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Wie perfekt ist das Perfekt?

Heute kostenloser Englischunterricht von dem Sprachbloggeur. Unser Thema: die Vergangenheit.

Grund des Unterrichts: Ich möchte Ihnen zeigen, dass man – zumindest vom grammatikalischen Standpunkt – leichter im Englischen als im Deutschen über die Vergangenheit reden kann – und damit meine ich das "Perfekt“ und das "Imperfekt“ (auch "erste Vergangenheit“ bzw. "Präterium“ genannt.). Das "Plusquamperfektum“ ist heute nicht mein Thema.

Fangen wir mit dem deutschen "Perfekt“ an. Wissen Sie warum, es "Perfekt“ heißt? Die "Perfektion“, von der hier die Rede ist, hat nichts mit der Vergangenheit, sondern mit der Gegenwart zu tun. Ein "Perfekt“ ist eine "vollendete (sprich "perfektionierte“) Gegenwart“. Beispiel: Der kleine Eddie sagt, nachdem er aus dem Fenster geschaut hat, "Mama! Es hat geschneit!“ Diese Form, so Duden, ("Richtiges und gutes Deutsch“ – ein gutes Buch übrigens!), drücke aus, "dass ein Geschehen vom Standpunkt des Sprechers aus gesehen zwar vergangen, aber doch auf seinen Standpunkt bezogen ist. Das Geschehen geht den Sprecher also noch unmittelbar an.“ Alles klar?

Nun zum "Imperfekt“, der ersten Vergangenheit also. Warum heißt es "Imperfekt“? Weil es nicht "perfekt“ ist! Es bezieht sich auf eine einfache Handlung, die in der Vergangenheit abgeschlossen wird. Etwa: "Die Firma schloss die Fabrik und zog ins Ausland.“ Wie gesagt: Es sind Handlungen, die in der Vergangenheit abgeschlossen wurden.

Klingt einfach, ist es aber nicht, vor allem nicht für arme Ausländer wie mich. Denn die Realität hat der Theorie längst einen dicken Strich durch die Rechnung gezogen. Ich zitiere wieder aus dem Duden, diesmal zum Thema "Imperfekt“: "Hiervon machen nur die Mundarten südlich der Linie Trier –Frankfurt – Plauen eine Ausnahme: Da hier Präteritum und Plusquamperfekt seit dem 16./17. Jh. geschwunden sind, ist der Sprecher in diesen Gebieten gezwungen, vergangenes Geschehen allein mithilfe des Perfekts darzustellen.“ Mit anderen Worten: In praktisch der Hälfte Deutschlands (das was Duden mit "nur“ bezeichnet) wird das "Imperfekt“ (und das "Plusquamperfekt“) in den Mundarten gar nicht verwendet! Das heißt: Alles, was vergangen ist, drückt man durch das Perfekt aus. Kein Wunder, dass auch Muttersprachler Perfekt und Imperfekt so oft durcheinanderbringen – sowohl in der gesprochenen wie auch in der schriftlichen Sprache.

Und jetzt zum Englischen. Was im Deutschen "Imperfekt“ heißt, nennen wir "simple past“; das deutsche "Perfekt“ ist unser "present perfect“. Unser "present perfect“ ist, wie das deutsche Pendant, eine Vergangenheitsform mit einem Bezug zu der Gegenwart. Damit hören die Ähnlichkeiten aber jäh auf. Unser "present perfect“ beschreibt stets eine Vergangenheit, die man weder zeitlich noch örtlich bestimmen kann. Das "simple past“ hingegegen ist eine Vergangenheit, die entweder zeitlich oder nach Ort festgelegt wird. Mehr ist nicht zu sagen.

Beispiel: "Have you seen the new Harry Potter film?” Nota bene: "present perfect“, weil hier keine Zeit- oder Ortsangabe erwähnt wird. Antwort auf diese Frage: "Yes, I have.“ Nota bene: Immernoch keinen bestimmenden Bezug weit und breit. Aber jetzt: "When did you see it“? Nota bene: "When have you seen it“ wäre hier ganz falsch. “When” heißt: Geben Sie mir bitte eine genaue Zeit- bzw. Ortsangabe. Antwort auf diese Frage: “I saw it yesterday.“ Alles klar?

Nebenbei: Im Englischen kennen wir zwei "present perfects“: Das eine haben wir bereits erörtert, das zweite wird "present perfect progresssive“ (zu Deutsch: "Verlaufsform“) genannt. Der Unterschied? "I have played football“ heißt, dass ich irgendwo oder irgendwannmal in der Vergangenheit Fußball gespielt habe. "I have been playing football all day“ ist hingegen eine plastische Beschreibung eines Ereignisses, das in der Vergangenheit anfängt und bis in die Gegenwart weiterwirkt. Die eine Zeit ist sozusagen ein Schnappschuss der Vergangenheit, die andere eine lebendige Filmaufnahme.

Zugegeben: Ich habe hier nicht alle Ausnahmen und Zweifelsfälle des Englischen beschrieben. Dennoch wage ich zu sagen: Über die Vergangenheit zu reden, geht allemal leichter im Englischen als im Deutschen.

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