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Wie man klug wird

Ich bitte Sie, meine Damen und Herren, um Ihre geschätzte Aufmerksamkeit. Heute werde ich ein äußerst kompliziertes Kunststück vorführen. Ich werde beweisen, dass sich die alte Binsenweisheit, "kein Lernen ohne Leiden“ durch sprachgeschichtliche Mittel zu bestätigen ist. Staunen Sie noch nicht. Ich bitte aber um absolute Ruhe, sonst droht dem abgelenkten Artisten Schlimmes.

Es geht nun los…und zwar mit dem "Lehren“, das lediglich ein einziges, dünnhäutiges "N“ von seinem Verwandten "Lernen“ unterscheidet. Nein, bitte noch keinen Beifall.

"Lehren“ (und jetzt wird es spannend) bedeutete einst "gehen“. Ist doch klar. Um etwas zu lernen, muss man eine Strecke zurücklegen. Im alten Rom sagte man "lira“ – es handelt sich um einen Verwandten unseres "Lehrens“ – im Sinne von "Furche“. Wer lernt, schnitzt sich ins Gedächtnis eine gewisse "Furche“ ein.

Was heißt "einschnitzen“? Im Deutschen wird einem etwas "eingeschärft“. Messerscharf eingeschärft. Kein Lernen ohne Leiden also.

Ich bin dank eines Artikels aus der Münchener Abendzeitung (17. Juli 2008) auf diese Idee gekommen. Der Titel lautete "Die Schule AG“. Autorin Tina Angerer erzählte von einer neuen Privatschul-Kette, die momentan in Deutschland fuß fasst. Kollegin Angerer hatte die Münchener "Filiale“ besucht.

Es war ein einziges Wort in ihrem Aufsatz, das damals meine Aufmerksamkeit fixierte: "smartboards“. Ich zitiere: "Die gute alte Tafel gibt es in den Klassenzimmern nicht mehr – stattdessen hängen 'smartboards’ an der Wand: Der Lehrer kann manuell darauf schreiben, er kann das Bild seines Laptops an die Wand werfen, die Kinder können mit ihren Händen an der Wand Symbole antippen…usw“.

"Smart“ bedeutet im Englischen "gescheit“, "klug“, "intelligent“ und dergleichen. "Smart“ ist obendrein in der globalen Techiesprache zum beliebten Modebegriff geworden. Längst gibt es "smart screens“, "smartpens“ "Smartphones“, "smartcards“ usw.

Aber jetzt komme ich zum Höhepunkt meines Kunststücks: Das englische "smart“ ist mit einer sehr verbreiteten deutschen Vokabel eng verwandt: "Schmerz“. "To smart“ bedeutet auf Englisch "schmerzen“. Als Hauptwort wird "smart“ gebraucht, um eine schmerzende Wunde zu bezeichnen. "Smart“ als Adjektiv hat primär den Sinn von "schneidend scharf“ und von daher "intelligent“. Intelligenz und Schärfe sind wohl nicht zu trennen. Einschärfung, Furche, Lehren, Lernen. Oho.

Auch wenn die Zeiten der körperlichen Züchtigung Gott sei dank vorbei sind, bleibt uns der Schmerz, um "smart“ zu werden, nie erspart. Die Schmerztafeln, die Schmerzkarten, die Schmerzphones und alle sonstige Schmerzmittel machen immer klüger. Vielleicht hat der Weihnachtsmann auch Ihnen etwas Smartes unter den Baum gelegt.

Ich habe jetzt mein schwieriges Kunststück vollendet. Sie dürfen wieder reden.
Florian - 25. Feb, 11:53

Smartboards oO

Ist zwar nicht hauptsächlicher Inhalt dieses Artikels aber ich wollte nur mal sagen: Nur weil an manchen Schulen die ach so tollen Smartboards eingesetzt werden, heisst das noch lange nicht dass Schüler dadurch besser lernen. Das einzige was passiert, ist dass die Kinder mit noch mehr Reizen konfrontiert werden, mit denen sie eben nicht umgehen können.

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