Super Tuesday: Schub für deutsche Sozialforscher
Genau vor zehn Jahren berichteten wir in dem Beitrag “P.M. vor Ort in Chicago” über “Graswurzel-Demokratie” (2/1998). Heute beflügelt das Konzept dahinter die Kandidaten um das Amt des US-Präsidenten, Hillary Clinton und Barack Obama, sowie die Sozialforschung und die Bürgergesellschaft hierzulande. Im Folgenden ein aktueller Hintergrund.
Der Sozialpädagoge Peter Szynka steckt das Arbeitsfeld seiner Zunft neu ab (Bild unten: 2. Reihe stehend). In seiner Dissertationsarbeit an der Universität Bremen beschäftigt er sich mit dem US-amerikanischen Sozialreformer Saul D. Alinsky und dessen Verständnis von sozialer Arbeit. Dieser studierte in den 1920-er Jahren an der namhaften Chicago School of Sociology das Fach Soziologie und entwickelte das Modell einer wissenschaftlich begründeten sozialen Arbeit.

In seiner als Buch erschienenen Forschungsarbeit mit dem Titel „Theoretische und Empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinksy (1909 – 1972)“ schreibt Szynka: Er betrachtete „die Stadt als ein gigantisches Laboratorium und Forschungsfeld und wagte ein Experiment: Wenn es stimmt, dass soziale Kräfte das Verhalten der Menschen bestimmen, dann müsste es auch möglich sein, aus dem solidarischen Verhalten der Menschen soziale Kräfte zu gewinnen”.

Bemerkenswert an diesem Satz ist zweierlei: Erstens wird Wissenschaft durch Alinsky aus ihrem Elfenbeinturm vertrieben und auf die Straße gestellt, dorthin, wo sie auch hingehört und wo jeder sich mit ihr beschäftigen kann, was selbst für die Soziologie nicht selbstverständlich war; entmythologisiert und entzaubert, ist Wissenschaft eine Art Sandkiste, in der Forscher spielen und den Gesetzen der Natur und des Menschen auf die Spur kommen. Zweitens spielt der gewöhnliche Mensch bei diesem Prozess als Akteur des Ganzen eine entscheidende Rolle, die Grenzen verschwimmen und er wird Beforschter und Mitforscher in einem.
Mit diesem unkonventionellen Ansatz hatte Alinsky großen Erfolg. Er schuf damit das Modell der Community Organizations, Bürgerorganisationen in Stadtteilen, die nach dem Prinzip der Selbsthilfe und Selbstorganisation ihre Probleme alleine lösen und auf diesem Wege politische Mitsprache erlangen.
Das steht, auch heute noch, der gängigen Vorstellung von Sozial- oder Gemeinwesenarbeit, in dem bedürftige Menschen betreut werden, diametral entgegen. Dieser Ansatz könnte die Bürgergesellschaft methodisch bereichern. Auf sie richten sich als Motor des bürgerschaftlichen Engagements und staatlicher Verschlankung große Erwartungen, allerdings ist die Bürgergesellschaft so wenig definiert, dass der Münchner Soziologe Ulrich Beck sie als Pudding beschrieb, der mit dem Nagel an die Wand geschlagen werden soll.
Alinskys Relevanz bis heute besteht darin, dass „er bereits in den 1930-er Jahren Selbstorganisation als Prinzip etablierte und gegen alle Versuche verteidigt hat, den betroffenen Menschen Lösungen 'von oben' vorzuschreiben oder 'von außen' überzustülpen. Er war ein vehementer Kritiker des 'welfare colonialism' und unterstrich die Rechte der Bürger, sich zu beteiligen”, notiert Szynka. Bevormundung war Alinsky ein Gräuel. „Er hat die Menschen als Experten ihrer Situation anerkannt.“
Interessant: Viele Gedanken, auf denen Alinsky aufbaut, wie die der Gemeinschaft und Organisation, Macht und Konflikt stammen von deutschen Gelehrten, darunter Georg Simmel und Friedrich Nietzsche. Mit diesem Konzept, das Alinsky mit amerikanischem Gründergeist und der katholische Soziallehre anreicherte, baute er als praktizierender Soziologe in den ganzen USA Bürgerorganisationen auf, die in erster Linie den Unterpriviligierten und Underdogs eine politsche Plattform verschafften, nicht zuletzt mit den Mitteln der Provokation und Konfrontation.
Alinsky (Foto unten) war damit so erfolgreich, dass er in den 1970-er Jahren die politische Prominenz von Robert Kennedy und Martin Luther King erreichte, berichtet Szynka. Heute gibt es verschiedene Schulen und Ansätze des Community Organizing, die aber alle auf Saul Alinsky zurückgehen. Ein dichtes Netz dieser Bürgerorganisationen überzieht das Land. Community Organizer ist ein eigenständiger Beruf und ein Fach, das sogar an Hochschulen gelehrt wird.

Das Überraschendste allerdings ist: Auch im Präsidentenwahlkampf in den USA spielt Community Organizing eine Rolle. Beide Kandidaten der demokratischen Partei, Hillary Clinton und Barack Obama, sind Saul-Alinsky-Unterstützer und -Schüler. Die ehemalige First Lady schrieb als Studentin eine viel beachtete wissenschaftliche Arbeit über ihn, in die u.a. mehrere Interviews mit dem Bürger-Mobilisierer einflossen. Später äußerte sie sich vielfach lobend über Alinsky, während Bill Clintons Präsidentschaft unterstützte sie die Community Organisationen, womit sie sich allerdings den Vorwurf einhandelte, eine „Linke“ zu sein.
Clintons Gegenspieler, der Afroamerikaner Obama und Senator des Bundesstaates Illinois, arbeitete als 23-Jähriger drei Jahre lang als Community Organizer in den Slums Chicagos. Er trug zu einer Serie von Siegen bei, der das Leben in den schwarzen Nachbarschaften erleichterten, darunter Berufsausbildungsprogramme, Schulreformen und der Bau von Spielplätzen.
Ein Beitrag in der Washington Post ist den Community-Verflechtungen der Kandidaten nachgegangen. Während bei Frau Clinton eher Schwärmerei und intellektuelle Neugier zum Vorschein tritt, sie grundsätzlich aber bei den Eliten verwurzelt ist, fühlt sich Obama den „Graswurzeln“ verpflichtet. Er wird mit dem Satz zitiert, dass ihm im Community Organizing die wichtigste Erziehung seines Lebens widerfuhr und dass er auch als Politiker die Lektionen daraus beherzigt. Seine Präsidentschaftskampagne inszeniert er als eine Art neue soziale Bewegung, die er mit den Werkzeugen des Community Organizing in Form bringt: den Menschen gut zuhören, ihre Bedürfnisse erkennen, Gemeinsamkeiten herausstellen.
Das Thema rückt unterdessen noch stärker in unser Blickfeld: Community Organizing ist auch in Deutschland kein unbekanntes Wort mehr. Der US-Priester Leo Penta brachte damit das heruntergekommene Brooklyn in New York wieder auf die Beine und hat es jetzt in Berlin angesiedelt, mit einem theoretischen und einem praktischen Arm. Als Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen bildet er künftige Sozialarbeiter aus, die von seinen Erfahrungen profitieren; als Community Organizer organisiert er die Bürger in Problemstadtteilen Berlins und Hamburg, darüber hinaus hat er das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) ins Leben gerufen.
Über seine Arbeit mit den Bürgern hat er jetzt ein Buch herausgegeben, das bei der Edition der Körber-Stiftung erschien, die sich um den schwieriger gewordenen transatlantischen Dialog bemüht. „Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt“ enthält viele beeindruckende Beispiele, wie Menschen starke Netzwerke aufbauen und damit die Probleme in ihrer Stadt selbstbestimmt lösen können, ohne unter die Räder von Politik und Bürokratie zu geraten.

Das Wichtigste für Penta: Bevor der Prozess in Gang kommt, muss der Organizer viele Einzelgespräche mit den Menschen und Entscheidungsträgern führen und herausfinden, wo den Menschen der Schuh drückt und wie die lokalen Machtverhältnisse beschaffen sind. Durch diese Zweiergespräche entsteht eine „Macht der Beziehungen“, die dieses Netzwerk nachhaltig und langlebig macht. Die zweite wichtigste Säule: finanzielle Unabhängigkeit. Von Anfang an muss die im Entstehen befindliche Bürgerorganisation Geldquellen suchen. Das alles unterscheidet eine solche Bürgerplattform, wie Penta Community Organizations tauft, von den bekannten Bürgerinitiativen, die nur aus einem sozialen Notfall heraus geboren werden und sich nach dessen Verarztung wieder auflösen.
Mit Harmonie hat auch Penta nichts im Sinn. Sich auf Alinsky berufend, schreibt er, dass “das Konzert der Demokratie nicht aus einem schlichten Gleichklang, sondern aus einer 'Harmonie der Dissonanz' besteht”. In den Konflikten eines Stadtteils und deren Offenlegung findet sich der Rohstoff, aus dem Bürgerorganisationen geschmiedet werden. Der US-Amerikaner zollt der Demokratiebewegung in der DDR Respekt, hat während seiner zwölfjährigen Arbeit in Deutschland aber erfahren, dass hierzulande “keine sehr ausgeprägte Tradition der regionalen und stadtteilbezogenen Mitgestaltung auf politischer Ebene” bestehe.
“Intensive soziale Webarbeit steht an”, empfiehlt Penta, “die bei den einzelnen Beziehungen zwischen Menschen anfangen und sich auf die Verknüpfung von Gruppen, Organisationen und Institutionen erstrecken muss”. Nur so werde Politik als Demokratie erneuert. Letztlich gehe es um das Sich-Beteiligen, das gemeinsame Für-sich-selbst-Sprechen-und-Handeln, nicht bloß um das Beteiligtwerden.
Ein Flair davon vermittelt der Bericht über Pentas Arbeit in Brooklyn. Hier war, als er sein Amt als katholischer Priester antrat, alles kaputt, selbst die Nahrung in den Lebensmittelläden war verdorben. Seine ersten Gehversuche als Community Organizer machte Penta, indem er die Bürger dazu motivierte, bei ihren Einkäufen regelmäßig Kontrollen vorzunehmen. Bei einer Nachbarschaftsversammlung wurden dann die größten Sünder unter den Besitzern öffentlich abgemahnt. Das war der erste Sieg in einer Gegend, in der die nackte Ohnmacht herrschte. Er war die Grundlage für das Durchsetzen eines Bebauungsplans, der mit 3000 erschwinglichen Eigentumshäusern Brooklyn wieder lebenswert machte.
Mit Aktionismus ist im Community Organizing kein Lorbeer zu gewinnen. Bis zu den ersten Lebensmittelkontrollen dauerte es zwei Jahre, erinnert sich Penta. In dieser Zeit, prall gefüllt mit unzähligen Zweiergesprächen, Sicherstellung einer Anschubfinanzierung, Einstellen eines Organizers und dem Zusammenschluß von 30 Kirchengemeinden, entstand das Fundament einer neuen Organisation. Einher gingen damit etwa 100 Treffen von je zehn bis fünfzehn Personen. Das alles war eine Art Therapie für den sozial am Boden liegenden Stadtteil. “Über Grenzen von Rasse, Sprache und Konfession bauten sich gegenseitiges Vertrauen und neuer Respekt auf”, schreibt Penta. “Die Menschen lernten, öffentlich zu agieren, vor anderen zu reden, Verhandlungen zu führen, Machtverhältnisse einzuschätzen, mit Machthabern umzugehen.”
In der bundesdeutschen Hauptstadt hat der Mann aus den USA sein einst so heruntergewirtschaftetes Brooklyn im Stadtteil Berlin Schöneweide wiedergefunden. Nach der Wende verfiel der Südosten der Stadt zusehens, bis der Gemeinwesen-Professor und seine Studenten auf ihn stießen und beschlossen, hieran die Werkzeuge des Community Organizing zu erproben. Es gelang den Anwohnern, den Senat und den Regierenden Bürgermeister Wowereit davon zu überzeugen, in Schöneweide die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft anzusiedeln, was neues Leben in den Stadtteil bringt. Ab 2009 sollen dort mehrere tausend Studenten lernen, arbeiten und wohnen.
Auch der frisch promovierte Dr. Peter Szynka ist mehr als nur ein Forschender auf diesem in Deutschland neuen sozialen Spielfeld. Er ist Vorsitzender des Forums Community Organizing (foco), eines Zusammenschlusses von großenteils Gemeinwesenarbeitern aus verschiedensten sozialen Einrichtungen. Sie wollen die in diesem Beruf übliche Betreuungsmentalität mit Community Organizing sprengen und eine Beteiligungskultur verbreiten helfen.
Foco wird beraten von dem US-amerikanischen Pfarrer Paul Cromwell, der wie Penta viele Jahre als Organizer in den Scherbenvierteln der US-Städte gearbeitet hat, in erster Linie mit protestantischen Kirchen. Auch Cromwell treibt in verschiedenen deutschen Städten Organizing-Projekte voran, veranstaltet Trainings (Foto u.: bei einem in München) und ist darüber hinaus in vielen Teilen Europas aktiv, darunter Tschechien, Rumänien und in der Schweiz. Luzerner Studenten verfassten unter seiner und Szynkas Regie eine Forschungsarbeit über das Community Organizing und wie es sich mit der Schweizer Basisdemokratie verträgt.

Wie Frank Düchting, CVJM-Geschäftsführer in Hamburg-St. Georg und Organizer in der Hansestadt, im Penta-Buch schreibt, ist dieser Job kein Honigschlecken, weil der Ansatz den Deutschen so fremd ist. In der Tat, hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt, müssen Menschen argwöhnen, die einen Organizing-Zyklus noch nicht durchlebt haben.
Hinzu kommen viele grundsätzliche Bedenken, etwa gegen Zweiergespräche. Die sind einigen zu vertraulich, anderen zu geschäftlich, weil sie an den Besuch eines Versicherungsvertreters erinnern. Viele im säkularisierten Deutschland fühlen sich befremdet, weil beim Community Organzing die Kirche eine so große Rolle spielt; in den vergleichsweise sehr religiösen Vereinigten Staaten ist die Kirche allgegenwärtig, viele Kirchenmänner sehen das Organisieren von Menschen als reizvolle Alternative, die den Forderungen der Bibel und des Evangeliums viel mehr entspricht als traditionelle Seelsorge und Sonntagspredigten von der Kanzel; darüber hinaus sind vitale Kirchengemeinden eine wertvolle Ressource in dieser Art von Bürger-Aktivierung, sind sie doch das soziale Rückgrat vieler Nachbarschaften, auch der scheinbar schon verlorenen. Sie sind “soziales Kapital”, das die Gründung einer Nachbarschaftsorganisation erleichtert.
Dennoch erhebt sich deutscherseits die Frage, ob die Kirche als wichtiger Träger einer solchen Bürgerorganisation aus zivilgesellschaftlicher Sicht wirklich akzeptierbar ist. Nach einigen Definitionen sind Glaubensgemeinschaften und Gewerkschaften kein Teil der Zivilgesellschaft. In Deutschland kommt hinzu, dass die Kirchensteuer automatisch vom Staat eingezogen wird, weshalb der Steuerzahler sich nicht ohne Weiteres in kirchlichen Kontexten engagieren will – er hat ja seinen Obulus bereits erbracht.
Auch die Frage nach der Legitimation dieser Bürgerorganisationen wird oft gestellt: Politische Fragen werden in der repräsentativen Demokratie von den gewählten Vertretern gelöst. Dass Bürger die Machtfrage zu stellen wagen, das empfinden viele Menschen in dem Parteienstaat Deutschland, über dessen obrigkeitsstaatlichen Wurzeln man immer wieder stolpert, als Regelverstoß. Deshalb kommt einigen Deutschen Community Organizing so verdächtig vor, dass es manchen sogar als eine Art Trojanisches Pferd von Sekten, neuerdings auch Scientology erscheint. Wen all das nicht anficht, verspürt vielleicht dennoch die bohrende Frage, warum Community Organizing mit seiner 70-jährigen Tradition den Abbau des Rechtsstaats und den Rechtsruck in den Vereinigten Staaten nicht zu stoppen vermochte oder warum das Land sich so lange so schwer mit dem Umweltschutz tat. Schaut Community Organizing über den eigenen Kirchturm nicht hinaus – oder vermag es als gemeinde-basierte Einrichtung einfach nicht mehr zu leisten?
Einige Antworten auf diese offenen Fragen lieferte eine Talkrunde im Körber Forum, bei der sich der Leo Penta mit Warnfried Dettling unterhielt, einem der intellektuellen Wegbereiter der Bürgergesellschaft (Foto unten: Penta li., Dettling re.). »Was Community Organizing will, ist dezidiert politisch«, sagte Penta und stellte klar: Es gehe nicht darum, die parlamentarisch-repräsentative Demokratie in Frage zu stellen – wohl aber darum, sie »zu bereichern durch ein Gegenüber« mit dem Ziel, eine »erkennbare Rückbindung« der Politik an die Gesellschaft auch zwischen den Wahltagen zu erreichen.

Das Bild des Organizers als radikaler Sozialreformer, das Alinsky von sich selber entwarf und welches Szynka in seiner Dissertation nachzeichnet, ist von gestern, stellte Penta klar. Organizer seien keine Aktivisten, sondern "Dienstleister" und "Mittler", die mit der Macht produktiv gebündelter Beziehungen gesellschaftliche Brückenschläge ermöglichen.
Fazit des Abends, so die Körber-Stiftung in einem Resumé: Community Organizing fügt sich als lebenspraktischer Beitrag in die oft mehr abstrakt geführte Debatte über die Bürgergesellschaft ein. Bisher hat die Erkenntnis, dass in einem demokratischen Gemeinwesen als dritte Säule neben Staat und Markt als Regulierungsinstanzen eine selbstorganisierte, selbstbewusste Zivilgesellschaft gehört, nur Schlagwortcharakter. Noch ist es in Deutschland kein gesunkenes Kulturgut, dass Demokratie … auch die »Einmischung der Bürger in ihre eigenen Angelegenheiten« (Dettling) bedeutet.
Unterdessen heizt sich der Präsidentschaftswahlkampf in den USA auf. Er konzentriert bei der demokratischen Partei auf zwei Bewerber, die enge Beziehungen zum Community Organizing haben, sich aber – wegen dessen wahrgenommene Grenzen – für den politischen Weg als effektivstes Mittel der politischen Gestaltung entschieden. Die Frau und der Schwarze, beide können sich die US-Bürger als Präsidenten vorstellen. Bei den entscheidenden Vorwahlen am 5. Februar konnte Hillary Clinton einen leichten Vorsprung für sich verbuchen, das Kopf-an-Kopf-Rennen bleibt weiterhin spannend, für Barack Obama ist noch alles drin.
In der Zeitung “The Nation” sprach er über seine “Community Wurzeln” und erzählte, wie er als Community Organizer eine Asbestverseuchung in den Wohnvierteln Chicagos bekämpfte, die Stadtverwaltung die Bewohner aber belog und Maßnahmen verzögerte, bis diese sich einen Bus mieteten und damit Downtown fuhren, um im Rathaus mal kräftig auf den Tisch zu hauen.
Das wirkte, und dieser “bus ride” wurde zum Kristallisationspunkt in Obamas Leben. “Jene Busfahrt ließ mich weitermachen, glaube ich, womöglich bis heute”, sagt der Bewerber um das Weiße Haus. “I had a ride” - vielleicht wird dieser Satz später einmal, so wie ein ähnlicher, zu einem berühmten Ausspruch.
Der Sozialpädagoge Peter Szynka steckt das Arbeitsfeld seiner Zunft neu ab (Bild unten: 2. Reihe stehend). In seiner Dissertationsarbeit an der Universität Bremen beschäftigt er sich mit dem US-amerikanischen Sozialreformer Saul D. Alinsky und dessen Verständnis von sozialer Arbeit. Dieser studierte in den 1920-er Jahren an der namhaften Chicago School of Sociology das Fach Soziologie und entwickelte das Modell einer wissenschaftlich begründeten sozialen Arbeit.

In seiner als Buch erschienenen Forschungsarbeit mit dem Titel „Theoretische und Empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinksy (1909 – 1972)“ schreibt Szynka: Er betrachtete „die Stadt als ein gigantisches Laboratorium und Forschungsfeld und wagte ein Experiment: Wenn es stimmt, dass soziale Kräfte das Verhalten der Menschen bestimmen, dann müsste es auch möglich sein, aus dem solidarischen Verhalten der Menschen soziale Kräfte zu gewinnen”.

Bemerkenswert an diesem Satz ist zweierlei: Erstens wird Wissenschaft durch Alinsky aus ihrem Elfenbeinturm vertrieben und auf die Straße gestellt, dorthin, wo sie auch hingehört und wo jeder sich mit ihr beschäftigen kann, was selbst für die Soziologie nicht selbstverständlich war; entmythologisiert und entzaubert, ist Wissenschaft eine Art Sandkiste, in der Forscher spielen und den Gesetzen der Natur und des Menschen auf die Spur kommen. Zweitens spielt der gewöhnliche Mensch bei diesem Prozess als Akteur des Ganzen eine entscheidende Rolle, die Grenzen verschwimmen und er wird Beforschter und Mitforscher in einem.
Mit diesem unkonventionellen Ansatz hatte Alinsky großen Erfolg. Er schuf damit das Modell der Community Organizations, Bürgerorganisationen in Stadtteilen, die nach dem Prinzip der Selbsthilfe und Selbstorganisation ihre Probleme alleine lösen und auf diesem Wege politische Mitsprache erlangen.
Das steht, auch heute noch, der gängigen Vorstellung von Sozial- oder Gemeinwesenarbeit, in dem bedürftige Menschen betreut werden, diametral entgegen. Dieser Ansatz könnte die Bürgergesellschaft methodisch bereichern. Auf sie richten sich als Motor des bürgerschaftlichen Engagements und staatlicher Verschlankung große Erwartungen, allerdings ist die Bürgergesellschaft so wenig definiert, dass der Münchner Soziologe Ulrich Beck sie als Pudding beschrieb, der mit dem Nagel an die Wand geschlagen werden soll.
Alinskys Relevanz bis heute besteht darin, dass „er bereits in den 1930-er Jahren Selbstorganisation als Prinzip etablierte und gegen alle Versuche verteidigt hat, den betroffenen Menschen Lösungen 'von oben' vorzuschreiben oder 'von außen' überzustülpen. Er war ein vehementer Kritiker des 'welfare colonialism' und unterstrich die Rechte der Bürger, sich zu beteiligen”, notiert Szynka. Bevormundung war Alinsky ein Gräuel. „Er hat die Menschen als Experten ihrer Situation anerkannt.“
Interessant: Viele Gedanken, auf denen Alinsky aufbaut, wie die der Gemeinschaft und Organisation, Macht und Konflikt stammen von deutschen Gelehrten, darunter Georg Simmel und Friedrich Nietzsche. Mit diesem Konzept, das Alinsky mit amerikanischem Gründergeist und der katholische Soziallehre anreicherte, baute er als praktizierender Soziologe in den ganzen USA Bürgerorganisationen auf, die in erster Linie den Unterpriviligierten und Underdogs eine politsche Plattform verschafften, nicht zuletzt mit den Mitteln der Provokation und Konfrontation.
Alinsky (Foto unten) war damit so erfolgreich, dass er in den 1970-er Jahren die politische Prominenz von Robert Kennedy und Martin Luther King erreichte, berichtet Szynka. Heute gibt es verschiedene Schulen und Ansätze des Community Organizing, die aber alle auf Saul Alinsky zurückgehen. Ein dichtes Netz dieser Bürgerorganisationen überzieht das Land. Community Organizer ist ein eigenständiger Beruf und ein Fach, das sogar an Hochschulen gelehrt wird.

Das Überraschendste allerdings ist: Auch im Präsidentenwahlkampf in den USA spielt Community Organizing eine Rolle. Beide Kandidaten der demokratischen Partei, Hillary Clinton und Barack Obama, sind Saul-Alinsky-Unterstützer und -Schüler. Die ehemalige First Lady schrieb als Studentin eine viel beachtete wissenschaftliche Arbeit über ihn, in die u.a. mehrere Interviews mit dem Bürger-Mobilisierer einflossen. Später äußerte sie sich vielfach lobend über Alinsky, während Bill Clintons Präsidentschaft unterstützte sie die Community Organisationen, womit sie sich allerdings den Vorwurf einhandelte, eine „Linke“ zu sein.
Clintons Gegenspieler, der Afroamerikaner Obama und Senator des Bundesstaates Illinois, arbeitete als 23-Jähriger drei Jahre lang als Community Organizer in den Slums Chicagos. Er trug zu einer Serie von Siegen bei, der das Leben in den schwarzen Nachbarschaften erleichterten, darunter Berufsausbildungsprogramme, Schulreformen und der Bau von Spielplätzen.
Ein Beitrag in der Washington Post ist den Community-Verflechtungen der Kandidaten nachgegangen. Während bei Frau Clinton eher Schwärmerei und intellektuelle Neugier zum Vorschein tritt, sie grundsätzlich aber bei den Eliten verwurzelt ist, fühlt sich Obama den „Graswurzeln“ verpflichtet. Er wird mit dem Satz zitiert, dass ihm im Community Organizing die wichtigste Erziehung seines Lebens widerfuhr und dass er auch als Politiker die Lektionen daraus beherzigt. Seine Präsidentschaftskampagne inszeniert er als eine Art neue soziale Bewegung, die er mit den Werkzeugen des Community Organizing in Form bringt: den Menschen gut zuhören, ihre Bedürfnisse erkennen, Gemeinsamkeiten herausstellen.
Das Thema rückt unterdessen noch stärker in unser Blickfeld: Community Organizing ist auch in Deutschland kein unbekanntes Wort mehr. Der US-Priester Leo Penta brachte damit das heruntergekommene Brooklyn in New York wieder auf die Beine und hat es jetzt in Berlin angesiedelt, mit einem theoretischen und einem praktischen Arm. Als Professor an der Katholischen Hochschule für Sozialwesen bildet er künftige Sozialarbeiter aus, die von seinen Erfahrungen profitieren; als Community Organizer organisiert er die Bürger in Problemstadtteilen Berlins und Hamburg, darüber hinaus hat er das Deutsche Institut für Community Organizing (DICO) ins Leben gerufen.
Über seine Arbeit mit den Bürgern hat er jetzt ein Buch herausgegeben, das bei der Edition der Körber-Stiftung erschien, die sich um den schwieriger gewordenen transatlantischen Dialog bemüht. „Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt“ enthält viele beeindruckende Beispiele, wie Menschen starke Netzwerke aufbauen und damit die Probleme in ihrer Stadt selbstbestimmt lösen können, ohne unter die Räder von Politik und Bürokratie zu geraten.

Das Wichtigste für Penta: Bevor der Prozess in Gang kommt, muss der Organizer viele Einzelgespräche mit den Menschen und Entscheidungsträgern führen und herausfinden, wo den Menschen der Schuh drückt und wie die lokalen Machtverhältnisse beschaffen sind. Durch diese Zweiergespräche entsteht eine „Macht der Beziehungen“, die dieses Netzwerk nachhaltig und langlebig macht. Die zweite wichtigste Säule: finanzielle Unabhängigkeit. Von Anfang an muss die im Entstehen befindliche Bürgerorganisation Geldquellen suchen. Das alles unterscheidet eine solche Bürgerplattform, wie Penta Community Organizations tauft, von den bekannten Bürgerinitiativen, die nur aus einem sozialen Notfall heraus geboren werden und sich nach dessen Verarztung wieder auflösen.
Mit Harmonie hat auch Penta nichts im Sinn. Sich auf Alinsky berufend, schreibt er, dass “das Konzert der Demokratie nicht aus einem schlichten Gleichklang, sondern aus einer 'Harmonie der Dissonanz' besteht”. In den Konflikten eines Stadtteils und deren Offenlegung findet sich der Rohstoff, aus dem Bürgerorganisationen geschmiedet werden. Der US-Amerikaner zollt der Demokratiebewegung in der DDR Respekt, hat während seiner zwölfjährigen Arbeit in Deutschland aber erfahren, dass hierzulande “keine sehr ausgeprägte Tradition der regionalen und stadtteilbezogenen Mitgestaltung auf politischer Ebene” bestehe.
“Intensive soziale Webarbeit steht an”, empfiehlt Penta, “die bei den einzelnen Beziehungen zwischen Menschen anfangen und sich auf die Verknüpfung von Gruppen, Organisationen und Institutionen erstrecken muss”. Nur so werde Politik als Demokratie erneuert. Letztlich gehe es um das Sich-Beteiligen, das gemeinsame Für-sich-selbst-Sprechen-und-Handeln, nicht bloß um das Beteiligtwerden.
Ein Flair davon vermittelt der Bericht über Pentas Arbeit in Brooklyn. Hier war, als er sein Amt als katholischer Priester antrat, alles kaputt, selbst die Nahrung in den Lebensmittelläden war verdorben. Seine ersten Gehversuche als Community Organizer machte Penta, indem er die Bürger dazu motivierte, bei ihren Einkäufen regelmäßig Kontrollen vorzunehmen. Bei einer Nachbarschaftsversammlung wurden dann die größten Sünder unter den Besitzern öffentlich abgemahnt. Das war der erste Sieg in einer Gegend, in der die nackte Ohnmacht herrschte. Er war die Grundlage für das Durchsetzen eines Bebauungsplans, der mit 3000 erschwinglichen Eigentumshäusern Brooklyn wieder lebenswert machte.
Mit Aktionismus ist im Community Organizing kein Lorbeer zu gewinnen. Bis zu den ersten Lebensmittelkontrollen dauerte es zwei Jahre, erinnert sich Penta. In dieser Zeit, prall gefüllt mit unzähligen Zweiergesprächen, Sicherstellung einer Anschubfinanzierung, Einstellen eines Organizers und dem Zusammenschluß von 30 Kirchengemeinden, entstand das Fundament einer neuen Organisation. Einher gingen damit etwa 100 Treffen von je zehn bis fünfzehn Personen. Das alles war eine Art Therapie für den sozial am Boden liegenden Stadtteil. “Über Grenzen von Rasse, Sprache und Konfession bauten sich gegenseitiges Vertrauen und neuer Respekt auf”, schreibt Penta. “Die Menschen lernten, öffentlich zu agieren, vor anderen zu reden, Verhandlungen zu führen, Machtverhältnisse einzuschätzen, mit Machthabern umzugehen.”
In der bundesdeutschen Hauptstadt hat der Mann aus den USA sein einst so heruntergewirtschaftetes Brooklyn im Stadtteil Berlin Schöneweide wiedergefunden. Nach der Wende verfiel der Südosten der Stadt zusehens, bis der Gemeinwesen-Professor und seine Studenten auf ihn stießen und beschlossen, hieran die Werkzeuge des Community Organizing zu erproben. Es gelang den Anwohnern, den Senat und den Regierenden Bürgermeister Wowereit davon zu überzeugen, in Schöneweide die Fachhochschule für Technik und Wirtschaft anzusiedeln, was neues Leben in den Stadtteil bringt. Ab 2009 sollen dort mehrere tausend Studenten lernen, arbeiten und wohnen.
Auch der frisch promovierte Dr. Peter Szynka ist mehr als nur ein Forschender auf diesem in Deutschland neuen sozialen Spielfeld. Er ist Vorsitzender des Forums Community Organizing (foco), eines Zusammenschlusses von großenteils Gemeinwesenarbeitern aus verschiedensten sozialen Einrichtungen. Sie wollen die in diesem Beruf übliche Betreuungsmentalität mit Community Organizing sprengen und eine Beteiligungskultur verbreiten helfen.
Foco wird beraten von dem US-amerikanischen Pfarrer Paul Cromwell, der wie Penta viele Jahre als Organizer in den Scherbenvierteln der US-Städte gearbeitet hat, in erster Linie mit protestantischen Kirchen. Auch Cromwell treibt in verschiedenen deutschen Städten Organizing-Projekte voran, veranstaltet Trainings (Foto u.: bei einem in München) und ist darüber hinaus in vielen Teilen Europas aktiv, darunter Tschechien, Rumänien und in der Schweiz. Luzerner Studenten verfassten unter seiner und Szynkas Regie eine Forschungsarbeit über das Community Organizing und wie es sich mit der Schweizer Basisdemokratie verträgt.

Wie Frank Düchting, CVJM-Geschäftsführer in Hamburg-St. Georg und Organizer in der Hansestadt, im Penta-Buch schreibt, ist dieser Job kein Honigschlecken, weil der Ansatz den Deutschen so fremd ist. In der Tat, hier wird das Pferd von hinten aufgezäumt, müssen Menschen argwöhnen, die einen Organizing-Zyklus noch nicht durchlebt haben.
Hinzu kommen viele grundsätzliche Bedenken, etwa gegen Zweiergespräche. Die sind einigen zu vertraulich, anderen zu geschäftlich, weil sie an den Besuch eines Versicherungsvertreters erinnern. Viele im säkularisierten Deutschland fühlen sich befremdet, weil beim Community Organzing die Kirche eine so große Rolle spielt; in den vergleichsweise sehr religiösen Vereinigten Staaten ist die Kirche allgegenwärtig, viele Kirchenmänner sehen das Organisieren von Menschen als reizvolle Alternative, die den Forderungen der Bibel und des Evangeliums viel mehr entspricht als traditionelle Seelsorge und Sonntagspredigten von der Kanzel; darüber hinaus sind vitale Kirchengemeinden eine wertvolle Ressource in dieser Art von Bürger-Aktivierung, sind sie doch das soziale Rückgrat vieler Nachbarschaften, auch der scheinbar schon verlorenen. Sie sind “soziales Kapital”, das die Gründung einer Nachbarschaftsorganisation erleichtert.
Dennoch erhebt sich deutscherseits die Frage, ob die Kirche als wichtiger Träger einer solchen Bürgerorganisation aus zivilgesellschaftlicher Sicht wirklich akzeptierbar ist. Nach einigen Definitionen sind Glaubensgemeinschaften und Gewerkschaften kein Teil der Zivilgesellschaft. In Deutschland kommt hinzu, dass die Kirchensteuer automatisch vom Staat eingezogen wird, weshalb der Steuerzahler sich nicht ohne Weiteres in kirchlichen Kontexten engagieren will – er hat ja seinen Obulus bereits erbracht.
Auch die Frage nach der Legitimation dieser Bürgerorganisationen wird oft gestellt: Politische Fragen werden in der repräsentativen Demokratie von den gewählten Vertretern gelöst. Dass Bürger die Machtfrage zu stellen wagen, das empfinden viele Menschen in dem Parteienstaat Deutschland, über dessen obrigkeitsstaatlichen Wurzeln man immer wieder stolpert, als Regelverstoß. Deshalb kommt einigen Deutschen Community Organizing so verdächtig vor, dass es manchen sogar als eine Art Trojanisches Pferd von Sekten, neuerdings auch Scientology erscheint. Wen all das nicht anficht, verspürt vielleicht dennoch die bohrende Frage, warum Community Organizing mit seiner 70-jährigen Tradition den Abbau des Rechtsstaats und den Rechtsruck in den Vereinigten Staaten nicht zu stoppen vermochte oder warum das Land sich so lange so schwer mit dem Umweltschutz tat. Schaut Community Organizing über den eigenen Kirchturm nicht hinaus – oder vermag es als gemeinde-basierte Einrichtung einfach nicht mehr zu leisten?
Einige Antworten auf diese offenen Fragen lieferte eine Talkrunde im Körber Forum, bei der sich der Leo Penta mit Warnfried Dettling unterhielt, einem der intellektuellen Wegbereiter der Bürgergesellschaft (Foto unten: Penta li., Dettling re.). »Was Community Organizing will, ist dezidiert politisch«, sagte Penta und stellte klar: Es gehe nicht darum, die parlamentarisch-repräsentative Demokratie in Frage zu stellen – wohl aber darum, sie »zu bereichern durch ein Gegenüber« mit dem Ziel, eine »erkennbare Rückbindung« der Politik an die Gesellschaft auch zwischen den Wahltagen zu erreichen.

Das Bild des Organizers als radikaler Sozialreformer, das Alinsky von sich selber entwarf und welches Szynka in seiner Dissertation nachzeichnet, ist von gestern, stellte Penta klar. Organizer seien keine Aktivisten, sondern "Dienstleister" und "Mittler", die mit der Macht produktiv gebündelter Beziehungen gesellschaftliche Brückenschläge ermöglichen.
Fazit des Abends, so die Körber-Stiftung in einem Resumé: Community Organizing fügt sich als lebenspraktischer Beitrag in die oft mehr abstrakt geführte Debatte über die Bürgergesellschaft ein. Bisher hat die Erkenntnis, dass in einem demokratischen Gemeinwesen als dritte Säule neben Staat und Markt als Regulierungsinstanzen eine selbstorganisierte, selbstbewusste Zivilgesellschaft gehört, nur Schlagwortcharakter. Noch ist es in Deutschland kein gesunkenes Kulturgut, dass Demokratie … auch die »Einmischung der Bürger in ihre eigenen Angelegenheiten« (Dettling) bedeutet.
Unterdessen heizt sich der Präsidentschaftswahlkampf in den USA auf. Er konzentriert bei der demokratischen Partei auf zwei Bewerber, die enge Beziehungen zum Community Organizing haben, sich aber – wegen dessen wahrgenommene Grenzen – für den politischen Weg als effektivstes Mittel der politischen Gestaltung entschieden. Die Frau und der Schwarze, beide können sich die US-Bürger als Präsidenten vorstellen. Bei den entscheidenden Vorwahlen am 5. Februar konnte Hillary Clinton einen leichten Vorsprung für sich verbuchen, das Kopf-an-Kopf-Rennen bleibt weiterhin spannend, für Barack Obama ist noch alles drin.
In der Zeitung “The Nation” sprach er über seine “Community Wurzeln” und erzählte, wie er als Community Organizer eine Asbestverseuchung in den Wohnvierteln Chicagos bekämpfte, die Stadtverwaltung die Bewohner aber belog und Maßnahmen verzögerte, bis diese sich einen Bus mieteten und damit Downtown fuhren, um im Rathaus mal kräftig auf den Tisch zu hauen.
Das wirkte, und dieser “bus ride” wurde zum Kristallisationspunkt in Obamas Leben. “Jene Busfahrt ließ mich weitermachen, glaube ich, womöglich bis heute”, sagt der Bewerber um das Weiße Haus. “I had a ride” - vielleicht wird dieser Satz später einmal, so wie ein ähnlicher, zu einem berühmten Ausspruch.
open-science - 6. Feb, 11:33


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