Mein Clinch mit der Rüsselprothese
Jeden Monat vergibt P.M. einen Praktikumsplatz an eine Studentin oder einen Studenten. Wie die Praktikanten die Arbeit in der Redaktion erleben, was sie machen und mit welchen Schwierigkeiten sie sich herumschlagen müssen, wirft ein wichtiges Schlaglicht auf den Beruf des Wissenschaftsjournalisten und die an ihn gestellten Forderungen. An dieser Stelle berichtet Colette Roitsch über ihre Erfahrungen. Sie studiert European Studies an der TU Chemnitz und ist freie Mitarbeiterin bei der „Sächsischen Zeitung“.
»So ist es eben im Wissenschaftsjournalismus.« Mmmh, ich glaube diese Aussage sollte mir etwas sagen – aber was? Um nicht zu zeigen, dass ich keine Ahnung habe, hilft nur ein: »Ach ja!« – einfach so tun, als ob alles klar wäre. Soooo viel unterschiedlicher als »normaler« Journalismus wird es ja wohl nicht sein...

Doch da sollte ich mich täuschen, denn hinter »Wissenschaftsjournalismus« steckt einiges mehr.
Normalerweise schreibe ich einfach drauf los. Das Themengerüst steht zwar in ganz groben Zügen, doch die Ideen kommen eigentlich immer erst beim Schreiben. So weiß ich vorher meist nie, wo der Text hinführt und wie er am Ende aussieht. Doch das ist manchmal gerade das Spannende und bringt Abwechslung ins Spiel.
Jetzt bin ich hier in der P.M. Redaktion für die Online-Wissens-News zuständig und da geht das natürlich nicht – ich kann ja schließlich schlecht zu meinen eigenen wissenschaftlichen Ergebnissen kommen, nach dem Motto: »Die Erde ist rund oder doch nicht?« Ziel des Wissenschaftsjournalismus ist es ja, Bindeglied zwischen den Forschern und den Lesern zu sein. Komplizierte Erkenntnisse müssen sachlich, verständlich, kurz und knapp und ohne viel Drumherum erklärt werden.
Ok, vom Prinzip her verständlich. Der Haken ist nur, dass mir die meisten Sachverhalte komplett neu sind: Messgeräte, die Blutbestandteile durch die Haut hindurch bestimmen können; Fische, die mit dem Kinn sehen oder Roboterarme nach Vorbild des Elefantenrüssels...
Alles interessant ohne Ende – genau das würde ich gern in den Wissens-News lesen! Es ist auch irgendwie toll, dass ich jetzt entscheiden kann, was auf der Homepage steht. Alles, was ICH interessant finde, kann ich zu einem Text bauen – ja, das hat schon was.
Jetzt heißt es, meine Begeisterung für das Thema so zu verpacken, dass sie auch den Leser ansteckt. Das wichtigste ist dabei schon fast die Überschrift, denn wenn da steht: »Neue Prothese«, dann reißt das nicht jeden gleich vom Hocker. Gääähn – nächstes Thema.
Bei »Rüsselprothese für den menschlichen Arm« würde ich schon eher mal weiterlesen. Dann muss natürlich auch der Einstieg interessant sein, damit der Leser dran bleibt und Lust hat, mehr zu erfahren. Im erläuternden Text sollten dann genau so viele Informationen drin sein, wie man zum Verständnis braucht, aber ohne sinnlose und verwirrende Details. Der Schluss macht dem Leser das Neue oder Wichtige an der Sache noch einmal deutlich und welchen Vorteil das Ganze hat.
Das Rezept für einen guten Beitrag ist in der Theorie also gar nicht so schwer. Doch in der Umsetzung treten ungeahnte Hürden auf.
Wie beschreibe ich zum Beispiel die Elefantenrüsselprothese so, dass es auch der Leser kapiert? Anfangs habe ich vor lauter Fragezeichen schon gar keine Buchstaben mehr gesehen: Was hat der Rüssel mit dem Arm zu tun? Wie funktioniert eine »normale« Prothese? Wo befindet sich welches Teil?
Optimal ist es, wenn diese Fragen durch den Quellentext geklärt werden können. Doch wenn dort steht, »die Schnur ist wie eine Sehne zwischen zwei zueinander beweglichen Teilen befestigt«, dann vermehren sich die Fragezeichen exponentiell und ich habe absolut keinen Durchblick mehr.
Da hilft nur eines: Recherche, Recherche, Recherche. Doch auch hier können leicht Probleme auftreten. Nicht selten kommt es dabei aber vor, dass sich die Quellen widersprechen oder den Sachverhalt so durcheinander erklären, dass man nicht mehr weiß, wo hinten und vorn ist.
Was nun – die einfachste Variante wäre natürlich, alles Unklare wegzulassen. Doch das erfüllt ja das Ziel nicht – schließlich soll der Leser bei den Wissens-News was dazulernen und nicht mit Fragmenten abgespeist werden.
Möglichkeit Nummer zwei wäre, die Passage einfach so zu übernehmen, nach dem Motto: »Irgend jemand wird’s schon verstehen« – weil mir vielleicht einfach das technische Wissen fehlt.
Doch so darf man erst gar nicht rangehen, denn man kann keinen Text schreiben, den man selbst nicht versteht. Bleibt dann also noch Möglichkeit Nummer drei übrig: direkt bei dem Verantwortlichen anzurufen und nachzuhaken.
Davor hatte ich anfangs schon ein bisschen Angst: bei einem »richtigen« Wissenschaftler anzurufen und dem dann vermeintlich sinnlose Fragen zu stellen. Doch zum Glück sind die meisten Forscher keine Monster und lachen einen am Telefon auch nicht aus. Normalerweise sind sie sehr freundlich und freuen sich sogar, wenn man Fragen hat und über ihre Forschungsergebnisse berichtet – letztendlich ist es auch eine Art Anerkennung ihrer Arbeit. Längst nicht jede Erkenntnis oder Untersuchung wird schließlich in P.M. veröffentlicht!
Durch so viele Recherchen, Telefonate und Textarbeiten vergeht die Zeit wie im Fluge. Ruckzuck sind die Tage, Wochen, ist das ganze Praktikum vorbei. Schade, denn gerade wenn man jeden Tag etwas anderes macht und vorher nie genau sagen kann, was man alles Spannendes bei der Arbeit entdeckt, macht es besonders viel Laune.
»So ist es eben im Wissenschaftsjournalismus.« Mmmh, ich glaube diese Aussage sollte mir etwas sagen – aber was? Um nicht zu zeigen, dass ich keine Ahnung habe, hilft nur ein: »Ach ja!« – einfach so tun, als ob alles klar wäre. Soooo viel unterschiedlicher als »normaler« Journalismus wird es ja wohl nicht sein...

Doch da sollte ich mich täuschen, denn hinter »Wissenschaftsjournalismus« steckt einiges mehr.
Normalerweise schreibe ich einfach drauf los. Das Themengerüst steht zwar in ganz groben Zügen, doch die Ideen kommen eigentlich immer erst beim Schreiben. So weiß ich vorher meist nie, wo der Text hinführt und wie er am Ende aussieht. Doch das ist manchmal gerade das Spannende und bringt Abwechslung ins Spiel.
Jetzt bin ich hier in der P.M. Redaktion für die Online-Wissens-News zuständig und da geht das natürlich nicht – ich kann ja schließlich schlecht zu meinen eigenen wissenschaftlichen Ergebnissen kommen, nach dem Motto: »Die Erde ist rund oder doch nicht?« Ziel des Wissenschaftsjournalismus ist es ja, Bindeglied zwischen den Forschern und den Lesern zu sein. Komplizierte Erkenntnisse müssen sachlich, verständlich, kurz und knapp und ohne viel Drumherum erklärt werden.
Ok, vom Prinzip her verständlich. Der Haken ist nur, dass mir die meisten Sachverhalte komplett neu sind: Messgeräte, die Blutbestandteile durch die Haut hindurch bestimmen können; Fische, die mit dem Kinn sehen oder Roboterarme nach Vorbild des Elefantenrüssels...
Alles interessant ohne Ende – genau das würde ich gern in den Wissens-News lesen! Es ist auch irgendwie toll, dass ich jetzt entscheiden kann, was auf der Homepage steht. Alles, was ICH interessant finde, kann ich zu einem Text bauen – ja, das hat schon was.
Jetzt heißt es, meine Begeisterung für das Thema so zu verpacken, dass sie auch den Leser ansteckt. Das wichtigste ist dabei schon fast die Überschrift, denn wenn da steht: »Neue Prothese«, dann reißt das nicht jeden gleich vom Hocker. Gääähn – nächstes Thema.
Bei »Rüsselprothese für den menschlichen Arm« würde ich schon eher mal weiterlesen. Dann muss natürlich auch der Einstieg interessant sein, damit der Leser dran bleibt und Lust hat, mehr zu erfahren. Im erläuternden Text sollten dann genau so viele Informationen drin sein, wie man zum Verständnis braucht, aber ohne sinnlose und verwirrende Details. Der Schluss macht dem Leser das Neue oder Wichtige an der Sache noch einmal deutlich und welchen Vorteil das Ganze hat.
Das Rezept für einen guten Beitrag ist in der Theorie also gar nicht so schwer. Doch in der Umsetzung treten ungeahnte Hürden auf.
Wie beschreibe ich zum Beispiel die Elefantenrüsselprothese so, dass es auch der Leser kapiert? Anfangs habe ich vor lauter Fragezeichen schon gar keine Buchstaben mehr gesehen: Was hat der Rüssel mit dem Arm zu tun? Wie funktioniert eine »normale« Prothese? Wo befindet sich welches Teil?
Optimal ist es, wenn diese Fragen durch den Quellentext geklärt werden können. Doch wenn dort steht, »die Schnur ist wie eine Sehne zwischen zwei zueinander beweglichen Teilen befestigt«, dann vermehren sich die Fragezeichen exponentiell und ich habe absolut keinen Durchblick mehr.
Da hilft nur eines: Recherche, Recherche, Recherche. Doch auch hier können leicht Probleme auftreten. Nicht selten kommt es dabei aber vor, dass sich die Quellen widersprechen oder den Sachverhalt so durcheinander erklären, dass man nicht mehr weiß, wo hinten und vorn ist.
Was nun – die einfachste Variante wäre natürlich, alles Unklare wegzulassen. Doch das erfüllt ja das Ziel nicht – schließlich soll der Leser bei den Wissens-News was dazulernen und nicht mit Fragmenten abgespeist werden.
Möglichkeit Nummer zwei wäre, die Passage einfach so zu übernehmen, nach dem Motto: »Irgend jemand wird’s schon verstehen« – weil mir vielleicht einfach das technische Wissen fehlt.
Doch so darf man erst gar nicht rangehen, denn man kann keinen Text schreiben, den man selbst nicht versteht. Bleibt dann also noch Möglichkeit Nummer drei übrig: direkt bei dem Verantwortlichen anzurufen und nachzuhaken.
Davor hatte ich anfangs schon ein bisschen Angst: bei einem »richtigen« Wissenschaftler anzurufen und dem dann vermeintlich sinnlose Fragen zu stellen. Doch zum Glück sind die meisten Forscher keine Monster und lachen einen am Telefon auch nicht aus. Normalerweise sind sie sehr freundlich und freuen sich sogar, wenn man Fragen hat und über ihre Forschungsergebnisse berichtet – letztendlich ist es auch eine Art Anerkennung ihrer Arbeit. Längst nicht jede Erkenntnis oder Untersuchung wird schließlich in P.M. veröffentlicht!
Durch so viele Recherchen, Telefonate und Textarbeiten vergeht die Zeit wie im Fluge. Ruckzuck sind die Tage, Wochen, ist das ganze Praktikum vorbei. Schade, denn gerade wenn man jeden Tag etwas anderes macht und vorher nie genau sagen kann, was man alles Spannendes bei der Arbeit entdeckt, macht es besonders viel Laune.
open-science - 19. Sep, 11:37


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