Von Fröschen und blind schleichenden Prozessen
Wie das Leben verläuft, überrascht einen immer wieder. Interessant ist zum einen, dass Entwicklungen vollkommen gegenteilig zu den ursprünglichen Absichten verlaufen können. Verhältnisse entwickeln sich anders als geplant und man gerät dadurch in genau die Situationen, denen man immer schon zu entgehen hoffte. Und das passiert meist dann, wenn man etwas Bestimmtes nicht nur erreichen, sondern erzwingen wollte. Diese Strategien sind als escalation of commitment (übersteigertes Engagement für ein Ziel) bekannt geworden. Beispiele: Je mehr einer beim Glücksspiel verloren hat, desto mehr Geld setzt er ein. Oder: Vermeintlich meisterhafte technische Innovationen werden stur gefördert, obwohl sie nichts bringen als weiter Kosten zu verursachen. Begründung: Die vorangegangenen Investitionen sollen doch nicht vergebens gewesen sein. Und auch das kennt jeder: Wut, Streit und Enttäuschung in Beziehungen und Ehen. Aber trennen will man sich doch nicht und macht weiter.Unter diesen nicht-intendierten, also gegenabsichtlichen Lösungen sind Lösungen zu verstehen, die deutlich machen, dass die Lösung das eigentliche Problem erst hervortreten lässt. Mein Lieblingsbeispiel dazu: In einer ohnehin wasserarmen Region der USA wird während einer Trockenperiode die Bevölkerung von der Administration eindringlich dazu aufgefordert, Wasser zu sparen. Was passiert? Aus Angst, irgendwann auf dem Trockenen zu sitzen, steigt der Wasserverbrauch. Auch hier wird das Problem durch die Problemlösung verschärft.
Abgesehen von solchen Extremsituationen machen wir im Alltag wie im Leben als ganzem immer wieder Erfahrungen, die die so genannte Ironie des Schicksals bereithält. Jähe Wendungen, abenteuerliche Konstellationen, Verstrickungen und Ereignisse, die man in keinem Roman findet, kommen auf diese Weise zustande. Da dachten wir eben noch, autonom zu handeln, „alles im Griff“ zu haben - und schon werden wir zum Zuschauer von katastrophischen Entwicklungen und müssen einem Schauspiel folgen, das tragisch und komisch, meistens beides zugleich ist.
Zum anderen finde ich noch viel erstaunlicher, dass man die Entwicklung, die zum eigenen Nachteil verläuft, selbst gar nicht wahr nimmt, es sind schleichende Prozesse, für die man wie blind zu sein scheint.
Was haben nun diese blind schleichenden Prozesse mit Fröschen zu tun? Das Problem mit Veränderungen besteht darin, dass Übergänge meist nicht sprunghaft vonstatten gehen, sondern kaum spürbar. Wer man wurde, sieht man selbst erst im Nachhinein. Erst wenn etwas war, merkt man, was ist. Das heißt, das, was ist, sieht man im Augenblick nicht. Deshalb spricht der Philosoph Ernst Bloch vom „Dunkel des gelebten Augenblicks“, in dem man vollkommen aufgeht und von ihm absorbiert wird. Was gerade passiert, ist nicht erkenn- oder erklärbar. Ein Zustand wird vollständig sichtbar, wenn er durch einen anderen abgelöst wurde. So hinken wir mit unserer Wahrnehmung immer hinterher.
Besonders dramatisch wird das am boiling-frog-Syndrom deutlich: Wirft man einen Frosch in sehr heißes Wasser, dreht er durch und wird alles tun, um zu entkommen. Setzt man ihn in lauwarmes Wasser und erhöht nach und nach die Temperatur, lässt er sich zu Tode kochen, ohne sich zu wehren. Fazit: Von Veränderungen werden wir in den seltensten Fällen überrannt, sie verlaufen schleichend. Am Ende haben wir sie nie so gewollt – Gerade Widrigkeiten nimmt man hin und scheint wie blind dafür zu sein.
Krankheiten verlaufen oft nach diesem Muster oder Entwicklungen der eigenen Persönlichkeit nehmen erstaunliche Formen an. Man hielt sich zum Beispiel stets für liberal, offen und großzügig, aber langsam und unmerklich nimmt man reihenhäuslerisch-engstirnig-bigotte Wesenzüge an, die man an anderen immer ganz grauenhaft fand. Am schlimmsten jedoch sind Modifikationen in Beziehungen. Was zu Anfang liebe- und rücksichtsvoll, einfühlsam und geduldig begann, verkommt zu einem respektlos-unwirschen Beziehungsdebakel, zu Verhaltensweisen, die man vorher hochnäsig ins Interaktionsrepertoire der Unterschicht verwiesen hätte.
Vielleicht sind wir alle kochende Frösche. Also ich spring jetzt erst mal ins kalte Wasser.
Philosophie-Blog - 20. Aug, 10:00


Aber wahrscheinlich funktioniert dieses Forscher-Verhalten nach dem eben beschriebenen Muster: man hält sich für fortschrittlich-gutgesinnt allen Wesen gegenüber und denkt, nur mit friedlicher Philosophie die Welt erklären zu können. Und dann müssen zu Anschauungszwecken - schwupps - doch Frösche kochen. Sind doch nur Frösche. Und ist doch alles für wissenschaftliche Zwecke ...
Frösche
Da kommt wieder die Tierliebe durch - Kritik am Autor, weil er diesen Metapher verwendete. Haette ich niemals gewagt dies in dieser Form zu tun. Stattdessen haette ich mich um den Inhalt des Beitrages bemüht. Dieser Beitrag handelt naemlich von uns, vom jeden einzelnen Bürger, es handelt auch von dir, oder fühlst du dich nicht angesprochen? Es handelt davon, wie dumm wir mittlerweile schon (gemacht worden) sind..