Wie langweilig
„Am Anfang war die Langeweile.“ – So fundamental sieht sie der dänische Philosoph Sören Kierkegaard (1813-1855). „Die Götter langweilten sich, darum schufen sie die Menschen. Adam langweilte sich, weil er allein war, darum wurde Eva geschaffen. Von diesem Augenblick an kam die Langeweile in die Welt und wuchs an Größe in genauem Verhältnis zu dem Wachstum der Volksmenge. Adam langweilte sich allein, dann langweilten sich Adam und Eva und Kain und Abel en famille, dann nahm die Volksmenge in der Welt zu, und die Völker langweilten sich en masse. Schließlich bauten die Völker aus Langeweile den babylonischen Turm.“ – Kierkegaard zufolge ist die Langeweile nicht irgendeine beliebige Befindlichkeit des Menschen, sondern sie ist für die Entwicklung der menschlichen Kultur insgesamt verantwortlich. Langeweile kann aber auch die Wurzel allen Übels darstellen, das geht sogar so weit, dass die Menschen Kriege aus Langeweile führen, so die Ansicht von Emile Chartier. Gerade auf den Ersten Weltkrieg mag dies durchaus zutreffen. Aber gab es Langweile schon immer? Als Phänomen taucht sie in der Literatur und Philosophie der Romantik auf und damit ist sie erst seit gut zweihundert Jahren ein zentrales Kulturphänomen. Allerdings sind auch ähnliche Phänomene aus früheren Zeiten bekannt, so zum Beispiel das taedium vitae, der aus der Erfahrung des immer Gleichen entspringende Lebensüberdruss, den Seneca beschrieben hat, oder die acedia, die in manchen frühen Klöstern geradezu epidemische Ausmaße annahm und von der klassischen Theologie der Kirche zur schwerwiegendsten Sünde erklärt wurde, weil sie den Ursprung für alle anderen Sünden bildete.
Der norwegische Philosoph Lars Svendsen (Kleine Philosophie der Langeweile, Frankfurt/M. 2002) hält Langeweile für „eine Stimmung, die sich durch Qualitätslosigkeit" auszeichnet. Somit seien Langeweile und fehlender Sinn letztlich dasselbe. Svendsen unterscheidet zwischen zwei Formen der Langeweile, einer situativen, die wesentlich überzeitlich existiert, und einer existentiellen.
Langeweile enthält stets ein kritisches Element, denn wo sie zunimmt, weist „die Gesellschaft einen ernsten Fehler auf“. Dieser Fehler bestehe, so Svendsen, im „Verlust eines Ganzheitssinnes“. Langeweile entspringe einer modernen Technologie, die den Menschen mehr und mehr zu einem passiven Konsumenten mache, welcher sein Leiden paradoxerweise durch Konsum „sozialer Placebos“ aufzulösen suche. Diese Placebos wiederum haben ein nur "kurzes Verfallsdatum".
Philosophen ist anscheinend nie langweilig, sonst würden sie sich nicht auch darüber Gedanken machen, was nicht heißen soll, dass sie zu viel Zeit hätten. Sie sind realistisch und erkennen ein Problem, zu dessen Lösung sie auch Tipps anbieten. Blaise Pascal etwa empfahl, ein Verhältnis zu Gott aufzubauen. Andere - insbesondere der eine oder andere Aufklärer - erblickten das Heilmittel in der Arbeit, Friedrich Schlegel in einer alles verschlingenden Liebe und Schopenhauer in der ästhetischen Erfahrung.
Ich persönlich halte Wachheit, Eigenständigkeit und Interessiertsein für die besten Voraussetzungen gegen Langeweile, wobei sie als „Mittel“ gar nicht bewusst eingesetzt zu werden brauchen, denn wer wach, eigenständig und interessiert der Welt begegnet, bei dem kommt Langeweile niemals auf. Er bedarf nicht der permanenten Anregung von außen, er belebt die Welt mit seinem Interesse, sie schließt sich dadurch für ihn auf und wird wiederum dadurch interessant für ihn. Man könnte sogar sagen, der Philosoph kennt keine Langeweile, denn durch seine Fähigkeit zu staunen und zu zweifeln, durch sein Fragen hat er genug zu tun. So sind Menschen, die sich langweilen, einfach langweilig. Beklagen sie sich darüber, dass in ihrem Leben nichts los ist, so deshalb, weil mit ihnen nichts los ist.
Philosophie-Blog - 16. Aug, 10:00

