Wahrheit zwischen Schein und Sein
Die Qualität der Berichterstattung über Wissenschaft wird seit vier Jahren nachhaltig vom Qualifizierungsprogramm Wissenschaftsjournalismus gefördert. Das ist eine Initiative der BASF AG, der VolkswagenStiftung und der Bertelsmann Stiftung.

Zum Förderpaket gehört u.a. ein Mentoringprogramm, bei dem Nachwuchsjournalisten bei deutschen Leitmedien, darunter auch P.M., ein dreimonatiges Redaktionspraktikum absolvieren; eine weitere Säule sind die Sommerakademien. In diesem Jahr fand sie in Asien statt. Fünfzehn deutsche Wissenschaftsjournalisten besuchten drei Wochen lang Forschungseinrichtungen und Firmen in Indien, China und Singapur. Mit dabei war Tim Schröder (Foto), freier Mitarbeiter von P.M., der für das Magazin einen ganzen Strauß von spannenden Themenideen mitgebracht hat. In diesem Blog berichtet er vorab über Eindrücke und Reflexionen in einer mit Widersprüchen gespickten Welt aus Armut und Glitzer, die fest entschlossen ist, in der ersten Reihe der Wissenschafts- und Technologie-Elite Platz zu nehmen.

Wir sind im Süden Indiens unterwegs. Ein kleiner, weißer Bus fährt uns hinaus aus dem Stau, dem Durcheinander aus bunt bemalten klapprigen Lastwagen, knatternden Motorrikschas und Autos. Endlich wieder freier atmen, dem Gedränge, dem Smog der Großstadt Hyderabad entkommen. Unser Ziel ist das Dorf Kothapally, welches die indische Regierung vor knapp zehn Jahren für ein Modellprojekt ausgewählt hat.
Jetzt nach dem Monsun ist es hier saftig grün wie im europäischen Frühling. Während der Trockenzeit, so sagt man uns, verdorrt alles für ein halbes Jahr. Früher lag die Landwirtschaft für Monate brach. Jetzt gibt es Regenwasser-Rückhaltebecken, der Grundwasserspiegel steigt. Das Dorf produziert rund ums Jahr, mehr als es braucht. Erstmals verdienen die Bauernfamilien so viel, dass sie Geld sparen können.

Frauen in bunten Sarees zeigen uns stolz ihre Komposthaufen; ein Bauer zerrt zwei Kälbchen an der Leine heran – aus eigener Zucht (Bilder oben und unten). Früher musste er seine Kühe zum Besamen in die Nachbarstadt treiben. Jetzt gibt es tiefgefrorene Spermien aus einer schweren Blechkanne, die vor uns auf dem matschigen Boden steht. Eiskalter Stickstoff dampft heraus. Ich wundere mich, dass die Menschen hier für solche kleinen Erfolge zehn Jahre und die Unterstützung des indischen Agrarforschungsinstituts ICRISAT brauchten.

Sie lachen und ich spüre, dass sie stolz sind. In Indien leben 60 Prozent der Bevölkerung auf dem Land – unter vergleichsweise armen Verhältnissen. Können die 1,12 Milliarden Inder ihre Nation mit solchen kleinen Schritten tatsächlich in die Neuzeit katapultieren?
Während unserer Asia-Academy, einer Bildungsreise der Bertelsmann-Stiftung durch Indien, China und Singapur, kommen uns viele Zweifel. Wir sind 15 Journalisten von Magazinen, Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern. Wir besuchen glitzernde IT-Firmen, Forschungsinstitute, treffen Korrespondenten und Funktionäre von Behörden. Was die Leute uns erzählen, klingt sehr gut. Indien will in wenigen Jahren zum Mars fliegen. Die Forscher vom Pekinger Proteom-Center, das die Funktionsweise der menschlichen Leber entschlüsselt, fühlen sich der internationalen Biotech-Elite ebenbürtig. Vor dem repräsentativen Gebäude der Forschungsanstalt entstand ein ungezwungenes Gruppenfoto, sozusagen von Gleichen unter Gleichen. Es zeigt die chinesischen Wissenschaftler zusammen mit den deutschen Wissenschafts-Journalisten sowie den Organisatoren der Asia-Academy von der Bertelsmann Stiftung: Holger Hettwer (hinterste Reihe, 2. v. li.), Antje Schmidt (li. davor mit der blauen Mappe), Sonja Pagenkemper (hinterste Reihe, 2. v. re.).

Luxus und der entschlossene Wille, in der ersten Reihe mit dabei zu sein, fanden sich auch in Singapur. Die schicken Glas- und Stahlbauten im Wissenschafts-Park Biopolis glitzern in der Sonne und strahlen bis in die westliche Welt: Mit viel Geld und perfekt ausgestatteten Labors lockt die staatliche Forschungsagentur Astar Koryphäen aus dem Abendland an den Äquator.
Ich bin beeindruckt. Doch frage ich mich, was davon tatsächlich wahr ist.

Im südindischen Bangalore besuchen wir den IT-Riesen Infosys. 70 Prozent seines Geschäfts macht er in den USA. Man lädt uns in einen schnieken Hörsaal mit einer riesigen Monitorwand und bequemen Chefsesseln (Foto). „Früher kamen die Menschen nach Indien und besuchten das Taj Mahal. Heute kommen sie zu Infosys“, sagt der Personalchef mit unumstößlichem Selbstbewusstsein. Er hat die Gewissheit, dass unter 1 120 000 000 Millionen Menschen genügend intelligente Leute zu finden sind, die das Land nach vorn bringen.

Wir reisen von einer Großstadt in die nächste, sitzen in vielen gut-klimatisierten Konferenzräumen. Wir sehen viele Powerpoint-Präsentationen, die so bunt und zugleich nichtssagend sind wie überall auf der Welt. Nur wenige von uns waren zuvor in Asien. Was ich bislang weiß, weiß ich aus den westlichen Medien. Asien ist im Kommen und irgendwie bedrohlich, so viel ist sicher (Foto: Bauboom in Pekings Innenstadt).

Was ich bislang gelesen habe, ist eine Mischung aus Angst und westlicher Herablassung. China: Das Land der Plagiatoren und Räuber geistigen Eigentums. Eine Nation, die sich den Anstrich westlicher Modernität verpasst aber die Menschenrechte mit Füßen tritt. Mit diesem Bild reise ich nach Peking. Wir treffen vor allem nette Menschen. Freundliche Professoren, die mit Feuereifer bei der Sache sind. Und sogar der Funktionär aus dem Forschungsministerium ist ein lockerer zurückhaltender Typ, dessen Freundlichkeit nicht gespielt wirkt.
Nach drei Wochen fliegen wir zurück. In zwölf Stunden und 40 Minuten brummen wir von Singapur nonstop nach Frankfurt. Mit vielen Fragen war ich gestartet. Jetzt fühle mich nicht wirklich klüger. Was soll ich schreiben? Was wir gesehen haben, ist das wahr oder eher Schein und Wunschdenken? Verkaufen sich die Asiaten besser als sie sind? Die Inder sind stolz darauf mit ihren Trägerraketen deutsche Technik ins All zu schießen. Bleiben sie nur Dienstleister für den Westen oder gehören sie in zehn Jahren tatsächlich zur globalen Technik-Avantgarde, wie es der Mann von Infosys prophezeit?
Wir haben einige Teile des großen Asien-Puzzles gesehen und irgendwie gehören sie alle zum großen realen Bild dieses Kontinents wie auch die Verkehrsstaus. Viele Fragen bleiben, doch es bleibt auch das gute Gefühl, dass Asien keine große Unbekannte mehr ist – nicht mehr bedrohlich, sondern sympathisch.

Zur Begrüßung in Indien hatte uns der Bus-Fahrer Ketten aus duftenden Jasminblüten umgehängt (Julia Harlfinger, freie Korrespondentin, Wien, und Martin Gent, WDR). Der Duft wird mir in Erinnerung bleiben – als Teil des guten Asiens. Und ich glaube, davon werde ich erzählen.
Alle Fotos Copyright Tim Schröder

Zum Förderpaket gehört u.a. ein Mentoringprogramm, bei dem Nachwuchsjournalisten bei deutschen Leitmedien, darunter auch P.M., ein dreimonatiges Redaktionspraktikum absolvieren; eine weitere Säule sind die Sommerakademien. In diesem Jahr fand sie in Asien statt. Fünfzehn deutsche Wissenschaftsjournalisten besuchten drei Wochen lang Forschungseinrichtungen und Firmen in Indien, China und Singapur. Mit dabei war Tim Schröder (Foto), freier Mitarbeiter von P.M., der für das Magazin einen ganzen Strauß von spannenden Themenideen mitgebracht hat. In diesem Blog berichtet er vorab über Eindrücke und Reflexionen in einer mit Widersprüchen gespickten Welt aus Armut und Glitzer, die fest entschlossen ist, in der ersten Reihe der Wissenschafts- und Technologie-Elite Platz zu nehmen.

Wir sind im Süden Indiens unterwegs. Ein kleiner, weißer Bus fährt uns hinaus aus dem Stau, dem Durcheinander aus bunt bemalten klapprigen Lastwagen, knatternden Motorrikschas und Autos. Endlich wieder freier atmen, dem Gedränge, dem Smog der Großstadt Hyderabad entkommen. Unser Ziel ist das Dorf Kothapally, welches die indische Regierung vor knapp zehn Jahren für ein Modellprojekt ausgewählt hat.
Jetzt nach dem Monsun ist es hier saftig grün wie im europäischen Frühling. Während der Trockenzeit, so sagt man uns, verdorrt alles für ein halbes Jahr. Früher lag die Landwirtschaft für Monate brach. Jetzt gibt es Regenwasser-Rückhaltebecken, der Grundwasserspiegel steigt. Das Dorf produziert rund ums Jahr, mehr als es braucht. Erstmals verdienen die Bauernfamilien so viel, dass sie Geld sparen können.

Frauen in bunten Sarees zeigen uns stolz ihre Komposthaufen; ein Bauer zerrt zwei Kälbchen an der Leine heran – aus eigener Zucht (Bilder oben und unten). Früher musste er seine Kühe zum Besamen in die Nachbarstadt treiben. Jetzt gibt es tiefgefrorene Spermien aus einer schweren Blechkanne, die vor uns auf dem matschigen Boden steht. Eiskalter Stickstoff dampft heraus. Ich wundere mich, dass die Menschen hier für solche kleinen Erfolge zehn Jahre und die Unterstützung des indischen Agrarforschungsinstituts ICRISAT brauchten.

Sie lachen und ich spüre, dass sie stolz sind. In Indien leben 60 Prozent der Bevölkerung auf dem Land – unter vergleichsweise armen Verhältnissen. Können die 1,12 Milliarden Inder ihre Nation mit solchen kleinen Schritten tatsächlich in die Neuzeit katapultieren?
Während unserer Asia-Academy, einer Bildungsreise der Bertelsmann-Stiftung durch Indien, China und Singapur, kommen uns viele Zweifel. Wir sind 15 Journalisten von Magazinen, Zeitungen, Fernseh- und Radiosendern. Wir besuchen glitzernde IT-Firmen, Forschungsinstitute, treffen Korrespondenten und Funktionäre von Behörden. Was die Leute uns erzählen, klingt sehr gut. Indien will in wenigen Jahren zum Mars fliegen. Die Forscher vom Pekinger Proteom-Center, das die Funktionsweise der menschlichen Leber entschlüsselt, fühlen sich der internationalen Biotech-Elite ebenbürtig. Vor dem repräsentativen Gebäude der Forschungsanstalt entstand ein ungezwungenes Gruppenfoto, sozusagen von Gleichen unter Gleichen. Es zeigt die chinesischen Wissenschaftler zusammen mit den deutschen Wissenschafts-Journalisten sowie den Organisatoren der Asia-Academy von der Bertelsmann Stiftung: Holger Hettwer (hinterste Reihe, 2. v. li.), Antje Schmidt (li. davor mit der blauen Mappe), Sonja Pagenkemper (hinterste Reihe, 2. v. re.).

Luxus und der entschlossene Wille, in der ersten Reihe mit dabei zu sein, fanden sich auch in Singapur. Die schicken Glas- und Stahlbauten im Wissenschafts-Park Biopolis glitzern in der Sonne und strahlen bis in die westliche Welt: Mit viel Geld und perfekt ausgestatteten Labors lockt die staatliche Forschungsagentur Astar Koryphäen aus dem Abendland an den Äquator.
Ich bin beeindruckt. Doch frage ich mich, was davon tatsächlich wahr ist.

Im südindischen Bangalore besuchen wir den IT-Riesen Infosys. 70 Prozent seines Geschäfts macht er in den USA. Man lädt uns in einen schnieken Hörsaal mit einer riesigen Monitorwand und bequemen Chefsesseln (Foto). „Früher kamen die Menschen nach Indien und besuchten das Taj Mahal. Heute kommen sie zu Infosys“, sagt der Personalchef mit unumstößlichem Selbstbewusstsein. Er hat die Gewissheit, dass unter 1 120 000 000 Millionen Menschen genügend intelligente Leute zu finden sind, die das Land nach vorn bringen.

Wir reisen von einer Großstadt in die nächste, sitzen in vielen gut-klimatisierten Konferenzräumen. Wir sehen viele Powerpoint-Präsentationen, die so bunt und zugleich nichtssagend sind wie überall auf der Welt. Nur wenige von uns waren zuvor in Asien. Was ich bislang weiß, weiß ich aus den westlichen Medien. Asien ist im Kommen und irgendwie bedrohlich, so viel ist sicher (Foto: Bauboom in Pekings Innenstadt).

Was ich bislang gelesen habe, ist eine Mischung aus Angst und westlicher Herablassung. China: Das Land der Plagiatoren und Räuber geistigen Eigentums. Eine Nation, die sich den Anstrich westlicher Modernität verpasst aber die Menschenrechte mit Füßen tritt. Mit diesem Bild reise ich nach Peking. Wir treffen vor allem nette Menschen. Freundliche Professoren, die mit Feuereifer bei der Sache sind. Und sogar der Funktionär aus dem Forschungsministerium ist ein lockerer zurückhaltender Typ, dessen Freundlichkeit nicht gespielt wirkt.
Nach drei Wochen fliegen wir zurück. In zwölf Stunden und 40 Minuten brummen wir von Singapur nonstop nach Frankfurt. Mit vielen Fragen war ich gestartet. Jetzt fühle mich nicht wirklich klüger. Was soll ich schreiben? Was wir gesehen haben, ist das wahr oder eher Schein und Wunschdenken? Verkaufen sich die Asiaten besser als sie sind? Die Inder sind stolz darauf mit ihren Trägerraketen deutsche Technik ins All zu schießen. Bleiben sie nur Dienstleister für den Westen oder gehören sie in zehn Jahren tatsächlich zur globalen Technik-Avantgarde, wie es der Mann von Infosys prophezeit?
Wir haben einige Teile des großen Asien-Puzzles gesehen und irgendwie gehören sie alle zum großen realen Bild dieses Kontinents wie auch die Verkehrsstaus. Viele Fragen bleiben, doch es bleibt auch das gute Gefühl, dass Asien keine große Unbekannte mehr ist – nicht mehr bedrohlich, sondern sympathisch.

Zur Begrüßung in Indien hatte uns der Bus-Fahrer Ketten aus duftenden Jasminblüten umgehängt (Julia Harlfinger, freie Korrespondentin, Wien, und Martin Gent, WDR). Der Duft wird mir in Erinnerung bleiben – als Teil des guten Asiens. Und ich glaube, davon werde ich erzählen.
Alle Fotos Copyright Tim Schröder
open-science - 23. Okt, 11:46

