Der innere Augenzeuge
Jeder steht in der Verantwortung, sein Leben selbst zu führen und sich vor sich selbst zu rechtfertigen. Sein innerer Augenzeuge kann dabei leiten. Die Inspiration dazu fand ich in dem Roman „Wandlungen einer Ehe“ des ungarischen Schriftstellers Sándor Márai. Er schreibt, „im Leben eines jeden Menschen gebe es einen Augenzeugen, den man von Jugend auf kenne, und dieser andere sei stärker, und man setze alles daran, um das Schlechte, das in einem ist, vor diesem ungnädigen Richter geheim zu halten. Der Augenzeuge glaubt einem nicht. Er weiß etwas, was andere nicht wissen. (…) Man mache im Leben alles ein wenig mit Blick auf diesen Augenzeuge, er sei es, den man überzeugen, dem man etwas beweisen wolle.“
Mindestens drei Aspekte darin sind von philosophischer Relevanz: Dieser Augenzeuge kennt einen schon sehr lange, von Jugend auf. Er kennt die Entwicklung, zur der man angestoßen wurde, die man durchlaufen hat oder durchlaufen musste. Wer einen lange kennt, dem macht man weniger leicht etwas vor, denn er kennt die Schwächen und Schattenseiten, die Widersprüche und Wünsche. Er ist unbestechlich. Auch gemahnt dieser Augenzeuge daran, was man werden, welchen Weg man gehen sollte, um sich immer wieder zu finden. Der Augenzeuge gemahnt also zur Treue zu sich selbst, warnt vor Selbstbetrug. Und was bedeutet Treue anderes als die Erinnerung daran, was man ursprünglich mit sich vereinbart hatte? Seinen Abmachungen treu zu sein heißt nicht nur, dass man sich erinnert, sie getroffen zu haben, sondern, dass man sie lebendig erhalten, also danach leben will. Vor diesem Augenzeugen möchte man nicht nur „gut dastehen“, sondern sich bewähren.
Ich stelle mir diesen Augenzeugen nicht etwa als Person im Außen vor, sondern als inneren Augenzeugen. Wobei dieser innere Augenzeuge nicht etwa ein Zensor ist, eine Art inneres Tribunal, ein Über-Ich, in dem die verinnerlichten Dressate einer Elterninstitution sich artikulieren, und auch keine gesellschaftlich-kulturell geprägte Gewissensinstanz. Der innere Augenzeuge ist der Begleiter und Beobachter, den man sein Leben lang kennt. Nicht Verfolger! Als Begleiter kann er durchaus kritisch kommentieren, aber auch wohlwollend sein, er bestimmt mit, was gut oder schlecht für einen ist. Dieser innere Augenzeuge ist mehr als eine innere Stimme oder eine Intuition. Er vermittelt einen mit sich selbst. Er ist Reflexion, eine Möglichkeit zum offenen Umgang mit sich selbst.
Der innere Augenzeuge leitet dazu an, die Ereignisse des eigenen Lebens als Chiffren wahrzunehmen, in denen sich etwas von den einem selbst verborgenen Facetten der eigenen Person ankündigt. Als Spuren und Zeichen der Selbstoffenbarung können Lebensereignisse aber nur dann wahrgenommen werden, wenn sich im einzelnen Ereignis Züge der ganzen Lebensgeschichte verdichten, wenn das Ereignis Ahnungen weckt. Und Pflege des inneren Lebens ist die Auseinandersetzung mit demselben und dessen Betrachtung.
So ist der innere Augenzeuge ein Bezugspunkt, der das eigene Denken, Fühlen, Handeln und Wollen begleitet. Jemand, der älter scheint als man selbst, der souverän sieht, was ist. Er scheint mir auch der problematische Anwalt der Freiheit zu sein, problematisch deshalb, weil er auf das Dilemma, das Drama der Freiheit hinweist: Du bist frei, das Gute zu tun. Du bist aber auch darin frei, das Schlechte zu tun. Wir wissen, was er meint, wir handeln mit oder gegen das Gute. Immer aber schwingt die Ahnung mit, wie das Gute aussähe. Wir ahnen, was der innere Augenzeuge sagen würde und setzen uns aber dennoch manchmal über ihn hinweg. Meist aber wissen wir, was wir tun und worin die Folgen bestehen, ohne den inneren Augenzeugen vorher befragt zu haben, denn es reicht, von ihm gesehen zu werden. Die Selbstprüfung also lautet: Verhalte ich mich stets so, dass mir der Augenzeuge dabei zusehen könnte?
Philosophie-Blog - 25. Nov, 14:13

