Hype oder Hybris: Leben 2.0
Diskurs und Dialog zwischen den gesellschaftlichen Gruppen sind heute wichtiger denn je. Ob Atomenergie oder ingenieurtechnische Großprojekte wie Stuttgarts unterirdischer Bahnhof: Wenn das Thema vorher nicht gesellschaftlich „geerdet“ wurde, also ein breiter Konsens über die Notwenigkeit der Maßnahme erzielt worden ist, dann gerät es zum Rohrkrepierer. Wegen mangelnder Akzeptanz lässt es sich nicht durchsetzen.
Das Thema Gentechnologie ist entsprechend aufgeladen. Darf man das Erbgut verändern, wo verläuft die Grenze wissenschaftlicher Freiheit, was ist Leben – spielt sich derjenige als Gott auf, der von der Natur festgelegte Abläufe verändert? In den letzten Jahren war das Thema in seiner Brisanz ein wenig abgekühlt, bis im Mai dieses Jahres der US-Genforscher Craig Venter einen Durchbruch schaffte: Ihm gelang die künstliche Herstellung eines Genoms und pflanzte dieses einem Bakterium ein. Synthetische Biologie nennt sich das.

Hat er damit die Büchse der Pandora geöffnet – die Tore zum Leben 2.0 sperrangelweit geöffnet? Werden wir damit irgendwann maschinell hergestellte Lebewesen erzeugen, lassen sie sich aus biologischen Versatzstücken wie ein Legohaus zusammenstellen, die sich am Ende unkontrolliert vermehren, sich mit den bestehenden Spezies vermischen und die Evolution auf den Kopf stellen – Frankenstein ante portas?
Oder wird die wissenschaftliche Kunst, Lebewesen maßzuschneidern, der Medizin und Pharmazie völlig neue Behandlungsmethoden für die Volkskrankheiten wie Krebs, Kreislaufleiden und Demenz eröffnen? Werden „Synthi-Fuels“ möglich, die aus Holzabfällen entstehen, wenn Speziallebewesen auf diese angesetzt werden? Umwelt- und Klimaschutz könnten damit eine neue Ebene der Nachhaltigkeit erklimmen.
In der gemeinsamen Stellungnahme „Synthetische Biologie“ beschäftigen sich die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit diesem konfliktträchtigen Thema und plädieren ebenfalls für den breiten gesellschaftlichen Dialog darüber. Das machte jetzt acatech wahr, indem die Akademie ein Journalisten-Workshop dazu im Frankfurter Senckenberg Museum veranstaltete. Das ist vor allem für seine Dinosaurieraustellung bekannt und deshalb besonders bei Familien mit kleinen Kindern beliebt, die mit großen Augen die riesigen Skelette der Urzeittiere bewundern.

Acatech hatte zu dieser Veranstaltung 15 Journalisten eingeladen, zum großen Teil Biologen, die von Vertretern der Forschung (Bernd Müller-Röber, Universität Potsdam; Nediljko Budisa, TU Berlin) und der Wirtschaft (Jürgen Eck, BRAIN) über das Potenzial der Sythetischen Biologie aufgeklärt wurden. Sie machten klar, dass man weit entfernt sei von der Schaffung neuer Lebewesen und demonstrierten an Beispielen, wie falsch und verflachend besonders die Lokalpresse oft über das Thema berichtete.
Jürgen Eck stellte auch den nachhaltigen Charakter von “SynBio” heraus. Waschmittel mit gentechnisch veränderten Enzymen erforderten keine chemischen Wirkstoffe mehr, entlasteten also das Wasser. Darüber hinaus gestatteten sie eine merkliche Temperaturabsenkung. Entsprechend umweltfreudlich seien neue Enteisungsmittel, die bereits auf dem Frankfurter Flughafen eingesetzt werden. Ecks nächstes Ziel in der Produktpalette: Bioplastik aus dem Klimakiller Kohlendioxid.
Journalisten hingegen gaben Tipps für die kritische Auseinandersetzung mit diesem Zukunftsthema, etwa durch Analyse der Netzwerke von Forschern, und eröffneten neue Recherchemöglichkeiten, etwa mithilfe von Debatten (Holger Hettwer, Initiative Wissenschaftsjournalismus; Sascha Karberg, Schnittstelle).

Wolfgang Goede, P.M., erarbeitete mit den Teilnehmern journalistische Darstellungsformen: einen Sachbericht („Alternatives Leben auf fernen Planeten. Es geht auch ohne Kohlenstoff“), eine Reportage („Mechaniker des Lebens“), einen Zukunftsreport („Agenda 2210: Ihr Wunsch ist unser Code!) sowie eine Kritik („Das Phantom sichere Gentechnik“). Beim „Herumspinnen“ erwiesen sich die Wissenschaftler zum Teil kreativer als die Journalisten, berichtete eine Teilnehmerin bei der Präsentation der Werke.

Ein abendliches Kamingespräch mit dem Theologen und Ethiker Peter Dabrock (Universität Erlangen-Nürnberg) über das Wesen und die Grenzen der Schöpfung zog einen Vergleich der forscherischen Ethik mit der journalistischen nach sich. So warnte bereits der Zukunftsforscher und Wissenschaftsautor Robert Jungk vor der Gefahr von Katastrophen, wenn keine Brücken zwischen Hochschulen und Bürgern gebaut werden. Das sowie die wörtliche Übersetzung des Wortes Diskurs (lat. discurrere: hin und her laufen) durch Dabrock führte zu einer wissenschaftlichen Aufstellung des Themas: „Die Synthetische Biologie in der Gesellschaft“. Dabei liefen die Teilnehmer im Raum hin und her und nahmen entsprechend ihrer Position und Relation zueinander eine bestimmte Stellung darin ein.

Sechs Teilnehmer repräsentierten die gesellschaftlich relevanten Gruppen: Forscher der Synthetischen Biologie, Wirtschaft, Politik, Bürger und Zivilgesellschaft bzw. NGOs, Wissenschaftsjournalismus sowie die Kirche in Gestalt des Papstes, in diesem Fall einer Päpstin. Die Forschung suchte sofort die Nähe von Wirtschaft und Politik. Letzterer war das unangenehm, sie wich zurück und verringerte die Distanz zum Bürger. Die Politik fühlte sich überfordert, verlangte nach einem unabhängigen Experten, doch bei den Zuschauern wollte keiner in diese Rolle treten. Im Verlauf dieser Bewegungen näherte sich der Papst immer mehr dem Zentrum. Offenbar fühlte er sich den ethischen Fragen verpflichtet. Am Ende hatten sich Forschung, Politik und Wirtschaft (mit ein wenig abgewandtem Gesicht) so weit genähert, dass sie einen Halbkreis um den Wissenschaftsjournalisten bildeten.

Dieses Bild führte zu zwei markanten Äußerungen bei den Zuschauern. Eine Journalistin, emotional sichtlich berührt, sagte: „Ich bin kein Aufpasser und kein Mittel zum Zweck.“ Sie sei Biologin aus Leidenschaft und müsse ihre Rolle überdenken. Ein Kollege von ihr fragte sich, ob der Wissenschaftsjournalist nicht auf einen Stuhl steigen müsse, um von oben das Szenario zu betrachten, statt ein Teil davon zu sein. Ein anderer Teilnehmer bemängelte die Zufälligkeit der Aufstellung, dass u.a. die Rollen nicht hinreichend definiert worden waren.
Allen Teilnehmern war die Aufstellung als Abbildung gesellschaftlicher Kooperationen und Spannungen bisher unbekannt. Einige fanden Gefallen daran, sie möglicherweise auf Konferenzen einzuführen. Eine Aufstellung zu Leben 2.0 wird die Psychologin Ruth Sander bei “Politik im Raum” im nächsten Jahr in München in einem professionellen Rahmen mit genug Zeit für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung vornehmen. Wir werden über das Ergebnis berichten.
Acatech-Bericht: Journalisten treffen Forscher einer neuen Technikwissenschaft
Fotos: Ohlendorf, Goede
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Das Thema Gentechnologie ist entsprechend aufgeladen. Darf man das Erbgut verändern, wo verläuft die Grenze wissenschaftlicher Freiheit, was ist Leben – spielt sich derjenige als Gott auf, der von der Natur festgelegte Abläufe verändert? In den letzten Jahren war das Thema in seiner Brisanz ein wenig abgekühlt, bis im Mai dieses Jahres der US-Genforscher Craig Venter einen Durchbruch schaffte: Ihm gelang die künstliche Herstellung eines Genoms und pflanzte dieses einem Bakterium ein. Synthetische Biologie nennt sich das.

Hat er damit die Büchse der Pandora geöffnet – die Tore zum Leben 2.0 sperrangelweit geöffnet? Werden wir damit irgendwann maschinell hergestellte Lebewesen erzeugen, lassen sie sich aus biologischen Versatzstücken wie ein Legohaus zusammenstellen, die sich am Ende unkontrolliert vermehren, sich mit den bestehenden Spezies vermischen und die Evolution auf den Kopf stellen – Frankenstein ante portas?
Oder wird die wissenschaftliche Kunst, Lebewesen maßzuschneidern, der Medizin und Pharmazie völlig neue Behandlungsmethoden für die Volkskrankheiten wie Krebs, Kreislaufleiden und Demenz eröffnen? Werden „Synthi-Fuels“ möglich, die aus Holzabfällen entstehen, wenn Speziallebewesen auf diese angesetzt werden? Umwelt- und Klimaschutz könnten damit eine neue Ebene der Nachhaltigkeit erklimmen.
In der gemeinsamen Stellungnahme „Synthetische Biologie“ beschäftigen sich die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften acatech, die Deutsche Forschungsgemeinschaft und die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina mit diesem konfliktträchtigen Thema und plädieren ebenfalls für den breiten gesellschaftlichen Dialog darüber. Das machte jetzt acatech wahr, indem die Akademie ein Journalisten-Workshop dazu im Frankfurter Senckenberg Museum veranstaltete. Das ist vor allem für seine Dinosaurieraustellung bekannt und deshalb besonders bei Familien mit kleinen Kindern beliebt, die mit großen Augen die riesigen Skelette der Urzeittiere bewundern.

Acatech hatte zu dieser Veranstaltung 15 Journalisten eingeladen, zum großen Teil Biologen, die von Vertretern der Forschung (Bernd Müller-Röber, Universität Potsdam; Nediljko Budisa, TU Berlin) und der Wirtschaft (Jürgen Eck, BRAIN) über das Potenzial der Sythetischen Biologie aufgeklärt wurden. Sie machten klar, dass man weit entfernt sei von der Schaffung neuer Lebewesen und demonstrierten an Beispielen, wie falsch und verflachend besonders die Lokalpresse oft über das Thema berichtete.
Jürgen Eck stellte auch den nachhaltigen Charakter von “SynBio” heraus. Waschmittel mit gentechnisch veränderten Enzymen erforderten keine chemischen Wirkstoffe mehr, entlasteten also das Wasser. Darüber hinaus gestatteten sie eine merkliche Temperaturabsenkung. Entsprechend umweltfreudlich seien neue Enteisungsmittel, die bereits auf dem Frankfurter Flughafen eingesetzt werden. Ecks nächstes Ziel in der Produktpalette: Bioplastik aus dem Klimakiller Kohlendioxid.
Journalisten hingegen gaben Tipps für die kritische Auseinandersetzung mit diesem Zukunftsthema, etwa durch Analyse der Netzwerke von Forschern, und eröffneten neue Recherchemöglichkeiten, etwa mithilfe von Debatten (Holger Hettwer, Initiative Wissenschaftsjournalismus; Sascha Karberg, Schnittstelle).

Wolfgang Goede, P.M., erarbeitete mit den Teilnehmern journalistische Darstellungsformen: einen Sachbericht („Alternatives Leben auf fernen Planeten. Es geht auch ohne Kohlenstoff“), eine Reportage („Mechaniker des Lebens“), einen Zukunftsreport („Agenda 2210: Ihr Wunsch ist unser Code!) sowie eine Kritik („Das Phantom sichere Gentechnik“). Beim „Herumspinnen“ erwiesen sich die Wissenschaftler zum Teil kreativer als die Journalisten, berichtete eine Teilnehmerin bei der Präsentation der Werke.

Ein abendliches Kamingespräch mit dem Theologen und Ethiker Peter Dabrock (Universität Erlangen-Nürnberg) über das Wesen und die Grenzen der Schöpfung zog einen Vergleich der forscherischen Ethik mit der journalistischen nach sich. So warnte bereits der Zukunftsforscher und Wissenschaftsautor Robert Jungk vor der Gefahr von Katastrophen, wenn keine Brücken zwischen Hochschulen und Bürgern gebaut werden. Das sowie die wörtliche Übersetzung des Wortes Diskurs (lat. discurrere: hin und her laufen) durch Dabrock führte zu einer wissenschaftlichen Aufstellung des Themas: „Die Synthetische Biologie in der Gesellschaft“. Dabei liefen die Teilnehmer im Raum hin und her und nahmen entsprechend ihrer Position und Relation zueinander eine bestimmte Stellung darin ein.

Sechs Teilnehmer repräsentierten die gesellschaftlich relevanten Gruppen: Forscher der Synthetischen Biologie, Wirtschaft, Politik, Bürger und Zivilgesellschaft bzw. NGOs, Wissenschaftsjournalismus sowie die Kirche in Gestalt des Papstes, in diesem Fall einer Päpstin. Die Forschung suchte sofort die Nähe von Wirtschaft und Politik. Letzterer war das unangenehm, sie wich zurück und verringerte die Distanz zum Bürger. Die Politik fühlte sich überfordert, verlangte nach einem unabhängigen Experten, doch bei den Zuschauern wollte keiner in diese Rolle treten. Im Verlauf dieser Bewegungen näherte sich der Papst immer mehr dem Zentrum. Offenbar fühlte er sich den ethischen Fragen verpflichtet. Am Ende hatten sich Forschung, Politik und Wirtschaft (mit ein wenig abgewandtem Gesicht) so weit genähert, dass sie einen Halbkreis um den Wissenschaftsjournalisten bildeten.

Dieses Bild führte zu zwei markanten Äußerungen bei den Zuschauern. Eine Journalistin, emotional sichtlich berührt, sagte: „Ich bin kein Aufpasser und kein Mittel zum Zweck.“ Sie sei Biologin aus Leidenschaft und müsse ihre Rolle überdenken. Ein Kollege von ihr fragte sich, ob der Wissenschaftsjournalist nicht auf einen Stuhl steigen müsse, um von oben das Szenario zu betrachten, statt ein Teil davon zu sein. Ein anderer Teilnehmer bemängelte die Zufälligkeit der Aufstellung, dass u.a. die Rollen nicht hinreichend definiert worden waren.
Allen Teilnehmern war die Aufstellung als Abbildung gesellschaftlicher Kooperationen und Spannungen bisher unbekannt. Einige fanden Gefallen daran, sie möglicherweise auf Konferenzen einzuführen. Eine Aufstellung zu Leben 2.0 wird die Psychologin Ruth Sander bei “Politik im Raum” im nächsten Jahr in München in einem professionellen Rahmen mit genug Zeit für die Vorbereitung, Durchführung und Auswertung vornehmen. Wir werden über das Ergebnis berichten.
Acatech-Bericht: Journalisten treffen Forscher einer neuen Technikwissenschaft
Fotos: Ohlendorf, Goede
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