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Samstag, 5. Dezember 2009

Die 7 Leben kolumbianischer Fussgaenger

In Medellín sind die Katzen los. Die kolumbianische “Hauptstadt der Berge”, wie sich die Andenmetropole nennt, hat gravierende Verkehrsprobleme – und die sollen die Stubentiger loesen. Immer mehr Autos und Busse, Motorraeder und Vespas rollen ueber die Strassen der Stadt – und dazwischen Menschen, die sich durch die Armada von einer Strassenseite zur anderen schlaengeln oder genauer: von Buergersteig zu Buergersteig fluechten. Die Stadtbewohner wurden von den Staedteplanern und Verkehrsstrategen bisher schlichtweg vergessen.

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Es gibt zu wenig Ampeln fuer sie. Auch wenn sie Fussgaengern Gruen anzeigen, fahren die Automobilisten oft weiter. Zu einer Hetzjagd wird das Ueberqueren der Strasse an einem der zahlreichen Kreisverkehrsinseln. Hier vereinen sich mehrere Hauptschlagadern, der Verkehr verdichtet sich, virtuos halten die Fahrer den Verkehr durch schnelle Manoever und blitzschnelle Reaktionen im steten Flow – doch das Nachsehen hat der Fussgaenger, der kaum eine Gelegenheit findet, auf die andere Seite zu gelangen.

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Das durfte ich gestern ganz hautnah erleben. Ich stand am “Roundpoint Santa Jema”, wo die 33. Avenue und die 80. Strasse einander kreuzen. Nach dreieinhalb Minuten oeffnete sich eine kleine Luecke, ich spurtete los, erreichte die Mitte der Strasse, entdeckte dann aber, wie von der anderen Seite drei gelbe Taxis auf mich zuschossen, drehte auf dem Absatz um und rannte zurueck, um mein Leben bangend, weil ein anderer Fahrzeugpulk mir beinah den Weg abgeschnitten haette.

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Mit solchen Szenen von um ihr Leben rennenden Fussgaengern soll jetzt Schluss sein. An belebten Strassen und wichtigen Verkehrsknotenpunkten baut die Stadt immer mehr Fussgaengerbruecken. Doch sie haben die Rechnung ohne die anvisierte Zielgruppe gemacht. Gewohnheiten aendern sich so schnell nicht, und die meisten Fussgaenger hechten weiterhin durch die Autos hindurch, hat doch das, zumindest fuer die juengeren Leute, auch einen gewissen sportlichen Appeal.

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Jetzt haben sich die Kuenstler in die Diskussion um mehr Verkehrssicherheit eingemischt. Man muss den Benutzern die neuen Brueckenbauwerke nur ein wenig “versuessen”, sagen sie. María Teresa Cano hat 20 Katzen aus Polyester modelliert, diese gelb angemalt und auf der neuen Bruecke im Stadtteil Poblado in Stellung gebracht. Dort balancieren sie ueber die Gelaender, halten Wache am Weg oder federn durch die Luft.

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Die Kuenstlerin nennt ihr Werk “Manecu”. So sagen die Chinesen zu: “Bitte eintreten!” Als Symbol dafuer hat sich ueber der Eingangstuer vieler Restaurants im Reich der Mitte ein Katzenbild eingebuergert. “Mit diesem Tier sind wir vertraut”, erklaert María Teresa. “Es ist anschmiegsam, vorsichtig und haelt, wenn noetig, Distanz.” Und Katzen haben sieben Leben. Das alles seien genau die Eigenschaften, die Fussgaenger im Strassenverkehr der Dreimillionenstadt Medellín benoetigten.

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Kunst im Verkehr. Die Kolumbianer sind heissbluetige Autofahrer und risikobereite Fussgaenger. Die Reaktionsschnelligkeit und die Instinkte sind bei den meisten Verkehrsteilnehmern so gut entwickelt, dass Unfaelle weit weniger haeufig passieren, als man erwarten duerfte. Hier herrscht auch auf den Strassen bei aller Anarchie das Gesetz der Liebe: Man faehrt mit dem Herz und dem Bauch, weniger mit dem Verstand – schlecht fuer die regelgeleiteten Europaeer. Die gelben Plastikkatzen sind ein Tribut an die Mentalitaet der Einheimischen. Von der Bevoelkerung werden sie so gut angenommen, dass María Teresa bald eine Manufaktur eroeffnen koennte. Noch vor Weihnachten soll ihre Kunst fuenf weitere Uebergaenge schmuecken und das Leben der Verkehrsteilnehmer sicherer machen, die auf ihren Beinen unterwegs sind.

Fotos: Goede
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