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Dienstag, 28. Oktober 2008

Von der Zeugemutter und ähnlichem Zeug

Kennen Sie Eduard Engel? Bis 1931 hatte sein Bestseller, "Deutsche Stilkunst“ bereits die 31. Auflage erreicht. Beneidenswert. Ich wäre für meine vergangenen und künftigen Bücher mit einem Drittel dieser Leistung zufrieden.

Vor geraumer Zeit kam ich in den Besitz der 17. Auflage seines Buchs, 1913 gedruckt. Der schöne Einband hat wie alle antiquarischen Bücher natürlich eine eigene Geschichte. Ich bekam ihn als Geschenk von einem lieben Freund, der seinen Namen in dieser Glosse ungern sieht. Der erste Besitzer – d.h., bevor mein namenloser Freund vor vielen vielen Jahren das Buch erworben hatte – hieß Dr. Klut und lebte in Berlin-Lichterfelde. So steht es jedenfalls auf einem Stempeldruck auf der Titelseite. Dr. Klut klebte ein kleines, gedrucktes (heute vergilbtes) Papierquadrat auf die Seite gegenüber vom Titelblatt. Darauf ist ein Gedicht des niederdeutschen Lyrikers Klaus Groth (1819-1899) zu lesen. Ich zitiere: "O Muttersprache, recht und schlicht/ Du alte fromme Red’!/ Wenn nur ein Mann ‚mein Vater’ spricht,/ So klingt mir’s wie Gebet!“ usw.

Sie sind schon im Bild: Für Dr. Klut – und für viele seiner Zeitgenossen – galt Engels "Deutsche Stilkunst“ als hehres Monument der deutschen Sprache. Der Autor war, so nehme ich an, eine Art Reich-Ranicki für damalige Sprachpatrioten. Kein Wunder, dass eins seiner Lieblingsthemen die Fremdwörter waren.

Ja, lieber Leser, wir sind wieder bei den Fremdwörtern angelangt. Klar, dass Engel strikt gegen ihren Gebrauch war. Dennoch räumte er ein, dass es widersinnig sei, Fremdwörter "in ungewohntes stümperndes Deutsch“ zu übersetzen. Insofern war er auch Realist.

So ein "ungewohntes stümperndes“ Wort war bestimmt "Zeugemutter“ – zu Deutsch "Natur“.

"Zeugemutter“ ist eine Schöpfung des Schriftstellers Philipp von Zesen (1619-1689). Herr von Zesen setzte sich schon in jungen Jahren zum Ziel, seine Muttersprache von Fremdwörtern zu säubern – damals stammten die meisten Fremdwörter aus dem Lateinischen. 1642 – das heißt noch während des Dreißigjährigen Kriegs – gründete er in Hamburg die "Deutsch-Zunfft“, die sich um die Reinheit der Sprache kümmerte.

Eduard Engel (1851 geboren) liebte das Wort "Zeugemutter“. Ein Goethe hätte es erfinden können, so schön sei es, schwärmte er. Trotzdem verwendete der Stilpapst in seinem Stilbuch stets "Natur“, wenn es um die "Natur“ der Dinge ging. Man kann nur schließen: Engel betrachtete die "Zeugemutter“ als, tja, "ungewohntes stümperndes Deutsch“.

Zesen hat der deutschen Sprache überdies einige pfiffige Neuschöpfungen geschenkt – zum Beispiel "Vollmacht“ als verdeutschten Ersatz für die damals gebräuchliche "Plenipotenz“. Das war wirklich ein gelungener Wurf. "Plenipotenz“ klingt wie eine Vokabel aus der "Viagra“-Werbung. Auch "Schauburg“ stammt von Herrn von Zesen – es sollte als Alternative für "Theater“ dienen. Ich persönlich mag das Wort– hätte auch von einem Goethe erfunden werden können. In München gibt es übrigens ein Theater mit diesem Namen. Aber Theater bleibt Theater, und die „Schauburg“ steht ohne Bühne da. Im übrigen hat man Herrn von Zesen einiges Bekanntes zu verdanken: zum Beispiel, "Sturmwind“, "Kirchhof“, "Vogelfang“, "Notwehr“, "Spielart“, "Denkzettel“, "Flickwort“, "Barschaft“, "Sippschaft“ und "Begnadigung“.

Ja, die Fremdwörter. Seit beinahe 400 Jahren machen sich die Sprachpuristen Gedanken über ihren Gebrauch. Seit beinahe 400 Jahren diese Angst vor der Verunstaltung der Sprache durch das "Fremde“. Und siehe da! Es gibt die deutsche Sprache noch immer! Obendrein: Manche können damit recht elegant umgehen. Ich komme also zur üblichen Schlussfolgerung: Alles, was sich durchsetzt, ist Deutsch. Der Rest ist Geschichte. Das ist nunmal die Zeugemutter der Dinge.

Eine letzte kleine Ironie in Bezug auf den Sprachpuristen Engel, der zeit seines Lebens, um die Reinheit der deutschen Sprache bemüht war. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wurde der Sprachpatriot selbst als unrein geoutet. Er war nämlich Jude. Sein Buch verschwand bald aus den Buchläden. Er selbst verlor seine Pension und starb 1938 in armen Verhältnissen. Der Mann, der sein ganzes Leben gegen die Verfremdung der Muttersprache gekämpft hatte, wurde letztendlich selbst zum Fremdkörper. Ende der Geschichte.
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