Das deutsche Wesen
Deutsche sind ja relativ leicht zu verunsichern. Das liegt daran, dass sie zurzeit nicht recht wissen, worüber sie sich definieren sollen. Früher konnte man sich über den Sieg über Frankreich freuen. Danach über die Kolonien, man hatte den „Platz an der Sonne“, wie es damals hieß (also lange bevor es die Fernsehlotterie gab). Es herrschte ein Kaiser und jede Menge Militär. Die desaströse Erfahrung des Ersten Weltkrieges brachte eine gewaltige Ernüchterung. Die Weimarer Republik wurde ambivalent erlebt, tendenziell eher abgelehnt. Ab 1933 wurden die gekränkten Großmachtallüren wiederbelebt. Es gab einen starken Mann, der zumindest so tat und einen Wirtschaftsboom mittels Aufrüstung inszenierte und die Deutschen in Uniform und Stiefel steckte, so dass sie dachten, sie seien wieder wer. Allerdings wurden sie gehörig in ihre Grenzen verwiesen. Der Aufschwung in den 50er Jahren machte es für die Deutschen wieder möglich, sich über ihr Lieblingsthema zu definieren: über die Wirtschaft. Leider machen sie ihr ganzes Selbstwertgefühl davon abhängig, deshalb sind sie schon seit Jahren so schlecht drauf. Aber es gibt natürlich mehr über ihre Gemütsverfassung zu sagen.
Bezüglich des deutschen Charakters und der deutschen Mentalität stimmen In- und Ausland darin überein, dass ‚die Deutschen’ zu rationalem Leistungsdenken und zu gemütlicher Innerlichkeit neigen. Die Kehrseite der Leistung ist die Gemütlichkeit, um die sich Themen wie „Weihnachten“, „Zuhause“ und „Geselligkeit“ (Schrebergarten, Fußball-Verein etc.) ranken.
Gerne sehen sich die Deutschen als Dichter und Denker und natürlich als der Welt beste Autobauer. Sie halten überhaupt viel von ihrer Kultur: Auf die Frage „Was gehört vor allem zu unserer Kultur?“ wurden genannt: 1. „Allgemeine Schulpflicht“, 2. „Deutsche Sprache“ und 3. „Meinungsfreiheit“. (Deshalb lesen auch 12 Millionen Deutsche täglich die BILD-Zeitung.)
Eine internationale Wertestudie wollte erforschen, was die besten Eigenschaften der Deutschen sind. Heraus kam, was wir ohnehin ahnten: Fleiß, Ordnungsliebe, Pünktlichkeit und Sauberkeit. Als Erziehungsziele wurden Unabhängigkeit, Energie, Ausdauer und Sparsamkeit genannt. Trotz rechtsradikaler Strömungen zeichnet sich im Allgemeinen ab, dass die Deutschen in den letzten Jahrzehnten einen außerordentlich geringen Nationalstolz aufweisen.
Als Macke der Deutschen wurde festgestellt eine Tendenz zur Mutlosigkeit, zum Schwanken zwischen hochgespannten Erwartungen und Schwarzseherei. Auffällig ist bei den Deutschen eine besonders ausgeprägte Emotionalität, die zu einem unberechenbaren Wankelmut führt. Die Neigung zur tiefen, friedlichsten Idylle, die unvermittelt in Gewalt umschlagen kann, kennzeichnet die deutsche Psyche.
Bei der Selbstbeschreibung der Stimmungen geben die Deutschen an, stark zwischen Glück und Unglück zu schwanken – ein Phänomen, das in keinem anderen Land zu beobachten war, außer – und hier wird’s richtig interessant – bei den Amerikanern. Die Bevölkerung der USA wies als einzige den gleichen Grad an Emotionalität auf wie die deutsche. (Ein großer Teil der Amerikaner hat deutsche Vorfahren, d.h. mehr Amerikaner können sich auf ihre deutsche Herkunft berufen als auf eine englische, irische, italienische oder spanische!)
Dieses Hin- und Hergerissensein manifestiert sich in beinahe schizoiden Zügen, die sich in der anscheinenden Vereinbarkeit von Tugendhaftigkeit und Grausamkeit beziehungsweise von Idylle und Rassismus zeigt: So kriegen die USA Freiheit, Menschenrechte und Demokratie mit Abu Ghraib und Folter unter einen Hut. Die Deutschen kultivierten in der Nazizeit sentimental-idyllisches Lebensgefühl neben Militarismus und Massenmord.
Bleibt also immer noch die Frage: Was ist deutsch? Wobei allein diese Frage schon deutsch ist, hat doch Friedrich Nietzsche behauptet: „Das Kennzeichnende der Deutschen ist, dass die Frage: Was ist deutsch? bei ihnen niemals ausstirbt.“
Philosophie-Blog - 5. Okt, 08:48

