Weil der Mensch lesen muss
Übers Lesen wird ja viel geschrieben. Besonders vor oder zur Urlaubszeit befassen sich die Zeitungen damit, ihren Lesern Empfehlungen zu geben, welches Buch oder welche Bücher sie in den Urlaub mitnehmen sollten oder könnten. Nicht selten kommt es dann zu der beliebten wie dämlichen, weil lebensfernen Frage: Welches Buch würden Sie auf eine einsame Insel mitnehmen? Auch machen sich (die etwas anspruchsvolleren) Zeitungen darüber Gedanken, welche Bücher man überhaupt gelesen haben sollte. Schulen und Hochschulen schreiben das den Schülern und Studenten regelrecht vor. In der Hoffnung, dass alle die gleichen Bücher gelesen haben. Ich habe mich so gut wie nie an diese Vorgaben gehalten, weil ich diesen Weg nicht besonders innovativ finde und ich keine Lust hatte, dem bildungsbürgerlichen Belesenheitskanon auf den Leim zu kriechen. Im Studium fand ich es gerade interessant, immer wieder die Fachgrenzen zu verlassen, weil die Außenperspektiven das Innen erst erhellen. Mit anderen Worten: Ich bin für das inspirative Lesen. Jedes Buch dient mir als Impulsgeber für Ideen und Fragen, die ich in anderen Büchern erweitert bzw. beantwortet finde. Mit dem Lesen entstehen Landkarten, Orientierungspunkte, von denen aus man wieder weitergehen kann. Lesen fördert das organische Wachstum des Denkens. Jedes Buch – und sei es nur ein Satz daraus – wird an irgendeiner Stelle des sich entwickelndes Geistes eingeflochten und bildet wieder einen offenen Anknüpfungspunkt für weitere Gedanken. Ich sage bewusst Gedanken, nicht Informationen oder Wissensmodule, denn diese wären rein formal angeeignetes Material. Erst das reflektierte Wissen, also das nach seinem eigenen Denken umgearbeitete „Material“ wird zu Gedanken, - ein Vorgang, den man nur selbst bewerkstelligen kann.
Was soll man nun lesen? So viel wie möglich. Denn Lesen ist ein Selektionsprozess, bei dem viel Unwichtiges oder Uninteressantes heraus fällt. Jetzt könne man einwenden: Quantität kann doch nicht vor Qualität gehen. Das stimmt auch meistens. Nur: Beim vermehrten Lesen, bei der Aneignung von Wissen und dessen Verarbeitung, wird einem bewusst, was man alles nicht weiß. Das mag eine philosophische Erschütterung sein. Aber genau diese Erfahrung macht kritisch und dringt auf noch stärkere Selektion und höheren Anspruch.
Das Eigenartige am Lesen ist ja, dass man nicht nicht lesen kann. Egal, welche Wörter oder Sätze man vor sich hat, man liest sie. Eigenartig ist weiterhin: was sieht man, wenn man liest? Schwarze (oder wie auch immer farbige) Zeichen? Weiße Zwischenräume? Bilder? Assoziationen. Erinnerung an etwas Bekanntes, denn fremdsprachige Wörter sind dazu nicht in der Lage. Man sieht vermutlich nichts, man identifiziert, konstruiert.
Wörter oder die aus ihnen bestehenden Buchstaben sind an Materie gebunden, genauso wie Farben. Materie ist häufig Druckerfarbe und Papier, das ganze zu einem Bündel verarbeitet ergibt ein Buch. Nüchtern betrachtet nichts Besonderes. Dennoch gibt es genügend Menschen, die ein liebhaberisches Verhältnis zu Büchern haben. Ich kann das nachvollziehen, wobei ich meine Affinität zu Büchern kaum begründen kann. Das ist vergleichbar mit der Frage, warum man einen Menschen liebt. Man wird sofort darauf kommen, dass man ihn nicht auf ein paar Eigenschaften reduzieren kann, sondern man bejaht ihn als Ganzes. So ist das auch bei Büchern. Ich würde behaupten, solange ich von Büchern umgeben bin, kann nichts schief gehen, sie sind potenzielle Gesprächspartner.
Ich glaube, es war Balzac oder Stendhal, ist auch egal, ein französischer Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert war es, der behauptet hat, mancher mit einer Frau durchlebten Nacht hätte er fraglos ein Buch vorgezogen. Keine Panik, liebe Leserin, das ist keine frauenfeindliche Bemerkung, denn die Sichtweise gilt anders herum bestimmt genauso. – Ich weiß nur eines: Läse ich nicht, ich verrücktete.
Philosophie-Blog - 6. Aug, 10:00


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Hank van Verdienen