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Tabu

400px-B_Escorial_18bNahezu alles wird gezeigt, gesagt und es wird auch getan, was technisch mach- und herstellbar ist (z.B. Stammzellenforschung, Massenvernichtungswaffen). Ist dies eine Befreiung oder eine Beklemmung? – Das 20. Jahrhundert wurde als das Zeitalter der Extreme beschrieben, in dem der Mensch endgültig seine Unschuld verloren hat. Was folgt jetzt? Grenzen werden überschritten, brauchen wir neue? Was sollte tabu sein?
Tabu bezeichnet all das, was in einer Gesellschaft als verboten gilt. Verbote betreffen bestimmte Verhaltensweisen und Personen. Tabus sind heute nicht religiös, sondern sozial begründet, sie sind auch, wie gezeigt werden kann, philosophisch relevant.

Was bedeutet der Begriff Tabu?
Bereits Platon legte in seinem Werk „Der Staat“ bereits 433 v. Chr. einzuhaltende Tabus fest. So habe der Dichter nichts zu entwerfen, was den Ideen des Gesetzlichen, Gerechten, Schönen und Guten entgegenstünde, noch solle ihm erlaubt sein, seine Schöpfung irgendeiner privaten Person zu zeigen, bevor er sie nicht den dazu berufenen Zensoren und Gesetzeshütern zugänglich gemacht habe und diese zufrieden gewesen seien.

Aus anderer Perspektive hat Sigmund Freud in seinem Werk „Totem und Tabu“ die Doppelnatur des Tabus aufgezeigt: „Einerseits gehört es zur Sphäre des Heiligen, andererseits zur Sphäre des Unheimlichen, Verbotenen, Gefährlichen und Unreinen. Das Objekt des Begehrens ist häufig auch das Objekt, mit dem man nicht in Kontakt kommen darf.
Dieser Kontakt darf oft nicht einmal auf metaphorische und intellektuelle Weise stattfinden. Vor diesem Hintergrund entstehen unterschiedliche Formen von Tabus: Nicht nur Handlungs- und Darstellungsverbote, sondern auch Denk- und Sprechverbote.
Stärkstes Tabu ist das Inzest-Tabu: Sexuelle Beziehungen zwischen (nahen) Verwandten unterliegen in fast der gesamten Menschheitsgeschichte kulturübergreifend bis heute einem strengen Tabu. Anthropologen bezeichnen das Inzest-Tabu als den Grundstein der menschlichen Zivilisation überhaupt.

Auch heute noch hält ein Tabu unbewusste, gesellschaftlich abgelehnte, weit verbreitete Wünsche unter einem „Sicherheitsdeckel“. Wird ein Tabu gebrochen, entstehen in der Gesellschaft gewaltige Abwehrkräfte. Die Sphären, die von Tabus bzw. Tabubruch betroffen sein können: Sexualität (Homosexualität, Transsexualität, Nekrophilie, Pädophilie etc.), Religion, Tod, Körper, Politik, Geld, Gefühle, Versagen. Hauptsächlich tabuisiert aber sind das Abseitige, „Unnormale“ und Exzentrische.
Tabus sind auch dazu da, gebrochen zu werden. Einen öffentlichen Tabubruchs beging die Benetton-Werbung („Schock-Werbung“). Hier wurde auf zweierlei Weise die gängige Werbeästhetik aufgegeben: Anders als die Spots von z.B. Marlboro oder Baccardi wird keine heile Welt mehr versprochen mit dem Genuss der beworbenen Produkts, es lässt sich auch keine Verbindung mehr herstellen zwischen dem Werbemotiv und dem Produkt (ölverschmierter Seevogel, AIDS-Kranker, blutige Uniformteile etc.)

Politische Tabubrüche können darin bestehen, an bisher geltenden Regeln oder Rollen zu rühren, wie z.B.
- Deutsche Kriegseinsätze an verschiedenen Konfliktherden
- Die Bezeichnung der USA als Terrorstaat.
- Der Vorwurf an Israel, Menschenrechtsverletzungen an der palästinensischen Bevölkerung zu begehen.
- Judenwitze
- Karikieren von KZ’s (Film „Das Leben ist schön“)
- Die Rechtfertigung der Folter

Gesellschaftliche Tabubrüche, z.B.
- Das Recht auf den eigenen Tod (Sterbehilfe)
- Alkohol-, Tabletten- und Drogenabhängigkeit. Sie wird von den wenigsten Menschen zur Schau gestellt. Gerade die Erfahrungen von Überforderung, Sinnlosigkeit und Isolation und die damit verbundene Selbsttherapie mit Narkotika werden kaum eingestanden. („Das Scheitern ist das große, moderne Tabu“, Richard Sennett, Soziologe) Laut Prognose der gesellschaftlichen Entwicklung wird es im Jahr 2100 mehr Süchtige als Nichtsüchtige geben.

Meines Erachtens besteht im Brechen von Tabus der Wunsch nach Sensation und intensiver Erfahrung, der ein Erfahrungsverlust vorausging, ebenso der Wunsch, sich die Welt zu unterwerfen und ihre Eigengesetzlichkeit nicht länger zu dulden, und ihr deshalb jedes Geheimnis zu entreißen. Und auch das Verlangen, alle Facetten des Lebens ans Licht zu zerren. Nur: was folgt nach der totalen Entzauberung? - Reizvoller erscheint mir eine Welt, die in manchen Bereichen verschlossen bleibt, denn die Rätselhaftigkeit ist es, die die Dinge interessant macht, und das Verborgene, das durch Unberührtheit ein wahrhaftes Anderes darstellt, das gerade nicht vom Menschen in die Totalität des Wiss- und Machbaren eingeebnet wird und damit Kontraste bestehen lässt.

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