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Mittwoch, 27. Juni 2007

Schnell - schneller - noch nicht schnell genug

180px-Apollo_8_LiftoffIn der Ökonomie, dem dominanten System der Gesellschaft, gilt die Beschleunigung als Prinzip: In immer weniger Zeit qualifizieren, entwickeln, produzieren und erwirtschaften.
Aufgrund der technischen Entwicklungen ist es möglich, immer längere Distanzen zum Zwecke des Austausches und der Verbreitung von Gütern materieller Art (Waren) sowie immaterieller Art (Ideen, Informationen) zu verkürzen, mit der Folge einer rascheren Veralterung und einem schneller wachsenden Verlangen nach Neuem bzw. Erneuerung.

Jede in der Wettbewerbssituation verwirklichte Schnelligkeit verspricht einen Vorsprung, stellt dadurch einen zu nutzenden Zeitgewinn in Aussicht und suggeriert Vorteile gegenüber den Konkurrenten.
Wenn Unternehmen miteinander konkurrieren, dann verschaffen zeitsparende Erfindungen und Maßnahmen zwar Vorteile, - aber meist nur kurzfristig. Denn sobald die Konkurrenz nachzieht, wird der Wettbewerb härter, und der Zeitgewinn ist verloren. Alle scheinbaren Arbeitserleichterungen führen am Ende zu Rationalisierung und höherer Arbeitsbelastung. Ein absurder Kreislauf beginnt:
Jedes Mehr fordert ein Noch-mehr. Ein Mehr-produzieren-Können wird zum Mehr-produzieren-müssen und somit zur blindwütigen Selbstläufigkeit (Zwangs-Läufigkeit), die eine Beschleunigung in sich selbst darstellt und nicht nur einen sozialen Bezug verliert, sondern auch einen nachweisbaren wirtschaftlichen Nutzen innerhalb der Güter-, Arbeits- und Kapitalmärkte.
In Hinblick auf die Zeit entsteht ein Paradox: Wir erledigen alle Vorgänge immer schneller und haben aber den Eindruck, nicht von der Stelle zu kommen und kaum Zeit zu gewinnen. Der Zeitverlust scheint permanent, da unsere Schnelligkeitspotentiale mehr Zeit verheizen als sie schaffen. Ein Wettlauf ohne Ziel.

Der Grund: ein Denkfehler. Die Vorstellung von Schnelligkeit entspringt nämlich einem linearen Denken, d.h. der Idee, ein bestimmtes Gut haben oder ein bestimmtes Ziel (in möglichst kurzer Zeit) anstreben zu wollen und auf der kürzesten Strecke A - B auch erreichen zu können. (Naturhafte, d.h. auch menschengemäße Bewegungen dagegen verlaufen zyklisch, rhythmisch und wechselwirkend, haben das Ziel der Bewegung in sich, Bsp. Tag-Nacht-Rhythmus, Jahreszeiten, Atmen etc.)

Die Folgen von Beschleunigung bzw. hoher Schnelligkeit sind immer ähnlich:
- erhöhtes Risiko aller beteiligten Personen wie Sachen,
- steigender Verbrauch von Ressourcen (da Beschleunigung nur mit hohem Energieaufwand zu erreichen ist),
- Schwächung von Reserven,
- Strapazierung von Humankapital (Stress, Frustration, somit Motivationsverlust Die durch Stress am Arbeitsplatz verursachten
(psychosomatischen) Krankheiten verursachen jährlich einen Schaden von 50 Milliarden Euro)
- hohe Fehlerquote (inkl. Reparatur der Beschleunigungsschäden),
- schwierige Steuerbarkeit eines Systems, starre Zielfixierung, verbunden mit Beschneidung in Hinblick auf Alternativen und dadurch mit Einbußen von Flexibilität und letztlich Mobilität.

Alles in allem Folgen, die den ursprünglichen Absichten, durch Schnelligkeit Erfolg und Fortschritt erzielen zu wollen, entgegenstehen. D.h. das unbedingte und schnelle Erreichenwollen eines Zieles erhöht auch die Möglichkeit des Verfehlens, zudem wird das In-Bewegung-Bleiben verhindert.

Bei der Durchbrechung einer ruinösen Beschleunigung ist aus philosophischer Sicht zu bedenken, dass
- die Produktion für die Produktion statt für die Befriedigung des Bedarfs sich auf unseren Umgang mit der Zeit überträgt, obgleich es sinnvoller wäre, darauf zu verzichten, die Masse der Überschüsse an Zeit zu reinvestieren.
- die Ermittlung von Eigen- und Systemzeiten eine bessere Einkalkulierung von Regenerierung und Abweichung möglich macht,
- nicht nur Zeit und Geld allein das Maß der Freiheit bedeuten, sondern auch die Entfaltung der (subjektiven) Ressourcen und Anpassung an die (objektiven) Anforderungen und tatsächlichen Bedürfnisse,
- der Mythos des multi-tasking dem nachweisbaren menschlichen Bedürfnis nach geschlossenen Handlungsabläufen, d.h. Begonnenes auch zu Ende führen zu wollen, entgegensteht und leistungsmindernd wirkt.
- in Hinblick auf Kooperation und Ausgleich Produktionstempo der Schnellen und der Langsamen zu synchronisieren sei,
- eine Geschwindigkeitssteuer den kleineren Betrieben verbesserte Chancen bereitstellen und insgesamt die Motivation zum permanenten Wachstum und damit zur zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Langsame und Schnelle drosseln würde,
-Arbeitnehmer die Bedingungen ihrer Arbeit, Arbeitstempo etc., selbst festlegen könnten. Bei möglicherweise fallenden Gewinnen kollidieren arbeitsplatzbezogene mit Einkommensinteressen, wodurch aber die Eigenverantwortung geweckt wird.
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