roller - 26. Aug, 09:48
Hi
Was soll's? Her mit dem Zeug! - Ganz meine Rede :)...
Lasik - 25. Aug, 14:18
Einverstanden
Ha guter Bericht und toll geschrieben. Mein Lieblingssatz...
Räuchermännchen Shop - 18. Aug, 09:15
^
Super beitrag spiegelt vieles in mir wieder dar ;)
Kredit Arbeitslose - 19. Mai, 11:07

RSS-Feed

Bleiben Sie auf dem Laufenden!
xml version of this page
xml version of this page (summary)
xml version of this page (with comments)

Suche

 

Archiv

November 2006
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 
 
 1 
 2 
 4 
 5 
 6 
 8 
10
11
13
14
16
17
19
20
21
23
24
26
27
29
30
 
 
 
 

Mittwoch, 22. November 2006

Ich töte, also bin ich.

AmokBlogWas heißt hier, aus Rache hat ein 18jähriger mit Gewehren, Sprengfallen und Rauchbomben seine ehemalige Schule überfallen? Wie demütigend muss es für ihn gewesen sein, eine Schule zu besuchen, welch unterdrückende Lehrer und schikanierende Mitschüler muss er gehabt haben! Oder um welch megalomanen Akt eines austickenden Jugendlichen muss es sich hier gehandelt haben? Steht diese Tat für die mentale Verfassung manch anderer seiner Generation? Wie auch immer: Jetzt fuchteln wieder die Experten aus ihren Mauselöchern heraus. Und alle haben sie natürlich Recht. Zunächst ist die Unfassbarkeit groß, sind doch Kinder und Jugendliche der Spiegel der Gesellschaft.
Eine Gesellschaft wie die unsere braucht allerdings irgendwelche Spinner, die - je bizarrer und gewalttätiger desto besser - durchdrehen, damit sie sich aufregen und empören und geschockt sein kann: „Da sieht man es mal wieder: Geht es nicht bergab mit uns! Bei den Schulen! Und den Eltern! Die Computerspiele, der Medienkonsum. Alles spricht für einen Werteverfall.“ Etc. – Das übliche Repertoire der Selbstgeißelung.

Was ist passiert? Das als Krieger getarnte Milchgesicht, wie es von den Boulevardzeitungen guckt, wollte einen Rachefeldzug antreten. – Wer immer mehr zum Verlierer wird, baut sich mit Selbstüberschätzung wieder auf. Wer über keine Identität verfügt, braucht geliehene Rollen. Wer keine lebensbejahenden Vorbilder hat, ahmt Gewalttäter realer oder fiktiver Art nach. In wessen Leben sich nichts abspielt, der greift eben zur großen Inszenierung: Internetauftritt. Ganz wie Al Qaida. Waffen wie der Terminator. Die große Mission. Wie im Kino.

Das simple wie aussagekräftige Drehbuch schrieb er sich auf den Leib: Realitätsblind, der undefinierten Masse der „Anderen“ die Schuld zuweisend, in diesem Fall Lehrer und ehemalige Mitschüler, proklamiert er: "Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. (...) Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!" Das ist keine Kampfansage, sondern der tränenerstickte Schrei nach Anerkennung. Mit der für aggressive Menschen nicht seltenen Sentimentalität schließt er seine Mitteilung: "Als letztes möchte ich den Menschen, die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies entschuldigen!"
Verbitterung, Larmoyanz, Selbstmitleid und Hass befeuern die Psychodynamik eines Gewalttäters, der sich am Ende selbst tötet, denn wie die anderen, die ihn zum Verlierer gemacht haben, ist auch er nicht mehr lebenswert. Die im Internet veröffentlichte pseudohafte Kulturkritik des Amokläufers, er sei an seiner Schule von Materialisten umgeben gewesen, die ihn nicht als Freund haben wollten, ist der läppische Versuch, seinen Größenwahn mit Rationalität und Moralität zu kaschieren. Tatsache ist doch, dass er seinen Frust in der Verkörperung von Gewalt (seine Maskerade als Krieger) und im Konsum von Gewalt (Computerspiele wie „Counterstrike“) abzureagieren suchte und Gefallen daran hatte.
Offenbar hat sich niemand für den 18jährigen interessiert, so schuf er sich seine Ersatzwelt. Offenbar hat ihn niemand beachtet, deshalb jetzt die große Show um jeden Preis. Deutschland sucht den Nachwuchsrambo. Und hat ihn für einige Stunden entdeckt, ein paar Tage vielleicht. Dann ist etwas anderes wieder interessanter. Die Nummer muss erst mal getoppt werden.
Aber es ist viel schlimmer: Die Sinnlosigkeit ist ein größerer Sprengstoff als der des Realschul-Rambo von Emsdetten. Wer keinen Sinn von irgendwoher beziehen kann, dem bleibt nur die Destruktion, die Gewalt. Das letzte, das Einzige, worüber er sich noch definieren kann, wobei er sich noch spürt: Ich töte, also bin ich. Die einzige Lebensregung, das intensive Selbstgefühl vernimmt er angesichts des Todes anderer. Die Steigerung, der letzte Kick ist der eigene Tod: Ich werde mich selbst töten, als Zeichen dafür, dass es mich gab.
logo

Philosophie- Blog

P.M. Menü

Neues von aussen

Vom Leben nach dem Tod
Zu Anfang das Fröhliche: Wenn ich Äpfel,...
Sprach-Blog - 30. Jan, 13:28
Das geheimnisvolle Lächeln der Mona Lisa
Zu Beginn ein alter Witz: Ein dummer Student geht baden,...
Sprach-Blog - 27. Jan, 13:50
Ärger mit den Deals
Am Mittwoch habe ich in den Fernsehnachrichten erfahren,...
Sprach-Blog - 23. Jan, 12:41
Mein Problem mit dem Telefon
Meine Eltern haben mir schon im zarten Kinderalter...
Sprach-Blog - 20. Jan, 12:42
Hundekunde
Fast jeder kennt den alten Witz vom englischen Ehepaar...
Sprach-Blog - 16. Jan, 12:48
Dieser Text ist böse
Als ich um die zwanzig war, habe ich mich mit Vorliebe...
Sprach-Blog - 13. Jan, 13:08
Muss man Nazi sein, um Fraktur zu mögen?
Als ich gestern im Wohnzimmer mit einem breit gefächerten...
Sprach-Blog - 9. Jan, 12:46
Wie man klug wird
Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, um Ihre geschätzte...
Sprach-Blog - 6. Jan, 12:39