Autobiographie - Was man nicht alles wissen muss!
Die Veröffentlichung und Verbreitung von Erinnerungen wird immer demokratischer. Was lange Zeit nur Feldherrn, Dichtern, Politikern, Wissenschaftlern vorbehalten war oder Menschen zugestanden wurde, die von Schicksalen historischer Einzigartigkeit zu berichten hatten, kann nun jeder tun bzw. tut’s einfach: Eine Autobiographie schreiben. Nur: Wer kann sich vorstellen, eine Autobiographie von Oliver Kahn zu lesen? (Wer hätte so viel überschüssige Lebenszeit?) Wer kann sich vorstellen, warum Stefan Effenberg eine Autobiographie schreibt (bzw. hat schreiben lassen)? Weil das jemanden interessiert oder weil er sein Leben für so „spannend“ hält? Es ist der Wunsch, die eigene Vermarktung zu optimieren, um ja nicht in Vergessen zu geraten, der Wunsch Spuren zu hinterlassen, Spuren der Eitelkeit. Der Wunsch nach Ewigkeit. (Aber wird jemand in 20 Jahren die Autobiographie von Dieter Bohlen oder Boris Becker zur Hand nehmen? Nicht mal in zehn vermutlich. Oder die wichtige Autobiografie von Britney Spears, die sie im fortgeschrittenen Alter von 21 Jahren verfasste.)
Oder es besteht das Verlangen, die Welt endlich darüber in Kenntnis zu setzen, was für ein Hecht man ist. Heiner Lauterbach, nannte deshalb mit Nachdruck sein Werk „Nichts ausgelassen“. Eines hat er aber schon ausgelassen, nämlich die Tatsache, dass Geständnisliteratur kaum auszuhalten ist. Diese Art des Beichtens geht wahrscheinlich auf den inquisitorischen Katholizismus zurück und somit auf die Angst, in der Hölle zu landen bzw. auf die Hoffnung davor verschont zu bleiben und Ablass zu erfahren. Heiner hat nach dem, was die Rezensenten so schreiben, sich alles reingezogen, was Spaß macht: Alkohol, Drogen, Frauen sowieso, jede Menge lebensgefährliche action – alles was eben so macht. Nur: Wer will davon wissen? Diejenigen, die selber so leben oder gelebt haben, kippt das Buch beim Einschlafen weg, und diejenigen, die nicht so leben können oder wollen, werden neidisch oder empören sich, sie werden es also gar nicht erst leben.
Es gibt eben Menschen, die halten „ihr Leben“ für besonders mitteilungswürdig, völlig unabhängig davon, wie das die anderen sehen. Und dennoch sind Ausnahmepersönlichkeiten wie Fußballer, Schauspieler und Popstars in bester Gesellschaft, schließlich reichen autobiografische Aussagen in einer langen Tradition von der Antike über das Mittelalter zur Renaissance, bis Ende des 18. Jahrhunderts die so genannte klassische Epoche der Autobiografie anbricht.
Die Autobiografie ist eine hybride Form von subjektiver (Selbst)Wahrnehmung und Wirklichkeit, also die Narration einer Vita, in der die historischen und poetischen Aspekte zusammengeführt werden. Dabei mag es erhebliche (Selbst)Täuschungen geben, die sich nicht einmal vermeiden lassen, denn Erinnern und Vergessen finden ihren Niederschlag in Selektion und Zensur. Das was, subjektiv wichtig erscheint, wird erwähnt, was man lieber nicht erzählt, wird eliminiert. Die hundertprozentige Erinnerung gibt es ebenso wenig wie den totalen Chronisten. Es ist somit ein Irrtum anzunehmen, dass alle Erfahrungen, die man im Leben macht, irgendwo im Gehirn zuverlässig gespeichert werden, denn das Gedächtnis revidiert sich im Laufe seines Lebens immer wieder selbst. Während des Erinnerungsprozesses wird lediglich eine Auswahl getroffen, die wiederum einer permanenten Veränderung durch den gegenwärtigen Perspektivenwechsel oder Akzentverlagerungen unterliegt und den eigenen Gesetzmäßigkeiten und Bedürfnissen folgt, wie etwa dem Anspruch, eine kohärente Lebensbeschreibung zu produzieren.
Somit ergibt sich eine unüberbrückbare Kluft zwischen den zurückliegenden Ereignissen und deren retrospektiver Aufbereitung und Darstellung. Der Nutzen allen autobiografischen Erinnerns kann neben dem Wunsch sich hervorzutun darin liegen, das eigene Selbst mit Sinn auszustatten, um für sich selbst ein stimmig-übersichtliches Ganzes zu schaffen.
Mit anderen Worten: Eine Autobiographie ist kein historisches Dokument, aber auch kein Roman. Sie ist eine Erfindung, im schlechtesten Fall eine Lüge, ein Fake. Skepsis ist also angesagt, wenn uns Fußball- und andere Stars ihr Leben verzapfen mit dem Anspruch, ja so war’s und nicht anders, und damit meinen, die Sehnsucht der Leser nach einer authentischen Person befriedigen zu können. – Habt ihr eine Ahnung!
Philosophie-Blog - 13. Aug, 10:00


Klatschpresse
Man liest doch nur, wenn man Bücher liest. Bildung ist Belesenheit!
Ich lese Biographien! Ist doch lobenswert,oder?
Klatschpresse - Daumen runter!
Wichtig ist jedoch, wenn man etwas liest, dass man das auch Verstanden hat, anders kann man so belesen sein, wie man möchte.