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Ich töte, also bin ich.

AmokBlogWas heißt hier, aus Rache hat ein 18jähriger mit Gewehren, Sprengfallen und Rauchbomben seine ehemalige Schule überfallen? Wie demütigend muss es für ihn gewesen sein, eine Schule zu besuchen, welch unterdrückende Lehrer und schikanierende Mitschüler muss er gehabt haben! Oder um welch megalomanen Akt eines austickenden Jugendlichen muss es sich hier gehandelt haben? Steht diese Tat für die mentale Verfassung manch anderer seiner Generation? Wie auch immer: Jetzt fuchteln wieder die Experten aus ihren Mauselöchern heraus. Und alle haben sie natürlich Recht. Zunächst ist die Unfassbarkeit groß, sind doch Kinder und Jugendliche der Spiegel der Gesellschaft.
Eine Gesellschaft wie die unsere braucht allerdings irgendwelche Spinner, die - je bizarrer und gewalttätiger desto besser - durchdrehen, damit sie sich aufregen und empören und geschockt sein kann: „Da sieht man es mal wieder: Geht es nicht bergab mit uns! Bei den Schulen! Und den Eltern! Die Computerspiele, der Medienkonsum. Alles spricht für einen Werteverfall.“ Etc. – Das übliche Repertoire der Selbstgeißelung.

Was ist passiert? Das als Krieger getarnte Milchgesicht, wie es von den Boulevardzeitungen guckt, wollte einen Rachefeldzug antreten. – Wer immer mehr zum Verlierer wird, baut sich mit Selbstüberschätzung wieder auf. Wer über keine Identität verfügt, braucht geliehene Rollen. Wer keine lebensbejahenden Vorbilder hat, ahmt Gewalttäter realer oder fiktiver Art nach. In wessen Leben sich nichts abspielt, der greift eben zur großen Inszenierung: Internetauftritt. Ganz wie Al Qaida. Waffen wie der Terminator. Die große Mission. Wie im Kino.

Das simple wie aussagekräftige Drehbuch schrieb er sich auf den Leib: Realitätsblind, der undefinierten Masse der „Anderen“ die Schuld zuweisend, in diesem Fall Lehrer und ehemalige Mitschüler, proklamiert er: "Ihr habt diese Schlacht begonnen, nicht ich. Meine Handlungen sind ein Resultat eurer Welt, eine Welt die mich nicht sein lassen will wie ich bin. (...) Bevor ich gehe, werde ich euch einen Denkzettel verpassen, damit mich nie wieder ein Mensch vergisst!" Das ist keine Kampfansage, sondern der tränenerstickte Schrei nach Anerkennung. Mit der für aggressive Menschen nicht seltenen Sentimentalität schließt er seine Mitteilung: "Als letztes möchte ich den Menschen, die mir was bedeuten, oder die jemals gut zu mir waren, danken, und mich für all dies entschuldigen!"
Verbitterung, Larmoyanz, Selbstmitleid und Hass befeuern die Psychodynamik eines Gewalttäters, der sich am Ende selbst tötet, denn wie die anderen, die ihn zum Verlierer gemacht haben, ist auch er nicht mehr lebenswert. Die im Internet veröffentlichte pseudohafte Kulturkritik des Amokläufers, er sei an seiner Schule von Materialisten umgeben gewesen, die ihn nicht als Freund haben wollten, ist der läppische Versuch, seinen Größenwahn mit Rationalität und Moralität zu kaschieren. Tatsache ist doch, dass er seinen Frust in der Verkörperung von Gewalt (seine Maskerade als Krieger) und im Konsum von Gewalt (Computerspiele wie „Counterstrike“) abzureagieren suchte und Gefallen daran hatte.
Offenbar hat sich niemand für den 18jährigen interessiert, so schuf er sich seine Ersatzwelt. Offenbar hat ihn niemand beachtet, deshalb jetzt die große Show um jeden Preis. Deutschland sucht den Nachwuchsrambo. Und hat ihn für einige Stunden entdeckt, ein paar Tage vielleicht. Dann ist etwas anderes wieder interessanter. Die Nummer muss erst mal getoppt werden.
Aber es ist viel schlimmer: Die Sinnlosigkeit ist ein größerer Sprengstoff als der des Realschul-Rambo von Emsdetten. Wer keinen Sinn von irgendwoher beziehen kann, dem bleibt nur die Destruktion, die Gewalt. Das letzte, das Einzige, worüber er sich noch definieren kann, wobei er sich noch spürt: Ich töte, also bin ich. Die einzige Lebensregung, das intensive Selbstgefühl vernimmt er angesichts des Todes anderer. Die Steigerung, der letzte Kick ist der eigene Tod: Ich werde mich selbst töten, als Zeichen dafür, dass es mich gab.
wolfgang - 23. Nov, 18:55

"Die Welt ist ungerecht!", sagt man doch so, oder?

Ich denke, dass es schon immer so war. "Die Welt war ungerecht!", und keiner Liebt mich. Gerade aus dem Bewußtsein heraus, dass man es nur zu was bringt, wenn einen der Detlef so richtig tight rann nimmt, das es nur so burnt, genau aus diesem Verständniss herraus können Menschen mit wenig bis keinem festem sozialen Umfeld gar nicht anders als laut zu schreien. Und wenn sie dann niemand hört?

"Deine 5-Minuten Ruhm"
Sie sind so greifbar, und entfernen sich dann doch. Ich würde gerne wissen, wieviel schmerz, frust, hilflosigkeit und energie es braucht, den plan zu fassen sich selbst und andere zu töten, und diesen dann in die tat umzusetzen. Erschreckend. Meine Kinder werde ich zu Lebzeiten nicht los lassen, versprochen!

Tct - 24. Nov, 10:38

populistisch Killerspieldebatte

Ich finde es schade, dass selbst gute journalisten den Massenmedien hinterher rennen und Computerspiele als Ursache dieses Amoklaufs nennen.

Würden sie sich die mühe machen besser zu rechaschieren, hätten sie Information gefunden, dass es eindeutig nicht belegt ist, dass Computerspiele gewalttätiges Verhalten fördern.

Vor allem aber die Anführung von Counter-Strike ist komplett aus der Luft gegriffen. Nur weil es der populärste Ego-Shooter ist, wird er immer wieder in den Medien angeführt, obwohl Sebastian B. diesen nie spielte.

Wer wirklich mal die Wahrheit wissen möchte, sollte folgende Artikeln lesen:
http://www.4players.de/cs.php/dispbericht/-/5015/0.html
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,449843,00.html

Philosophie-Blog - 26. Nov, 22:39

Mit dem Verbot von Computerspielen ist das Problem nicht gelöst, auch wenn manche Politiker das Gegenteil behaupten. Denn die "Ursache des Amoklaufes" war nicht der Konsum von gewalthaltigen Computerspielen. Ausschlag gebend für den Amoklauf war vielmehr die Erfahrung von Sinnlosigkeit.

Kaum jemand hat den Verlust von Sinn dramatischer beschrieben als die Philosophin Lenore Kühn: "Niemand kann ohne Sinn leben; findet er keinen, so erfindet er einen, sonst erhebt sich das Medusenhaupt der Sinnlosigkeit, vor dem jedes menschliches Leben erstarrt und stirbt." - Und bei Sebastian B. ist eben die Erfindung von Sinn gescheitert oder vielmehr in die Irre gegangen. Seine Ersatzwelt hat ihn von sich selbst entfremdet. Wie weit Selbstentfremdung gehen kann, hat er gezeigt mit dem Schuss in den Mund.

P.S. Die "Wahrheit" in irgendwelchen Medien finden zu wollen, halte ich für etwas leichtgläubig, die Wahrheit über Sebastian B. wüsste nur er. Und selbst da wäre ich mir nicht so sicher.
Perspektive2010 - 14. Dez, 01:55

Das Hauptproblem ist doch, dass das meiste Leid, was heute auf diesem Planeten geschieht, von Menschen verursacht wird. Die natürliche Auslese ist der sozialen Auslese anhand materieller Überflüssigkeiten gewichen und wer nicht spurt, wird gnadenlos ausgerenzt, gemobbt und sozial für tot erklärt. Es ist das System als Ganzes, das krank ist. Es schädigt die meisten Menschen, bloß um einigen wenigen immer mehr Überfluß an Überflüssigem zu garantieren, aus dem sich Macht über die Massen ergibt. Es ist die Armut der Moderne, neben der materiellen insbesondere die geistige Armut, die solche Biographien wie jene von Bastian B. aka ResistantX erzeugt.

Dass weiterhin niemand gemerkt hat, was wie lange in ihm vorging, läßt vor allem auch darauf hin, dass er alleine gelassen wurde - von allen, auch seiner Familie. Verantwortung füreinander zu übernehmen, auch in der Familie, scheint nicht mehr "in" zu sein. Die Eltern lassen ihre Kinder alleine und irgendwann sind sie es, die in Pflegeheimen alleine gelassen werden. Das System fördert die Vereinzelung und Verantwortungslosigkeit in alle Richtungen. Was als einzige Lösung bleibt: ein Systemwechsel, ein brachialer. Die Zeit ist zu knapp, um weiter pfuschen und flicken zu können.

Gruß

Alex

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