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Freitag, 23. Juli 2010

Dichten durch Schwärzen

Kennen Sie auch Schreibblockaden? Fixiert Sie die weiße Textvorlage im Rechner oder das Blatt Papier so wie das eckig erstarrte Auge des Teufels? Dann kann Ihnen jetzt geholfen werden. Versuchen Sie es doch mal mit „Blackout-Poetry“. Reißen Sie sich eine beliebige Seite aus einer Tageszeitung oder einem Werbeblatt heraus, nehmen Sie einen dicken schwarzen Stift und beginnen Sie zu schwärzen. Richtig, einfach Textpassagen abdecken und die Sätze übriglassen, die für Sie Sinn ergeben. Mit dieser Technik werden Sie zum Gestalter einer höchst originellen Geschichte, die zwar auf zuvor Erdachtes zurückgreift, im Wesen aber ein Unikat ist.

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Der Erfinder ist der heute 27-jährige Austin Kleon. Der US-Amerikaner wollte Schriftsteller werden und hatte an Schreibseminaren teilgenommen. Am Ende scheiterte er allerdings an seiner Blockade. Doch der Kreativling, eher ein Zeichner als Texter, verfiel auf den umgekehrten Weg: Schreiben durch Auslöschen. Unlängst erschien seine Zeitungslyrik in einem Druckwerk im Harper Perennial Verlag, ein Durchbruch für ihn und seine neue Schreib- oder besser: Schwärzkunst.

„Austin ist der erste Schriftsteller mit eigenem Gedichtband, ohne dass auch nur ein einziges Wort davon aus seiner eigenen Feder stammt“, schreibt die „Süddeutsche Zeitung“. Als Grundlage benutzt er meistens die New York Times, entweder die Printausgabe oder sogar deren elektronische Ausgabe, die er auf dem iPad grafisch bearbeitet. Was nach seinen Schwärzungen davon übrig bleibt, reicht von Alltagsdrama, über gehässige gesellschaftliche Einlassungen bis zu flotten Sprüchen für Werbung und NGOs.

„Kreativität ist Collage“, verkündet der Erfinder der Backout-Poetry. Dazu bedarf es zwei oder drei bestehender Ideen, die zu einer neuen verschmolzen werden. Mit dieser schlichten Beschreibung trifft Kleon ins Schwarze. Ähnlich haben sich Kunst und Technik evoluzioniert. In einigen sehr strengen Augen ist ein solches Ideen-Gemenge anrüchig. Plagiat!, schallt es aus dieser Ecke. Frage: Wo verläuft die Grenze zwischen Erfindung und Nachahmung – was ist wirklich neu und originell?

Donnerstag, 15. Juli 2010

Kampf ums schwarz-rot-goldene Bundeshirn

Science Slam wird in Deutschland zum neuen Wissenschaftskult. Forscher steigen in die Bütt und präsentieren ihre neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse, nicht allwissend vom Katheder herunter und staubtrocken wie in ihren Veröffentlichungen, sondern unterhaltsam und populär. Im Braunschweiger Haus der Wissenschaft ist der Science Slam bereits zur Institution geworden. Dort fand unlängst das Deutschlandfinale statt. Gewinner aus Regionalwettbewerben trafen sich zum Wettkampf um das „schwarz-rot-goldene Gehirn“.

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Mit seinem Vortrag über Entropie und die Unumkehrbarkeit der Dinge gewann Martin Buchholz, Institut für Thermodynamik an der TU Braunschweig, den ersten deutschlandweiten Science Slam. Das ist ein schwieriger Begriff, den nicht mal der Brockhaus so beschreiben kann, dass er einem Nichtexperten klar wird. Entropie heißt Unordnung. Durch seine Ausdehnung entsteht im Weltall immer mehr Durcheinander, mit anderen Worten: Alles vermengt sich miteinander, wie in einem schlechten Eintopf.

420x315-pm0-bgFFFFFF-jpg-Sieger

Das ist ungefähr so, wie wenn im Luftraum alle Flugzeuge ohne Regeln chaotisch durcheinanderflögen. Irgendwann wird deshalb das Erdall zusammenbrechen und die alte Ordnung wieder hergestellt. Buchholz machte in seinem Slam-Beitrag sehr anschaulich und humvorvoll klar, dass diese physikalische Zustandsgröße auch unser aller Zeitgefühl prägt, und erläuterte dabei in einem kleinen Schlenker die Notwendigkeit von Kühltürmen in Kraftwerken.

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Zweiter Sieger wurde André Lampe, Universität Bielefeld, der am Beispiel des „Hodenknackerfischs“ dem Publikum ein Verfahren erläuterte, „Interleukin 1 beta“ im Blut schneller als bisher zu erkennen. Das Protein spielt bei vielen Krankheiten wie Alzheimer, Parkinson oder HIV eine Rolle und ist für unsere Gesundheit von großer Bedeutung. Den dritten Platz errang Martin Storbeck von der TU Ilmenau. Der Medienwissenschaftler verglich in einer rasanten Präsentation die Philosophie von Wikipedia mit der von konventionellen Enzyklopädie-Verlagen.

420x315-pm0-bgFFFFFF-2-jpg-Dritter

Vor rund 800 Zuschauern stiegen die „Überflieger“ der deutschen Forschungslandschaft in den Ring. Nach den bewährten Science Slam Regeln galt es für die Nachwuchswissenschaftlerinnen und Nachwuchswissenschaftler, mit einem populärwissenschaftlichen Vortrag die Aufmerksamkeit und die Herzen des Publikums zu gewinnen. Kriterium ist nicht die beste Forschung, sondern der beste Vortrag. Es gilt, ein wissenschaftliches Thema populärwissenschaftlich aufzubereiten und somit auch ein Laienpublikum zu begeistern.

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Weitere hochkarätige Beiträge widmeten sich der perfekten Steuer, die auf das Verhältnis von Einkommen und Konsum erhoben werden könnte, und winzigen Bärtierchen, die lebensfeindlichste Bedingungen im „Tönnchenstadium“ überleben. Andere Slamer beschäftigten sich mit der Bibelauslegung am Beispiel der Geschichte von Josef und Potiphars Gattin. Weiterhin zeigten sie, wie man medizinische Aufnahmen mithilfe der Mathematik vergleichen kann, wie viel CO2 vom letzten Röchler Julius Cäsars noch durch die Welt schwirrt, und warum Pauschaltourismus und Auslandssemester bereits im Mittelalter erfunden wurden.

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Das Haus der Wissenschaft Braunschweig ist eine Plattform für den Dialog der Wissenschaft mit anderen gesellschaftlichen Bereichen. Es fördert die Wissenschaftskommunikation und die fächerübergreifende Vernetzung der Wissenschaft mit Wirtschaft, Kommunen, Bildungsträgern, Medien, Kunst und Kultur sowie mit der interessierten Öffentlichkeit. Als Experimentier- und Lernort bietet es spannende Veranstaltungen und Ausstellungen für Menschen jeden Alters.

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Berliner Science-Slam: Wenn Wissenschaftler bolzen

Freitag, 9. Juli 2010

Urlaubsinseln für Verrückte

Jetzt erst recht nicht! Wenn Nachbarn und Freunde in die Sommerferien abrauschen, bleiben viele demonstrativ zu Hause. Basta! Dieser Hektik verweigern sie sich, obwohl das Fernweh an ihnen nagt.

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Das Autorenpaar Gabi und Rolf Froböse lässt diese Verweigerer dennoch auf ihre Kosten kommen. Sie halten für sie ein Büchlein mit einer Weltreise um den Globus parat, in der Leser von einer exotischen Insel zur anderen springen. Der Titel: Die 40 kuriosesten Inseln. Der erste Crazy Travellers' Tourist Guide. Mit Google Earth kann der Leser virtuell alle Eilande auch aufsuchen, darunter:

Bishop Rock, die kleinste Insel der Welt, 46 Meter lang und 16 Meter breit, westlichster Punkt Europas im Atlantik: Keine Palme ziert sie, sondern ein Leuchtturm mit einer abenteuerlichen Baugeschichte

Inaccessible, die „Unberührbare“, die sich hinter Steilküsten und unter dichtestem Buschwerk versteckt. Vor knapp 30 Jahren versuchten Ornithologen zum letzten Mal, die Insel zu durchqueren -- vergeblich

Die Wrangelinsel in der russischen Arktis, auf der bis 1700 v. Christus die letzten Mammuts zu Hause gewesen sein sollen

Die Kerguelen im Indischen Ozean, die den gleichnamigen Kohl hervorbringen, der sehr dankbar von Schiffsbesatzungen geernet wurde. Generationen von Seefahrern machten dort Halt, um Vitamin C zu tanken und dem drohenden Skorbut Paroli zu bieten

Die Diomedes-Inseln im Bering-Meer, wo „Amerika und Russland sich küssen“, wie die Autoren schreiben: Die eine gehört der ehemaligen Sowjetmacht, die andere zum US-Staat Alaska, nur von einem vier Kilometer breiten Wasserstreifen getrennt. Dennoch beträgt der Zeitunterschied zwischen beiden 24 Stunden, weil hier die Datumsgrenze verläuft.

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Es folgen 35 weitere Inseln, die viel unberührte Natur und Biodiversität, Historie und Seefahrerromantik umweht. Bei einigen vermisst der Leser das genuin Kuriose. St. Helena im Südatlantik war wohl nur eine Pflicht, weil dorthin Napoleon verbannt wurde – sonst ist das meiste bekannt darüber.

Das mit viel Wissenswertem garnierte Buch ist ein Kompromiss zwischen Papier und Bildschirm. Die Satellitenaufnahmen erscheinen ein wenig gleichförmig und auswechselbar. Man wünschte sich Fotos von den Inseln selber. Nachdem der Leser die Standorte bei Google Earth ermittelt hat, wird er sich vermutlich im Internet gleich weitere Bilder dazu suchen. Insofern vermählt der “Verrückten-Führer” Buchdruck-Vater Gutenberg mit Internet-Erfinder Tim Berners-Lee.

Foto: Wikimedia Commons

Donnerstag, 1. Juli 2010

Seifenopern fuer mehr Reis

NO SOAPS – dieses Tabu in der Wissenschaft wankt, jedenfalls in Asien. Dort ist Reis das wichtigste Grundnahrungsmittel, das allerdings in grosser Gefahr schwebt. Die Ernteertraege gehen zurueck, weshalb die Wissenschaftler zu unorthodoxen Massnahmen greifen, um die Anbaubedingungen zu verbessern. Mit Seifenopern im Fernsehen und im Radio erklaeren sie den Reisbauern, was sie gegen die Ausfaelle unternehmen koennen.

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Darueber berichtete unlaengst der Biologe K. L. Heong vom “International Rice Research Institute” (IRRI) auf einer Konferenz in Singapur. Die Seifenopern basieren auf Geschichten, die anschaulich und unterhaltsam sowie mit einem wirkungsvollen Spannungsbogen den Bauern vor Augen fuehren, was sie beim Reisanbau falsch machen.

Ein Grundproblem ist der Einsatz von Pestiziden, um gegen tierische Schaedlinge vorzugehen. Diese machen allerdings auch die Reispflanzen kaputt, besonders wenn die Dosen zu hoch sind. Das hat dazu gefuehrt, dass in Thailand dreiviertel des Anbaus nur noch mit zwei oder drei Sorten bestritten wird. Das Jahr 2010 ist dem Erhalt der Artenvielfalt gewidmet. Das grosse Reissterben macht deutlich, dass nicht nur seltene Pflanzen bedroht sind, sondern die Grundlage der Welternaehrung.

Diesem Trend wollen die IRRI-Soaps entgegenwirken. Die Loesingen sind einfach. Wenn die Reisbauern verschiedene Blumensorten in ihren Feldern wachsen lassen, ziehen diese Insekten an, die gegen die Reisschaedlinge vorgehen. Die chemische Keule wird entbehrlich. In wichtigen Reiserzeugerlaendern wie China und Vietnam fruchten die Seifenopern bereits. Sie haben der laendlichen Bevoelkerung gezeigt, wie sie mit natuerlichen Mitteln ihre Ernteertraege wieder erhoehen.

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Die Dramaturgie dieser medialen Agrarpaedagogik koennen wir uns mit ein wenig Fantasie lebhaft vorstellen: Im ersten Akt tauchen aggressive Bauern auf, die wie vom Teufel besessen mit Baseballschlaegern ihre zarten Reispflaenzchen "keulen"; sodann der Einmarsch der Insekten, die rund um wunderschoene Blumenrabatten im Reis kunstvolle Liebestaenze veranstalten. Mit der Musik dazu liesse sich vielleicht sogar ein Musical oder ein Schlager gestalten. Als Hochzeitsgeschenk fuer ihre Angebeteten schwirren sie immer wieder in die Reisfelder, schnappen sich dort einen der Schaedlinge und legen ihn ihren Herzdamen zu Fuessen. Ende gut, alles gut: Die gebeutelten Reisbauern haben eine Rekordernte eingefahren und feiern sie mit einem grossen Dorffest.

Fotos: Wikimedia Commons

Freitag, 25. Juni 2010

Sind wir nicht alle ein bisschen Nerd?

Viktoria Hänsel hat Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Ethnologie studiert. Während ihrer Hospitanz in der P.M. Redaktion besuchte sie die Münchner Nerd Nite. Das ist ein neuartiges Event, bei dem wissenschaftliche Vorträge in Bars und leerstehenden Kaufhäusern zum Besten gegeben werden. Dabei trinken die Teilnehmer viel Bier. Sind die Nerds nur Spinner – oder die Nobelpreisträger von morgen?

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Ein grau-blauer Plattenbau in München Giesing: Einst gab es hier Socken, Ohrringe oder Parfüm zu kaufen. Jetzt ist das alte Hertie-Kaufhaus zum „Puerto Giesing“ aufgestiegen. Statt Einkaufskonsum gibt es besondere Bildungserlebnisse in Form der Nerd Nite. Die Idee dahinter ist einfach: Drei Menschen tragen 15 Minuten lang ein abseitig-geniales Thema vor, in dem sie Experte sind. Das Motto lautet: „It’s like Discovery Channel with beer“ – oder wie ein Gast sagt: „Ich geh’ auf Weltreise und schlürf’ ein Bierchen dabei.“

Gut 300 Leute sind zur zehnten Nerd Nite in das leerstehende Kaufhaus gekommen. Wie Nerds sehen die meisten nicht aus, eher: Architekt trifft auf hippen Graphikdesigner. Das Publikum ist hauptsächlich männlich, jeder dritte trägt eine eckige Brille. Gedeckte Kleidungsfarben in schwarz und grau bilden einen harten Kontrast zum grellen Kaufhauslicht. Die aufgebauten Bierbänke vor dem Podium sind komplett besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr ergattert hat, drängt sich am Rand.

Nerd zu sein, war in den 1980ern in den USA ein Schimpfwort für den kulturellen Stereotyp des Strebers, Computerheinis oder Außenseiters. Eben einer, der ganz viel weiß, aber sozial total inkompetent ist, nie vor die Tür geht und keine Frau abbekommt.

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Das Stimmengewirr bricht ab, als der Initiator der Nerd Nite, Patrick Gruban, die Anwesenden begrüßt. „So viele wie heute waren es wohl noch nie“, sagt der Webentwickler stolz durchs Mikrofon. Die Themen an diesem Abend sind bunt gemischt: Von Währungsspekulation für Dummies über das Wachs chinesischer Schildläuse bis hin zu einem Computerprogramm, das Kunst erzeugen kann.

Sowohl auf dem Podium als auch im Publikum: Den milchgesichtigen Knilch suche ich vergebens. Denn um die Jahrtausendwende bröckelte das negative Bild vom Nerd. Die Sonderlinge verpuppten sich. Getragen von der Computer- und Web-Revolution ging daraus eine neue Power-Generation hervor. Plötzlich waren sie erfolgreich und scheffelten Milliarden. Super-Nerds wie Bill Gates von Microsoft oder Google-Begründer Sergey Brin und Larry Page machten es allen vor: Nerds können wohlhabend und populär sein.

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Ein paar Wochen später. Ich treffe Patrick in einem Café. Die Sonne scheint. Es ist sommerlich warm. Der 35-Jährige trägt ein lila T-Shirt und Jeans. Sein Gesicht ist blass und auf seiner Nase sitzt eine Hornbrille. „Ich war 2006 in New York und entdeckte in einer Bar im East Village die Nerd Nite“, erzählt Patrick.

Ihm gefiel, dass Menschen in einer Bar Vorträge hielten und exportierte die Nite nach München. Die Isar-Metropole ist die erste Stadt außerhalb Amerikas mit dieser bierseligen Bildungsnacht. Zum ersten Abend im Juli 2009 kamen 30 Leute. Seither hat sich die Anhängerschaft dank Twitter und Facebook verzehnfacht. Ein Hype, der auch nicht vor Berlin oder Wien Halt macht. Erste Nerd Nites sind dort in Planung.

„Irgendwie habe ich mit der Nerd Nite bei den Leuten einen Nerv getroffen“, sagt Patrick über den Erfolg der nerdigen Nacht. Verwunderlich ist das nicht. In Zeiten von Castingshows, die eine Glamourwelt vorgaukeln, sind die Menschen des seichten Fernsehkommerzes überdrüssig geworden. Sie wollen Unterhaltung, die wissenswert ist.

Wie sind Nerds im Zeitalter von iPad und Co? „Nerds sind cool geworden. Heutzutage ist es ein Kompliment, so bezeichnet zu werden“, erwidert Patrick und fragt: „Ist nicht jeder ein Nerd, der sich mit einem speziellen Thema wie Religion, Fliegenfischen oder dem Pareto-Prinzip* beschäftigt?“

Die Wissens-Show im alten Hertie war ein voller Erfolg. Georg Zoche sprach über Währungsspekulationen. Er veranschaulichte den Wertverlust des Euros anhand eines Kasten Biers. „Das, was seit Dezember dem Euro widerfuhr, ist so, als würde jemand einem vier Flaschen Bier aus einem Kasten klauen.“ Die mehr oder weniger nerdigen Leute lachten und prosteten sich zu. So knackig und witzig hatte ihnen das bisher noch keiner erklärt.

*) "Das Paretoprinzip, auch Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse verursachen die meiste Arbeit", laut Wikipedia.

Fotos: Wikimedia Commons

Freitag, 18. Juni 2010

Wir kopieren uns zu Tode

Der österreichische Sozialforscher Stefan Weber sieht das Fundament unserer abendländischen Kultur wackeln. Wir kopieren uns zu Tode – mit diesem Satz könnte man den Inhalt seines Buches „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ (Heise/Telepolis) zusammenfassen. Darin geißelt er etwas, was wir alle mittlerweile ununterbrochen beim Arbeiten am Computer tun: etwas kopieren und es an anderer Stelle wieder einsetzen.

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Das lernen heute bereits Kinder, ist praktisch, spart Zeit, macht Arbeiten effizienter, doch auf unsere professionelle Arbeit übertragen, etwa in der Wissenschaft oder im Journalismus, machen uns diese beiden Griffe zu Plagiateuren, schlimmer: Wir schaffen keine neuen geistigen Erzeugnisse mehr, sondern verlöten bestehendes Wissen mit den bestehenden Elementen einfach nur zu neuen Formen, recyclen sozusagen bestehende Wissensschätze, ohne neue Gedanken zu erschließen, kritisiert der Autor.

Dafür legt er folgende Beweise vor. Nach Umfragen bei US-Studenten ist diese Praxis im akademischen Betrieb so verbreitet, dass mittlerweile jede vierte Abschlussarbeit ein „zumindest partielles Plagiat“ darstellen könnte. In Österreich nicht viel anders. Google und Wikipedia besetzen Platz 1 bei den Recherchen von Studierenden, der Gang in die „reale Bibliothek“ folgt weit abgeschlagen auf Platz 5.

Auch immer mehr Journalisten greifen
auf diese „gehirnlose Kulturtechnik“ zurück und „ergoogeln sich die Wirklichkeit“. Bereits im Jahr 2006 setzte für 60 Prozent der österreichischen Print-Journalisten die Recherche mit einer Googleabfrage ein. Die Frage ist, was danach kommt. Der Verdacht besteht, dass Segmente aus dem Netz einfach mit Sätzen miteinander verbunden werden und die als geistige Neuschöpfung ausgegeben werden – sind doch Journalisten durch die Presseagenturen sowieso verdorben, sagt der Autor.

Deren Meldungen hat man früher, bevor es Google gab, einfach entweder 1:1 übernommen oder hat sie mit der Schere ausgeschnitten und auf Manuskriptpapier neu zusammengeheftet, oft bei Nichtnennung der Quellen. Der Autor nennt Beispiele, wie sich mit Google heute selbst O-Töne und Atmosphärisches einfangen und so darstellen lassen, als wäre man selber als Reporter vor Ort gewesen. „Eigentlich wird damit der Google-Suchalgorithmus zum neuen Gatekeeper im Journalismus”, sagt er resigniert.

Diese Praxis setzt sich fort bis in die Wikis. Deren Autoren gehen meistens nach demselben Prinzip vor, übernehmen bei plagiierenden Quellen ihr Wissen, schnipseln es neu zusammen und stellen es ein – was Weber in Anlehnung an Friedrich Kittler als „Austreibung des Geistes aus der Textproduktion“ brandmarkt. Er erinnert daran, dass unter strengen wissenschaftlichen Maßstäben bereits ein Plagiat vorliegt, wenn weniger als die Hälfte eines Textes aus ausgewiesenen Zitaten besteht. Und: Um Plagiate handelt es sich auch, wenn die Strukturen und Aufbauformen anderer Arbeiten übernommen werden. Das bezieht sich auch auf Sätze, die in ihrer Form und Inhalt, nur mit anderen Worten besetzt, "adaptiert" werden. Der Autor berichtet aus seiner eigenen Praxis, wie er akademische Plagiatsfälle aufspürt, ingesamt 67 in den Jahren 2002 bis 2008. Dazu setzt er selber Google ein und sucht nach den Quellen fragwürdiger Sätze.

Das alles reißt eine grundsätzliche Frage auf. Alles in der Natur ist erst einmal eine Kopie des anderen. Durch kleine Kopierfehler entstehen Mutationen, aus denen neue Originale hervorgehen. Jede Erfindung, auch Kunst geht nicht viel anders vor. Akademische Arbeiten, in den Vor-Google-Zeiten oft aus den umfangreichen, in den Bibliotheken entstanden Zettelkästen „zusammengeschnipselt“, wurden nur mangels Vernetzung nicht als Plagiate entdeckt.

Die eigentliche Frage ist: Wo sind die Grenzen, und was ist wirklich neu? Schon die antiken Philosophen, darunter Platon, klagten: “Es gibt nichts Neues unter der Sonne.”

Siehe auch: Internationale Zeitschrift für Journalismus "message" 3-2010: Plagiate im Journalismus

Freitag, 11. Juni 2010

Evolution als Comic

Für sein Lebenswerk begann der Berliner Künstler Jens Harder bereits im zarten Alter von sechs Jahren zu üben. Er zeichnete Dinosaurier, lange bevor Jurassic Park die Kids verzückte und schon Kindergartenkinder oft bis zu zwanzig komplizierte Dino-Namen spielend über die Lippen sprudeln ließen.

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In diesen Tagen hat Harder ein Buch vorgelegt, das es in dieser Form bisher nicht gegeben hat: Auf 350 Seiten bietet es einen Überblick über 14 Milliarden Jahre Evolutionsgeschichte, und zwar in Form von Comics, im Durchschnitt für alle sieben Millionen Jahre ein Bild.

Das Ganze beginnt mit einem Pünktchen, kaum zu sehen, und bläht sich zum Urknall auf: Licht, immer mehr Licht, Wellen, eine Energieexplosion, zeichnerisch hervorragend gelungen. Daraus werden die ersten chemischen Elemente gebacken, und es formen sich die Galaxien, die Sonne und schließlich der Planet Erde.

Ein Wunder: Der glutrote, vulkanische Ball kühlt ab, und es entstehen die ersten Organismen, wie Harder ebenso kunstvoll wie wissenschaftlich korrekt herausarbeitet. Unsere Evolution beginnt zu ticken, bringt Riesenwälder hervor, die Urechsen, um zwischendurch immer wieder kosmische und klimatische Katastrophen grandios abzufedern. Sie bringen den blauen Planeten regelmäßig an den Rand des Abgrunds.

Der Evolutions-Comic endet mit den Mammuts etwa fünf Millionen Jahre vor unserer Zeitrechnung. Der Name dieses Werkes: Alpha directions. Die Beta-Version soll die Entwicklung des Menschen in Comic-Bilder fassen, die dritte Folge Gamma schließlich die Zukunft ausmalen.

Das vorliegende Comic-Buch lädt beim Durchblättern immer wieder zum Verweilen ein. Beeindruckende Detailbilder in grünen, braunen, roten und blauen Grundfarben, mit knappesten Bildbeschreibungen, die den Betrachter zeitlich und inhaltlich stets einnorden. Am Ende eines Erdzeitalters werden dessen wesentliche Charakteristika noch einmal enzyklopädisch zusammengefasst. Auch das: kunstvoll, vor allem dezent. Das Auge, kaum abgelenkt, darf die Urwelten ungestört durchforschen.

Bei seinem Vorgehen hält Harder sich nicht an die reine Wissenschaft, sondern bringt das Voranschreiten der Evolution und ihr Hervorbringen neuer Lebewesen immer wieder in Zusammenhang mit alten Schöpfermythen, etwa aus Indien und alten Stammesgesellschaften. Ihnen wohnen manchmal „verblüffende, wenn auch noch nebulöse Ahnungen von Prozessen inne, die heute auf Grund neuester Erkenntnisse, etwa aus Hubble-Teleskopaufnahmen oder DNA-Analysen, mehr und mehr durchdrungen werden“, beobachtet Harder.

Was wussten die alten Kulturen und die Gesetze der Evolution voneinander? Diese Schnittstelle macht neugierig und sollte bei Neuauflagen noch in ein paar Bilder gegossen werden – das wäre ein schöner Mehrwert dieses mutigen und innovativen Buches! Noch mehr: Solche Querverbindungen brächten ein Stück Leichtigkeit und Kurzweil in den ansonsten doch sehr langen und anstrengenden 14-Milliarden-Jahre-Zyklus.

Bei allen künstlerischen Freiheiten, die sich Harder leistet, unterscheidet er klar zwischen Evolutionisten und Kreationisten. „Darwin hat recht“, erklärt er, damit kein Zweifel entsteht, auf wessen Seite er steht und damit sein Werk nicht von der falschen Seite als Beweis reklamiert wird. So ist daraus eine „Bilderbibel für Alphabeten mit naturwissenschaftlichem Hintergrund“ entstanden, wie er seine Arbeit umschreibt.

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„Es geht mir um die ständige Weiterentwicklung“, sagt der Comic-Zeichner weiter, nicht unbedingt in Richtung höher, sondern auch um die zyklischen und spiraligen Formen, die die Evolution vorangetrieben haben. Wie schön!, denkt sich der Leser, unerschrocken in die Höhe kletternde Kurven sind eine Fiktion der Wirtschafts- und Marketing-Strategen. Die Milliarden Jahre alten Evolutionsgesetze wie Variation und Mutation, Konvergenz und Adaption finden sich also nicht nur in unserem wirtschaftlichen Handeln, sondern laut Harder in allen anderen Äußerungen des Lebens, darunter Sprache, Musik und Architektur. Sein Fazit:

„Nichts ist fertig, nichts ist perfekt, alles ist im Wandel, auch diese Geschichte.“

Link zum Carlsen-Verlag und dem Evolutions-Comic

Montag, 7. Juni 2010

Gepfeilte Sätze mit tanzenden Verben

Wie erreichen Sie ein großes Publikum? Mit kurzen Sätzen und lebendigen Verben. Das empfiehlt der Sprachpapst Wolf Schneider allen, die mit der deutschen Sprache umgehen, insbesondere Bloggern. Die spricht er an mit seinem neuen Buch „Deutsch für junge Profis“, über das ich bereits berichtet hatte in dem Beitrag „Mit einem Satz die Welt einreißen“. Dabei ging es um die Kunst, den ersten Satz eines Artikels so zuzuspitzen, dass er Aufmerksamkeit erregt und Spannung aufbaut. Insgesamt hat der Schreiber 20 Sekunden Zeit, um seine Leser zu fesseln, sonst blättert oder klickt er weiter.

Traumtaenzer

In dem Kapitel „Lasst Verben tanzen!“ nennt Schneider die Tätigkeitswörter „Königswörter“. „Sie sind die Beweger, sie treiben den Satz voran.“ Tote Verben sind für ihn „liegen“, „sich befinden“, „darstellen“. Eine gelbe Karte zeigt er „beinhalten“, „fokussieren“, „initiieren“, „kreieren“, rot kriegen „kommunizieren“ und „vorprogrammieren“.

Er zitiert die Klassiker, um zu zeigen, wie ausdrucksstark Verben sein können: „Aus der Wanduhr tropft die Zeit“ (Kästner) und „es wallet und siedet und brauset“ (Schiller). Natürlich darf auch nicht Goethe fehlen. In seinem Wilhelm Meister heißt es ursprünglich: „Er hatte nichts bei sich“, was Goethe später in ein „Er fand nichts bei sich“ verbesserte. Was lernen wir daraus? Statt Max „ist“ im Sandkasten“ besser: „spielt“, „gräbt“, „buddelt“, „schaufelt“, „schippt“, „wühlt“.

Des weiteren plädiert Schneider in seinem Buch für schlanke Sätze mit kraftvollen Hauptsätzen und „Sätzen wie Pfeile“. Dabei beruft er sich auf die Bibel und den Schöpfungsakt, der von Hauptsätzen regiert wird: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer ...“. Erst nach sieben Hauptsätzen erschuf Gott den Nebensatz, bemerkt Schneider.

Jede wichtige Mitteilung besteht aus Hauptsätzen wie etwa auch der Anfang von Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Der Mensch ist freigeboren, und überall liegt er in Ketten.“ Auch Ghandi beherrscht die Art der Verdichtung und schüttelte mit Hauptsätzen wie diesen das britische Kolonialjoch ab: „Zuerst ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Dann hast du gewonnen.“

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Und wie impfen wir Sätze mit jener vorwärtstreibenden Kraft, die wie Pfeile mitten in den Kopf, das Herz oder die Seele fliegen und dort ihren Inhalt entladen? Das beherrschte Schiller, den Schneider mit dem folgenden Satz zitiert: „Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut und wirft sich hinein in die brausende Flut und teilt mit gewaltigen Armen den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.“

Das hört sich leicht an, in der Praxis sträubt sich aber häufig unser Geist dagegen. Bei der nächsten Email können Sie diese beiden Regeln gleich anwenden: aktive Verben, schlanke Sätze – viel Erfolg!

Fotos: Pixelio
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