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Mittwoch, 25. Juli 2007

Wie ich in der Wissensflut schwimmen lernte

Praktikanten haben bei P.M. Tradition und so kam es, dass unsere Redaktion im Juli 2007 durch eine junge Österreicherin unterstützt wurde. Melanie Wegerer (Foto) studiert Psychologie sowie Publizistik- und Kommunikationswissenschaft in Wien und berichtet über das, was sie bei ihrer ersten Begegnung mit dem Wissenschaftsjournalismus erlebt hat.

Wissenschaftliche Phänomene auf 1000 Zeichen abhandeln

Die letzte Prüfung hinter mir, mit den Kollegen noch schnell das Semesterende gefeiert und spät abends den Koffer gepackt - jetzt konnte meinem Abenteuer in München nichts mehr im Wege stehen. Es war ein tolles Gefühl. Mit 150 km/h auf der Autobahn von Österreich nach Deutschland - Vorfreude auf Weißwurst, ein Monat unter netten Kollegen, Biergärten, Neues lernen, die Wissenschaft den Menschen näher bringen. Mich konnte nichts erschüttern.

Doch die so süße Leichtigkeit des Seins wurde alsbald durch nicht ganz so leichte Aufgaben überschattet. In der P.M. Redaktion angekommen, fand ich mich schnell eingedeckt mit Informationen über Phänomene wie Stromübertragung ohne Kabel, die Ursache des Haisterbens und die medizinischen Hintergründe des Klarträumens. Und das jetzt auf 1000 bis 8000 Zeichen abhandeln? Das konnten die nicht ernst meinen!


-S6300419


Dass es sich bei der Wissenschaft um ein komplexes Ding handelt, hatte ich bereits am eigenen Leib erfahren. Als Praktikantin an der Medizinischen Universität Wien hatte ich gesehen, mit welch winzigen Realitätsausschnitten sich der einzelne Wissenschaftler beschäftigt und wie vage selbst solche Ergebnisse immer sind. Stets penibel genau sein, über alle Fakten berichten, am besten keine Informationsquelle übersehen - das war das Motto.

Würde ich vor dem Hintergrund der Prägnanz, die hier nun gefragt war, in den kommenden Wochen gar durch ein schreiberisches Tal der Tränen gehen?

Bevor sich die ersten Stresssymptome bemerkbar machen konnten, hatte ich die zündende Idee. So führte mich mein Weg ins Büro unseres Chefredakteurs - der Mann musste schließlich wissen, wie ich meinem Dilemma entfliehen konnte. Böse Zungen mögen behaupten, es war mein österreichischer Dialekt, der ihn gnädig stimmte, ich jedoch sage, es war eine gewisse Affinität zu Praktikanten. Auf jeden Fall wurde ich verständig angehört und gut beraten. Eine Eigenschaft, die auch die restliche Kollegenschaft mit ihm teilte. Der Puls war nun gesenkt, die Arbeit konnte beginnen.

Wie ich Quellen auf Seriosität überprüfte

Lesen, markieren, selektieren, telefonieren, fragen, überprüfen, Geduld haben, zuhören. Wer in dieser Flut von Informationen und Aufgaben nicht untergehen will, der braucht ein System und so habe ich begonnen, mir mein eigenes zu entwickeln. Zuerst nach Quellen gesucht und diese nach Möglichkeit auf Seriosität überprüft. Ein Blick ins Impressum einer Internetseite konnte dabei ebenso hilfreich sein, wie einen Wissenschaftler die Aussagekraft verschiedener Studien beurteilen zu lassen. Schließlich genau gelesen und markiert, das Wichtigste in eigenen Worten zusammengefasst, die Unterlagen nach Teilaspekten des Themas geordnet und sich auf die nächste Quelle gestürzt.

Erstaunlicherweise wurde mein Schreibtisch umso chaotischer, je klarer sich eine Geschichte vor meinem geistigen Auge abzeichnete. Ein Dutzend Post-its zierte meinen Bildschirm, das rote Lämpchen des Anrufbeantworters leuchtete, der Kaffee-Konsum stieg. Während des ganzen Prozesses immer das Wichtigste vor Augen: Der Leser muss gefordert, aber nicht überfordert sein. Mut zur Lücke, aber dennoch immer Wahrheitstreue. Eigene Hypothesen zum Thema entwickeln. Möglichst viel Information auf möglichst geringem Raum und das in klarer Sprache. Auch skurrile Phänomene seriös abhandeln. So schreiben, dass auch ein Experte den Text zwar als wenig detailreich, aber dennoch richtig beurteilen würde. Wissenschaftsjournalismus will gelernt sein und für den, der’s beherrscht, ist es vielleicht fast so etwas wie Kunst.

In der Kantine und bei sonstigen Begegnungen mit den Kollegen erhielt ich nicht nur wertvolle fachliche Ratschläge, sondern auch einen Eindruck über deren ganz persönliche Philosophie. So beobachtete ich mit Staunen, wie so unterschiedliche Individuen so beständig an einem gemeinsamen Produkt arbeiten können.

Der Wissenschaft und sich selbst gegenüber kritisch sein

Das klingt nach eitlem Sonnenschein, doch benötigt der, der heute Wissenschaftsjournalist sein oder werden möchte, gewiss auch eine Prise Idealismus. Nicht alles, was in der Wissenschaft glänzt, ist Gold und so liegt es vor allem in der Verantwortung des Journalisten, hier zwischen seriösen Informationen und fragwürdigen Ergebnissen zu unterscheiden. Es verlangt kritisch zu sein und Fragen zu stellen und sich nicht von der Flut an Informationen, die oft ganz ungefragt in der Mailbox landet, blind leiten zu lassen. Wissenschaftsjournalismus heißt, Wissenschaft allgemein zugänglich zu machen und somit den Leser auch dazu zu befähigen, sich selbst Themen kritisch zu nähern.

Eine Aufgabe, die zunächst einfacher umzusetzen klingt, als sie tatsächlich ist. Ihr nachzugehen wird dem einzelnen Journalisten durch allerhand Widrigkeiten erheblich erschwert, angefangen von ökonomischen Zwängen bis hin zu Zeitdruck. Und so kann wohl kaum jemand behaupten, stets nach dieser Maxime zu handeln. Doch als Anfängerin wird man mir diesen Idealismus, denke ich, erlauben und im Grunde ist es vielleicht ja auch schon viel wert, sich dieser Aufgaben zumindest bewusst zu sein.

Wissenschaftsjournalismus ist auf jeden Fall ziemlich anstrengend - so mein Fazit. Doch zum Glück hat München außer Lehrreichem ja auch Vergnügliches zu bieten. Und wie mir ein Kollege hier einmal sagte: Nehmen Sie’s ernst, aber nehmen Sie’s mit einem Lächeln.
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