Wissenschaft als Minnesang
Neulich habe ich einen spannenden Mann kennengelernt: Markus Weißkopf aus Braunschweig. Über zwei Ecken sind wir Kollegen, ich schreibe über Wissenschaft, er organisiert die Kommunikation über Wissenschaft, sodass wir gleich einen Draht zueinander hatten. Was er beim Netzwerker-Treffen “Networking – what works” im Münchner Ökologischen Bildungszentrum (ÖBZ) vortrug und was sich daraus entwickelte, verdient einen Riesenapplaus und einen Beitrag in diesem Blog: Der 29-Jährige hat eine neue, zukunftsweisende Kommunikationsform erfunden!
Braunschweig hat viel Tradition: Vor 800 Jahren machte es Heinrich der Löwe zum Reichszentrum, heute will Markus die niedersächsische Stadt als Drehscheibe moderner Wissenschaftskommunikation etablieren. Im Haus der Wissenschaft soll regelmäßig ein Science Slam stattfinden, bei dem die Bürger unterhaltsame Wissenschaft erleben dürfen.
Angelehnt an Poetry Slam, bei der Alltagsgeschichten in Gedichts- und literarischer Form präsentiert werden, sollen Nachwuchswissenschaftler in Kurzbeiträge in frei wählbaren Formaten ihre Forschungen vortragen, erklärt Markus. Sein Forum verstehe sich als Ideenküche für eine schmackhaftere Wissenschaftskost, die auf die Kraft des Events und der Emotion setzt, um Komplexes transparent und für Außenstehende spanned zu machen. Das Ganze findet in einer Art Kneipenatmosphäre statt. Die Botschaft: Wissenschaft macht Spaß und ist jedermann zugänglich.
Vieles ist denkbar: Powerpoints, die die Wirkung von Bildern ausspielen, frei vorgetragene Stücke, auch in künstlerischer Form, letztendlich alles, was die Kreativität hergibt und das Publikum überzeugt. Dieses nimmt die Bewertung der Jungforscher vor. Durchaus vorstellbar, dass in der mittelalterlichen Stadt ein Historiker seine Seminar- oder Magisterarbeit demnächst als Minnesang vorträgt.
Das Netzwerkertreffen in München nutzte das Knowhow der Teilnehmer, um diesen Ansatz zu vertiefen. Markus’ Absicht ist es, im Haus der Wissenschaft eine Plattform aufzubauen, die dem Austausch der Wissenschaft mit der Gesellschaft dient. Die Teilnehmer seiner Arbeitsgruppe setzten sich eine Reihe von “Hüten” auf, die unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen repräsentierten wie Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst & Kultur, öffentlicher Sektor, BürgerInnen. Hierin wurde “gehirnstürmt”, welche Interessen sie haben und wie sie miteinander kooperieren und sich vernetzen könnten. Eine Zusammenfassung davon findet sich unter dem Titel “Netzwerke zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen” auf der Netzwerker-Homepage.

Mittlerweile vermeldet Markus den ersten großen Erfolg. “Am 6. Juni fand der erste Science Slam statt”, berichtet er. “150 Leute waren begeistert und haben richtig mitgemacht.” Ausführlich berichtet in Wort und Bild der Blog des Hauses der Wissenschaft darüber. Es traten sieben Nachwuchswissenschaftler an, moderiert von einem Slam-Master, “um mit einem lebendigen Vortrag das Publikum auf die eigene Seite zu bekommen”. Sie hatten die Aufgabe, “ihr aktuelles Forschungsgebiet in nur zehn Minuten populärwissenschaftlich vorzustellen”. Die Themen wechselten zwischen Dichtungen und Zeichnungen Kafkas, über junge Muslime in Europa, Denkmäler, Muschelkrebse und “Faszination von gefrierenden Wasserstropfen”.

Aus dem Kreise der Anwesenden gewählte Juroren stimmten über die Präsentationen ab. Der Sieger erhielt als Trophäe ein “Goldenes Gehirn” für seinen Vortrag über Hangrutsche im tropischen Regenwald Ecuadors. Das Deutschlandradio berichtete über den ersten Science Slam in deutschen Landen, möglicherweise sogar weiltweit. Der nächste findet im Oktober statt und wird auf der Homepage rechtzeitig angekündigt. Das Format setzt neue Maßstäbe. Statt sich Freitags abends in der Kneipe zu treffen, unterhalten sich die jungen Braunschweiger künftig beim Science Slam - der sie auch gastronomisch nicht auf dem Trocknen sitzen lässt.

Es gibt eine weitere Kommunikationsform, die sich für wissenschaftliche Inhalte eignet und die auch auf der Netzwerkertagung vorgestellt wurde: Das ist "Pecha Kucha“ sinnloses Gebrabbel” auf japanisch, wo es erfunden wurde. Aber es ist genau das Gegenteil und hält zu absoluter Prägnanz an nach dem Motto: In der Kürze liegt die Würze oder auch “How hot is your chili?” Eine Powerpoint-Präsentation enthält 20 Bilder, für deren Erklärung der Vortragende exakt 20 Sekunden Zeit hat, danach ist bereits das nächste Bild zu sehen. Nach 6 Minuten 40 Sekunden ist Schluss. Beim Münchner Netzwerkertreffen gewann Martin Sambauer mit dem Vortrag "Das Nationale Thema", das auch als Podcast zu sehen ist.
Diese Bilder bereitet jeder selber vor und ist mit ihnen und ihrem Ablauf vertraut. Letztlich tritt der Pecha-Kucha-Referent bestens vorbereitet vor sein Publikum. Dagegen viel mehr Spontaneität verlangt Powerpoint-Karaoke, unlängst von der Münchner Werbefirma Maisberger Whiteoaks in einem Bierkeller veranstaltet. Freiwillige bekommen eine ihnen völlig unbekannte Powerpoint-Präsentation aus dem Internet zugelost, oft mit wissenschaftlichen und technischen Inhalten, und geben dann Assoziationen dazu preis. Ideal, wer daraus aus dem Stegreif eine runde Geschichte erfindet. Das Ganze erfordert viel Improvisationsvermögen, Schlagfertigkeit und Humor – oder anders herum: Diese Eigenschaften lassen sich bei dieser Präsentationsform erlernen bzw. vervollkommnen, was natürlich auch jeder konventionellen Präsentation mehr Biss gibt. Wer “am meisten Kompetenz bei totaler Unwissenheit” zeigt, gewinnt den Laberpreis.
Deutschland gefällt sich - landauf, landab - in langweiligen Podiumsdiskussionen. Jetzt weht endlich ein frischer Wind, der den Muff von Jahrzehnten davonfegt!
Braunschweig hat viel Tradition: Vor 800 Jahren machte es Heinrich der Löwe zum Reichszentrum, heute will Markus die niedersächsische Stadt als Drehscheibe moderner Wissenschaftskommunikation etablieren. Im Haus der Wissenschaft soll regelmäßig ein Science Slam stattfinden, bei dem die Bürger unterhaltsame Wissenschaft erleben dürfen.
Angelehnt an Poetry Slam, bei der Alltagsgeschichten in Gedichts- und literarischer Form präsentiert werden, sollen Nachwuchswissenschaftler in Kurzbeiträge in frei wählbaren Formaten ihre Forschungen vortragen, erklärt Markus. Sein Forum verstehe sich als Ideenküche für eine schmackhaftere Wissenschaftskost, die auf die Kraft des Events und der Emotion setzt, um Komplexes transparent und für Außenstehende spanned zu machen. Das Ganze findet in einer Art Kneipenatmosphäre statt. Die Botschaft: Wissenschaft macht Spaß und ist jedermann zugänglich.
Vieles ist denkbar: Powerpoints, die die Wirkung von Bildern ausspielen, frei vorgetragene Stücke, auch in künstlerischer Form, letztendlich alles, was die Kreativität hergibt und das Publikum überzeugt. Dieses nimmt die Bewertung der Jungforscher vor. Durchaus vorstellbar, dass in der mittelalterlichen Stadt ein Historiker seine Seminar- oder Magisterarbeit demnächst als Minnesang vorträgt.
Das Netzwerkertreffen in München nutzte das Knowhow der Teilnehmer, um diesen Ansatz zu vertiefen. Markus’ Absicht ist es, im Haus der Wissenschaft eine Plattform aufzubauen, die dem Austausch der Wissenschaft mit der Gesellschaft dient. Die Teilnehmer seiner Arbeitsgruppe setzten sich eine Reihe von “Hüten” auf, die unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen repräsentierten wie Wissenschaft, Wirtschaft, Kunst & Kultur, öffentlicher Sektor, BürgerInnen. Hierin wurde “gehirnstürmt”, welche Interessen sie haben und wie sie miteinander kooperieren und sich vernetzen könnten. Eine Zusammenfassung davon findet sich unter dem Titel “Netzwerke zwischen Wissenschaft und anderen gesellschaftlichen Gruppen” auf der Netzwerker-Homepage.

Mittlerweile vermeldet Markus den ersten großen Erfolg. “Am 6. Juni fand der erste Science Slam statt”, berichtet er. “150 Leute waren begeistert und haben richtig mitgemacht.” Ausführlich berichtet in Wort und Bild der Blog des Hauses der Wissenschaft darüber. Es traten sieben Nachwuchswissenschaftler an, moderiert von einem Slam-Master, “um mit einem lebendigen Vortrag das Publikum auf die eigene Seite zu bekommen”. Sie hatten die Aufgabe, “ihr aktuelles Forschungsgebiet in nur zehn Minuten populärwissenschaftlich vorzustellen”. Die Themen wechselten zwischen Dichtungen und Zeichnungen Kafkas, über junge Muslime in Europa, Denkmäler, Muschelkrebse und “Faszination von gefrierenden Wasserstropfen”.

Aus dem Kreise der Anwesenden gewählte Juroren stimmten über die Präsentationen ab. Der Sieger erhielt als Trophäe ein “Goldenes Gehirn” für seinen Vortrag über Hangrutsche im tropischen Regenwald Ecuadors. Das Deutschlandradio berichtete über den ersten Science Slam in deutschen Landen, möglicherweise sogar weiltweit. Der nächste findet im Oktober statt und wird auf der Homepage rechtzeitig angekündigt. Das Format setzt neue Maßstäbe. Statt sich Freitags abends in der Kneipe zu treffen, unterhalten sich die jungen Braunschweiger künftig beim Science Slam - der sie auch gastronomisch nicht auf dem Trocknen sitzen lässt.

Es gibt eine weitere Kommunikationsform, die sich für wissenschaftliche Inhalte eignet und die auch auf der Netzwerkertagung vorgestellt wurde: Das ist "Pecha Kucha“ sinnloses Gebrabbel” auf japanisch, wo es erfunden wurde. Aber es ist genau das Gegenteil und hält zu absoluter Prägnanz an nach dem Motto: In der Kürze liegt die Würze oder auch “How hot is your chili?” Eine Powerpoint-Präsentation enthält 20 Bilder, für deren Erklärung der Vortragende exakt 20 Sekunden Zeit hat, danach ist bereits das nächste Bild zu sehen. Nach 6 Minuten 40 Sekunden ist Schluss. Beim Münchner Netzwerkertreffen gewann Martin Sambauer mit dem Vortrag "Das Nationale Thema", das auch als Podcast zu sehen ist.
Diese Bilder bereitet jeder selber vor und ist mit ihnen und ihrem Ablauf vertraut. Letztlich tritt der Pecha-Kucha-Referent bestens vorbereitet vor sein Publikum. Dagegen viel mehr Spontaneität verlangt Powerpoint-Karaoke, unlängst von der Münchner Werbefirma Maisberger Whiteoaks in einem Bierkeller veranstaltet. Freiwillige bekommen eine ihnen völlig unbekannte Powerpoint-Präsentation aus dem Internet zugelost, oft mit wissenschaftlichen und technischen Inhalten, und geben dann Assoziationen dazu preis. Ideal, wer daraus aus dem Stegreif eine runde Geschichte erfindet. Das Ganze erfordert viel Improvisationsvermögen, Schlagfertigkeit und Humor – oder anders herum: Diese Eigenschaften lassen sich bei dieser Präsentationsform erlernen bzw. vervollkommnen, was natürlich auch jeder konventionellen Präsentation mehr Biss gibt. Wer “am meisten Kompetenz bei totaler Unwissenheit” zeigt, gewinnt den Laberpreis.
Deutschland gefällt sich - landauf, landab - in langweiligen Podiumsdiskussionen. Jetzt weht endlich ein frischer Wind, der den Muff von Jahrzehnten davonfegt!
open-science - 13. Jun, 18:16


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