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Freitag, 13. Juli 2007

Der Mensch - ein Müllwesen

250px-VuilnisEs müllt der Mensch, so lang er lebt. Das ist keine große Erkenntnis? Von wegen! Ich werde sie philosophisch untermauern. Bereits Sokrates wusste, was man zu unternehmen habe, wenn man etwas über den Menschen wissen will. In einem Dialog sagt er zu Phaidros: "Die Felder und die Bäume nun wollen mich nichts lehren, wohl aber die Menschen in der Stadt." Das heißt, man muss keine theoretischen Reflexionen anstellen, um Erkenntnisse darüber zu gewinnen, was der Mensch sei, sondern man gehe auf die Straße und beobachte die Menschen, was sie so treiben. Ca. 2350 Jahre nach Sokrates hat der französische Philosoph Albert Camus einen ähnlichen Gedanken. Er sagt, dass uns die existenziellen Probleme bereits im Alltag begegneten, sozusagen auf der Straße lägen. Man müsse somit keine abstrakten Theorien bemühen, um zu begreifen, was die Menschen bewegt. - Damit haben wir den Grundstein zu den folgenden Überlegungen.

Sehen wir uns also um im praktischen Leben. Christine Rapp, Verwaltungsangestellte an der Münchner Uni (LMU), ist für die Sauberkeit zuständig, koordiniert die eingesetzten Reinigungsfirmen, arbeitet mit der Hausmeisterei zusammen, was man da eben so macht. Frau Rapp bringt den Zeitgeist müllmäßig auf den Punkt: „Was den Müll betrifft, werden die Studenten von Jahr zu Jahr ignoranter.“ Und woran liegt’s? Die Coffee-to-go-Generation hinterlässt neben Kaffeeflecken jede Menge Pappbecher. Da haben wir’s: Jede neue Entwicklung, jeder neue Trend verursacht Müll. Gib dem Menschen die Gelegenheit zu müllen und er müllt.
Aber das ist wie gesagt nur ein Beispiel, das für die großen Zusammenhänge steht. Zum Wortursprung: Müll bedeutete früher „Zerriebenes“, „Zerbröckeltes“ (von „mahlen“). Zerriebenes entsteht offenbar da, wo Betrieb herrscht. Und Betrieb herrscht da, wo Menschen sind, wo sie herstellen, verarbeiten und vor allem konsumieren.

Müll ist jedoch nicht ein schlichtes Zuviel, sondern Lebens-Ausstoß aus dem Motor des zivilisatorischen Getriebes. Erst die Zivilisation bringt Müll hervor, die Natur müllt nicht. In Österreich sagt man zum Mülleimer „Mistkübel“. Das klingt zwar ganz lustig, aber dieser Ausdruck ist eigentlich irreführend. Denn Bio-Müll ist verarbeitete Natur und kann auch wieder von der Natur verarbeitet werden. Müll selbst entsteht erst bei der menschlichen Bearbeitung von Natur, also bei der Herstellung von Kultur. Also: Ohne Kultur kein Müll. Ohne Müll keine Kultur.
Müll ist ein Zeichen menschlichen Lebens. Jeder Waldweg, der von menschlichen Spuren zeugt, tut dies in Form von Müll, das liegen gelassene Papier vom Schokoriegel, das weggeworfene Tempotaschentuch etc., all das bedeutet: Hier waren Menschen. Abfall, Unrat, Dreck, Schrott, Ausschuss, Überschuss – all das macht der Mensch. Aber er hinterlässt nicht nur materiellen Müll, sondern auch immateriellen Abfall. Denn selbst beim Reden verbreitet er überflüssiges Zeug, verbale Verpackung, die man eigentlich gleich wegwerfen kann. Sein Gelaber verschickt er dann noch als e-Mail, die sich als e-Müll herausstellt. Born to müll!

So wie jede Problemlösung neue Probleme erzeugt, wie jede Ordnung nur wieder Chaos produziert, produziert jedes Produkt in erster Linie Müll. Je schneller ständig Neues entwickelt und hergestellt wird und dadurch immer schneller veraltet, entsteht immer schneller immer mehr Müll. Das heißt: Allein jede Produktionsmöglichkeit stellt eine potentielle, eine neue Müllmöglichkeit dar.
Der Mensch ist aber nicht nur der Produzent von Müll, er kauft auch Müll. Jeder Kauf bedeutet die Erweiterung der Müllgrube. Erst die Massenproduktion hat es geschafft, im Menschen den Hang zum Billigen zu fördern. Langlebige Produkte werden nicht so schnell Müll, der Massenartikel hat eine kurze Halbwerts-Müllzeit. Verfalls-Daten, die durch Haltbarmachung länger werden sollten, werden immer kürzer. So ist das Verfalls-Datum mehr ein Abfall-Datum, das anzeigt, wann das Produkt spätestens zu Müll (Pardon! „Wertstoff“) wird, wann es entsorgt werden muss. Und das ist der dämlichste Euphemismus im Müll-Kontext: „entsorgen“. Der Mensch müllt wie er nur kann, er ist kein umsichtig besorgend-entsorgendes Wesen, er ist Raffzahn und Dreckschleuder, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt. – Allerdings habe ich mal das Wort „Mülltrennungsfaschist“ gelesen. Was das wohl bedeutet? Bestimmt nichts Schmeichelhaftes.
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