Luxus

Es gibt einen Satz bei Ernst Bloch, der mehr über Luxus aussagt als alle Lifestyle-Theorien zusammen: „Legt man noch ein halbes Stück Zucker neben die Tasse, nachdem der Kaffee schon gesüßt ist, so ist das so angenehm, ausruhend und luxuriös, wie wenn man sich vor dem Aufstehen noch einmal auf die andere Seite legt."
Bescheidener Überfluss kann bereits Luxus sein. Annehmlichkeiten, die das Leben zufrieden machen, die voller Aufmerksamkeit und doch en passant genossen werden können, die wir aber nicht brauchen, von denen wir schon gar nicht abhängig sind. Denn etwas zu brauchen macht bedürftig. So sind wir am wenigsten bedürftig, wenn wir am wenigsten brauchen. Ein solches unbedürftiges Leben ist souverän, autark, voller Reichtum. Und zwar Reichtum der Sinne.
Die Selbstbescheidung wird also in den Dienst der Genussfähigkeit gestellt, – ein Rezept, das in der heutigen Konsumistengesellschaft durchaus funktioniert. Für unsere Zeit bedeutet Produktfasten, den geistig-emotionalen Hunger mit immateriellen Werten zu stillen. Denn wo Augen und Ohren übersatt sind, haben Gehirn und Seele nie Hunger.
Die Glückssuche auf dem Wege des Konsums ist vergeblich. Warum? Es gibt Konsumgüter, die zum Leben notwendig sind, und solche, die letztlich nur deshalb nachgesucht werden, weil sie Eindruck machen und den eigenen Status demonstrieren sollen. Dabei handelt es sich um Positionsgüter: Das teure Auto, die Seereise, die goldene Uhr. Diese Güter gelten deshalb als Luxus und somit als begehrt, weil sie lediglich wenigen erreichbar sind. In der Wohlstandsgesellschaft sind aber inzwischen viele Dinge, die früher als Luxusgüter und Prestigeobjekte galten, einer breiten Mehrheit zugänglich geworden. Damit haben sie ihren Luxuscharakter und Prestigewert verloren. Das führt uns zu der Erkenntnis:
Die besten Dinge im Leben sind keine Dinge
Wahrer Luxus liegt in der Kunst, etwas zum Luxus werden zu lassen. Diese Kunst kann man nicht kaufen, sie ist keine Frage des Geldes. Diese Kunst liegt in einem selbst. So unterscheiden uns nicht die teuren Dinge von anderen Menschen, sondern die Art, wie wir damit umgehen.
Der wahre Genuss hängt davon ab, wie man die Dinge schätzt. Denn wenn das Kostbare Gewohnheit wird, ist es kein Luxus mehr, es wird Alltag. Und Alltag ist spannungslos, leblos, lieblos, leidenschaftslos. Alltag, das bedeutet unreflektierter Genuss. In der Einstellung, alles sei selbstverständlich, gibt es keine bewusste Erfahrung von Luxus, sondern nur unbewusste luxuria (lat. Verschwendung).
Wer will das schon? Gehören doch Protzen, Prunk und Prahlerei zum Gehabe von Parvenüs, Promis und Proleten. Im Understatement liegt das Raffinement, so wie jede Andeutung verführerischer ist als die plumpe Tatsache. Der Luxus der postmateriell eingestellten Menschen besteht darin, nicht abhängig von materiellen Gütern zu sein und auch nicht angewiesen auf Statussymbole bzw. dem Druck ausgesetzt zu sein, solche zeigen zu müssen.
Der neue Luxus heißt: Sei anders und passe dich nicht an! Neuer Luxus bedeutet auch, sich Zeit für füreinander nehmen zu können oder für Dinge, die für die persönliche Entwicklung wichtig erscheinen. Neuer Luxus bedeutet Selbstbestimmung in der Lebensgestaltung, etwa ein Leben jenseits aller Konventionen zu führen, und somit die Aussicht auf eine offene Zukunft zu haben – all das ist Luxus in den Zeiten der Sachzwänge und von bleibendem Wert.
Philosophie-Blog - 23. Aug, 09:53

