Der Beweis: So wird Bier zu Kunst
Sie kennen bestimmt auch solche Leute aus der Schulzeit. Mein Gott, was haben wir sie beneidet, weil sie Talente hatten, zu denen uns die Türen verschlossen waren. In meinem Fall war das Henning Schöttke, ein Multi-Talent, musikalisch, künstlerisch und mathematisch. Er komponierte und spielte in einer Band, zeichnete wie ein junger Gott und hatte in Mathe schon immer alles kapiert, während ich nur Bahnhof verstand. Unlängst traf ich ihn nach Jahrzehnten wieder, seine quirlige Neugier hat er beibehalten und sogar noch einen oben draufgesetzt: Schreiben kann der mittlerweile nicht mehr ganz so junge Jung von der Waterkant auch noch. Hier erzählt er über seine mathematischen Phantasien und wie diese das Jahr der Mathematik bereichern.

Ja, es stimmt, grundsätzlich kann alles zur Kunst werden – sogar Biertrinken. Was aber verbindet Biertrinken mit Mathematik?
Ich arbeite seit vielen Jahren als Comiczeichner, Autodidakt, und zwischen dem Beginn meiner Zeichnerlaufbahn und einem abgebrochenen Lehrerstudium (Mathematik und Musik) lagen zehn Jahre als Wirt der Kieler Szenekneipe
Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch
Als mein Bruder für unsere Kneipe diesen Namen eines walisischen Ortes vorschlug, begeisterten mich neben der Unaussprechlichkeit vor allem die vier aufeinander folgenden "L"s. Als Kneipenwirt kommt man selten vor halb vier ins Bett. In warmen Sommernächten liebte ich es, auf dem Nachhauseweg im Park ein letztes Bier zu trinken und mir die aufgehende Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Nicht immer stocknüchtern, war mein Gehirn dann reif für bizarre Gedanken: Wie wäre es zum Beispiel, wenn statt meiner hier drei Freunde auf der Parkbank säßen und einen kindischen Wettstreit begännen, wie es betrunkene Männer manchmal tun?
Nacheinander stellen sie ihre leeren Bierdosen auf den Rasen, sodass eine Reihe entsteht, allerdings verdoppelt jeder den vorherigen Abstand. Wer irgendwann keine Lust mehr hat, wenn er dran ist, die 5, 10, 20, 40 ... Schritte zu gehen, hat verloren. Ganz einfach. Aber was passiert, wenn keiner der Loser sein will und unversehens durch männlich absurden Ehrgeiz daraus zehn Kilometer werden, dann zwanzig, mehr?
Fünfundzwanzig Jahre später griff ich diese Idee wieder auf. Ich arbeitete gerade an meinem ersten Roman und schrieb als Stilübung die Kurzgeschichte Dosenkampf. Auf Empfehlung einer Autorenfreundin gelangte die Geschichte schließlich in eine Anthologie mit mathematischen Kurzgeschichten.

rätselhaft + wunderbar – Eine literarische Reise in die Welt der Zahlen heißt das Buch, das im STORIES & FRIENDS Verlag erscheint. Passend zum Jahr der Mathematik steht es unter der Schirmherrschaft von Professor Günter M. Ziegler, einem der Initiatoren und Hauptakteure des Mathejahres. Das Ziel des Buchprojektes lautete, Mathematik erlebbar zu machen. Gesucht wurden weder Beweisführungen noch komplizierte Rechnungen, sondern Kurzgeschichten, die es schaffen, eine Materie, die allgemein als schwer verdaulich gilt, lebendig darzustellen.
Ich muss gestehen, dass ich während meines Studiums vor seitenlangen Beweisen auch immer zurückschreckte, insofern bin ich unter Künstlern besser aufgehoben. Dennoch bleibe ich Mathe-Fan. Mathematik durchzieht unser Leben gleichsam wie eine Hintergrundmelodie. Sobald wir Gläser in den Schrank schieben, entstehen Sechsecke. Ich erlebe Mathematik spielerisch und tatsächlich auf gefühlsmäßiger Ebene. Und ich liebe die seltenen Momente, in denen kleine "Erkenntnisse" vor mir aufblitzen.
Ist Ihnen zum Beispiel mal aufgefallen, dass unser Besteck – Gabel, Messer, Löffel – eine Analogie unseres dreidimensionalen Raumes ist? Eine Gabel ist das eindimensionale Prinzip, eine Linie, und dazu bestimmt, ein Loch in eine Masse zu bohren. Ein Messer dagegen ist das zweidimensionale Prinzip, indem es als Fläche eine Masse teilt. Der Löffel schließlich, dreidimensional, soll das Volumen einer Masse umfassen. Daraus folgt, dass das Grundbesteck in der vierten Dimension aus vier Teilen besteht (und man kann froh sein, nicht als Kellner in einem zwanzigdimensionalen Restaurant zu arbeiten).
Da ich gerade dabei war, reichte ich für das Mathebuch gleich noch zwei weitere Geschichten ein. Ich brauchte wenig mehr zu tun, als seltsamen Gedanken, die ohnehin seit Jahren durch meinen Kopf spukten, eine literarische Form zu geben.
Die Fingerspitzen der Götter geht von auf dem Wasser lebenden Krebschen aus, die nur genau die zwei Dimensionen der Wasseroberfläche wahrnehmen können. Darum halten sie die Schnittflächen der Gummistiefel eines im Wasser stehenden Menschen für zwei voneinander unabhängige Wesen. Der Rächer der Ziege handelt vom "Ziegenproblem". Die Kolumnistin Marilyn vos Savant wurde für eine simple Behauptung zur Wahrscheinlichkeitsrechung von der Elite der US-Mathematiker heftig angegriffen – die Herren lagen alle falsch.
137 Texte gingen beim STORIES & FRIENDS Verlag ein und die Juroren hatten nicht nur die literarische Qualität zu beurteilen, sondern vor allem auch den mathematischen Gehalt. 27 Geschichten wählten sie aus. Auf unterhaltsame und zugleich anregende Weise geht es darin um Wahrscheinlichkeits- und Prozentrechnung, Kurvendiskussion, Wirtschaftsmathematik, Volumen- und Kreisberechnung, Aussagenlogik und Zahlen, die vollkommen sind.
Einige Stories schaffen das Kunststück, mathematische Zusammenhänge ohne Zahlen und Formeln zu erklären, andere vermitteln die "Wunder" der Mathematik im Alltag. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Rechnen reich, glücklich und eindeutig sexy macht, in seltenen Fällen aber auch tödlich ist und bei der Liebe genauso viel nützt wie in anderen Lebenslagen. So hilft die Flächenberechnung beim Kuchenbacken und das Schreiben von Bestsellern gelingt mit Hilfe eines Algorithmus.

Unter den ausgewählten Geschichten waren auch meine drei – und im zugleich laufenden Literaturwettbewerb zum Jahr der Mathematik gewann mein Dosenkampf sogar den ersten Preis.
So erscheinen heute, am 24. Oktober, meine mathematischen Phantasien also im Druck, zusammen mit Geschichten von den anderen beiden Preisträgern Rolf Stemmle, Marina Jenkner sowie Angelika Brox, Gudrun Büchler und 16 weiteren Autoren.
Die Behauptung, dass Bier zu Kunst werden kann, ist damit wohl hinreichend bewiesen – wenn auch nicht auf streng mathematische Weise.

Ja, es stimmt, grundsätzlich kann alles zur Kunst werden – sogar Biertrinken. Was aber verbindet Biertrinken mit Mathematik?
Ich arbeite seit vielen Jahren als Comiczeichner, Autodidakt, und zwischen dem Beginn meiner Zeichnerlaufbahn und einem abgebrochenen Lehrerstudium (Mathematik und Musik) lagen zehn Jahre als Wirt der Kieler Szenekneipe
Llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogoch
Als mein Bruder für unsere Kneipe diesen Namen eines walisischen Ortes vorschlug, begeisterten mich neben der Unaussprechlichkeit vor allem die vier aufeinander folgenden "L"s. Als Kneipenwirt kommt man selten vor halb vier ins Bett. In warmen Sommernächten liebte ich es, auf dem Nachhauseweg im Park ein letztes Bier zu trinken und mir die aufgehende Sonne ins Gesicht scheinen zu lassen. Nicht immer stocknüchtern, war mein Gehirn dann reif für bizarre Gedanken: Wie wäre es zum Beispiel, wenn statt meiner hier drei Freunde auf der Parkbank säßen und einen kindischen Wettstreit begännen, wie es betrunkene Männer manchmal tun?
Nacheinander stellen sie ihre leeren Bierdosen auf den Rasen, sodass eine Reihe entsteht, allerdings verdoppelt jeder den vorherigen Abstand. Wer irgendwann keine Lust mehr hat, wenn er dran ist, die 5, 10, 20, 40 ... Schritte zu gehen, hat verloren. Ganz einfach. Aber was passiert, wenn keiner der Loser sein will und unversehens durch männlich absurden Ehrgeiz daraus zehn Kilometer werden, dann zwanzig, mehr?
Fünfundzwanzig Jahre später griff ich diese Idee wieder auf. Ich arbeitete gerade an meinem ersten Roman und schrieb als Stilübung die Kurzgeschichte Dosenkampf. Auf Empfehlung einer Autorenfreundin gelangte die Geschichte schließlich in eine Anthologie mit mathematischen Kurzgeschichten.

rätselhaft + wunderbar – Eine literarische Reise in die Welt der Zahlen heißt das Buch, das im STORIES & FRIENDS Verlag erscheint. Passend zum Jahr der Mathematik steht es unter der Schirmherrschaft von Professor Günter M. Ziegler, einem der Initiatoren und Hauptakteure des Mathejahres. Das Ziel des Buchprojektes lautete, Mathematik erlebbar zu machen. Gesucht wurden weder Beweisführungen noch komplizierte Rechnungen, sondern Kurzgeschichten, die es schaffen, eine Materie, die allgemein als schwer verdaulich gilt, lebendig darzustellen.
Ich muss gestehen, dass ich während meines Studiums vor seitenlangen Beweisen auch immer zurückschreckte, insofern bin ich unter Künstlern besser aufgehoben. Dennoch bleibe ich Mathe-Fan. Mathematik durchzieht unser Leben gleichsam wie eine Hintergrundmelodie. Sobald wir Gläser in den Schrank schieben, entstehen Sechsecke. Ich erlebe Mathematik spielerisch und tatsächlich auf gefühlsmäßiger Ebene. Und ich liebe die seltenen Momente, in denen kleine "Erkenntnisse" vor mir aufblitzen.
Ist Ihnen zum Beispiel mal aufgefallen, dass unser Besteck – Gabel, Messer, Löffel – eine Analogie unseres dreidimensionalen Raumes ist? Eine Gabel ist das eindimensionale Prinzip, eine Linie, und dazu bestimmt, ein Loch in eine Masse zu bohren. Ein Messer dagegen ist das zweidimensionale Prinzip, indem es als Fläche eine Masse teilt. Der Löffel schließlich, dreidimensional, soll das Volumen einer Masse umfassen. Daraus folgt, dass das Grundbesteck in der vierten Dimension aus vier Teilen besteht (und man kann froh sein, nicht als Kellner in einem zwanzigdimensionalen Restaurant zu arbeiten).
Da ich gerade dabei war, reichte ich für das Mathebuch gleich noch zwei weitere Geschichten ein. Ich brauchte wenig mehr zu tun, als seltsamen Gedanken, die ohnehin seit Jahren durch meinen Kopf spukten, eine literarische Form zu geben.
Die Fingerspitzen der Götter geht von auf dem Wasser lebenden Krebschen aus, die nur genau die zwei Dimensionen der Wasseroberfläche wahrnehmen können. Darum halten sie die Schnittflächen der Gummistiefel eines im Wasser stehenden Menschen für zwei voneinander unabhängige Wesen. Der Rächer der Ziege handelt vom "Ziegenproblem". Die Kolumnistin Marilyn vos Savant wurde für eine simple Behauptung zur Wahrscheinlichkeitsrechung von der Elite der US-Mathematiker heftig angegriffen – die Herren lagen alle falsch.
137 Texte gingen beim STORIES & FRIENDS Verlag ein und die Juroren hatten nicht nur die literarische Qualität zu beurteilen, sondern vor allem auch den mathematischen Gehalt. 27 Geschichten wählten sie aus. Auf unterhaltsame und zugleich anregende Weise geht es darin um Wahrscheinlichkeits- und Prozentrechnung, Kurvendiskussion, Wirtschaftsmathematik, Volumen- und Kreisberechnung, Aussagenlogik und Zahlen, die vollkommen sind.
Einige Stories schaffen das Kunststück, mathematische Zusammenhänge ohne Zahlen und Formeln zu erklären, andere vermitteln die "Wunder" der Mathematik im Alltag. Und ganz nebenbei erfährt der Leser, dass Rechnen reich, glücklich und eindeutig sexy macht, in seltenen Fällen aber auch tödlich ist und bei der Liebe genauso viel nützt wie in anderen Lebenslagen. So hilft die Flächenberechnung beim Kuchenbacken und das Schreiben von Bestsellern gelingt mit Hilfe eines Algorithmus.

Unter den ausgewählten Geschichten waren auch meine drei – und im zugleich laufenden Literaturwettbewerb zum Jahr der Mathematik gewann mein Dosenkampf sogar den ersten Preis.
So erscheinen heute, am 24. Oktober, meine mathematischen Phantasien also im Druck, zusammen mit Geschichten von den anderen beiden Preisträgern Rolf Stemmle, Marina Jenkner sowie Angelika Brox, Gudrun Büchler und 16 weiteren Autoren.
Die Behauptung, dass Bier zu Kunst werden kann, ist damit wohl hinreichend bewiesen – wenn auch nicht auf streng mathematische Weise.
open-science - 23. Okt, 15:45

