Wissenschafts-Journalisten sind wie Wale
In diesen Tagen fand ich Post in meinem Computer von Jim Cornell. Er ist der Präsident der „International Science Writers Association“ (ISWA) und verschickt regelmäßig einen Newsletter, der Mitgliedern in aller Welt berichtet, was sich im Wissenschaftsjournalismus gerade so tut. Cornell ist US-Amerikaner irischer Herkunft, „a real character“, wie die Briten sagen würden. Er ist seit Jahren Stammgast auf allen größeren Veranstaltungen, die sich mit Wissenschaft und Journalismus befassen und ein überaus herzlicher und kontaktfreudiger Mensch.

Wer in seiner Nähe steht, bleibt nicht lange allein, sondern lernt in wenigen Minuten die „Who is Who“ der Branche kennen. Ohne zu ermüden, stellt er Kolleginnen und Kollegen einander vor und baut mit ein paar Worten eine hilfreiche Gesprächsbrücke, sodass alle so leicht miteinander ins Gespräch kommen, als wären sie alte Bekannte. So etwas nennen die Angelsachsen ein „social animal“. Ein weiteres Cornell'sches Markenzeichen ist seine Familienliebe: Ob Stockholm, Tokio oder Melbourne: Meistens hat er seine nicht weniger liebenswerte Frau Carole dabei, manchmal sogar Tochter und Schwiegersohn samt Baby aus Irland.
Der gebürtige Bostoner war jahrzehntelang der Kommunikationsdirektor des renommierten Harvard-Smithsonian Centers für Astrophysik und ist Herausgeber sowie Autor zahlreicher Bücher über das Thema Weltraum. Als freier Journalist hat er über alle nur denkbaren Wissenschaftsthemen berichtet. Dank seines Knowhows und seiner Kontaktfreudigkeit ist er ein vorbildlicher Netzwerker. Cornell war ein wichtiger Berater für viele lateinamerikanische Wissenschaftsjournalisten, ein Geburtshelfer ihrer Standesorganisationen (Foto oben) sowie einer der Hauptakteure bei der Gründung der "World Federation of Science Journalists" (WFSJ). Sie wurde im Jahr 2002 gegründet und hat über 30 Mitgliedsorganisationen in aller Welt; der ISWA dagegen gehören nur individuelle Journalisten an, etwa 100 auf den fünf Kontinenten.
Der ISWA-Chef pflegt auch gute Verbindungen zu Deutschland. Die Boschstiftung hat ein Förderprogramm für Wissenschaftsjournalisten, das regelmäßig Berufsanfänger zu den großen Kongressen entsendet, dem Jahrestreffen der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS) in den USA sowie der "Euroscience Open Forum" (ESOF), im Juli 2008 im spanischen Barcelona. Bei den Veranstaltungen nimmt Cornell die jungen Deutschen unter seine Fittiche, macht mit ihnen ein tägliches Briefing über Programm-Highlights und am Ende eine ausführliche Evaluation.
Wenn es sein muss, kann der Vollblutire zum Vulkan werden. Feuer, Asche und Schwefel sprüht er, wenn es ums Eingemachte geht: dem beklagenswerten Zustand des Wissenschaftsjournalismus. Seit Jahren beobachtet Cornell in den USA einen langsamen Verfall dieser Zunft, der daher rührt, dass die Medien Wissenschaftsjournalisten nur Hungerlöhne zahlen, sodas diese sich irgendwann gezwungen sehen, die Seiten zu wechseln und mit lukrativeren PR-Aufträgen ihre Brötchen zu verdienen. Noch schlimmer: Diese nicht-journalistischen Beiträge werden von den Medien allzugern aufgegriffen, weil sie umsonst sind und anschließend großenteils als eigene journalistische Erzeugnisse verkauft. Dieser betrügerische "Brain-Drain" führe zu einem langsamen Ausbluten des Berufsstandes, wettert Cornell auf den großen internationalen Konferenzen, auf deren Podien der Mann als scharfer Analyst, Mann klarer Worte und brillianter Rhetoriker geschätzt wird.
In seinem jüngsten Newsletter ISWA #25 wählt er einen literarischen Einstieg: "Um Charles Dickens zu paraphrasieren, dies ist die beste und schlechteste Zeit aller Zeiten. Natürlich schrieb Dickens über die Französische Revolution, aber er hätte genauso gut den derzeitigen Zustand des Wissenschaftsjournalismus beschreiben können." Während die traditionellen Formen unserer Zunft in den USA und Europa immer mehr in Vergessenheit gerieten, überlebten sie nicht nur in anderen Teilen der Welt, sondern begännen dort richtig aufzublühen.
Cornell bezieht sich damit auf den Fünften Weltkongress der Wissenschaftsjournalisten, der im April im australischen Melbourne stattfand und von 600 Delegierten aus 50 Ländern besucht wurde; darunter befand sich auch eine fünfköpfige Delegation aus Deutschland (über deren Aktivitäten auf der Konferenz sich auf der Homepage der TELI e.V. ein umfassender Report findet). Erstmals besonders gut vertreten waren Drittweltländer, insbesondere die afrikanischen und lateinamerikanischen. In diesen Regionen, aber auch in Asien beobachtet Cornell erhebliche Fortschritte, was zum großen Teil auf die Aktivitäten des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten zurückzuführen sei, der Mitorganisator der Melbourner Konferenz war und mit einem speziellen Mentoren-Programm für Afrika und den Nahen Osten hervorgetreten ist.
"In den Entwicklungsländern ist Wissenschaftsjournalismus ein vitaler Teil der Bildung und Aufklärung der Bürger sowie des Fortschritts und der wirtschaftlich-sozialen Ziele", schreibt Cornell. Die Öffentlichkeit in diesen Ländern höre den Wissenschaftsreportern tatsächlich noch zu und lerne von ihnen. Gleichzeitig aber tadelt er China und Indien, Länder, in den Wissenschaftsjournalismus noch nicht unabhängig genug ist und zu sehr mit den staatlichen Bürokratien verfranzt.
Klassisch dann wieder Cornells Ausstieg. Am Ende seines Newsletters zitiert er Robyn Williams, ISWA Mitglied und Australiens bekanntester Wissenschaftsjournalist, der den Weltkongress mit folgenden Worten eröffnete:
“Wissenschaftsjournalisten sind den Walen ähnlich. Wir mögen sehr intelligent sein, die Spitze der Evolution, vielleicht vom Aussterben bedroht. Wir glauben, dass sich da draußen eine Menge unangenehmer Menschen herumtummelt, die es auf uns abgesehen hat und uns zu Sushi verarbeiten wíll. Wir neigen auch zu Massenstrandungen, wie in den Jahren zuvor in Tokio, Budapest, Brasilien und Montreal (Stätten der vorhergehenden Weltkonferenzen) … Wissenschaftsjournalisten und Wale sind Freigeister; ganz egal woher wir kommen, wir lieben es, durch die Welt zu stromern. Aber nur selten sind wir imstande, mit Freunden und Vagabunden aus allen Ecken der Welt zusammenzukommen. Das ist schade, weil wir so viel voneinander lernen können. Wir sind beschämt, wie wenig wir über die Länder und deren Sitten wissen, aus denen unsere Kollegen kommen. Glücklicherweise haben wir jetzt im anmutigen Melbourne eine ganze Woche, um das zu beheben, hohe Wasserfontänen in die Luft zu blasen und miteinander fröhlich herumzutollen.”

Wer in seiner Nähe steht, bleibt nicht lange allein, sondern lernt in wenigen Minuten die „Who is Who“ der Branche kennen. Ohne zu ermüden, stellt er Kolleginnen und Kollegen einander vor und baut mit ein paar Worten eine hilfreiche Gesprächsbrücke, sodass alle so leicht miteinander ins Gespräch kommen, als wären sie alte Bekannte. So etwas nennen die Angelsachsen ein „social animal“. Ein weiteres Cornell'sches Markenzeichen ist seine Familienliebe: Ob Stockholm, Tokio oder Melbourne: Meistens hat er seine nicht weniger liebenswerte Frau Carole dabei, manchmal sogar Tochter und Schwiegersohn samt Baby aus Irland.
Der gebürtige Bostoner war jahrzehntelang der Kommunikationsdirektor des renommierten Harvard-Smithsonian Centers für Astrophysik und ist Herausgeber sowie Autor zahlreicher Bücher über das Thema Weltraum. Als freier Journalist hat er über alle nur denkbaren Wissenschaftsthemen berichtet. Dank seines Knowhows und seiner Kontaktfreudigkeit ist er ein vorbildlicher Netzwerker. Cornell war ein wichtiger Berater für viele lateinamerikanische Wissenschaftsjournalisten, ein Geburtshelfer ihrer Standesorganisationen (Foto oben) sowie einer der Hauptakteure bei der Gründung der "World Federation of Science Journalists" (WFSJ). Sie wurde im Jahr 2002 gegründet und hat über 30 Mitgliedsorganisationen in aller Welt; der ISWA dagegen gehören nur individuelle Journalisten an, etwa 100 auf den fünf Kontinenten.
Der ISWA-Chef pflegt auch gute Verbindungen zu Deutschland. Die Boschstiftung hat ein Förderprogramm für Wissenschaftsjournalisten, das regelmäßig Berufsanfänger zu den großen Kongressen entsendet, dem Jahrestreffen der "American Association for the Advancement of Science" (AAAS) in den USA sowie der "Euroscience Open Forum" (ESOF), im Juli 2008 im spanischen Barcelona. Bei den Veranstaltungen nimmt Cornell die jungen Deutschen unter seine Fittiche, macht mit ihnen ein tägliches Briefing über Programm-Highlights und am Ende eine ausführliche Evaluation.
Wenn es sein muss, kann der Vollblutire zum Vulkan werden. Feuer, Asche und Schwefel sprüht er, wenn es ums Eingemachte geht: dem beklagenswerten Zustand des Wissenschaftsjournalismus. Seit Jahren beobachtet Cornell in den USA einen langsamen Verfall dieser Zunft, der daher rührt, dass die Medien Wissenschaftsjournalisten nur Hungerlöhne zahlen, sodas diese sich irgendwann gezwungen sehen, die Seiten zu wechseln und mit lukrativeren PR-Aufträgen ihre Brötchen zu verdienen. Noch schlimmer: Diese nicht-journalistischen Beiträge werden von den Medien allzugern aufgegriffen, weil sie umsonst sind und anschließend großenteils als eigene journalistische Erzeugnisse verkauft. Dieser betrügerische "Brain-Drain" führe zu einem langsamen Ausbluten des Berufsstandes, wettert Cornell auf den großen internationalen Konferenzen, auf deren Podien der Mann als scharfer Analyst, Mann klarer Worte und brillianter Rhetoriker geschätzt wird.
In seinem jüngsten Newsletter ISWA #25 wählt er einen literarischen Einstieg: "Um Charles Dickens zu paraphrasieren, dies ist die beste und schlechteste Zeit aller Zeiten. Natürlich schrieb Dickens über die Französische Revolution, aber er hätte genauso gut den derzeitigen Zustand des Wissenschaftsjournalismus beschreiben können." Während die traditionellen Formen unserer Zunft in den USA und Europa immer mehr in Vergessenheit gerieten, überlebten sie nicht nur in anderen Teilen der Welt, sondern begännen dort richtig aufzublühen.
Cornell bezieht sich damit auf den Fünften Weltkongress der Wissenschaftsjournalisten, der im April im australischen Melbourne stattfand und von 600 Delegierten aus 50 Ländern besucht wurde; darunter befand sich auch eine fünfköpfige Delegation aus Deutschland (über deren Aktivitäten auf der Konferenz sich auf der Homepage der TELI e.V. ein umfassender Report findet). Erstmals besonders gut vertreten waren Drittweltländer, insbesondere die afrikanischen und lateinamerikanischen. In diesen Regionen, aber auch in Asien beobachtet Cornell erhebliche Fortschritte, was zum großen Teil auf die Aktivitäten des Weltverbands der Wissenschaftsjournalisten zurückzuführen sei, der Mitorganisator der Melbourner Konferenz war und mit einem speziellen Mentoren-Programm für Afrika und den Nahen Osten hervorgetreten ist.
"In den Entwicklungsländern ist Wissenschaftsjournalismus ein vitaler Teil der Bildung und Aufklärung der Bürger sowie des Fortschritts und der wirtschaftlich-sozialen Ziele", schreibt Cornell. Die Öffentlichkeit in diesen Ländern höre den Wissenschaftsreportern tatsächlich noch zu und lerne von ihnen. Gleichzeitig aber tadelt er China und Indien, Länder, in den Wissenschaftsjournalismus noch nicht unabhängig genug ist und zu sehr mit den staatlichen Bürokratien verfranzt.
Klassisch dann wieder Cornells Ausstieg. Am Ende seines Newsletters zitiert er Robyn Williams, ISWA Mitglied und Australiens bekanntester Wissenschaftsjournalist, der den Weltkongress mit folgenden Worten eröffnete:
“Wissenschaftsjournalisten sind den Walen ähnlich. Wir mögen sehr intelligent sein, die Spitze der Evolution, vielleicht vom Aussterben bedroht. Wir glauben, dass sich da draußen eine Menge unangenehmer Menschen herumtummelt, die es auf uns abgesehen hat und uns zu Sushi verarbeiten wíll. Wir neigen auch zu Massenstrandungen, wie in den Jahren zuvor in Tokio, Budapest, Brasilien und Montreal (Stätten der vorhergehenden Weltkonferenzen) … Wissenschaftsjournalisten und Wale sind Freigeister; ganz egal woher wir kommen, wir lieben es, durch die Welt zu stromern. Aber nur selten sind wir imstande, mit Freunden und Vagabunden aus allen Ecken der Welt zusammenzukommen. Das ist schade, weil wir so viel voneinander lernen können. Wir sind beschämt, wie wenig wir über die Länder und deren Sitten wissen, aus denen unsere Kollegen kommen. Glücklicherweise haben wir jetzt im anmutigen Melbourne eine ganze Woche, um das zu beheben, hohe Wasserfontänen in die Luft zu blasen und miteinander fröhlich herumzutollen.”
open-science - 4. Jul, 11:53

