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Die Metapher – eine Liebeserklärung

Mein erster Bericht über das Internet liegt beinahe 20 Jahre zurück. Was heißt Internet? Man tippte damals eine Telefonnummer ins Modemfenster des Bildschirms ein und loggte sich in eine mickerige Textseite voll mit Wetterberichten, Bonmots, Techietalk usw. ein. Das nannte man ein "Bulletin Board“ – etwa "schwarzes Brett“. Was heißt mickerig? Es war abenteuerlich und furchtbar aufregend.

Zugegeben, die Erfahrung war mit dem heutigen WehWehWeh kaum zu vergleichen. Das Einloggen erfolgte über eine FTP ("file transfer Protocol“ – "Dateiübertragungsverfahren“)-Verbindung. Man manövrierte im "Bulletin Board“ vermittels eines Menüs. Wie gesagt: Es waren alles Texte, keine Bilder. Ich schrieb damals einen Bericht über dieses Erlebnis, worin ich meinen Lesern erklärte, dass ich mich wie ein Einbrecher fühlte, der in einem dunklen Zimmer eines fremden Hauses im dünnen Strahl einer einsamen Taschenlampe in den Schubladen (d.h. Menüpunkte) anderer wühlte.

Ich wärme diese alte Geschichte nicht aus Gründen der Sentimentalität auf, sondern weil ich gerade über Metaphern nachdenke. Ich sehe schon, wie Schüler und diejenigen, die einst Schüler waren, zu stöhnen anfangen. Ich weiß: In der Schule lernt man den Begriff, "Metapher“ schnell hassen. Er wird den gelangweilten Zöglingen als Stilmittel“ verkauft, und wehe, wenn man nicht in der Lage ist, dieses Wort richtig zu definieren oder selbst eine Metapher zu produzieren. Schnell tritt der rote Stift in Aktion.

Doch, glauben Sie mir, eine Metapher ist mehr als nur Stilmittel. Sie ist ein unentbehrliches Gestaltungswerkzeug. Genauer gesagt: Man braucht Metaphern, um das Unbekannte verständlich zu machen. So war es erst recht im Fall des oben erwähnten "Bulletin Boards“. Sie müssen sich vorstellen. Damals hatten nur die wenigsten Eingeweihten "online“ Erfahrungen gemacht. Es fehlten überall Begriffe, um das Phänomen auch ein bisschen anschaulich zu machen. Da die ersten elektronischen "Schwarzen Bretter“ in den USA auftauchten, war es naheliegend, dass sie einen englischen Namen erhielten. Jeder Amerikaner konnte sich vorstellen, was mit "bulletin board“ gemeint war. Auch mein Bild des Einbrechers in einem fremden Haus war natürlich eine Metapher.

Es kann nicht verwundern, dass fast der gesamte heutige Internet-Wortschatz aus Metaphern besteht. Ob von der "Maus“, der "Datei“, dem "Ordner“ oder dem "Desktop“ die Rede ist, stets kreist es um griffige Bilder. Das "Netz“ selbst als Begriff ist eine Metapher. Es soll das Bild des Straßen- und Eisenbahnnetzes hervorrufen – immerhin die ältesten Informationsnetzwerke. Am Schluss steht das Spinnennetz für all diese Begriffe Pate. Metapher macht alles möglich.

Man greift stets zur Metapher, um Neuem, Unbekanntem einen Namen zu schenken. Denken Sie an den schnöden "Wasserhahn“. Ein namenloser Wortschmied meinte einst, dieses Ding sehe aus wie der Kopf eines Gockels. Nach der Erfindung des Flugzeugs (einst auch "Luftschiff“ genannt) holte man sich den dazu passenden Wortschatz vorwiegend von der Schifffahrt: "Flughafen“, "Kapitän“, "Stewardess“, "Pilot“, "Heck“, "Ruder“ auch die "Passagiere“.

Nicht nur neue Wörter entstehen als übertragene Bilder ("Metapher“ bedeutet "Übertragung“). Die menschliche Fantasie wird pauschal von Vorbildern beflügelt. Das Automobil ist ein mechanisches Pferd, das Flugzeug ließ sich vom Vogel inspirieren, die Glühbirne ist eine elektrische Kerze und und und.

Ich sehe schon. Ich treibe die Sache bereits etwas zu weit. Bald fange ich an, schreckliche metaphysische Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Ist die Sprache selbst eine Metapher? Und wenn, ja, wie heißt das Vorbild? Nein, heute keine Antwort.

P.S. Ich mache die nächsten zwei Wochen Urlaub in den USA, komme rechtzeitig dort an, um die Wahl mitzuerleben. Ich gebe mir trotzdem Mühe, einige Glossen zu schreiben. Sie werden aber wohl unregelmäßig erscheinen. Denken Sie daran: Auch eine Reise kann zur Metapher werden.

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