Wie krank sind unsere Gesundheitshäuser?
Wer schon mal im Krankenhaus war, in der Hoffnung, dort gesund zu werden, dem ist bestimmt neben alerten Jungärzten und vermatschtem Essen noch etwas in unangenehmer Erinnerung geblieben: Die Tatsache, dass man so gut wie ständig auf dem Präsentierteller bzw. -bett liegt und dabei von unten nach oben schauen muss. So ist man als Patient nicht nur den Blicken der Mitpatienten und eventuell deren besuchenden Angehörigen, sondern vor allem Pflegepersonal und Ärzten ausgesetzt. Diese Tatsache hat auf die eigene Befindlichkeit erhebliche Auswirkungen. Das Gesehenwerden reicht vom Gefühl der Peinlichkeit bis hin zum Ausgeliefertsein an subtile oder auch offensichtliche Machtverhältnisse, die in einem Krankenhaus bestehen.
Dies bringt den französischen Philosophen Michel Foucault dazu, neben Fabriken, Schulen und Kasernen auch Krankenhäuser mit Gefängnissen zu vergleichen und damit eine Analogie herzustellen zwischen dem Gefängnis mit seinen Techniken und Wirkungsweisen und den Reglements im Krankenhaus, das die Disziplinargesellschaft verkörpert. - Wie im Gefängnis verliert der Patient Besitz und Recht und wird unter die Vormundschaft von Verwaltung, Ärzteschaft und Pflegepersonal und somit in Herrschaftsbeziehungen gestellt.
Derartige Machtkonstellationen werden im Krankenhaus häufig allein schon in der Interaktion zwischen Arzt und Patient geschaffen, aber auch zwischen Pflegeperson und Patient. Hoch spezialisiertes medizinisches Wissen und die entsprechenden Apparate lassen den Patienten, Fremdheit, Unsicherheit und Abhängigkeit spüren. Krankenhauspersonal und Ärzte scheinen dem Patienten überlegen. Sie sind körperlich und/oder geistig mehr handlungsfähiger als der Patient. Sie haben mehr Wissen, vor allem was Struktur, Regelung, Ablauf usw. betrifft. Sie haben Macht der Experten, Macht der Legitimität. Ihre Macht wirkt am mächtigsten, wenn sie unsichtbar ist und nicht eingeschätzt werden kann.
Im Krankenhaus herrscht die „Mikrophysik der Macht“ (Foucault). Auch wenn gerade kein Personal sichtbar ist, die Patienten sind unter die potentielle Kontrolle eines allumfassenden Blickes gestellt. Jederzeit könnten sie aufgesucht werden. Das führt bei ihnen zu einer neuen Konzeption von Verhalten, die gerade diesen potentiellen (!) Blick der „Überwacher“ einbezieht. Der Patient ist als körperliche Krankenakte Objekt einer Information, niemals Subjekt einer Kommunikation.
Foucault sah in diesem Prinzip ein wichtiges Ordnungsprinzip westlicher Gesellschaften: Die permanente Möglichkeit der Überwachung führt zur Selbstdisziplinierung der Individuen, weitgehend ohne dass eine soziale Kontrolle stattfinden muss. Die Menschen werden dazu erzogen, eine Funktion im System wahrzunehmen; die grundlegenden Funktionsregeln werden internalisiert, ohne dass den Menschen im Normalfall die von externen Normen geleitete Regelhaftigkeit ihres Verhaltens bewusst würde.
Abstrahiert man von dieser konkreten Situation, wird eine allgemeine philosophische Dimension erkennbar: Die Objektivierung durch den Blick Anderer bedeutet Beschneidung und Infragestellung des eigenen Subjektseins. Rückt man in das Blickfeld eines Anderen, wird man Objekt. Allein der Blick bedeutet also die Möglichkeit eines direkten Zugriffs auf einen anderen Menschen; er kann distanziert, aber auch zudringlich sein, oder beides gleichzeitig. Unbehagen und Unfreiheit entstehen deshalb, weil ich durch den Anderen gesehen erlebe und dadurch in meinen Möglichkeiten beschränkt, weil durch den Blick des Anderen festgelegt erlebe. So entstehen Rollen, in die ich gedrängt werden kann, oder ein Bild, das ein Anderer sich macht und mich damit fixiert. Aus dieser Machtsituation kann ich mich befreien. Dass der Patient es aber nicht kann, dadurch funktioniert erst ein Krankenhaus.
Philosophie-Blog - 7. Jul, 22:00


Das Übliche
Und das ganze aufgehängt an einer völlig übertriebenen Kritik an Krankenhäusern. In Krankenhäusern werden Menschen gepflegt und oft auch geheilt, die sonst vielleicht sterben würden. Aber das ganze ist ja nur eine gefängnishafte Machtmaschine, oder? Man liegt übrigens deshalb "auf dem Präsentierbett" und schaut "von unten nach oben" weil es sich mit einem Beinbruch so schlecht steht.
Man wundert sich (insbesondere beim Lesen dieses Blogs) schon manchmal, was sich so alles Philosopie nennt...
- Die Geburt der Klinik. Eine Archäologie des ärztlichen Blicks
- Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses
- Wahnsinn und Gesellschaft. Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft
Bei der Lektüre dieser Schriften wird sich mancher noch mehr wundern, was sich "so alles Philosophie nennt". Wer dem nicht gewachsen ist, dem erscheint alles als "Bla-Bla". Um es bildhaft mit einem Vergleich zu sagen: Wer nur Volks-Musik kennt, für den hört sich Zwölftonmusik wie atonaler Lärm an. Aber das ist natürlich keine Schande, es ist normal.