Physiker, werdet Dichter!
Poetry Slam ist eine moderne Form des Dichterwettstreits, der auch Ingenieure und Wissenschaftler anspricht, weil er Brücken zwischen Verstand und Gefühlen baut. Der Münchner Physiker Georg Eggers alias Grög (Foto) ist eine bekannte Person auf dieser Bühne. P.M.-Mitarbeiter Stefan Träger (Foto ganz unten) traf ihn zu einem Werkstattgespräch.

Träger: Wie bist du zu Poetry Slam gekommen?
Grög: Ich habe vorher in Berlin gelebt, und habe immer versucht, für mich selber einen Ausgleich zu meinem technischen Beruf zu finden. Ich habe Physik studiert, promoviert und nebenbei viel Musik gemacht und gesungen. Dann bin ich nach München gegangen war dann auf der Suche nach etwas, was ich in München wieder tun könnte.
T: Anstelle von singen...
G: ....genau, irgendwann bin ich in einem der Münchener Poetry Slams gelandet. Leute kletterten auf die Bühne, trugen ihre kurzen Gedichte und Texte vor und wurden wie beim Eiskunstlauf vom Publikum benotet. Also, das war so eine Art Dichterwettstreit, etwas ins Absurde übersteigert, und das hat mich von Anfang an fasziniert.
T: Poetry Slam ist nicht sehr textnah, das heißt, es lebt eher aus der Inszenierung selbst.
G: Das habe ich dann relativ schnell bemerkt. Das war eigentlich keine schriftstellerische Tätigkeit, sondern Theater, und dann habe ich ganz gezielt angefangen, so ein bisschen mit Theatertechniken zu arbeiten, das heißt, ich habe mit einem Theaterregisseur meine Texte geprobt. Außerdem zog ich eine Sprecherzieherin hinzu.
T: Wie regelmäßig hast du Auftritte?
G: Das kann man sehr breit selbst bestimmen, es gibt in Deutschland so eine Szene aus zwischen 60 – 70 regelmäßig stattfindenden Poetry Slams, die kann man besuchen und dort dann auftreten.
T: Hast du auch teilgenommen am Poetry Slam Festival in München im November 2006?
G: Ich habe es bis in das Finale geschafft. Das war ganz spannend. Das war ein großer Saal der Münchner Kammerspiele, restlos ausverkauft, da saßen 700 Leute und das war ein Hexenkessel, also das hat so gepocht.
T: Singen ist ja verboten, wie lässt sich das denn dann vergleichen mit der vorherigen Tätigkeit als Sänger?
G: Ja, also der überwiegende Teil muss ein Sprechtext sein, aber im Poetry Slam hat man wesentlich mehr Gestaltungsspielraum, als ich vorher als Chorsänger hatte. Das Darstellen und das Sprechen ist eine sehr körperliche Disziplin.
T: Zu deinen Stücken selbst: Mit was befassen sie sich? Gibt es da einen Themenschwerpunkt?

G: Ich habe einen größeren Zyklus, die so genannten „Tierisch tragischen Geschichten“, in denen ich das Fabelgenre ein wenig modernisiere und an Tieren als Klischeegestalten anknüpfe. Das ist halt das Schöne an so einer Tiergeschichte, dass man da hemmungslos Klischees dreschen kann, ohne dass man dann in der Gefahr schwebt, hinterher Rassist, Sexist oder so ein anderer „-ist“ zu sein, dass man da einfach so eine prototypische Tierfigur hochziehen kann und die dann erbarmungslos scheitern lassen kann, ohne dass man hinterher Ärger von einem Betroffenen bekommt.
T: Hast du da ein Beispiel da?
G: Ich habe meine tragische Geschichtensammlung als kleines Heftchen zusammengestellt. Das Ganze steht unter dem Arbeitstitel „glückliche Liebe ist kulturell wertlos“, das heißt, es sind garantiert wertvolle, weil unglückliche und gescheiterte Geschichten - Storys von untreuen Nebelkrähen oder bedenkentragenden Hasen, von schwulen Hirschen, und brünftigen Rentieren, großmäuligen Nilpferden und moralischen Fröschen, deutschnationalen Schäferhunden und depressiven Fischen.
T: Das klingt sehr interessant. Was machst du denn beruflich?
G: Ich sitze in einem Unternehmen, das Speicherchips herstellt und Speichermodule für Computer; ich mache im Prinzip das ganze Klimmbimm, das die Elektriker, pardon die Elektroingenieure, nicht können, das heißt, ich messe vor allem elektrische Größen und mache Temperaturmessungen und Untersuchungen zu den Erwärmungen von elektronischen Baugruppen.
T: Und das fließt gar nicht ein in deine Gedichte?
G: Das fließt so ein bisschen natürlich ein, da ich von meinem Studium her so einen vernunftgetriebenen und analysierenden Zugang zu den Dingen habe und dieser Zugang in den emotionalen Menschenwelten eben dann ganz bravorös scheitert; dieser Zwiespalt zwischen dem Vernünftigen und Emotionalen, der findet sich schon wieder in meinen Werken.
T: Bloß anders verpackt...
G: ...ja, ich glaube, wenn ich da sachliche Abhandlungen drüber schreiben würde, das wäre strunzlangweilig, dann müsste ich mich auf irgendwelchen philosophischen Kongressen bewerben. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich ein Mandat als Betriebsrat in der Firma und erlebe dann natürlich auch den Konflikt zwischen wirtschaftlichen Denken und den Lebensansprüchen der Mitarbeiter, und den setze ich im Augenblick um in einem Projekt, das ich neoliberales Märchenbuch genannt habe. Darin besinnen sich zum Beispiel Eltern auf ihre Kernkompetenz als kinderloses Ehepaar zurück und übergeben die Kinder dem freien Markt im Wald.
T: Sind die also auch kritisch, die Slams?
G: Die Slams können kritisch sein, ja, ich finde es gut. wenn nicht nur belanglose Albernheiten erzählt werden, wenn es auch bissige und bissfeste Texte gibt. Der amtierende Slamchampion, Marc-Uwe Kling, ist auf halber Strecke zum politischen Kabarett und der hat mich auch ein bisschen inspiriert.
T: Sind deine Werke gedruckt auf dem Markt erhältlich?
G: Jein, also das hier ist schon so ein Heftchen, das verkaufe ich im Selbstverlag auf den Veranstaltungen, auf denen ich da auftrete. Eine Auswahl aus diesen Geschichten ist als Hörbuch erschienen, und dann gibt es Anthologien mit Texten, in denen ich auch vertreten bin, nun gut, das Märchenbuch ist noch im Experimentierstadium.
T: Und kommt das gut an? Eigentlich wäre doch damit „Poetry Slam“ nicht ganz abgedeckt, da der eigentliche Teil, die Inszenierung, fehlt.
G: Ja gut, man inszeniert sich dann eben als Märchenerzähler. Es gibt in den Texten natürlich auch Passagen, in denen Erzähler ein bisschen emotional werden und sich hineinsteigern, zum Beispiel bei Hänsel und Gretel, wenn die Warnung an die lieben kleinen Kinder kommt, sie müssten jetzt endlich mal Leistung zeigen, sonst würden sich die Eltern womöglich morgen im Kindergarten lieber zwei kleine Chinesenkinder mit nach Hause nehmen, die engagierter arbeiten.
T: Was ist der eigentliche Kick, Poetry Slam zu machen?
G: Es ist der Kontakt zu Menschen, zu einer ganz anderen Sorte Menschen, als wie ich am Arbeitsplatz um mich habe; der Versuch, etwas vom wirklichen Leben draußen mitzubekommen, wenn man vorher den ganzen Tag vor einem Bildschirm mit Zahlen gesessen hat. Für mich ist es eben auch die Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Emotion, wie ich mit dem neoliberalen wirtschafts- und konkurrenzfixierten Denken umgehe. Bei meiner Hänsel-und-Gretel-Geschichte krempel ich die moralische Bewertung dieses Märchens völlig um. Die Hexe ist die Inhaberin einer Ich AG, die mit ihrem Geschäftskonzept, einer Kinderbraterei, scheitert, weil sie nicht konsequent genug mit den rebellierenden Mitarbeitern umspringt. Dass die Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen, ist keine Untat mehr, sondern einfach eine konsequent umgesetze Maßnahme, um die schlechte wirtschaftliche Situation der Familie zu verbessern. Dieses Aufeinanderprallen von Weltbildern, das erkläre ich halt.
T: Wie kommt man auf solche Ideen? Sind das Dinge, die einem wirklich passieren?
G: Ich wehre mich dagegen, mein eigenes Leben auf der Bühne darzustellen. Was ich erzähle, ist immer fiktiv. Die Denkanstöße kommen beim Zeitungslesen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung, kommen mir Ideen für das neoliberale Märchenbuch...

T: ...auch am Arbeitsplatz?
G: Als Betriebsrat bin ich in die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit involviert, und bei den Tiergeschichten habe ich ganz systematisch gesucht und recherchiert, was für Charaktereigenschaften verbinden die Leute mit Tieren, was für eine symbolische Bedeutung haben bestimmte Tiere, da hab ich mich dann so ein bisschen entlang gehangelt.
T: Was willst du bei den Lesern erreichen? Ein Gedankenanstoß?
G: Ja, auch ein Nachdenken, eine Auseinandersetzung...
T: ...ein Umdenken?
G: Hm...ich will sie gar nicht in eine bestimmte Richtung treiben, ich will sie zum Nachdenken bewegen und dazu bewegen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, ihre eigenen moralischen Bilder zu entwickeln. Also Moral ist in gewisser Weise ein roter Faden in meinen Geschichten.
T: Also zielt schon alles auf eine gewisse Endaussage hin?
G: Bei den tierisch tragischen Geschichten gibt es am Ende immer einen Moralvers, an dem dann trocken runtergebetet ist, was der Leser da bitteschön jetzt gelernt hat, aber das ist so überspitzt, dass es sich in der Wirkung schon wieder umkehrt. Ich hab hier, glaube ich, noch einen moralischen Text dabei, genau, der Zappelkevin, das war so eine Auseinandersetzung mit einem bekannten Kinderbuch des vorletzten Jahrhunderts, dem Zappelphillip, das ich in dessen moralischer Aussage für höchst höchst bedenklich halte, weil es jede Verantwortung und jedes Verschulden für kindliches Unglück auf den Kindern selber ablädt. Vor diesem moralischen Bild hab ich mir Gedanken gemacht, wie man einen modernen Zappelphillip schreiben könnte; das Ergebnis ist der Zappelkevin, der von seiner Mutter allein erzogen wird, mit Ritalin ruhiggestellt wird und bei einem etwas hektischen Kampf mit den Zombies auf dem Gameboy bedauerlicherweise ums Leben kommt – das ist also auch noch so eine Auseinandersetzung mit Moral und Verantwortung.

T: Ist das alles reines Hobby, oder ist da auch ein wirtschaftlicher Hintergedanke mit dabei?
G: Also dieser ganze Subliteraturbetrieb des Poetry Slams und auch diese Lesebühnen, die sind derartig schlecht finanziert, dass man damit seinen Lebensunterhalt gar nicht bestreiten kann.Verlage tun sich wahnsinnig schwer mit diesem Slam-Genre Slam, da ist immer noch so ein bisschen Naserümpfen. Was da jetzt so eine gewisses Staunen hervorruft, dass man hier in München zum Deutschland-Slam Tausende auf die Beine brachte. Da setzt jetzt so ein bisschen das Nachdenken ein, ob man nicht vielleicht diese Begeisterung nicht doch irgendwie zwischen den Buchdeckeln einfangen kann. Es gibt auch so eine heranwachsende Verlagsszene innerhalb der Slamgemeinde, und die probieren ganz unterschiedliche Dinge, wie zum Beispiel der Verlag Voland und Quist in Leipzig, der seine Bücher grundsätzlich mit einer CD herausgibt. Damit hat man einen akustischen Eindruck von dem, was da passiert ist. Ich probiere das ein bisschen mit meinem Hörbuch und dem Versuch, diese Geschichten illustrieren zu lassen. Es gibt mittlerweile auch „Poetry Clips“, also kurze Videodarbietungen von solchen Texten, die über Youtube laufen.
T: Im Amerika gibt es einen gewaltigen Ansturm auf Poetry: Kinofilme, riesige Veranstaltungen, Fernsehsendungen, Livesendungen, meinst du, das kommt hier noch?
G: Die Szene ist ziemlich im Aufbruch. Slam gibt es seit 10 Jahren in Deutschland mit einer jährlichen Meisterschaft. Da hockten am Anfang 100 oder 200 Zuhörer in einer Kneipe, München zählte 5200 Zuschauer und 300 Aktive, also das geht ganz schön bergauf, der WDR ist eingestiegen und hat soeben verkündet, dass er im Herbst 2007 eine zweite Staffel dieses Slamformats produzieren möchte. Sie sagen, sie hätten der der ersten Anfang 2007 sehr große Publikumsresonanz gehabt.
T: Warst du da auch schon zu sehen?
G: Nein, aber ich habe mich schon für die neue Staffel beworben.
T: Dann wünsche ich viel Glück! Vielen Dank für dieses Gespräch, gibt es noch ein abschließendes Wort von dir?
G: Also, mein wichtigstes Statement zum Thema Theater ist ein frei formuliertes Adorno Zitat, dass nämlich auf der Bühne das Furchtbare geschehen muss, damit im Leben das Gute geschieht; das gibt mir die Möglichkeit, auf der Bühne das Scheitern, die Tragik und den Untergang zu erleben und zu erproben, und dann, wenn der Vorhang fällt, gesund und munter wieder von der Bühne zu steigen.
T: Ein großer Minuspol zum Pluspol Leben?
G: Ja, es ist so eine Chance, die Welt weiter zu erforschen, ein wenig wie Kinder, die eigentlich ständig Theaterspielen, ständig sich ausprobieren, Rollen ausprobieren, die Welt ausprobieren, die Welt herausfordern, der Welt damit Fragen stellen. Es wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger, so zu leben, weil es gewisse Erwartungen an den Menschen gibt in punkto Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit. Das Theater, die Literatur und die Poesie, sie bieten die Chance, sich als erwachsener Mensch noch einen spielerischen, probierenden, erforschenden Zugang zur Welt zu erhalten.
Weiterführende Info & Links:
Poetry Slam Festival in München
TV-Poetry
Poetry Verlag
Homepage des interviewten Slamers
Poetry Kostprobe
Froschmoral
Ein Frosch, den Triebstau heftig plagte,
traf eine Fröschin und er quakte:
„Wie wär’s, wenn ich jetzt hier ma Teiche
in freier Liebe mit dir Laiche?“
Die Fröschin spürt Gewissensqual:
„Wie geht das denn mit der Moral?
Würd’ heil’ge Ehe uns vereinen
dann kann ich kaum den Wunsch verneinen.“
„Ja, es lockt stets des Manns Erprobung ...
Nein, es gibt nicht einmal Verlobung ...
Ja, er begehrt und ehrt so mich ...
Nein, aber hier? So öffentlich!“
Ja, es wiegt auch beim Frosch die Brunft
Mehr als Moral oder Vernunft.
(Ach – noch was läuft bei Fröschen schief:
Sie können keinen Konjunktiv.)
Egal, es siegte eh der Trieb,
was dann nicht ohne Folgen blieb
weil sie sich um Moral bemühten
anstatt das Schlimmste zu verhüten:
Denn kaum dass sie sich lieben – horch,
naht – flap-flap-flap – der Klapperstorch,
und als sie grad in Wollust zucken
heißt’s: Mahlzeit! Happs.
Und zwei Mal Schlucken.
Was brachte das Moralisieren
Also als Nutzen diesen Tieren?
Nur Unglück. Es droht manches Mal
Der Storch halt mehr als die Moral.
Jetzt aber doch noch hier zum Schluss
Moral – weil es sie geben muss:
Für freie Liebe allgemein
Ist’s besser, selbst kein Frosch zu sein.
Aus: Tierisch Tragische Geschichten
Foto: Oliver Laube
Zeichnungen: Maria Lechner
Interview: Stefan Träger –
dem Slamer musikalisch künstlerisch verbunden


Träger: Wie bist du zu Poetry Slam gekommen?
Grög: Ich habe vorher in Berlin gelebt, und habe immer versucht, für mich selber einen Ausgleich zu meinem technischen Beruf zu finden. Ich habe Physik studiert, promoviert und nebenbei viel Musik gemacht und gesungen. Dann bin ich nach München gegangen war dann auf der Suche nach etwas, was ich in München wieder tun könnte.
T: Anstelle von singen...
G: ....genau, irgendwann bin ich in einem der Münchener Poetry Slams gelandet. Leute kletterten auf die Bühne, trugen ihre kurzen Gedichte und Texte vor und wurden wie beim Eiskunstlauf vom Publikum benotet. Also, das war so eine Art Dichterwettstreit, etwas ins Absurde übersteigert, und das hat mich von Anfang an fasziniert.
T: Poetry Slam ist nicht sehr textnah, das heißt, es lebt eher aus der Inszenierung selbst.
G: Das habe ich dann relativ schnell bemerkt. Das war eigentlich keine schriftstellerische Tätigkeit, sondern Theater, und dann habe ich ganz gezielt angefangen, so ein bisschen mit Theatertechniken zu arbeiten, das heißt, ich habe mit einem Theaterregisseur meine Texte geprobt. Außerdem zog ich eine Sprecherzieherin hinzu.
T: Wie regelmäßig hast du Auftritte?
G: Das kann man sehr breit selbst bestimmen, es gibt in Deutschland so eine Szene aus zwischen 60 – 70 regelmäßig stattfindenden Poetry Slams, die kann man besuchen und dort dann auftreten.
T: Hast du auch teilgenommen am Poetry Slam Festival in München im November 2006?
G: Ich habe es bis in das Finale geschafft. Das war ganz spannend. Das war ein großer Saal der Münchner Kammerspiele, restlos ausverkauft, da saßen 700 Leute und das war ein Hexenkessel, also das hat so gepocht.
T: Singen ist ja verboten, wie lässt sich das denn dann vergleichen mit der vorherigen Tätigkeit als Sänger?
G: Ja, also der überwiegende Teil muss ein Sprechtext sein, aber im Poetry Slam hat man wesentlich mehr Gestaltungsspielraum, als ich vorher als Chorsänger hatte. Das Darstellen und das Sprechen ist eine sehr körperliche Disziplin.
T: Zu deinen Stücken selbst: Mit was befassen sie sich? Gibt es da einen Themenschwerpunkt?

G: Ich habe einen größeren Zyklus, die so genannten „Tierisch tragischen Geschichten“, in denen ich das Fabelgenre ein wenig modernisiere und an Tieren als Klischeegestalten anknüpfe. Das ist halt das Schöne an so einer Tiergeschichte, dass man da hemmungslos Klischees dreschen kann, ohne dass man dann in der Gefahr schwebt, hinterher Rassist, Sexist oder so ein anderer „-ist“ zu sein, dass man da einfach so eine prototypische Tierfigur hochziehen kann und die dann erbarmungslos scheitern lassen kann, ohne dass man hinterher Ärger von einem Betroffenen bekommt.
T: Hast du da ein Beispiel da?
G: Ich habe meine tragische Geschichtensammlung als kleines Heftchen zusammengestellt. Das Ganze steht unter dem Arbeitstitel „glückliche Liebe ist kulturell wertlos“, das heißt, es sind garantiert wertvolle, weil unglückliche und gescheiterte Geschichten - Storys von untreuen Nebelkrähen oder bedenkentragenden Hasen, von schwulen Hirschen, und brünftigen Rentieren, großmäuligen Nilpferden und moralischen Fröschen, deutschnationalen Schäferhunden und depressiven Fischen.
T: Das klingt sehr interessant. Was machst du denn beruflich?
G: Ich sitze in einem Unternehmen, das Speicherchips herstellt und Speichermodule für Computer; ich mache im Prinzip das ganze Klimmbimm, das die Elektriker, pardon die Elektroingenieure, nicht können, das heißt, ich messe vor allem elektrische Größen und mache Temperaturmessungen und Untersuchungen zu den Erwärmungen von elektronischen Baugruppen.
T: Und das fließt gar nicht ein in deine Gedichte?
G: Das fließt so ein bisschen natürlich ein, da ich von meinem Studium her so einen vernunftgetriebenen und analysierenden Zugang zu den Dingen habe und dieser Zugang in den emotionalen Menschenwelten eben dann ganz bravorös scheitert; dieser Zwiespalt zwischen dem Vernünftigen und Emotionalen, der findet sich schon wieder in meinen Werken.
T: Bloß anders verpackt...
G: ...ja, ich glaube, wenn ich da sachliche Abhandlungen drüber schreiben würde, das wäre strunzlangweilig, dann müsste ich mich auf irgendwelchen philosophischen Kongressen bewerben. Seit einem dreiviertel Jahr habe ich ein Mandat als Betriebsrat in der Firma und erlebe dann natürlich auch den Konflikt zwischen wirtschaftlichen Denken und den Lebensansprüchen der Mitarbeiter, und den setze ich im Augenblick um in einem Projekt, das ich neoliberales Märchenbuch genannt habe. Darin besinnen sich zum Beispiel Eltern auf ihre Kernkompetenz als kinderloses Ehepaar zurück und übergeben die Kinder dem freien Markt im Wald.
T: Sind die also auch kritisch, die Slams?
G: Die Slams können kritisch sein, ja, ich finde es gut. wenn nicht nur belanglose Albernheiten erzählt werden, wenn es auch bissige und bissfeste Texte gibt. Der amtierende Slamchampion, Marc-Uwe Kling, ist auf halber Strecke zum politischen Kabarett und der hat mich auch ein bisschen inspiriert.
T: Sind deine Werke gedruckt auf dem Markt erhältlich?
G: Jein, also das hier ist schon so ein Heftchen, das verkaufe ich im Selbstverlag auf den Veranstaltungen, auf denen ich da auftrete. Eine Auswahl aus diesen Geschichten ist als Hörbuch erschienen, und dann gibt es Anthologien mit Texten, in denen ich auch vertreten bin, nun gut, das Märchenbuch ist noch im Experimentierstadium.
T: Und kommt das gut an? Eigentlich wäre doch damit „Poetry Slam“ nicht ganz abgedeckt, da der eigentliche Teil, die Inszenierung, fehlt.
G: Ja gut, man inszeniert sich dann eben als Märchenerzähler. Es gibt in den Texten natürlich auch Passagen, in denen Erzähler ein bisschen emotional werden und sich hineinsteigern, zum Beispiel bei Hänsel und Gretel, wenn die Warnung an die lieben kleinen Kinder kommt, sie müssten jetzt endlich mal Leistung zeigen, sonst würden sich die Eltern womöglich morgen im Kindergarten lieber zwei kleine Chinesenkinder mit nach Hause nehmen, die engagierter arbeiten.
T: Was ist der eigentliche Kick, Poetry Slam zu machen?
G: Es ist der Kontakt zu Menschen, zu einer ganz anderen Sorte Menschen, als wie ich am Arbeitsplatz um mich habe; der Versuch, etwas vom wirklichen Leben draußen mitzubekommen, wenn man vorher den ganzen Tag vor einem Bildschirm mit Zahlen gesessen hat. Für mich ist es eben auch die Auseinandersetzung zwischen Vernunft und Emotion, wie ich mit dem neoliberalen wirtschafts- und konkurrenzfixierten Denken umgehe. Bei meiner Hänsel-und-Gretel-Geschichte krempel ich die moralische Bewertung dieses Märchens völlig um. Die Hexe ist die Inhaberin einer Ich AG, die mit ihrem Geschäftskonzept, einer Kinderbraterei, scheitert, weil sie nicht konsequent genug mit den rebellierenden Mitarbeitern umspringt. Dass die Eltern ihre Kinder im Wald aussetzen, ist keine Untat mehr, sondern einfach eine konsequent umgesetze Maßnahme, um die schlechte wirtschaftliche Situation der Familie zu verbessern. Dieses Aufeinanderprallen von Weltbildern, das erkläre ich halt.
T: Wie kommt man auf solche Ideen? Sind das Dinge, die einem wirklich passieren?
G: Ich wehre mich dagegen, mein eigenes Leben auf der Bühne darzustellen. Was ich erzähle, ist immer fiktiv. Die Denkanstöße kommen beim Zeitungslesen im Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung, kommen mir Ideen für das neoliberale Märchenbuch...

T: ...auch am Arbeitsplatz?
G: Als Betriebsrat bin ich in die Auseinandersetzung zwischen Wirtschaftlichkeit und Menschlichkeit involviert, und bei den Tiergeschichten habe ich ganz systematisch gesucht und recherchiert, was für Charaktereigenschaften verbinden die Leute mit Tieren, was für eine symbolische Bedeutung haben bestimmte Tiere, da hab ich mich dann so ein bisschen entlang gehangelt.
T: Was willst du bei den Lesern erreichen? Ein Gedankenanstoß?
G: Ja, auch ein Nachdenken, eine Auseinandersetzung...
T: ...ein Umdenken?
G: Hm...ich will sie gar nicht in eine bestimmte Richtung treiben, ich will sie zum Nachdenken bewegen und dazu bewegen, ihre eigenen Schlüsse zu ziehen, ihre eigenen moralischen Bilder zu entwickeln. Also Moral ist in gewisser Weise ein roter Faden in meinen Geschichten.
T: Also zielt schon alles auf eine gewisse Endaussage hin?
G: Bei den tierisch tragischen Geschichten gibt es am Ende immer einen Moralvers, an dem dann trocken runtergebetet ist, was der Leser da bitteschön jetzt gelernt hat, aber das ist so überspitzt, dass es sich in der Wirkung schon wieder umkehrt. Ich hab hier, glaube ich, noch einen moralischen Text dabei, genau, der Zappelkevin, das war so eine Auseinandersetzung mit einem bekannten Kinderbuch des vorletzten Jahrhunderts, dem Zappelphillip, das ich in dessen moralischer Aussage für höchst höchst bedenklich halte, weil es jede Verantwortung und jedes Verschulden für kindliches Unglück auf den Kindern selber ablädt. Vor diesem moralischen Bild hab ich mir Gedanken gemacht, wie man einen modernen Zappelphillip schreiben könnte; das Ergebnis ist der Zappelkevin, der von seiner Mutter allein erzogen wird, mit Ritalin ruhiggestellt wird und bei einem etwas hektischen Kampf mit den Zombies auf dem Gameboy bedauerlicherweise ums Leben kommt – das ist also auch noch so eine Auseinandersetzung mit Moral und Verantwortung.

T: Ist das alles reines Hobby, oder ist da auch ein wirtschaftlicher Hintergedanke mit dabei?
G: Also dieser ganze Subliteraturbetrieb des Poetry Slams und auch diese Lesebühnen, die sind derartig schlecht finanziert, dass man damit seinen Lebensunterhalt gar nicht bestreiten kann.Verlage tun sich wahnsinnig schwer mit diesem Slam-Genre Slam, da ist immer noch so ein bisschen Naserümpfen. Was da jetzt so eine gewisses Staunen hervorruft, dass man hier in München zum Deutschland-Slam Tausende auf die Beine brachte. Da setzt jetzt so ein bisschen das Nachdenken ein, ob man nicht vielleicht diese Begeisterung nicht doch irgendwie zwischen den Buchdeckeln einfangen kann. Es gibt auch so eine heranwachsende Verlagsszene innerhalb der Slamgemeinde, und die probieren ganz unterschiedliche Dinge, wie zum Beispiel der Verlag Voland und Quist in Leipzig, der seine Bücher grundsätzlich mit einer CD herausgibt. Damit hat man einen akustischen Eindruck von dem, was da passiert ist. Ich probiere das ein bisschen mit meinem Hörbuch und dem Versuch, diese Geschichten illustrieren zu lassen. Es gibt mittlerweile auch „Poetry Clips“, also kurze Videodarbietungen von solchen Texten, die über Youtube laufen.
T: Im Amerika gibt es einen gewaltigen Ansturm auf Poetry: Kinofilme, riesige Veranstaltungen, Fernsehsendungen, Livesendungen, meinst du, das kommt hier noch?
G: Die Szene ist ziemlich im Aufbruch. Slam gibt es seit 10 Jahren in Deutschland mit einer jährlichen Meisterschaft. Da hockten am Anfang 100 oder 200 Zuhörer in einer Kneipe, München zählte 5200 Zuschauer und 300 Aktive, also das geht ganz schön bergauf, der WDR ist eingestiegen und hat soeben verkündet, dass er im Herbst 2007 eine zweite Staffel dieses Slamformats produzieren möchte. Sie sagen, sie hätten der der ersten Anfang 2007 sehr große Publikumsresonanz gehabt.
T: Warst du da auch schon zu sehen?
G: Nein, aber ich habe mich schon für die neue Staffel beworben.
T: Dann wünsche ich viel Glück! Vielen Dank für dieses Gespräch, gibt es noch ein abschließendes Wort von dir?
G: Also, mein wichtigstes Statement zum Thema Theater ist ein frei formuliertes Adorno Zitat, dass nämlich auf der Bühne das Furchtbare geschehen muss, damit im Leben das Gute geschieht; das gibt mir die Möglichkeit, auf der Bühne das Scheitern, die Tragik und den Untergang zu erleben und zu erproben, und dann, wenn der Vorhang fällt, gesund und munter wieder von der Bühne zu steigen.
T: Ein großer Minuspol zum Pluspol Leben?
G: Ja, es ist so eine Chance, die Welt weiter zu erforschen, ein wenig wie Kinder, die eigentlich ständig Theaterspielen, ständig sich ausprobieren, Rollen ausprobieren, die Welt ausprobieren, die Welt herausfordern, der Welt damit Fragen stellen. Es wird mit zunehmendem Alter immer schwieriger, so zu leben, weil es gewisse Erwartungen an den Menschen gibt in punkto Berechenbarkeit und Zuverlässigkeit. Das Theater, die Literatur und die Poesie, sie bieten die Chance, sich als erwachsener Mensch noch einen spielerischen, probierenden, erforschenden Zugang zur Welt zu erhalten.
Weiterführende Info & Links:
Poetry Slam Festival in München
TV-Poetry
Poetry Verlag
Homepage des interviewten Slamers
Poetry Kostprobe
Froschmoral
Ein Frosch, den Triebstau heftig plagte,
traf eine Fröschin und er quakte:
„Wie wär’s, wenn ich jetzt hier ma Teiche
in freier Liebe mit dir Laiche?“
Die Fröschin spürt Gewissensqual:
„Wie geht das denn mit der Moral?
Würd’ heil’ge Ehe uns vereinen
dann kann ich kaum den Wunsch verneinen.“
„Ja, es lockt stets des Manns Erprobung ...
Nein, es gibt nicht einmal Verlobung ...
Ja, er begehrt und ehrt so mich ...
Nein, aber hier? So öffentlich!“
Ja, es wiegt auch beim Frosch die Brunft
Mehr als Moral oder Vernunft.
(Ach – noch was läuft bei Fröschen schief:
Sie können keinen Konjunktiv.)
Egal, es siegte eh der Trieb,
was dann nicht ohne Folgen blieb
weil sie sich um Moral bemühten
anstatt das Schlimmste zu verhüten:
Denn kaum dass sie sich lieben – horch,
naht – flap-flap-flap – der Klapperstorch,
und als sie grad in Wollust zucken
heißt’s: Mahlzeit! Happs.
Und zwei Mal Schlucken.
Was brachte das Moralisieren
Also als Nutzen diesen Tieren?
Nur Unglück. Es droht manches Mal
Der Storch halt mehr als die Moral.
Jetzt aber doch noch hier zum Schluss
Moral – weil es sie geben muss:
Für freie Liebe allgemein
Ist’s besser, selbst kein Frosch zu sein.
Aus: Tierisch Tragische Geschichten
Foto: Oliver Laube
Zeichnungen: Maria Lechner
Interview: Stefan Träger –
dem Slamer musikalisch künstlerisch verbunden

open-science - 16. Aug, 20:13

