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Weihnachten ist pervers

WEihnachtsblog06_bWeihnachten ist vermutlich gleich nach Sex das Ereignis, das mit unverhältnismäßigen Erwartungen überfrachtet ist. Woody Allen hat auf die Frage „Ist Sex schmutzig?“ geantwortet: „Wenn du’s richtig machst, schon.“ Keine Ahnung, was das mit Weihnachten zu tun hat. Ich wollte nur sagen, das Vorspiel zum Höhepunkt Heiliger Abend dauert lange, viel zu lange, mindestens vier Wochen. Die Supermärkte beginnen ja schon im September damit. Und weil das Vorspiel viel zu lange ist, kann man an Weihnachten selbst nicht mehr. Wenn es dann so weit ist, kommen manche gar nicht, gar nicht dazu, Weihnachten etwas abzugewinnen. Der Hl. Abend bzw. die Bescherung findet im Kopf statt (wie der beste Sex auch). Da schneit es, im Kamin knistert das Feuer, das Haus duftet nach Bratäpfeln, in den Kinderaugen spiegelt sich der Kerzenschein. Alles ist ruhig und friedlich. Man ist freundlich. Auch noch am zweiten Weihnachtsfeiertag freut man sich über die Geschenke und ist keineswegs gelangweilt. Man liebt die Bescheidenheit. Es ist ein reines Fest der Liebe.
Von wegen! Weihnachten ist nicht wie es scheint. Und glitzert und leuchtet und lamettert. Da wird lamentiert, es sei sinnentleert, degeneriert und kommerzialisiert sowieso. In der Tat: An den Tagen vor Weihnachten strömen die Menschen in die Geschäfte, als fielen Lebensmittelknappheit, Kriegsausbruch und Ausgangssperre wieder mal auf die Zeit vom 24. bis 26. Dezember. Alles in allem: Weihnachten ist so gesehen ab-artig. Und das heißt doch per-vers, oder?
Perversion (von perversus: verkehrt, widersinnig) ist im allgemeinen Sprachgebrauch die abwertende Bezeichnung für verschiedene Formen abweichenden, von der Gesellschaft als störend empfundenen Sexualverhaltens. In der Psychologie bezieht sich der Begriff Perversion vor allem auf zwanghaftes Verhalten. (Eine Studie der Karlsruher Unternehmensberatung German Consulting Group unter 525 Arbeitnehmern ergab: 52 Prozent der Befragten nutzen die Weihnachtsfeier ihres Unternehmens gezielt für die Suche nach einem Abenteuer oder einem neuen Partner. Da werden sich Ochs und Eselin schon finden. Aber das nur nebenbei.)
Sigmund Freud verstand Perversionen als eine Form zurückgebliebenen Verhaltens, indem er das Kleinkind mit seiner zumeist unterdrückten Sexualität als „polymorph pervers” definierte: Da es für seinen bereits vorhandenen Sexualtrieb kein angemessenes Betätigungsfeld findet, sucht es Zuflucht in Verhaltensweisen, die in der Erwachsenenwelt als pervers gelten und dementsprechend unterdrückt werden. Von einer echten Perversion ist demnach aber nur dann zu sprechen, wenn der spätere Erwachsene auf dieser frühen sexuellen Entwicklungsstufe stehen bleibt. Es entsteht eine Fixierung, die nach der psychoanalytischen Lehre nicht nur zu fehlgeleitetem Sexualverhalten, sondern auch zu Neurosen führt.
Weihnachtsrelevante Formen der Perversion im engeren Sinne sind Bestialität, Nekrophilie (erschlagene Fische, totes Geflügel), Sadismus („Das Fest vermiese ich dir.“ „Irgendwann drück ich ihm das Waffeleisen ins Gesicht.“), Masochismus (der jährliche Spruch: „Das ist das letzte Weihnachten, das ich mit diesem Tyrannen bzw. mit dieser prätentiösen Zicke verbringe!“) Fetischismus (Ich kaufe, also bin ich. Ware ist alles), Voyeurismus („Was haben die anderen gekriegt, wie feiern die denn?“) und Exhibitionismus („Seht mal, was wir alles schenken oder geschenkt bekommen haben!“)

Einfach abartig. Und nicht mal mehr Zimtsterne darf man wie gewohnt in rauen Mengen vertilgen. Cumarin! Schädigt angeblich die Leber und kann Tumore hervorrufen. – Pah! Was soll’s? Her mit dem Zeug!

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