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Redakteur Wolfgang Goede

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SPAM Eintrag
Marc Server alles klar so ein Name ist doch ein SPAM...
Marc Server - 29. Apr, 16:16
Premiere: Professionelle...
Der designte Mensch: Eine soziometrische Aufstellung: http://www.ne tzwerk-gemeinsinn.net/cont ent/view/681/218/
Wolfgang - 15. Feb, 18:46
Internet = Leben 2.0
Ja, so sehe ich das. Das Internet ist das Leben 2.0....
Server - 15. Feb, 09:03
Habe auch aufgehört
Ich habe es auch aufgegeben und bin sehr zufrieden...
Marc Server - 31. Jan, 22:05
Aber auch im Büro
Hallo, auch bei uns im Büro ist es seit Jahren...
Carola Geissen - 6. Dez, 12:46

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Montag, 18. Oktober 2010

Hype oder Hybris: Leben 2.0

Diskurs und Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sind heute wichtiger denn je. Ob Atomenergie oder ingenieurtechnische Großprojekte wie Stuttgarts unterirdischer Bahnhof: Wenn das Thema vorher nicht gesellschaftlich „geerdet“ wurde, also ein breiter Konsens über die Notwenigkeit der Maßnahme erzielt worden ist, dann gerät es zum Rohrkrepierer. Wegen mangelnder Akzeptanz lässt es sich nicht durchsetzen.

Das Thema Gentechnologie ist entsprechend aufgeladen. Darf man das Erbgut verändern, wo verläuft die Grenze wissenschaftlicher Freiheit, was ist Leben – spielt sich derjenige als Gott auf, der von der Natur festgelegte Abläufe verändert? In den letzten Jahren war das Thema in seiner Brisanz ein wenig abgekühlt, bis im Mai dieses Jahres der US-Genforscher Craig Venter einen Durchbruch schaffte: Ihm gelang die künstliche Herstellung eines Genoms und pflanzte dieses einem Bakterium ein. Synthetische Biologie nennt sich das.

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Hat er damit die Büchse der Pandora geöffnet – die Tore zum Leben 2.0 sperrangelweit geöffnet? Werden wir damit irgendwann maschinell hergestellte Lebewesen erzeugen, lassen sie sich aus biologischen Versatzstücken wie ein Legohaus zusammenstellen, die sich am Ende unkontrolliert vermehren, sich mit den bestehenden Spezies vermischen und die Evolution auf den Kopf stellen – Frankenstein ante portas?

Oder wird die wissenschaftliche Kunst, Lebewesen maßzuschneidern, der Medizin und Pharmazie völlig neue Behandlungsmethoden für die Volkskrankheiten wie Krebs, Kreislaufleiden und Demenz eröffnen? Werden „Synthi-Fuels“ möglich, die aus Holzabfällen entstehen, wenn Speziallebewesen auf diese angesetzt werden? Umwelt- und Klimaschutz könnten damit eine neue Ebene der Nachhaltigkeit erklimmen.

In der gemeinsamen Stellungnahme „Synthetische Biologie“ beschäftigen sich die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit diesem konfliktträchtigen Thema und plädieren ebenfalls für den breiten gesellschaftlichen Dialog darüber. Das machte jetzt acatech wahr, indem die Akademie ein Journalisten-Workshop dazu im Frankfurter Senckenberg Museum veranstaltete. Das ist vor allem für seine Dinosaurieraustellung bekannt und deshalb besonders bei Familien mit kleinen Kindern beliebt, die mit großen Augen die riesigen Skelette der Urzeittiere bewundern.

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Acatech hatte zu dieser Veranstaltung 15 Journalisten eingeladen, zum großen Teil Biologen, die von Vertretern der Forschung (Bernd Müller-Röber, Universität Potsdam; Nediljko Budisa, TU Berlin) und der Wirtschaft (Jürgen Eck, BRAIN) über das Potenzial der Sythetischen Biologie aufgeklärt wurden. Sie machten klar, dass man weit entfernt sei von der Schaffung neuer Lebewesen und demonstrierten an Beispielen, wie falsch und verflachend besonders die Lokalpresse oft über das Thema berichtete.

Jürgen Eck stellte auch den nachhaltigen Charakter von “SynBio” heraus. Waschmittel mit gentechnisch veränderten Enzymen erforderten keine chemischen Wirkstoffe mehr, entlasteten also das Wasser. Darüber hinaus gestatteten sie eine merkliche Temperaturabsenkung. Entsprechend umweltfreudlich seien neue Enteisungsmittel, die bereits auf dem Frankfurter Flughafen eingesetzt werden. Ecks nächstes Ziel in der Produktpalette: Bioplastik aus dem Klimakiller Kohlendioxid.

Journalisten hingegen gaben Tipps für die kritische Auseinandersetzung mit diesem Zukunftsthema, etwa durch Analyse der Netzwerke von Forschern, und eröffneten neue Recherchemöglichkeiten, etwa mithilfe von Debatten (Holger Hettwer, Initiative Wissenschaftsjournalismus; Sascha Karberg, Schnittstelle).

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Wolfgang Goede, P.M., erarbeitete mit den Teilnehmern journalistische Darstellungsformen: einen Sachbericht („Alternatives Leben auf fernen Planeten. Es geht auch ohne Kohlenstoff“), eine Reportage („Mechaniker des Lebens“), einen Zukunftsreport („Agenda 2210: Ihr Wunsch ist unser Code!) sowie eine Kritik („Das Phantom sichere Gentechnik“). Beim „Herumspinnen“ erwiesen sich die Wissenschaftler zum Teil kreativer als die Journalisten, berichtete eine Teilnehmerin bei der Präsentation der Werke.

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Ein abendliches Kamingespräch mit dem Theologen und Ethiker Peter Dabrock (Universität Erlangen-Nürnberg) über das Wesen und die Grenzen der Schöpfung zog einen Vergleich der forscherischen Ethik mit der journalistischen nach sich. So warnte bereits der Zukunftsforscher und Wissenschaftsautor Robert Jungk vor der Gefahr von Katastrophen, wenn keine Brücken zwischen Hochschulen und Bürgern gebaut werden. Das sowie die wörtliche Übersetzung des Wortes Diskurs (lat. discurrere: hin und her laufen) durch Dabrock führte zu einer wissenschaftlichen Aufstellung des Themas: „Die Synthetische Biologie in der Gesellschaft“. Dabei liefen die Teilnehmer im Raum hin und her und nahmen entsprechend ihrer Position und Relation zueinander eine bestimmte Stellung darin ein.

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Sechs Teilnehmer repräsentierten die gesellschaftlich relevanten Gruppen: Forscher der Synthetischen Biologie, Wirtschaft, Politik, Bürger und Zivilgesellschaft bzw. NGOs, Wissenschaftsjournalismus sowie die Kirche in Gestalt des Papstes, in diesem Fall einer Päpstin. Die Forschung suchte sofort die Nähe von Wirtschaft und Politik. Letzterer war das unangenehm, sie wich zurück und verringerte die Distanz zum Bürger. Die Politik fühlte sich überfordert, verlangte nach einem unabhängigen Experten, doch bei den Zuschauern wollte keiner in diese Rolle treten. Im Verlauf dieser Bewegungen näherte sich der Papst immer mehr dem Zentrum. Offenbar fühlte er sich den ethischen Fragen verpflichtet. Am Ende hatten sich Forschung, Politik und Wirtschaft (mit ein wenig abgewandtem Gesicht) so weit genähert, dass sie einen Halbkreis um den Wissenschaftsjournalisten bildeten.

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Dieses Bild führte zu zwei markanten Äußerungen bei den Zuschauern. Eine Journalistin, emotional sichtlich berührt, sagte: „Ich bin kein Aufpasser und kein Mittel zum Zweck.“ Sie sei Biologin aus Leidenschaft und müsse ihre Rolle überdenken. Ein Kollege von ihr fragte sich, ob der Wissenschaftsjournalist nicht auf einen Stuhl steigen müsse, um von oben das Szenario zu betrachten, statt ein Teil davon zu sein. Ein anderer Teilnehmer bemängelte die Zufälligkeit der Aufstellung, dass u.a. die Rollen nicht hinreichend definiert worden waren.

Allen Teilnehmern war die Aufstellung als Abbildung gesellschaftlicher Kooperationen und Spannungen bisher unbekannt. Einige fanden Gefallen daran, sie möglicherweise auf Konferenzen einzuführen. Eine Aufstellung zu Leben 2.0 wird die Psychologin Ruth Sander bei “Politik im Raum” im nächsten Jahr in München in einem professionellen Rahmen mit genug Zeit für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung vornehmen. Wir werden über das Ergebnis berichten.

Acatech-Bericht: Journalisten treffen Forscher einer neuen Technikwissenschaft

Fotos: Ohlendorf, Goede

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Freitag, 8. Oktober 2010

Galopp über ein hartes Pflaster

Es steht ganz klein im Heft. Meistens auf der ersten Seite in Schriftgröße 8. Für die Beteiligten fühlt es sich an wie Schriftgröße minus 10. Dennoch steht er da. Unter „Redaktion“. Der eigene Name: Mirja Helms. Sie studiert im dritten Semester Fachjournalistik an der Hochschule Bremen und hospitiert derzeit in der P.M. Redaktion. Hier berichtet sie von ihren Erfahrungen in der Chefredaktion eines studieninternen Projektes.

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Jeder, der schon einmal einen eigenen Text verfasst hat, der irgendwo publiziert wurde, kennt dieses Gefühl des Stolzes und Triumphes. Wenn der eigene Name dort steht: Entweder im Impressum oder wenigstens in der Autorenzeile. Das motiviert. So geht es jedem Reporter und jedem, der es mal werden will. So erging es auch uns – hoffnungsvollen künftigen Journalisten während unseres ersten großen Projektes: „Zeilenweise“.

Für viele ist und bleibt der Traum „Journalist sein“ ein Traum. Ihnen fehlt das Talent, der nötige Habitus oder das Handwerk. Einige werden früher aufgeben, andere werden bis zum Ende dabei bleiben und vielleicht ihr Leben lang durch unbezahlte Praktika rennen. Journalismus ist ein hartes Pflaster.

In unserem internationalen Studiengang Fachjournalistik soll schnell erkannt werden, wer diese Qualifikationen mitbringt und wer nicht. Schon im ersten Semester wird uns der Redaktionsalltag nahe gebracht, indem wir ein eigenes Magazin schaffen.

Ganz alleine

„So schwer wird das schon nicht sein“, denken wir uns. Die anderen haben es ja auch geschafft. Die Zeilenweise erscheint jährlich. Das Blatt ist das Produkt eines jeden Jahrgangs unseres Studiengangs und erhält in jeder Generation ein neues Thema. Das fertige Exemplar geht in einer Auflage von 5000 an alle Redaktionen der Republik. Es soll Chefredakteure begeistern und eine Visitenkarte eines jeden von uns darstellen.

Ohne sich zu kennen, wird eine Redaktion gewählt. Bestehend aus der Anzeigenabteilung, dem Marketing, dem Layout, der Schluss-, Bild- und Chefredaktion. Wer macht was? Und vor allem: Wer kann was? Nur wenige von uns haben eine Redaktion schon einmal von innen gesehen, geschweige denn eine nennenswerte Position in einer Abteilung besetzt.

Erste Treffen finden statt und die neu ernannte „Chefredaktion“ versucht einen Plan aufzustellen. Wovon soll unser Magazin handeln? Wie groß soll es werden? Wo können wir Anzeigen verkaufen und wie viel Geld benötigen wir? Wochenlang wird über ein Oberthema beraten, das unser Zielpublikum erreicht (welches ist das eigentlich?), in die Saison passt, und zu dem alle etwas schreiben möchten.

Worte wie „Heimat“, „bunt“ und „Himmel“ werden an die Tafel geklatscht, die Diskussionen beginnen. Es wird abgestimmt, beraten. Neu diskutiert und wieder abgestimmt. Einige Wochen vergehen, bis man sich einig ist: „Hinter den Kulissen“ soll es heißen, das Thema unserer Zeitschrift, das Thema unserer Zeilenweise.

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Während die Autoren schon fleißig dabei sind, sich Themen zu überlegen, kämpft die Anzeigenabteilung damit, ein Produkt zu verkaufen, das noch keines ist. Die Wochen vergehen und Deadlines werden ohne Absprache verschoben. Mittlerweile ist beinahe jeder an einem eigenen Thema dran. Recherchiert, obwohl er noch nie ein Interview gemacht hat. Macht ein Interview, obwohl er noch nie ein Aufnahmegerät bedient hat. Oder schreibt einen Kommentar, obwohl er noch gar nicht so recht weiß, was das eigentlich ist.

Dennoch funktioniert es – irgendwie


Die ersten Texte kommen bei der Chefredaktion an, werden redigiert und gehen wieder zurück. Dieses Verfahren wiederholt sich drei bis zehn Mal. Die Autoren kleben an ihren Sätzen wie Obstfliegen am Pfirsich. Und plötzlich wird einem klar: Es wird ernst! Dieses Magazin, das die Redakteure irgendwann auf ihrem Schreibtisch finden werden, dieses Magazin soll das Beste werden, das sie je gesehen haben. Ein Mix aus politisch relevanten Themen, einzigartigen Porträts, Reportagen, die bewegen, Interviews, die nachdenklich machen...

Plötzlich wird einem bewusst, was es heißt, „Chef“ zu sein. Verantwortung zu übernehmen, keine Kompromisse einzugehen, die Meinung anderer manchmal zu missachten.

Vier Monate sind um. Arbeitstage von 12 bis 14 Stunden werden nur durch kleine Zigaretten- oder Kaffeepausen unterbrochen, um alle Texte noch einmal auf Klarheit, Relevanz und Stringenz zu redigieren. Das Layout-Team arbeitet bis spät in den Abend, um nebenbei noch die Prüfungen zu bestehen. Die Autoren werden biestig, weil ihre Texte gekürzt und Sätze umgestellt werden. Die Anzeigenabteilung sucht nach neuen Kunden, damit genug Geld in die Kasse kommt, muss aber vor dubiosen Geschäftemachern aufpassen, die den studentischen Markt penetrieren wollen.

Es sind zu viele Texte, wir müssen expandieren. Aus 48 Seiten werden 52. Aus 52 werden später 56 Seiten. Wie viel Geld haben wir noch? 11 Anzeigen werden am Ende insgesamt verkauft.

Eine gute Bilanz – finden wir

Eigentlich war der Abgabetermin der Texte im Mai. Aufgrund von „Komplikationen“ haben wir ihn um sechs Wochen aufgeschoben. Der Drucktermin steht aber fest: Es soll der 14. Juni sein. Noch drei Wochen. Langsam macht sich Panik unter allen Beteiligten breit. Wo sind die Foto-Credits? Wer hat meinen Text gesehen? Wieso hat der Text noch kein Layout? Und wieso sind überall die Anführungszeichen falsch?!

Nein. Natürlich sind wir nicht pünktlich fertig. Auch, wenn sich alle die größte Mühe geben, muss der Drucktermin verschoben werden.

In der Lehrredaktion, die viele von uns schon liebevoll ihr „zweites Zuhause“ nennen, türmen sich Papierstapel, hoch wie Wolkenkratzer. Klebezettel, bunte Stifte und Büroklammern erschweren den Weg zur Ausgangstür, die sowieso kaum einer mehr betritt. Andere Menschen der Hochschule haben vorübergehend keinen Zutritt. Hier wird geschrieben, redigiert, gearbeitet. Geschlafen und gegessen. Die Schlussredaktion überprüft noch einmal jeden Text. „Wie wird >miteinzubeziehen< geschrieben?“, „kommt vor dem >und< hier ein Komma?“

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Jeder Text, der mindestens drei Mal redigiert wurde, kommt an die Schrankwand. Wenn ein roter, gelber und grüner Punkt drauf ist, wurde er schon redigiert. Wenn ein blauer Haken drauf ist, wurde er in das richtige Programm eingefügt.

Morgen früh müssen wir das Paket zur Druckerei schicken und weil wir schon so spät dran sind, bekommen wir auch keine Korrekturabzüge. Spät am Abend sind wir fertig. Jetzt können wir nichts mehr tun, außer warten.

Nach wochenlanger Arbeit und nervenzerreißenden Stunden ist es soweit: Zeilenweise ist da. Die Kartons stapeln sich auf den Fluren, erste Neugierige öffnen die Deckel. Dann: Das erste Exemplar. Der Geruch von frischer Druckerschwärze, Stolz und Triumph füllt den Raum:

„Wir haben es geschafft, ohne Hilfe“


Foto: Timo Robben

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Mittwoch, 6. Oktober 2010

Künstler + Forscher = Musiktherapeut

Die Wissenschaften und die Künste stehen angeblich in einer engen Symbiose. Kaum ein Kongress, auf dem das Thema nicht thematisiert wird, mit oft allerdings vagesten Ergebnissen. Als Alibi muss meistens Einstein herhalten, der ja bekanntlich die Geige spielte. Verdankte er sein Genius den Noten und der Musik, erschlossen sie ihm neue Sphären. Das bleibt immer sehr spekulativ, und am Ende steht ein allgemeiner Befund, den wir alle gerne teilen mögen: Künstler sind spielerisch, so ein bisschen wie kleine Buben in der Sandkiste – nicht viel anders der wirklich gute Wissenschaftler.

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Forscher, die mit ihrem Wissensstoff und den Werkzeugen der Wissenserweiterung kreativ und spielerisch vorgehen, stoßen bestimmt eher auf neue und überraschende Thesen, Zusammenhänge sowie Erkenntnismethoden als der kleinkariert-rechtwinkelige Forscher, der wie ein klassischer Beamter vorgeht. Als weitererer Beweis für die enge Verwandtschaft von Kunst und Wissenschaft wird auch immer die Schönheit und Ästhetik von Formeln bemüht, die kurz und bündig einen Sachverhalt in ein Gesetz gießen, wobei wir wieder bei Einstein und dessen E = m mal c zum Quadrat sind. Der Künstler verwendet Formen und Farben, der Wissenschaftler Formeln und Mathematik.

Auch nicht soo überraschend, so dass sich nunmehr der Gehirnforscher Ernst Pöppel zu diesem Thema zu Wort meldet, um es weiterzudrehen. Er verweist auf die Veranstaltung Art+Science, in der beide Berufgruppen zusammenfinden und die mit beeindruckenden künstlerischen Installationen auf sich aufmerksam macht. Etwa einem Teleskop, dass nicht himmel-, sondern erdwärts gerichtet ist und auf ein Gehin zeigt: „Inneres Observatorium“ heißt es und will die Neuro-Forschung voranbringen. „Kunst ist die kulturelle Überhöhung unserer originären menschlichen Fähigkeiten“, sagt Pöppel dazu.

Das alte Übel bleibt, das Auspendeln des Themas bewegt sich zwischen Abstraktionen und Banalitäten – was können wir als Gewinn aus dieser Diskussion wirklich abspeichern?

Jetzt macht der Münchner Komponist Peter Michael einen beherzten Vorstoß, indem er Forschung und Kunst mit Therapie verbindet. Unsere Lieblingsmusik, meint er, sagt viel über unsere Persönlichkeit sowie Seelenlasten aus. Melancholiker werden eher zu schwermütigen Weisen neigen, Sanguiniker zu flotten Tönen. Daraus will Michael einen Schuh machen mit einem Forschungsprojekt, dass genau diese Verbindung unter die Lupe nimmt und die Musik als therapeutisches Instrument einsetzt. Musiktherapie, nicht ganz taufrisch, nachdem aber so viele Menschen seelisch am Stock gehen:Depressionen, Ängste, Burnout immer mehr befallen, wäre hier ein Riesenlücke für die Forschung UND die Kunst. Ich bin gespannt auf neueste Ergebnisse!

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Fotos: Mandelbrot Fraktal, eine Größe aus der Chaosforschung, in Modi z hoch 2 +c und z hoch 7 + c

Mehr Info: Art meets Science

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Freitag, 24. September 2010

Die Formel für Science-Seller

Der Schriftsteller Ken Follet verdient mit seinen Büchern (Sturz der Titanen, Die Nadel) so gut, dass er sich ein Büro mit 16 Angestellten leisten kann. In der „Welt am Sonntag“ gab der Pfund- und Auflagen-Millionär ein spannendes Interview über die Kunst des Schreibens. Seine Ratschläge lassen sich eins zu eins auf die Zunft der Journalisten und -Wissenschaftsjournalisten übertragen – hier Follets eiserne Regeln.

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Nach dem Anfang muss die Story auf den ersten Seiten sofort eine überraschende Wende nehmen, sonst langweilt sich der Leser. Der Schreiber muss bei seinen Figuren Angstgefühle implantieren. Sie sind des Menschen stärkster Antrieb ist, peitschen ihn an – oder erdrosseln ihn.

Der Autor muss mit seinem Stoff so vertraut sein, dass er ihn wie eine zweite Haut empfindet, das erfordert: Recherche, Recherche – und noch mal Recherche. Das Stück sollte mit einer jähen Überraschung beendet werden, „das empfindet der Leser als rüpelhaften Rauswurf“, den er nicht vergisst. Und: Nach dem ersten Wurf den Text gnadenlos redigieren: Hau mit dem Hammer drauf „und horch, wo die Story hohl klingt“, empfiehlt Follet sowie: „Kürzen ist literarisches Viagra!“

Was ist tabu? „Kapriziöse Metaphern und spaghettihaft verschlungene Satzkonstruktionen ... Ein Follet-Satz muss transparent wie eine Fensterscheibe sein und darf weder Gehirnjucken noch Gähnkrämpfe auslösen.“

Was braucht ein guter Schreiber? Einen gnadenloser Kritiker im Nacken, der ihn vorantreibt. Das ist im Fall Follet dessen Literaturagent. „Wenn er mir mit demütigender Genauigkeit auseinandersetzte, warum meine Manuskripte absolut unverkäuflich seien, hätte ich ihm jedesmal eine reinhauen können.“ Aber der klügere Teil von ihm begriff glücklicherweise, dass dieser Mann ihn besser machte.

Bevor ein neues Follet-Buch in Druck geht, haben es 20 bis 30 Leute gelesen und kommentiert. Jede beanstandete Seite schreibt der Meister per Hand neu. Bei diesem Vorgang merkt er, dass es keinen einzigen Satz gebe, den er nicht um einiges verbessern könne, sagt das Schreibgenie.

Gutes Schreiben, besonders auch über Science, bleibt eine fast nie enden wollende Sisyphusarbeit. Mehr Anregungen über das Kunstwerk Sprache, dessen Fallen und Alltagsprobleme sowie himmlische Dimensionen bei Deutschlands erstem Sprachbloggeur!

Foto: Wikimedia Commons


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Freitag, 17. September 2010

Bürger entdecken Sonnenleiche

Nach der Wikipedia die Astropedia: Der Himmel wird neuerdings von Hobbyforschern vermessen und erklärt. Man könnte sie auch, abgeleitet aus dem angelsächischen Terminus “Citizen Scientists”, zivile oder Bürgerwissenschaftler nennen. Sie haben am Firmament ein neues Gestirn entdeckt.

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Es handelt sich um einen sogenannten Pulsar. Das sind pulsierende Neutronensterne, die wie ein Leuchturm im schnellen Rhythmus ein elektromagnetisches Signal aussenden. Kurz bevor ein Stern seinen Brennstoff, den Wasserstoff, aufgebraucht hat, explodiert er in einer Supernova. Übrig bleibt ein Neutronenstern, in dem sich auf kleinstem Raum die Restmaterie des Sterns vereint. Pulsare haben oft nur Durchmesser von 20 Kilometer und rotieren rasend schnell. Eine Umdrehung dauert von acht bis nur 0, 01 Sekunden – hundertmal in jeder Sekunde!

Die ersten dieser rasenden Sonnenleichen wurden Ende der 1960er Jahre entdeckt. Dafür gab es damals einen Nobelpreis. Mittlerweile sind tausend dieser Himmelserscheinungen bekannt. Die neueste Entdeckung ist der PSR J2007+2722 in 17 000 Lichtjahren Entfernung von unserem Heimatplaneten. Er hat eine Rotationsfrequenz von „nur“ 41 Umdrehungen in der Sekunde und ein sehr geringes Magnetfeld. Das deutet darauf hin, dass dieser Pulsar noch relativ jung ist, eine Babyleiche, wenn man so will. Der jüngste bekannte Pulsar ist 900 Jahre alt, für die Zeitdimensionen im Kosmos ist das weniger als ein Wimpernschlag.

Das neueste Mitglied in der exotischen Pulsar-Gemeinde wurde von drei “Zivilisten” entdeckt: Chris und Helen Colvin aus Ames im US-Staat Iowa und dem Deutschen Daniel Gebhardt aus Mainz. Ihre Computer bilden zusammen mit einer halben Million anderen Rechnern ein riesengroßes Netz. Die nutzen die meist nicht voll ausgenutzte Rechenpower, um Signale aus dem All zu analysieren, die ihnen das Radioteleskop Arecibo auf der Karibikinsel Puerto Rico zuspielt.

Dieses Projekt heißt Einstein@Home und existiert seit dem Jahr 2005. Es sucht nach Gravitationswellen aus dem Kosmos. Sie wurden von Albert Einstein vorhergesagt als Folgeerscheinung seiner Relativitätstheorie. Bisher wurden allerdings noch keine dieser Wellen entdeckt, weshalb das private Rechnernetz zugeschaltet wurde.

„Mit großem Erfolg, wie man jetzt sieht“, freute sich Bruce Allen, Leiter dieser Forschungsinitiative und Direktor des Max-Planck-Instituts für Gravitationswellen in Hannover: „Das beweist, dass sich durch öffentliche Teilnahme Neues am Himmel entdecken lässt.“

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Bilder: Wikimedia Commons

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Freitag, 10. September 2010

Gegen jede Regel

Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus: Die Gegensätze recherchierte unsere Hospitantin Claudia Weber in ihrem Beitrag „Warum Frauen schlecht einparken“. Kein Grund zum Verzweifeln: Es gibt (Schoko-)Brücken zwischen den Geschlechter-Planeten – hier ihre eigene Sicht!

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Es ist soweit. Der Ferrari fährt wieder. Anders gesagt: Die Menstruation hat eingesetzt. Egal, ob man Tage, Periode oder die Tante Anne aus Amerika dazu sagt, ein Keks muss her – sofort.

Leider habe ich keine schokohaltigen Substanzen mehr daheim. Das Verlangen nach Süßem ist so groß, dass ich kurz überlege, die Schokoflöckchen aus dem Müsli einzeln heraus zu klauben. Um mir das letzte bisschen Selbstachtung zu bewahren, setze ich mich mit einer Banane vor den Fernseher.

Missmutig und unbefriedigt schaue ich mir die Werbung an. Ein Kätzchen, das neugierig und tollpatschig über den Boden tapst, wirbt für Futter. Es frisst so lieblich und dann schläft es auf einem violetten Deckchen ein.

Mir kommen die Tränen. Die Werbung hat bei mir eingeschlagen. Schon morgen werde ich in den nächsten Supermarkt laufen und feine Entenhäppchen in Soße kaufen, obwohl ich keine Katze halte. Das sind nur die Hormone, das sind nur die Hormone, rede ich mir ein. Schokolade könnte helfen. Ach ja, hab ja keine ...

Ich rufe meinen Freund an und mach ihn zur Schnecke, weil ich ihn im Verdacht habe, meine letzen Schokovorräte vertilgt zu haben. Er sagt nicht: „Entschuldigung, Schatz.“ Er fragt: „Hast du deine Tage?“ Ich lege wütend auf, weil er meinen Zyklus kennt.

Wenn Frauen ihre Tage haben sind sie aggressiv, depressiv, unsicher, verletzlich, stark und irrational – innerhalb einer Stunde. Jeder Makel am Körper wird ihnen bewusst. Die Hüften gleichen dann jenen eines alten Rennpferdes kurz vor der Schlachtung. Die Brüste sind einen Tag endlos hängend und am nächsten zu klein für die BH‐Welt. Und sogar die Zehen könnten eine Schönheitsoperation vertragen.

Meine Makel und ich verstecken uns zu Hause. Wir bekommen ein schlechtes Gewissen. Wir hätten nicht auflegen sollen. Ich will, dass er anruft. Will, dass er noch einmal fragt, wie es mir geht. Will, dass er mir sagt, dass meine Makel keine sind.

Seufz! Ich esse ein Wurstbrot und schaue ein TV‐Magazin. Alle am Bildschirm sind entweder reicher, dünner oder beides als ich. Ich drehe ab und greife zum Hörer. Mein Freund hebt nicht ab. Ist er wütend? Hat er das Telefon nicht läuten gehört? Ich rufe noch einmal an. Wieder Stille.

Er ist böse auf mich. Das wollte ich nicht. Aber dass er gleich so reagiert? Das macht er bestimmt mit Absicht! Bitte, von mir aus. Dann eben nicht. Ich komm auch ohne Aufmerksamkeit klar!

Noch immer nach Schokolade lechzend, stelle ich wieder den Fernseher an. Ich will das tapsende Kätzchen noch einmal sehen. Stattdessen bekomme ich Unruhen in Frankreich, schlechtes Wetter und verzweifelte Mütter, die eine Schwiegertochter für ihren noch verzweifelteren Sohn suchen.

Ich beginne wieder zu weinen – einfach so, ohne Kätzchen. Ich hasse mich. Warum muss ich denn jetzt weinen? Ist das doof. Es läutet an der Tür. Überrascht stelle ich fest: Es ist mein Freund. Und er hat Schokolade dabei – oh, wie süß er ist! Ich falle ihm in die Arme und mache mich über die Tafel Schokonuss her. Mit vollem Mund sage ich:

„Abheben hättest du aber schon können.“

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Fotos: Thomas Hadinger


Siehe dazu auch: Frauen in der Männerdomäne – ein Disput

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Donnerstag, 2. September 2010

Der „Ich-liebe-Dich!“-Code

Marina Klimchuk studiert Soziologie. Im August hospitierte sie in der Redaktion und verfasste u.a. die Online-News, darunter „Vorsicht: Droge Liebe!“. Das hat sie inspiriert, dieses große Gefühl einmal soziologisch unter die Lupe zu nehmen. Leider bleibt davon nicht so viel übrig ...

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Wenn auf der Kinoleinwand Bella ihrem geliebten Vampir „Edward, ich liebe Dich mehr als alles andere in der Welt zusammen“ zuraunt, stehen romantisch veranlagten Twilight-Fans die Tränen in den Augen.

Ein paar Generationen zuvor war es noch Scarlett, die in „Vom Winde verweht“ mit pathetischen Sätzen wie „Ich weiß nur, dass ich dich liebe“ Millionen Menschen schmachten ließ. So geht das schon, solange wir zurückdenken können. Die Liebe ist einfach überall, in Songs, Filmen, auf Werbeplakaten und auch in unserem Alltag. Es ist eine Inflation, wie Geld sie nie erlebt hat!

Eigentlich sollte uns die Sache mit der Gefühlsduselei schon längst langweilen – doch sie tut es nicht. Dabei ist die Liebe nicht einmal ein Gefühl. Zumindest sagen das die Wissenschaftler, die als unromantisch gelten – die Soziologen: „Liebe ist ein symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium.“

Oder anders herum gefragt: Woher wissen pubertierende Mädchen, dass sie sich gerade zum ersten Mal verlieben? Warum ist es so selbstverständlich, dass sie ihre Schmetterlinge im Bauch als Liebe zu interpretieren wissen? Jedenfalls nicht, indem sie ihre Gefühle von selbst richtig deuten. Sie wissen es, weil es ihnen schon viel früher kommuniziert wurde: Von der Bravo, von ihren Freundinnen, aus Filmen wie Twilight.

Genau aus diesen Quellen wissen die jungen Menschen auch, dass es etwas Positives ist, sich zu verlieben, dass sie das Gefühl unbedingt bejahen sollten. „Setzt nicht die Liebe auf den ersten Blick voraus, dass man auch schon vor dem ersten Blick verliebt war?“, fragte sich der prominente Soziologe Niklas Luhmann.

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Und gerade das ist der Punkt: Liebe ist nicht ein Gefühl im eigentlichen Sinne. Liebe ist ein Code in der Kommunikation. Nach den Regeln dieses Codes können die Menschen ihre Gefühle ausdrücken und anderen vermitteln: Wenn also Bella ihrem Edward „Ich liebe dich so sehr“ zuflüstert, benutzt sie eigentlich nur eine längst bekannte Floskel, um etwas auszudrücken, was sich in ihrem Bewusstsein abspielt.

So gesehen: Menschen können keine Gefühle oder Emotionen haben, die nicht schon von der Gesellschaft vorgegeben sind, schon vor ihnen da waren. Und mit der Gesellschaft ändert sich auch die Art zu lieben – traut man Luhmanns kühlen Analysen. Emotionen, die für uns heute selbstverständlich sind, gab es vor tausend Jahren noch nicht einmal.

Was also ist Liebe?

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Fotos: pixelio, wikimedia commons, Klimchuk


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Freitag, 27. August 2010

Noten nur zum Singen

Keine Noten mehr – nur zum Singen!

So könnte ein alter Sponti-Spruch aus den 1980ern lauten. Schule ohne Zensuren, diese Debatte ist aber noch lange nicht beendet. Selbst wer sich heute mit guten Noten durch das aus Kaiserszeiten stammende Schulsystem schlängelt, hat immer weniger Chancen auf eine glückliche berufliche Zukunft. Und die Sitzenbleiber, bis wohin fallen die durch?


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Ein Schlaglicht dazu liefert die aktuelle Ausgabe von “Change”, das Magazin der Bertelsmann Stiftung. Sein Titel: “Lernen. Ein Leben lang. Warum wir den Hunger nach Wissen nie verlieren dürfen”. Bildung, so der Tenor, ist ein Glücksbringer. Das Heft enthält Interviews mit Menschen aus allen Bevölkerungsschichten, die den Wert von Bildung für das Weiterkommen im Leben bezeugen. Nur, wie kommt man in den Genuß dieses Türöffners für das Leben?

Besonders lesenswert ist ein Interview mit dem Erziehungswissenschaftler Klaus Klemm. „Sitzenbleiben kostet die Bundesländer jährlich knapp eine Milliarde Euro“, kritisiert der Pädagoge. Diese Kostenlawine werde zum Teil durch die Verlängerung der Schulzeit ausgelöst, erklärt er, aber: „Die Befunde der empirischen Schulforschung weisen darauf hin, dass Sitzenbleiben nicht oder nicht nachhaltig die Schulleistung steigert.“

Beispiel: Bayern, Spitzenreiter im Sitzenbleiben mit einer Quote von 3,6 Prozent. Im Nachbarbundesland Baden-Württemberg liegt sie nur bei der Hälfte. „Wenn wir aber die Leistungen der bayerischen Schulen mit denen in Baden-Württemberg vergleichen, gibt es keine signifikanten Unterschiede, obwohl die Schüler in dem einen Land doppelt so häufig sitzen bleiben wie die des anderen Landes“, analysiert Klemm, emeritierter Professor der Universität Duisburg-Essen.

Fazit: Wäre Sitzenbleiben ein Instrument der Verbesserung, müssten die bayerischen Schulen leistungsstärker sein – „sie sind es aber nicht“, resümiert der Experte.


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Vom Geld, was das Sitzenbleiben kostet, könnten “15 000 Lehrer eingestellt werden, die jeweils etwa 25 Stunden pro Woche unterrichten“, stellt der Fachmann klar. Weitere 2,6 Milliarden verschlängen Förderschulen. Die Eltern machen zusätzlich 1,5 Milliarden für fragwürdige Nachhilfe locker. Davon profitierten nur die Gutsituierten, soziale schwächere Familien könnten sich die Extraausgaben nicht leisten, was die soziale Ungleichheit bei den Bildungschancen zementiert, so Klemm. Gerechter wäre eine individuelle Förderung innerhalb der Schule.

Wenn jetzt nach den Sommerferien die Schulen wieder ihren Betrieb aufnehmen, sollten Klemms Einwände Anlass sein, über den Sinn von “Ehrenrunden” und der Gerechtigkeit von Noten erneut auf allen Ebenen nachzudenken.

Bildung ist unsere Zukunft, schreibt „Change“ – aber: Im europäischen Vergleich mutet das dreiklassige deutsche Schulsystem mittelalterlich-feudalistisch an, in dem der Fortschritt ertrinkt.



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