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Gesundheit, Herr Doktor! – Die oft unheilvolle Beziehung zwischen Arzt und Patient

250px-USArmyTraumaKrank zu sein stellt eine philosophische Situation dar. Es ist eine Ausnahmesituation, und eine solche zwingt zur Reflexion. Im Falle des Krankseins bedrängen uns viele Fragen: Warum bin ich krank geworden? Wie wird die Krankheit verlaufen, wie der Genesungsprozess? Wie ertrage ich die Situation des Ausgeliefertseins, die eine Objektivierung meiner Person bedeutet? Die elementaren Fragen sind es, die uns verunsichern.

Der Patient fragt sich: Werde ich krank oder gesund gepflegt? Denn die Pflege ist immer noch tief im medizinischen Paradigma verwurzelt und hauptsächlich krankheits- und krankenhausorientiert. Und schließlich hängt das eigene Krankheits- oder Gesundheitsverständnis von der Beziehung zum Arzt ab, eine Beziehung, die von einer asymmetrischen Kommunikation geprägt ist. Sie ist vergleichbar damit, wenn ein Blinder und ein Lahmer aufeinander treffen. Der Blinde fragt den Lahmen: Und, wie geht’s? Der Lahme antwortet: Naja, wie du siehst. – Kommunikation scheint hier unmöglich. Denn die Voraussetzung für eine erfolgreiche Kommunikation besteht darin, die Welt aus der Lebenswelt des Anderen und seiner ihm eigenen Wahrnehmung versuchen zu erschließen. Das wiederum setzt Verstehen voraus.

Denn der Patient ‚produziert’ die Krankheit als Ausdrucksgebärde, als Sprache seines Körpers, eine Sprache, die der Arzt zu verstehen herausgefordert ist. Verstehen ist ein komplexer Vorgang, der auf vielfältige, also nicht nur sprachlich vermittelte Weise verläuft. Beim Verstehen geht es um das rekonstruierende Nachvollziehen. Der Verstehensvorgang umfasst somit nicht nur kognitive Fähigkeiten, sondern auch emotionale Qualitäten, insbesondere differenziertes Gefühlsgewahrsein bei sich selbst und Gefühlswahrnehmung bei anderen und die daraus resultierende Möglichkeit des emotionalen Nachvollziehens.

Ein solches vertieftes Verstehen wird nicht allein durch Zeitknappheit verhindert. Eine Studie aus dem Jahre 1993 zeigt, dass einem Patienten lediglich 18 Sekunden bleiben, dem Arzt gegenüber seine Symptome zu beschreiben, um dann von ihm unterbrochen zu werden. Eine durchschnittliche Konsultation des Hausarztes dauert 16 Minuten, 12 Minuten davon werden mit der Erörterung der Krankheit verbracht, der Entscheidung dagegen wird nur wenige Minuten gewidmet.

Die oft scheiternde Beziehung zwischen Arzt und Patient ist auf die an reinem Faktenwissen orientierte Ausbildung von Ärzten zurückzuführen, die eine Versachlichung seiner Beziehung zum Patienten zur Folge hat. Versachlichung meint hier nicht nur den Umstand, dass ein Mensch zum Objekt reduziert wird, sondern auch einen so genannten „reifizierenden Umgang mit hypothetischen Konstrukten“. Bei einem hypothetischen Konstrukt handelt es sich um eine Schlussfolgerung aus einer Fülle von Einzelbeobachtungen, d.h. die Verdinglichung von hypothetischen Konstrukten findet auf die Weise statt, als seien es beobachtbare Gegenstände und keine auf Wahrscheinlichkeiten beruhende Schlussfolgerungen.
Der Arzt ist meist fraglos der Experte im Theoriewissen, aber nur partiell im Erfahrungs- und Situationswissen, worin der Patient ebenso Experte sein kann. Durch sein Wissen kommt dem Arzt eine nahezu uneingeschränkte Autonomie zu, die wiederum zu einer paternal-charismatischen Dominanz der Ärzte gegenüber den Patienten führt.

Das grundlegende Problem ist also: Zwischen Patient und Arzt besteht keine Parität. In dem Moment, wo sich ein Mensch in Behandlung begibt, begibt er sich in einen Zusammenhang, der funktional ungleich verteilt ist: der eine ist der ‚Heiler’ und der andere der Patient.
Deshalb wäre es Aufgabe eines Gesundheitshauses, die Kompetenzen der Patienten auszubilden und zu stärken, dazu gehören:
- die Fähigkeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse klar zu benennen;
- Informationen zu den Behandlungsalternativen und ihren Wirkungen und Nebenwirkungen erhalten zu können;
- sich an den therapeutischen und den sie begleitenden Betreuungsprozesse aktiv beteiligen können;
- Spielräume für die eigene Entscheidungen zu erkennen;
- die letzte Entscheidung für alle relevanten Schritte im Behandlungsprozess zu besitzen.

Dies setzt voraus, dass Patienten Information über Krankheit und Behandlungsmethoden anfordern können, um zu einer aktiven Beteiligung an den therapeutischen Prozessen zu gelangen.
Sascha - 15. Jul, 02:14

Lob & Ergänzung

Sehr guter Artikel! Ich möchte pragmatisch ergänzen:
Wenn der Arzt keine neuen Anreize zur Verhaltensänderung durch das System bekommt (z.B. finanziell), wird er sich nicht mehr Zeit für Patienten nehmen. Parallel braucht es a.) systemisch eine Patientenbeauftrage in Dt., die auch wirklich etwas zu sagen hat, um wirklich etwas zu bewirken. Und b.) einen "Gesundheits-Verbraucher-TÜV" auf Landesebene.

Vergessen wir nicht (etwas vereinfacht): Ohne Bildung kein Gesundheitsbewußtsein. Schon hier beginnt das Paritätsproblem. Also: Gesundheit als Schulfach, wäre ein Anfang;-

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