Wissenschaft zwischen Wining und Dining
Wie kommen wir an unsere Informationen, die wir für Sie journalistisch aufbereiten?
Fachpublikationen und Bibliotheken sind für mich nach wie vor enorm wichtig, das Internet ist eine große Hilfe geworden, hinzu kommt das regelmäßige persönliche Gespräch mit Experten, besser Auge in Auge als am Telefon, und dann gibt es natürlich auch noch die Pressereisen, zu denen in Abständen von ein paar Monaten Einladungen in meinem Postkörbchen landen. Vor zwei Jahren nahm ich eine solche nach Finnland wahr und fand mich wieder in einer fast 30-köpfigen internationalen Journalistengruppe, die in Helsinki der Verleihung des Millennium Preises beiwohnte. Dies ist der weltweit am höchsten dotierte Technologiepreis, mit einem Preisgeld von 800 000 Euro fast dem Nobelpreis ebenbürtig, inhaltlich nicht weniger anspruchsvoll, weil der Ausgezeichnete mit seiner Technik ausdrücklich die Lebensqualität der Menschheit verbessern muss.

Spannend, spannend! – doch trotz dieses hohen Anspruches und des nicht überhörbaren Theaterdonners rund um den Event fiel der Millennium Prize 2006 ausgesprochen enttäuschend aus. Die Finnen prämierten den Erfinder der weißen Leuchtdiode, den Physiker Shuji Nakamura. Als „japanischer Edison“ wurde der Mann gefeiert, nur: Seine Erklärungen und Präsentationen über die Funktionsweise seiner Erfindung waren derart mangelhaft, dass die Veranstalter ihrem Laureaten einen Assistenten hätten zur Seite stellen müssen, um durch ihn in den Genuß einer verstehbaren Sprache und klarer Schaubilder zu kommen.
Hinzu kam, dass der humanitäre Nutzen fadenscheinig blieb, es zwar immer hieß, dass Afrika durch die neuen Lichtquellen einen Entwicklungsschub erführe, der den „Dunklen Kontinent aufblitzen“ lassen werde, doch mit überzeugenden Argumenten wurde das nicht unterfüttert, weder vom Preisträger, noch vom hochkarätigen finnischen Preiskomitee. Das alles war zwar eingebettet in eine sehr angenehme Atmosphäre, „Wining & Dining“, machte aber unterm Strich um so ärgerlicher, weil harte Information ausblieb.
Wollte das 5,3-Millionen-Land Finnland sich in der internationalen Medienwelt etwa nur als aufstrebende Hightech-Nation und Wohltäter feiern?
Auch unter Wissenschaftsjournalisten geht es meistens so zu wie im richtigen Leben: Man schimpft und grantelt untereinander, lässt vielleicht bei einem Verantwortlichen mal Dampf ab, dann arrangiert man sich doch irgendwie. Da haben es unsere Kollegen in der Politik besser: Die schreiben einen geharnischten Kommentar, bei uns hingegen fehlten solche Zwischentöne bisher weitgehend. Aber da besannen wir Kollegen uns, damals im September 2006 in Helsinki, auf unsere elektronischen Möglichkeiten der Kritik und richteten einen Blog ein, der Millennium-Prize-Feedback sammelte. Das leiteten wir dann an die Veranstalter weiter.
Sie blieben stumm, Wochen lang, nach mehrmaliger Anfrage postete der Vorsitzende des Komitees, Professor Jaakko Ihamuotila, eine Antwort. Darin bedankte er sich für die kritischen Anregungen, die sehr „edukativ“ seien und helfen würden, den Fokus auf den Zweck des Preises zu schärfen. Das war die Sprache des akademischen Diplomaten, von Leuten hinter den Kulissen war indes zu erfahren, dass der Blog ziemlich viel Staub aufwirbelte. Ein Sturm im Wasserglas, ein paar Nettigkeiten, um die Wogen zu glätten und anschließend mit der Routine weiterzumachen, wie so oft im Leben – hat der Blog genützt?
Ja! In diesen Tagen wurde der Millennium Prize zum dritten Mal in Helsinki von der Staatspräsidentin Tarja Harlonen verliehen. Mein Kollege, Dr. Paul Janositz von der Wissensredaktion des Berliner Tagesspiegel, war diesmal mit von der Partie. Wir beide sind Mitglieder in der TELI, der Journalisten-Vereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik, und Janositz ließ uns Vereinsmitglieder via Internet regelmäßig an dem Event teilhaben. Diesmal waren alle „Vorträge gut verständlich, sehr sachlich und auf die Darstellung von Fakten konzentriert“, berichtete er. Auch der humanitäre Nutzen steht beim Millennium Prize 2008 außer Zweifel. Lesen Sie selber - hier Kollege Janositz’ ausführlicher Bericht an den TELI-Kreis:
Der finnische Millenium-Technologiepreis 2008 geht an den amerikanischen Chemieingenieur Robert Langer

Der Millenium-Technologiepreis 2008 geht an den amerikanischen Chemieingenieur Robert Langer. Die Auszeichnung wird von der finnischen Technologieakademie alle zwei Jahre vergeben, jetzt zum dritten Mal. Der Milleniumpreis 2008 wurde dem 60-jährigen Forscher am Dienstag, 11. Juni 2008, von der finnischen Staatspräsidentin Tarja Halonen, in Helsinki uebergeben. Mit einem Preisgeld von 800 000 Euro zählt der Millenium-Preis zu den weltweit höchstdotierten Auszeichnungen fuer Innovationen in Technologie.
Robert Langer - am 29. 8. 1948 in Albany, US-Staat New York, geboren – ist Professor am Massachusettts Institut of Technology (MIT), Abteilung fuer Chemieingenieurwesen. Er wurde fuer die Entwicklung von Biomaterialien ausgezeichnet, die es ermöglichen, medizinische Wirkstoffe gezielt im kranken Gewebe freizusetzen. Die speziell entwickelten Trägermaterialien aus Kunststoff ermöglichen eine kontrollierte Abgabe des Wirkstoffes. Auch auf dem Gebiet der Gewebezuechtung (Tissue-Engineering) ist Langer erfolgreich. Seine Innovationen werden zur Behandlung von Krebs sowie Herzleiden verwendet. „Jährlich werden mehr als 100 Millionen Menschen mit von Langer entwickelten Verfahren behandelt“, sagte Stig Gustavson, der Vorsitzende der Technologiestiftung. Langers Technologie zur Zuechtung kranken Gewebes sei auf dem Wege die medizinische Behandlung zu revolutionieren. Langer bezeichnete es als „möglich, dass wir in Zukunft komplette neue Organe nach dieser Technologie zuechten können“.
Langer war unter vier Finalisten ausgewählt worden, die in die letzte Auswahlrunde gekommen waren. Seine Konkurrenten um den Millenium-Preis wurden jeweils mit 115 000 Euro ausgezeichnet. Es handelt sich zum einen um Alec Jeffreys, Universität Leicester, Grossbritannien, den Entdecker des Genetischen Fingerabdrucks. Dank dieses Verfahrens reicht mittlerweile eine einzige Körperzelle, um einen Menschen eindeutig zu identifizieren. Mit der Erfindung eines grundlegenden Algorithmus, der drahtlose und digitale Kommunikation im grossen Stil erst möglich machte, hat sich Andrew Viterbi profiliert. Der emeritierte Professor der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und erfolgreiche Unternehmer hat der eleganten Rechenvorschrift auch seinen Namen gegeben: Viterbi-Algorithmus. Ebenfalls das Internet beschleunigt haben die Forscher Emanuel Desurvire, Physiker beim französischen Satellitenhersteller Thales, und Randy Giles, der in den Bell-Laboratorien in New Jersey arbeitet, sowie David Payne, Direktor am optolektronischen Forschungszentrum der britischen Universität Southampton. Sie haben den Erbium-dotierten Faser-Verstärker (EDFA) geschaffen. Mit diesem optischen Verstärker fuer Lichtleiternetze konnte die Uebertragungskapazität des globalen Datennetzes potenziert werden.
Der Millennium-Preisträger Robert Langer wird am 26. Juni 2008 in Dresden auch den Max-Planck-Forschungspreis 2008 erhalten, gemeinsam mit Peter Fratzl, der die Abteilung Biomaterialien am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam leitet. Der Preis ist mit insgesamt 1,5 Millionen Euro dotiert.
Paul Janositz, Helsinki
Fachpublikationen und Bibliotheken sind für mich nach wie vor enorm wichtig, das Internet ist eine große Hilfe geworden, hinzu kommt das regelmäßige persönliche Gespräch mit Experten, besser Auge in Auge als am Telefon, und dann gibt es natürlich auch noch die Pressereisen, zu denen in Abständen von ein paar Monaten Einladungen in meinem Postkörbchen landen. Vor zwei Jahren nahm ich eine solche nach Finnland wahr und fand mich wieder in einer fast 30-köpfigen internationalen Journalistengruppe, die in Helsinki der Verleihung des Millennium Preises beiwohnte. Dies ist der weltweit am höchsten dotierte Technologiepreis, mit einem Preisgeld von 800 000 Euro fast dem Nobelpreis ebenbürtig, inhaltlich nicht weniger anspruchsvoll, weil der Ausgezeichnete mit seiner Technik ausdrücklich die Lebensqualität der Menschheit verbessern muss.

Spannend, spannend! – doch trotz dieses hohen Anspruches und des nicht überhörbaren Theaterdonners rund um den Event fiel der Millennium Prize 2006 ausgesprochen enttäuschend aus. Die Finnen prämierten den Erfinder der weißen Leuchtdiode, den Physiker Shuji Nakamura. Als „japanischer Edison“ wurde der Mann gefeiert, nur: Seine Erklärungen und Präsentationen über die Funktionsweise seiner Erfindung waren derart mangelhaft, dass die Veranstalter ihrem Laureaten einen Assistenten hätten zur Seite stellen müssen, um durch ihn in den Genuß einer verstehbaren Sprache und klarer Schaubilder zu kommen.
Hinzu kam, dass der humanitäre Nutzen fadenscheinig blieb, es zwar immer hieß, dass Afrika durch die neuen Lichtquellen einen Entwicklungsschub erführe, der den „Dunklen Kontinent aufblitzen“ lassen werde, doch mit überzeugenden Argumenten wurde das nicht unterfüttert, weder vom Preisträger, noch vom hochkarätigen finnischen Preiskomitee. Das alles war zwar eingebettet in eine sehr angenehme Atmosphäre, „Wining & Dining“, machte aber unterm Strich um so ärgerlicher, weil harte Information ausblieb.
Wollte das 5,3-Millionen-Land Finnland sich in der internationalen Medienwelt etwa nur als aufstrebende Hightech-Nation und Wohltäter feiern?
Auch unter Wissenschaftsjournalisten geht es meistens so zu wie im richtigen Leben: Man schimpft und grantelt untereinander, lässt vielleicht bei einem Verantwortlichen mal Dampf ab, dann arrangiert man sich doch irgendwie. Da haben es unsere Kollegen in der Politik besser: Die schreiben einen geharnischten Kommentar, bei uns hingegen fehlten solche Zwischentöne bisher weitgehend. Aber da besannen wir Kollegen uns, damals im September 2006 in Helsinki, auf unsere elektronischen Möglichkeiten der Kritik und richteten einen Blog ein, der Millennium-Prize-Feedback sammelte. Das leiteten wir dann an die Veranstalter weiter.
Sie blieben stumm, Wochen lang, nach mehrmaliger Anfrage postete der Vorsitzende des Komitees, Professor Jaakko Ihamuotila, eine Antwort. Darin bedankte er sich für die kritischen Anregungen, die sehr „edukativ“ seien und helfen würden, den Fokus auf den Zweck des Preises zu schärfen. Das war die Sprache des akademischen Diplomaten, von Leuten hinter den Kulissen war indes zu erfahren, dass der Blog ziemlich viel Staub aufwirbelte. Ein Sturm im Wasserglas, ein paar Nettigkeiten, um die Wogen zu glätten und anschließend mit der Routine weiterzumachen, wie so oft im Leben – hat der Blog genützt?
Ja! In diesen Tagen wurde der Millennium Prize zum dritten Mal in Helsinki von der Staatspräsidentin Tarja Harlonen verliehen. Mein Kollege, Dr. Paul Janositz von der Wissensredaktion des Berliner Tagesspiegel, war diesmal mit von der Partie. Wir beide sind Mitglieder in der TELI, der Journalisten-Vereinigung für technisch-wissenschaftliche Publizistik, und Janositz ließ uns Vereinsmitglieder via Internet regelmäßig an dem Event teilhaben. Diesmal waren alle „Vorträge gut verständlich, sehr sachlich und auf die Darstellung von Fakten konzentriert“, berichtete er. Auch der humanitäre Nutzen steht beim Millennium Prize 2008 außer Zweifel. Lesen Sie selber - hier Kollege Janositz’ ausführlicher Bericht an den TELI-Kreis:
Der finnische Millenium-Technologiepreis 2008 geht an den amerikanischen Chemieingenieur Robert Langer

Der Millenium-Technologiepreis 2008 geht an den amerikanischen Chemieingenieur Robert Langer. Die Auszeichnung wird von der finnischen Technologieakademie alle zwei Jahre vergeben, jetzt zum dritten Mal. Der Milleniumpreis 2008 wurde dem 60-jährigen Forscher am Dienstag, 11. Juni 2008, von der finnischen Staatspräsidentin Tarja Halonen, in Helsinki uebergeben. Mit einem Preisgeld von 800 000 Euro zählt der Millenium-Preis zu den weltweit höchstdotierten Auszeichnungen fuer Innovationen in Technologie.
Robert Langer - am 29. 8. 1948 in Albany, US-Staat New York, geboren – ist Professor am Massachusettts Institut of Technology (MIT), Abteilung fuer Chemieingenieurwesen. Er wurde fuer die Entwicklung von Biomaterialien ausgezeichnet, die es ermöglichen, medizinische Wirkstoffe gezielt im kranken Gewebe freizusetzen. Die speziell entwickelten Trägermaterialien aus Kunststoff ermöglichen eine kontrollierte Abgabe des Wirkstoffes. Auch auf dem Gebiet der Gewebezuechtung (Tissue-Engineering) ist Langer erfolgreich. Seine Innovationen werden zur Behandlung von Krebs sowie Herzleiden verwendet. „Jährlich werden mehr als 100 Millionen Menschen mit von Langer entwickelten Verfahren behandelt“, sagte Stig Gustavson, der Vorsitzende der Technologiestiftung. Langers Technologie zur Zuechtung kranken Gewebes sei auf dem Wege die medizinische Behandlung zu revolutionieren. Langer bezeichnete es als „möglich, dass wir in Zukunft komplette neue Organe nach dieser Technologie zuechten können“.
Langer war unter vier Finalisten ausgewählt worden, die in die letzte Auswahlrunde gekommen waren. Seine Konkurrenten um den Millenium-Preis wurden jeweils mit 115 000 Euro ausgezeichnet. Es handelt sich zum einen um Alec Jeffreys, Universität Leicester, Grossbritannien, den Entdecker des Genetischen Fingerabdrucks. Dank dieses Verfahrens reicht mittlerweile eine einzige Körperzelle, um einen Menschen eindeutig zu identifizieren. Mit der Erfindung eines grundlegenden Algorithmus, der drahtlose und digitale Kommunikation im grossen Stil erst möglich machte, hat sich Andrew Viterbi profiliert. Der emeritierte Professor der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA) und erfolgreiche Unternehmer hat der eleganten Rechenvorschrift auch seinen Namen gegeben: Viterbi-Algorithmus. Ebenfalls das Internet beschleunigt haben die Forscher Emanuel Desurvire, Physiker beim französischen Satellitenhersteller Thales, und Randy Giles, der in den Bell-Laboratorien in New Jersey arbeitet, sowie David Payne, Direktor am optolektronischen Forschungszentrum der britischen Universität Southampton. Sie haben den Erbium-dotierten Faser-Verstärker (EDFA) geschaffen. Mit diesem optischen Verstärker fuer Lichtleiternetze konnte die Uebertragungskapazität des globalen Datennetzes potenziert werden.
Der Millennium-Preisträger Robert Langer wird am 26. Juni 2008 in Dresden auch den Max-Planck-Forschungspreis 2008 erhalten, gemeinsam mit Peter Fratzl, der die Abteilung Biomaterialien am Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam leitet. Der Preis ist mit insgesamt 1,5 Millionen Euro dotiert.
Paul Janositz, Helsinki
open-science - 20. Jun, 15:48

