Die Mega-Kopie
Abkupfern, Kopieren, Plagiieren, Clonen – mit den technischen Möglichkeiten der Vervielfältigung, der endlosen Reproduktion, der Vermassung des Singulären und Individuellen wird das Neue immer unwahrscheinlicher. Der moderne Mensch ist außerstande, Neues bzw. sich neu zu erschaffen. Massenproduktion bringt Massenmenschen hervor und Massenmenschen bringen Massenprodukte hervor, konsumieren Massenprodukte und ebnen sich deshalb ein. Sind wir nur noch Epigonen? Gibt es keine Entwicklung mehr? Ja und nein. Ich bin davon überzeugt, dass die technischen Entwicklungen und Veränderungen weiter rasant voranschreiten. Aber für die gesellschaftlich-kulturell-mentale Entwicklung wird trifft dies nicht in diesem Maße zu. Da zeichnet sich wenig Neues ab. – Aber nicht einmal dieser Gedanke ist neu:
Der französische Mathematiker, Nationalökonom und Philosoph Antoine Augustin Cournot (1801-1877), der sich auch zur Beziehung zwischen Geschichte und Wissenschaft geäußert hat, hat den Begriff des post-histoire beschrieben. Mit „Nach-Geschichte“ meint er die Situation, die entsteht, wenn eine menschliche Erfindung oder Einrichtung so weit vervollkommnet ist, dass jegliche weitere Wandlung und Veränderung ausgeschlossen erscheint. Wenn man die Theorie Cournots auf die heutige Lage anwendet, könnte man die Schlussfolgerung begründen, dass unsere Kultur sich nicht weiter entwickeln kann und in eine Phase der Sinnlosigkeit eintritt. Die Alternative wäre dann entweder Tod oder Mutation – oder flatrate-Saufen. Das Posthistoire wäre also kein geschichtsloses Dasein oder die Lethargie einer Kultur, die ihre Lebenskraft verloren hätte, sondern eine Phase des Weltgeschehens, die gänzlich aus dem Rahmen der Geschichte herausfällt.
Im 20. Jahrhundert lebte die Diskussion um das Ende der Geschichte wieder auf: Von Erstarrung und Schweigen war die Rede, Schweigen als der Endpunkt der menschlichen Geschichte, in dem Sinne, dass alles, was gesagt werden konnte, gesagt wurde. Bei vielen Autoren des Posthistoire wie bei Arnold Gehlen ist von 'Kristallisation', aber auch schon vorher von 'Kristall' (Walter Benjamin) und 'Kristallisierung' (Georg Simmel) die Rede. Darunter ist eine Metapher aus der biologischen Evolutionstheorie zu verstehen, die besagt, "dass sich aus zufälligen genetischen Mutationen und aus dem Überleben der durchsetzungsfähigsten Varianten Gattungen herausbilden, die dann in ihrer genetischen Bestimmung erstarren und sich in derselben Art so lange reproduzieren, wie sie ihr Überleben in ihrer Umwelt durchsetzen können." (Lutz Niethammer: Posthistoire)
Vielleicht zeigt sich auch das Ende der Geschichte in der Mega-Kopie, deren Erfindung wiederum die Globalisierung ist: Globalisierung bedeutet Uniformierung, Verbreiung und Verwurstung: Um uniform zu werden, musste zunächst alles kopiert werden, damit alle gleich aussehen. Die Globalisierung könnte man sich auch als große Wurst vorstellen. Es ist alles drin, was keiner so genau kennt, sie wird überall hergestellt, verkauft und gekauft. Der Wurst wiederum geht voraus der große Brei alles Eingekochten, der Brei, den immer schon alle Köche verdorben haben, wenn’s denn Köche waren.
Das Faszinierende: Das Phänomen der Mega-Kopie ist neu und zugleich nicht. Denn Plagiatentum ist nicht neu, Kopisten fanden sich – gerade in der Kunst – seit Jahrhunderten, gerade in der Kunst zu Hauf. Seit längerem überschwemmen Produktplagiate aus Fernost die westlichen Märkte. Wer vermag noch Originale zu unterscheiden? Irgendwann gibt es nur noch Kopien.
Aber nicht nur Produktkopien. Denn: Das Internet ist ein Kopiergerät, die Fähigkeit zum geistigen Clonen. Wenn alle von allen abschreiben, entsteht das Hyperplagiat, die veritable Reproduktion eines großen Ganzen, die Superdoublette. Alles, was als einzigartig galt, findet sich wieder. Das gilt auch für Medien und Kommunikation zwischen Einzelnen: Wir kommunizieren über bereits Kommuniziertes. Mit der Folge: Wir sind überkommuniziert bis zur Penetranz. - Deshalb weichen wir aus in künstliche Welten, in der Hoffnung, etwas Neues zu erleben. Ein Beispiel für die Lebenskopie ist Second Life, da passiert dann dasselbe wie im „richtigen Leben“.
Bei all den Materienkopien, Lebenskopien, Wissens- und Denkkopie sowie Clonereien kann es passieren, dass du morgen früh zum Bäcker gehst, dich selbst triffst und dieselben Gespräche führst wie vor zehn, zwanzig Jahren. Alles war schon einmal da. Das Wirklichkeit gewordene Déjà-vu-Erlebnis, die exakte Wiederholung. – Grauenhafte Vorstellung das!
Philosophie-Blog - 9. Aug, 10:00

