Yes We Did!
Als ich um 20 Uhr pazifische Zeit durch Seattle zur Wahlparty eile, bricht um mich herum die Hölle los: Böller krachen, Fremde umarmen sich, ich fühle mich wie an Silvester: Jetzt ist es amtlich, Barack Obama hat die US-Wahlen gewonnen – er ist der erste Internet-Präsident, das neue Jahrtausend ist endgültig angebrochen. Wie kam das 11-4-Wunder zustande – werden wir zur E-Demokratie? Was kommt auf jeden von uns zu, was lernen Politbetrieb und Bürgergesellschaft, Bürger-Inis und NGOs, besonders auch in Deutschland daraus?

Es ist vollbracht - und nun? (Beginn der Reportage – die Foto-Story geht unten weiter)
Dieser 4. November 2008, von den Medien zum D-Day – Decision Day – erklärt, wird in die Geschichte eingehen. Die US-Amerikaner haben den ersten Afroamerikaner zu ihrem Staatsoberhaupt gewählt, der den selbst bei vielen Landsleuten so umstrittenen, beinah schon verhassten George W. Bush ablöst, den Anwälte wegen Völkermordes vor Gericht stellen wollen. Die Stimmung ist beinah so, als ob eine Bananenrepublik ihren Tyrannen in die Wüste geschickt hätte: Bush hat das Land in zwei Kriege gestürzt, mit seiner Privatisierungs- und Deregulierungswut den Ausbruch der weltweiten Finanzkrise angeheizt, auf Klima und unseren Planeten gepfiffen. Amerikaner und die Welt atmen auf, alle Hoffnung richtet sich auf den neuen Mann im Oval Office.
Die Obama-Kampagne – ein Exportmodell
Bei diesem historischen Event habe ich Mäuschen gespielt, bin zwischen und hinter die Kulissen geschlüpft und selber mit in den Wahlkampf gezogen. Mit diesem Selbstversuch wollte ich herausfinden: Wie funktioniert diese Wahlkampfmaschinerie, wie fühlt man sich darin, wie konnte der Außenseiter Obama das gesamte Polit-Establishment samt Clinton-Clan wegfegen? Ein Ergebnis vorweg: Wegen seines traumhaften Erfolges wollen Politiker in aller Welt diese Art von Wahlkampf kopieren. Entsprechende Berater haben bereits lukrative Verträge in der Tasche, wussten Polit-Insider an der Westküste. Der neue Trend könnte auch das politische Leben diesseits des Atlantiks umwälzen.
Community Organizing klammert Menschen zusammen
Mein alter Freund Gerhard Letzing aus einem Dorf bei Kassel, der seit 1972 in den Vereinigten Staaten lebt und ein angesehenes Mitglied in der demokratischen Partei in der Pazifik-Metropole Seattle ist, bereitete den Boden für meine ungewöhnliche Mission. Er öffnete Türen und stellte mich den Mitarbeitern der Kampagne vor. Wir beide waren vor fast genau 36 Jahren als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in die USA gekommen und hatten in Chicago als Community Organizer gearbeitet, eine Tätigkeit, die auch der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika dortselbst 13 Jahre später erlernte. Das verbindet uns beide miteinander sowie uns mit Obama.
Die beiden Säulen der Kampagne
Mein neuer Job, fand ich schnell heraus, lief im Grunde auf die Aktivierung unseres alten Arbeitsstils in den Straßen Chicagos hinaus, denn die Obama-Truppe baute auf zwei grundsätzliche und über Jahrzehnte erprobte und verfeinerte Elemente der Bürger-Aktivierung: Phone Banks und Canvassing.
Persönliche Kontakte durch Telefon-Banken
Dieser Vergangenheit verdankte ich, dass ich im Büro des 37. Districts der „Campaign for Change“ an der Rainier Avenue im Süden der Stadt von den Obama-Leuten mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Die beiden Leiterinnen, Steph Baker und ihre Vertreterin Heather, machten mich sogleich zum Captain der Telefon-Operation. Von zehn Uhr früh bis 21 Uhr abends wurden in drei Schichten die Bewohner in der weitläufigen Nachbarschaft angerufen. Dafür gab es ein einseitiges Script, das die Anrufer durch das Telefonat navigierte.
"How do you feel about Barack?"
Die wichtigsten Punkte waren, sich zu identifizieren, auf die Wahlen hinzuweisen, sich beim Gesprächspartner zu erkundigen, „how do you feel about Barack and the Democratic ticket“, bei einer unentschiedenen Haltung auf die Notwendigkeit von "Change" hinzuweisen, bei bekennenden Republikanern sich aber auf keine Debatte einzulassen, weil das zu viel Zeit kostete. Je näher der Wahltermin rückte, desto wichtiger wurden technische Details, etwa dass die Angerufenen ihr Wahllokal und die verschiedenen Optionen der Briefwahl kannten und ob sie, wenn Obama-Unterstützer, eine Fahrgelegenheit zur Wahlurne benötigten.
"Do you have a secret, Wolfgang?"
Erstaunlich: Die meisten Angerufenen waren ausgesprochen freundlich und gesprächswillig, viele hatten bereits andere Anrufe erhalten, nur einige Wenige wurden grantig, einmal fragte eine Frau schlagfertig zurück, als das Gespräch auf ihre politischen Präferenzen kam: „Do you have a secret, Wolfgang?“. „Oh yes, Ma'am.“ „And so do I, Sir.“
15 Telefonierer auf 25 Quadratmetern
Für den Phone-Bank-Captain gab es ebenfalls ein einseitiges Script, wie er die ab zehn Uhr ins Büro strömenden Freiwilligen am effektivsten instruierte und, tatsächlich, schon nach wenigen Minuten saßen sie an den 15 Telefonen in dem nur 25 Quadratmeter großen Raum. Eigentlich eine nervende Lärmfolter, dennoch waren alle voll konzentriert bei der Sache.
110 Anrufe in einer Schicht
In der Morgenschicht des Halloween-Tags am 31. Oktober schaffte ich 110 Anrufe. Bei den meisten Nummern hinterlegte ich auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht, ca. 30 Personen erreichte ich persönlich, von denen 22 Barack Obama entweder bereits per Briefwahl gewählt hatten oder an der Urne wählen wollten. Da wusste ich: Der Mann wird der nächste US-Präsident, auch wenn Seattle traditionell liberales demokratisches Stammland ist. Aber die Reaktionen der Angerufenen waren so überzeugend und bedingungslos zugunsten Obamas, dass hierin eine außergewöhnlich breite Strömung in dem Land zum Ausdruck kommen musste, fühlte ich.
Auch der Bruder der künftigen First Lady muss fleißig telefonieren
Überall wo ich in der Woche vor der Wahl hinkam, wurde auf den persönlichen Kontakt durch Telefonate gesetzt, so etwa auch bei einem Fundraising Dinner der führenden Demokraten des Bundesstaats in Seattles Westin Hotel. Dort war der Bruder von Obamas Frau, Craig Robinson, der Ehrengast. Bevor er aus dem Nähkästchen plauderte, wie seine Schwester Michelle und Barack sich kennengelernt hatten und auf was für fiese Proben sie ihren Verehrer stellte, musste der renommierte Basketball-Coach vor den versammelten 700 Gästen erst einmal ein paar Telefonate tätigen. So wie er hatte jeder im Saal eine Liste mit Namen erhalten, die er während der kurzen Pausen im Programm mit seinem Handy anwählte.
Ein Schlachtruf schallt durchs Land: Get out the Vote!
Die Telefoniererei stand unter dem Motto: Get out the vote – GOTV! – und eskalierte bis zum Wahltag. Am Abend erklärte die demokratische Gouvereurin von Washington State Chris Gregoire voller Stolz, das am 4. November allein in ihrem Bundesstaat eine Million telefonische Kontakte mit Wählern gemacht worden seien. Eine Freiwillige im 37. District Büro berichtete ungläubig aus dem Hauptquartier downtown, dass dort 100 junge Leute auf dem Boden hockten und mit ihren Mobiltelefonen die Listen durchtelefonierten. Bei dieser Wahl wurde ein neuer Menschenschlag aus der Taufe gehoben: die Generation O.
"Bei dieser Wahl passiv bleiben – unerträglich!"
Einmal wurde ich an diesem Schicksalstag vom Telefon weggerufen, weil unsere Freiwillige Ann einen Plattfuß hatte und Hilfe beim Reifenwechsel brauchte. Sie fuhr Senioren zu den Urnen. Die Frau verriet mir mit feuchten Augen, dass sie es nicht ertragen hätte, bei dieser Wahl nur passiv zu bleiben. Andere auch nicht: Am Tag zuvor war Bob mit seiner kleinen süßen Tochter Wanjiku erschienen, die neben dem Papa sitzend unbedingt selber Telefonanrufe machen wollte. Und siehe da, die Fünfjährige war dazu durchaus fähig und bezirzte mit ihrem Charme, die Anrufer der Telefon-Bank wie die Angerufenen gleichermaßen.
Newcomer haben fürchterlichen Bammel
Lynn war nervös, als sie ins Büro kam und gestand, solche Anrufe zum ersten Mal in ihrem Leben zu machen und dass sie davor fürchterlichen Bammel hatte. Wir redeten ihr gut zu, hielten ihre Hand, und nach drei Telefonaten war der Bann gebrochen. Und dann waren da noch Denise und JC (Jenette Christopher), zwei Afroamerikanerinnen in schillernden Gewändern. Sie verbrachten am Wahltag Stunde um Stunde am Telefon, waren abends zur Wahlparty zur Stelle und tanzten bis drei Uhr früh ab, obwohl Denise um sieben Uhr im Büro bei Boeing auf der Matte stehen musste.
Klinkenputzen, die zweite Säule der Obama-Kampagne
Die zweite Säule nach der Phone-Bank war Canvassing, das Klinkenputzen. Hier stand das persönliche Gespräch an der Haustür im Mittelpunkt. Die Freiwilligen schwärmten mit Listen aus, auf der etwa 100 Wähler verzeichnet waren. Sie gingen von Tür zu Tür, von Block zu Block und führten grundsätzlich dasselbe Gespräch wie am Telefon, nur unter vier Augen, was größere Vertrautheit ermöglichte. Auch dies war eine große Herausforderung, auf wildfremde Menschen zuzugehen, sie in ein Gespräch zu ziehen und so schnell wie möglich zu punkten. Tempo war Trumpf, ging es doch darum, möglichst viele Botschaften in die Wählerwelt abzusetzen.
"Nehmt das Herz in eure Hand und lasst es sprechen"
Am Vorsamstag vor den Wahlen drängten sich die Freiwilligen nur so im Büro. Für sie war ein Landtagsabgeordneter gekommen, Eric, ein 2,20-Meter-Riese und von seiner Statur her ein Football-Spieler. Er hob zu einer kurzen Rede an, die mitten in die Seele ging: Wir alle nähmen an einem historischen Prozess teil, jetzt solle doch bitte jeder „sein Herz in die Hand nehmen“ und Selbiges bei den Wählern und besonders bei den noch Unentschlossenen sprechen lassen.
"Verräter", knurrt der Cowboy
Am Samstag vormittag unter Herbstsonne war das nicht soo schwer, obwohl einige Häuser alles andere als vertrauensvoll aussahen und manchmal recht finster dreinblickende Gestalten an den Türen erschienen. Doch auch hier war die Gesprächsbereitschaft erstaunlich hoch, nur ein dicker, kurzer Mann mit Cowboyhut knurrte „Verräter“.
Abends wird das Türklopfen ein wenig gespenstisch
Anders war es abends nach fünf Uhr, wenn es dunkel wurde und ein Grundstück schlecht oder gar nicht ausgeleuchtet war. Dort hinzugehen versagte ich mir, und einmal war ich zutiefst erschrocken, als wie aus dem Nichts eine blasse Frau aus dem Wirrwarr des Hausinneren hervortrat und mir ganz nahe kam, da dachte ich – Hollywood ließ grüßen – an einen Geist oder einen Vampir. Und natürlich, überall wo Hunde kläfften, da wollte man nicht unbedingt hin.
Gemeinsame Nachbarschaftsbesuche mit der Gouverneurin
Selbst Ann hatte dieses Canvassing auf sich genommen, ganz alleine, obwohl das hügelige Auf und Ab der Straßen nicht gut für ihre Knie war, aber: „Es könnte um ein paar Stimmen Vorsprung gehen, die das Zünglein an der Waage sind, besonders wenn die Republikaner uns wieder Stimmen klauen, wie das letzte Mal“, erinnerte sie sich bitter. Am Sonntag vor der Wahl hatte die Gouverneurin zum gemeinsamen Türklopfen eingeladen. Ein Rekord, dazu erschienen 500 Menschen.
1 Million Bürger aktiviert, 2 Millionen vernetzt, 600 Millionen Dollar gesammelt
Wahlbeobachter waren sich einig: Obama hat mit seinen Heeren von Freiwilligen die größte politische Maschine aller Zeiten auf die Beine gestellt, siehe dazu auch den vorhergehenden Blog „Yes We Can“. Dieser Apparat verschmolz die beiden Tragsäulen des Community Organizing, Phone Banking und Canvassing, mit dem Internet, das die meisten Freiwilligen wie auch Geldspender aktivierte: über eine Million Helfer wurden mobilisiert, zwei Millionen Menschen miteinander vernetzt, 600 Millionen Dollar flossen in die Wahlkampfkasse – das Doppelte der Summe, die George W. Bush und John Kerry bei den letzten Wahlen 2004 zusammenkratzten.
Wie die Obamaisten den Republikanern Nevada abjagen
Herb, einer der Seattle-Strategen, hatte zuvor in Nevada Obamas Wahlkampfmaschine mit aufgebaut. In dem Casino-Staat mit Las Vegas am Südzipfel "haben wir, oh boy, 30 Büros aus dem Boden gestampft", erzählte er zwischen Telefonaten und Canvassing. Der 39-jährige Kalifornier war ein so genannter Obama Fellow, wie Steph einer der 6300 Fußsoldaten, die nach den Methoden des Community Organizing die Kampagne organisierten. Dazu gehörte auch, neue Wähler vor und während der Vorwahlen zu registrieren, denn an den Urnen wurden nur registrierte Wähler zugelassen. "Wow", schwärmte Herb, "wir wurden von den besten Organizern des Landes trainiert, zum Teil alten Kollegen von Barack". Am Ende schafften es die Obamaisten, den schwer umkämpften "Battleground-State" Nevada den Republikanern abzujagen.
Ein politischer Tsunami schwappt über den Planeten
Das alles zusammen war nicht ein Schneeballsystem, sondern ein ausgewachsener Tsunami, der von unten nach oben exponenziell anwuchs und mit einem Paukenschlag die politische Landschaft der USA und der Welt veränderte. Aus dem Schlachtruf „Yes We Can“ wurde „Yes We Did!“. Am 4. November 2008, acht Uhr abends pazifische Zeit, brach auf dem Planeten mit acht Jahren Verspätung das 21. Jahrhundert an.
Altgediente Strategen aus dem Community Organizing machten den Sieg möglich
Dass das passieren konnte ist nicht allein das Werk der Heerschaften von Telefonierern und Türklopfern im ganzen Land, sondern auch Tausenden anderer Heinzelmännchen zu verdanken, die ebenfalls unten an den Graswurzeln ansetzten, nur noch viel professioneller, darunter: Mein alter Boss in Chicago, Jim Capraro, der Martin Luther Kings Protestmärsche gegen den Rassismus in seiner Nachbarschaft im Südwesten der Metropole am Michigansee betreten miterlebt hatte, das Community Organizing von der Pike auf lernte und daraus das Community Development schmiedete, ein basisorientiertes Modell moderner Stadtentwicklung.
Ein Jahr lang feilte Jim Capraro an neuer Stadtpolitik und "Urban Policy"
Leute wie "Capp" stießen bereits im Mai 2007 zur Obama-Kampagne und bereiteten generalstabsmäßig ihren Launch vor. Der Community Developer Capraro etwa feilte ein ganzes Jahr lang an der Stadtpolitik des Präsidentschaftskandidaten und bereiste im Sommer 2008 die kritischen "Swing States". "Aus meinem eigenen riesigen Netzwerk rekrutierte ich dort Macher für den Wahlkampf", erzählte er mir, im September und Oktober trat er als Redner bei Veranstaltungen auf und in den letzten Tagen des Showdowns "wählte ich mir wie Millionen anderer Helfer die Finger wund, um sicherzustellen, dass die Wähler auch wirklich den Weg zu den Urnen fanden".
Mit Community Organizern gegen den Terrorismus?
Aktivisten wie er sind die "Braintrusts and Thinktanks" hinter Obama. Sie wissen, wie die Menschen auf der Straße ticken und werden den Präsidenten während seiner Amtszeit beraten. Vieles ist bereits vorbereitet, etwa die Auflösung des Straflagers in Guantanamo und Beendigung der Kriege, eine Umwelt-Offensive und durchgreifende Reformen in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik, die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs: Gut möglich, dass der Neue im Weißen Haus die milliardenschwere Militärhilfe an Länder wie Kolumbien einstellt und Community Organizer hinunterschickt, um soziale Gerechtigkeit zu schaffen und Terrorismus den Nährboden zu entziehen.
"Ihr alle seid meine Mitstreiter!"
Natürlich war Capraro mit seiner Familie und den Enkelkindern Ellie und Evie dabei, mit Tränen einen politischen Traum in Erfüllung gehen sehend, als Obama in Chicagos Grant Park in der Wahlnacht seinen Sieg verkündete. Wer dem Maestro aufmerksam zuhörte, vernahm Folgendes: Die Herausforderungen der Welt verlangen immer wieder ein frisches „Yes We Can“, sowohl von ihm als mächtigster Mann der Welt beim Lösen der anstehenden Probleme als auch von jedem Menschen auf dieser Erde bei der Bewältigung seines Lebens. Wir alle dürften uns als seine Mitstreiter betrachten, im Großen wie auch im Kleinen, im Beruf und in der Forschung, in der Familie und im persönlichen Leben.
Die Welt und das Hiersein veredeln
Wer sich durchringt, eine Hoffnung auszusprechen, findet aus seinen Tiefen auch Wege ins Licht, die gemeinsam mit anderen Bedrückten beschritten werden sollten und viel geistige und körperliche Kraft abverlangen können – am Ende aber die Welt und das Hiersein veredeln.
Wo ist das Fleisch?
Hier war der "Messias Obama", wie so oft in der Kampagne, wieder spürbar, sein über allem schwebender ätherischer Geist, bestechend – aber: "Where's the beef?" Sogar Gerhard Letzing fragte leise, "hat er's wirklich im Kreuz?" und erinnerte an Jimmy Carter, der mit größtem Idealismus grandios floppte. Wird der 44. US-Präsident zum Durchsetzen seiner hehren Ziele in einer aus den Fugen geratenen Welt seine Freiwilligenarmee reaktivieren? Der Mann kann auf 10 Millionen Email-Adressen zurückgreifen, 5 Millionen Handy-Nummern und 4 Millionen Spendernamen.
Furioser Auftakt eines "Open-Source-Government" und "President 2.0"?
Stehen uns vier Jahre Politik im besten Web-2.0-Stil bevor mit Online-Kamingesprächen, im Netz veröffentlichten, diskutierten und basis-reformierten Gesetzesentwürfen – der Beginn einer "Open-Source-Legislative", wie der politische Internet-Spezialist Tobias Moorstedt fragt. Und changiert diese zu einem "Open-Source-Government" mit einem "President 2.0"? Schon kursieren neue Begriffe, ist die 40 Jahre alte Graswurzel- zur "Netzwurzel-Bewegung" herangewachsen.
Die Geister, die Obama rief ...
Kommt nach dem "user generated content" im Netz der "voter generated content" in der Realpolitik? Oder, anders herum, wird Obama die Geister, die er rief und die ihn siegen halfen, nicht mehr los – wird die 19 Millionen Menschen umfassende Netz-Community gegen ihren Netzwurzel-Präsidenten die eigenen Vorstellungen durchboxen, diesen zur Hanswurst degradieren? Oder ist dieses offen ausgetragene Pro und Contra etwa der neue Dialogstil, eine vielstimmige Demokratie, mit dem gravierenden Nachteil, dass Entscheidungsabläufe womöglich auf Schildkrötentempo heruntergebremst werden?
... oder wurde die Basis von der Herrschaft gekidnappt?
Oder, noch ganz anders, ist die Basis, für Herrschende fast immer missliebig, von der Herrschaft in einem grandiosen Handstreich gekidnappt worden? Traditionell war Community Organizing, vor 70 Jahren in Chicago erfunden, immer unparteiisch und arbeitete von unten nach oben, bis Obama kam, der das Credo auf den Kopf stellte, als er sich nach drei Jahren als Community Organizer in Chicagos Southside-Ghetto nach Harvard mit den Worten verabschiedete: "Damit lässt sich kaum was erreichen, richtige Macht hat man nur in der Politik." Sind die nachbarschaftlichen House Meetings, zu denen die Obama-Strategen auch nach der Wahl noch aufrufen, nur ein Mittel, um die Graswurzeln zu sedieren?
Die Linksliberalen giften bereits
Kaum war der Wahlsieg eingefahren, als es im linksliberalen Lager bereits zu gären begann, nachdem die ersten Namen für die Kabinettsposten durchgesickert waren. "Alles Clinton-Leute!", murrte es. Obama-Unterstützer Tom Porter in Seattle sah sich von seinen Kindern und deren Freunde unversehens auf den heißen Stuhl gesetzt. "Seid fair", ermahnte Vater Porter den Nachwuchs, "gebt dem Mann seine 100 Tage Schonfrist!"
Exakt 1430 Tage Bewährung
Der Countdown tickt, am 20. Januar 2009 mit der feierlichen Amtseinführung wird es ernst. Mit der ihm eigenen Fortune, die Obama durch dick und dünn trägt, könnte sich seine Bewährungszeit generös verlängern, aber nach 1430 Tagen ist definitiv Schluss, orakeln abergläubische Geister. Am 21. Dezember 2012 wird nach einer Prophezeiung der Maya die Welt untergehen. Auch rationalere Geister sind geneigt, hierin eine mahnende Symbolik zu sehen, die Mister President doch auf Turbo schalten lassen möge.
"You betcha!"
Wie röhrte Sarah Palin, Wahlverlierer John McCains Vize, so unnachahmlich: "you betcha!" – deshalb hier die ultimative Wette, wer hält dagegen? CHANGE has come not only to America, but will come to you, too. Mehr darüber im Verlauf des Jahres 2009, wenn wir die Kommentare der Leser dieses Beitrags auswerten und eine Bilanz ziehen, die auch die Politik der Obama-Administration einbezieht.
©Wolfgang C. Goede
Vernetzung mit dem P.M. Magazin Print
In der Ausgabe 01/2009 erschien in P.M. der Artikel "Gefährdet das Internet unsere Demokratie?" Darin knüpft die Autorin Petra Fleck an die Obama-Kampagne an und spürt den Schattenseiten der Massenmobilisierung via Internet nach. Hier ein paar der Stimmen, die sie dafür eingefangen hat. Das Volk über jedes Gesetz im Netz abstimmen zu lassen, habe einen anti-demokratischen Effekt, weil sich die Minderheiten überdurchschnittlich beteiligen, so der Politikwissenschaftler Jürger Falter von der Universität Mainz. Der Chaos Computer Club lehnt Internet-Wahlen rundweg ab, weil das Tür und Tor für unwägbare Manipulationen öffne. Der US-Internet-Experte Jaron Lanier warnt vor "digitalem Maoismus", einem Kollektiv von Amateuren, das mit Halbwissen die öffentliche Meinung beeinflusst. Der US-Wissenschaftler Cass Sunstein setzt noch einen drauf: Das Netz fördert nicht die viel beschworene "Weisheit der Vielen", sondern "Herdentrieb, Verdummung, Massenhysterie".
... und hier jetzt die Fortsetzung der Foto-Story

Deutsch-amerikanische Wiedervereinigung: Der P.M.-Reporter, Don, Chris, Gerhard und Kevin treffen sich nach 33 Jahren wieder. Sie waren wie Barack Obama Community Organizer in Chicago und machen für ihn Wahlkampf

Mega-Stress: Stephanie Baker leitet die Obama-Kampagne im 37. District von Seattle. Sie studiert Menschenrechte in New York und ist seit Juli täglich 16 Stunden auf den Beinen

Mama für Obama: Eine Freiwillige im Wahlkampf-Büro beim elektronischen Erfassen der Ergebnisse von Telefon-Banken und Hausbesuchen

Telefon-Bank: Hier machen zu Spitzenzeiten bis zu 15 Leute Anrufe

Get Out The Vote! Lynn und der P.M.-Reporter beim Telefonieren

Jüngster Obama-Fan: Gleich setzt sich sweet little Wanjiku ans Telefon und charmiert die Wähler

Obama-Total: Werbeplakate vor einem Haus

Immer gut gelaunt: Heather unterstützt als Vize-Chefin Stephanie und bleibt selbst bei größter Hektik cool

Star-Gast: Auch Obamas Schwager, Basket-Ball Coach Craig Robinson (Mitte), muss erst mal Telefondienst machen, bevor er erzählt, wie sich seine Schwester Michelle und Barack wirklich kennengelernt haben und welche Rolle er selber spielte

Ehrenvoll: Die Gouverneurin des Bundesstaats Washington Chris Gregoire dankt dem Deutschen für seinen Einsatz

Fundraising Dinner: Die Gäste machen zwischendurch Anrufe, um die Wähler zu mobilisieren

Downtown Seattle: Auch die Geschäftswelt der Pazifik-Metropole setzt auf "HOPE" und "CHANGE"

Freiwilligen-Briefing: Mike macht klar, worauf es beim Tür-zu-Tür-Canvassing ankommt

Klinkenputzen: Der P.M.-Reporter erklärt Anwohnern, was alles auf dem Wahlschein steht

Generation O: “Wir können dieses Land zusammen verändern: Ziegel für Ziegel, Straßenblock für Straßenblock, Nachbarschaft für Nachbarschaft. Gewöhnliche Menschen können Außergewöhnliches schaffen."

Ausschöpfen sämtlicher Kommunikationskanäle: Wer nicht daheim ist, bekommt diese Erinnerung an den Türknopf gehängt

Emotionale Ansprache am D-Day: Es geht um DEINE Zukunft!

Wahl-Party: President-elect Barack Obama verkündet seinen Wahlsieg. Kein Auge bleibt trocken

Sieg mit langer Vorgeschichte: Jim Capraro (Mitte), heute Berater Obamas in städtepolitischen Fragen, im Jahr 1974 mit den deutschen Sühnezeichen-Freiwilligen und Community-Organizing-Azubis

Windy City am Michigansee: Chicago ist das Mekka des Community Organizing und Keimzelle des CHANGE

Erste Gehversuche im Graswurzel-Modus: Interview mit den deutschen Ersatzdienstleistenden 1972

Hier weht der Mantel der Geschichte: Die 37th-District Freiwilligen JC, der P.M.-Reporter, Linda und Denise mit dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack-Superstar

Politisches Weltbeben: Aufmacher der Lokalzeitung am Morgen nach der Wahl

Jetzt ist das 21. Jahrhundert eingeläutet: Seattle und US-Amerika können wieder leuchten

Obamania: Spannung und Jubel auch im Ausland – Wahl-Party in Münchens angesagtestem Club

... yes we can, sí se puede – jawohl, wir können es schaffen! Der Wahlsieg bleibt für Obama, seine Wähler und Sympathisanten in aller Welt über die nächsten vier Jahre eine fortwährende Herausforderung
Fotos: W. Goede, F.-P. Mau, pixelio M. Voelkl (Chicago), mybo (neighborhood team)
Vertiefende Links
Saul-Alinsky-Organizing – Jetzt auch in Deutschland / ASF – Das Zeichen 1998
Community Organizing – ein Weg für Deutschland? / Foco – Jahrestagung Stadtteilarbeit 2004
Civil Journalism & Scientific Citizenship / Comm-Org-Papers, University of Wisconsin 2003
„Demokratie ist, wenn jeder mitmacht. Auf der ganzen Welt!" / Aktive Bürgerschaft – Beitrag in P.M. zum 25. Jubiläum 2003
Aus der Ohnmacht zum Empowerment / Netzwerk Gemeinsinn 2006
Wissenschaftliche Literatur
Die beiden Sozialwissenschaftler Professor Dr. Leo Penta und Dr. Peter Szynka haben sich mit der Theorie und Praxis des Community Organizing in den USA und in Deutschland auseinandergesetzt. Dazu sind unlängst ihre neuesten Bücher erschienen:
Leo Penta (Hg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Edition Körber Stiftung 2007

Peter Szynka: Theoretische und Empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinksy (1909 – 1972). Akademie für Arbeit und Politik/Bremer Beiträge zur Politischen Bildung 3/2006

Siehe zu diesen Publikationen auch Super Tuesday: Schub für deutsche Sozialforscher
Follow-up-Drehscheibe
* Bei Obamas Amtseinführung am 20.01.09 wurde heißgeschaltet das neue bürgeraktive Internet-Forum des Weißen Hauses
* Am 23.01.09 verkündete Obama die Gründung einer neuen Organisation, ORGANIZING FOR AMERICA (danke, Gerhard!). Sie vereint eine halbe Million Menschen, die seine Kampagne aktiv unterstützten. In einer Video-Adresse begrüßt Obama sie als die Bürger, die "an der Seite des Präsidenten die Agenda unterstützen, für die Sie so hart gekämpft haben".
* Zu Saul Alinsky's 100. Geburtstag am 30.01.09 lief auf National Public Radio NPR (danke, Michael!) ein Interview mit Sanford Horwitt, dem Alinsky Biografen, zum Thema: Saul Alinsky The man who inspired Obama
* Zu "Alinsky's Centennial" siehe auch Chicago Tribune: Alinsky's organizing legacy lives on und die Huffington Post: Saul Alinsky's Centennial and His Advice to Obama: Keep Your Eyes on the Prize
* Warum Obama nur mit starken Verbündeten, u.a. in der CO-Szene, sowie mit den CO-Werkzeugen den Kurs der USA verändern kann. Eine Studie auf der Comm-Org-Plattform der Wisconsin Universität (danke, Michael!): Organizing in the Obama Years: A Progressive Moment or a New Progressive Era?
* Die verkrusteten deutschen Parteien schnuppern Morgenluft. Inspiriert vom Obama-Erfolg, möchten sie sich an seinen Kampagnenstil anhängen. Im Februar 2009 referierte vor der Berliner Stiftung "Neue Verantwortung" JULIUS VAN DE LAAR, Youth Vote Manager der Obama 08 Presidential Campaign, über "Campaigning 2.0: Neue Führungs- und Beteiligungsstrategien für eine moderne Parteiendemokratie" -- Fazit: Mit dem schnellen Click, per Knopfdruck und einer Super-Internet-Werbung läuft gar nichts (danke, Ruppe!). Die Basis ist nicht online, sondern offline, aktive Beziehungs- und Vernetzungsarbeit, kurz: "Relational Power" im CO-Jargon.
* "Ich bin es, dein Anführer", so lautet ein Beitrag in der Süddeutchen Zeitung am 18.02.09 von Tobias Moorstedt, der während des US-Wahlkampfes bereits mit dem Buch „Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern“ sich als Experte für Demokratie 2.0 einen Namen machte. Darin legt er dar, dass "Organizing for America" (2. Eintrag auf dieser Drehscheibe) 3500 Hauspartys veranstaltet habe, in denen Obamas Konjunktur-Stimulus-Programm diskutiert wurde. Teilnehmer wurden ermutigt, die Abgeordneten der Republikaner anzurufen und anzumailen, um deren Unterstützung einzufordern. Der Präsident setzt auf die neuen elektronischen Medien, wie er selber mit seinem Blackberry-Handy demonstriert, und deutete auf seiner ersten Pressekonferenz an, dass er auf die großen TV-Networks verzichten kann, "er spinnt seine eigenen Netzwerke aus DSL-Leitungen und W-Lan-Wellen". Die vernetzten Bürger, schreibt Moorstedt, werden neben der vierten Gewalt (Presse) zur fünften Gewalt. Aus diesen Reihen kommt der Wunsch, Obama möge eine Wiki-Legislative etablieren, in der Gesetzesvorschläge gemeinsam erarbeitet werden.
* "Grüne eifern Obama nach", lautet ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung am 27.02.09. Danach will die Partei will gezielt im Internet um Wähler werben.
* "Die Obama-Strategie für Deutschland?": Diese Frage stellt der Vernetzungsberater Wolfgang Fänderl in einem Beitrag von "Netzwerk Gemeinsinn". Sie könnte "wervolle Anregungen bieten, soweit wir sie auf unsere kulturellen Verhältnisse und aktuellen Herausforderungen übertragen können", lautet eine seiner Antworten.
* Mit "Mit dem Internet per du" stellt die "Süddeutsche Zeitung" am 02.03.09 die neuen Onlineportale der großen Parteien im Jahr der Bundestagswahlen vor: Der CDU-Internetauftritt zeige, "wem Merkels Partei nacheifern will: Barack Obama".
* Obama verfolgen die Gespenster seines Vorgängers. "Rotes Kreuz wirft Bush-Regierung Folter vor", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" am 17. März. Was passiert jetzt mit Guantanamo und den Gefangenen, kommt es zu einer nationalen oder internationalen Anklage gegen Bush? -- hier ist der Neue Chef im Weißen Haus gefordert.
* Im Streit um Managerzulagen greift Obama auf sein Wahllkampf-Netzwerk zurück. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" am 18. März im Leitartikel "Obama in Gefahr": "Seit dem Wochenende hat Obamas einstige Wahlkampforganisation, die sich nun Organizing for America nennt, 13 Millionen E-Mails verschickt. Darin werden alle Freunde gebeten, ihren Wahlkreis-Abgeordneten im Kongress anzurufen und ihn daran zu erinnern, wie wichtig es für Amerika sei, dass der neue Präsident seine Ziele verwirklichen könne."
* Obama hat ein neues Jahrhundert der Forschung ausgerufen, um die Zukunftsherausforderungen zu bewältigen, konstatiert die "Neue Züricher Zeitung" am 18. März mit ihrem Beitrag "Neuer Optimismus unter Amerikas Forschern" .
* Jeder Präsident würde gern das Steuer herumreißen – dieser tut es wirklich, nach 60 Tagen im Amt, indem er gigantisch viel Geld für Reformen in die Hand nimmt, schreibt die Zeit am 19. März in "Revolutionär der Mitte".
* "Im Dauereinsatz für den mächtigsten Mann der Welt." Unter diesem Titel berichtete der Münchner Merkur am 23.03. online über eine Veranstaltung an der Neubiberger Bundeswehruniversität. Auf Einladung von Privat Dozent Dr. Franz Kohout berichtete dort der Autor über die Obama-Wahlkampfmaschine. Und hier berichtet Kohout auf der Homepage der Universität der Bundeswehr München über die Veranstaltung "Community Organizing and the Obama Campaign".
* Dieser Präsident funkt auf allen Kanälen, schreibt die "Süddeutsche" am 26.03 in "Der ganz präsente Präsident". Er tippt ständig in sein Blackberry, belagert die Laptops seiner Landsleute mit Emails, ist auf Youtube omnipräsent, war als erster Präsident Gast bei Jay Lenos Late Night Show und gibt nacheinander zwei direkt übertragene Live-Pressekonferenzen. Und: Obama lädt zur Online-Fragestunde. US-Präsident antwortet im Web live auf Bürgerfragen
* Beim 2. Münchner Methoden-Fachforum "Ja, wir tun's! Bürgerbeteiligung der Zukunft" wurde das Obama-Prinzip dargestellt. Der Titel: Yes, we can! -> Yes, we did! - und dann?. Die Kamagne wurde aus dem Community Organizing hergeleitet und nach Obamas ersten hundert Tagen im Amt die Frage gestellt: Wie demokratisch ist der neue US-Präsident?
* Der US-Journalist Jim Geraghty geht in "National Review Online" vom 14. Mai den Wurzeln Obamas in Saul Alinsky nach, Titel des Beitrags (besonders lesenswert sind auch die Links darin): The Alinsky Administration
* Sozio-historischer Hintergrund zu den Wurzeln des Obama-Ismus
Obamas Graue Eminenz: Saul Alinsky
P.M. History 10-2009
»Yes, we can!« Der Aktivist lehrte die Armen, sich selbst aus dem Sumpf ihres Elends zu ziehen. Seine Mittel: Vernetzung und Konfrontation.
* Bilanz nach einem Jahr Obama: Der Hoffnungstraeger wankt
Wenn der letzte Funke Hoffnung schwindet
Aufstellung "Politik im Raum" und Netzwerk Gemeinsinn
27. November 2009

Es ist vollbracht - und nun? (Beginn der Reportage – die Foto-Story geht unten weiter)
Dieser 4. November 2008, von den Medien zum D-Day – Decision Day – erklärt, wird in die Geschichte eingehen. Die US-Amerikaner haben den ersten Afroamerikaner zu ihrem Staatsoberhaupt gewählt, der den selbst bei vielen Landsleuten so umstrittenen, beinah schon verhassten George W. Bush ablöst, den Anwälte wegen Völkermordes vor Gericht stellen wollen. Die Stimmung ist beinah so, als ob eine Bananenrepublik ihren Tyrannen in die Wüste geschickt hätte: Bush hat das Land in zwei Kriege gestürzt, mit seiner Privatisierungs- und Deregulierungswut den Ausbruch der weltweiten Finanzkrise angeheizt, auf Klima und unseren Planeten gepfiffen. Amerikaner und die Welt atmen auf, alle Hoffnung richtet sich auf den neuen Mann im Oval Office.
Die Obama-Kampagne – ein Exportmodell
Bei diesem historischen Event habe ich Mäuschen gespielt, bin zwischen und hinter die Kulissen geschlüpft und selber mit in den Wahlkampf gezogen. Mit diesem Selbstversuch wollte ich herausfinden: Wie funktioniert diese Wahlkampfmaschinerie, wie fühlt man sich darin, wie konnte der Außenseiter Obama das gesamte Polit-Establishment samt Clinton-Clan wegfegen? Ein Ergebnis vorweg: Wegen seines traumhaften Erfolges wollen Politiker in aller Welt diese Art von Wahlkampf kopieren. Entsprechende Berater haben bereits lukrative Verträge in der Tasche, wussten Polit-Insider an der Westküste. Der neue Trend könnte auch das politische Leben diesseits des Atlantiks umwälzen.
Community Organizing klammert Menschen zusammen
Mein alter Freund Gerhard Letzing aus einem Dorf bei Kassel, der seit 1972 in den Vereinigten Staaten lebt und ein angesehenes Mitglied in der demokratischen Partei in der Pazifik-Metropole Seattle ist, bereitete den Boden für meine ungewöhnliche Mission. Er öffnete Türen und stellte mich den Mitarbeitern der Kampagne vor. Wir beide waren vor fast genau 36 Jahren als Freiwillige der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste in die USA gekommen und hatten in Chicago als Community Organizer gearbeitet, eine Tätigkeit, die auch der zukünftige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika dortselbst 13 Jahre später erlernte. Das verbindet uns beide miteinander sowie uns mit Obama.
Die beiden Säulen der Kampagne
Mein neuer Job, fand ich schnell heraus, lief im Grunde auf die Aktivierung unseres alten Arbeitsstils in den Straßen Chicagos hinaus, denn die Obama-Truppe baute auf zwei grundsätzliche und über Jahrzehnte erprobte und verfeinerte Elemente der Bürger-Aktivierung: Phone Banks und Canvassing.
Persönliche Kontakte durch Telefon-Banken
Dieser Vergangenheit verdankte ich, dass ich im Büro des 37. Districts der „Campaign for Change“ an der Rainier Avenue im Süden der Stadt von den Obama-Leuten mit Vorschusslorbeeren bedacht wurde. Die beiden Leiterinnen, Steph Baker und ihre Vertreterin Heather, machten mich sogleich zum Captain der Telefon-Operation. Von zehn Uhr früh bis 21 Uhr abends wurden in drei Schichten die Bewohner in der weitläufigen Nachbarschaft angerufen. Dafür gab es ein einseitiges Script, das die Anrufer durch das Telefonat navigierte.
"How do you feel about Barack?"
Die wichtigsten Punkte waren, sich zu identifizieren, auf die Wahlen hinzuweisen, sich beim Gesprächspartner zu erkundigen, „how do you feel about Barack and the Democratic ticket“, bei einer unentschiedenen Haltung auf die Notwendigkeit von "Change" hinzuweisen, bei bekennenden Republikanern sich aber auf keine Debatte einzulassen, weil das zu viel Zeit kostete. Je näher der Wahltermin rückte, desto wichtiger wurden technische Details, etwa dass die Angerufenen ihr Wahllokal und die verschiedenen Optionen der Briefwahl kannten und ob sie, wenn Obama-Unterstützer, eine Fahrgelegenheit zur Wahlurne benötigten.
"Do you have a secret, Wolfgang?"
Erstaunlich: Die meisten Angerufenen waren ausgesprochen freundlich und gesprächswillig, viele hatten bereits andere Anrufe erhalten, nur einige Wenige wurden grantig, einmal fragte eine Frau schlagfertig zurück, als das Gespräch auf ihre politischen Präferenzen kam: „Do you have a secret, Wolfgang?“. „Oh yes, Ma'am.“ „And so do I, Sir.“
15 Telefonierer auf 25 Quadratmetern
Für den Phone-Bank-Captain gab es ebenfalls ein einseitiges Script, wie er die ab zehn Uhr ins Büro strömenden Freiwilligen am effektivsten instruierte und, tatsächlich, schon nach wenigen Minuten saßen sie an den 15 Telefonen in dem nur 25 Quadratmeter großen Raum. Eigentlich eine nervende Lärmfolter, dennoch waren alle voll konzentriert bei der Sache.
110 Anrufe in einer Schicht
In der Morgenschicht des Halloween-Tags am 31. Oktober schaffte ich 110 Anrufe. Bei den meisten Nummern hinterlegte ich auf dem Anrufbeantworter eine Nachricht, ca. 30 Personen erreichte ich persönlich, von denen 22 Barack Obama entweder bereits per Briefwahl gewählt hatten oder an der Urne wählen wollten. Da wusste ich: Der Mann wird der nächste US-Präsident, auch wenn Seattle traditionell liberales demokratisches Stammland ist. Aber die Reaktionen der Angerufenen waren so überzeugend und bedingungslos zugunsten Obamas, dass hierin eine außergewöhnlich breite Strömung in dem Land zum Ausdruck kommen musste, fühlte ich.
Auch der Bruder der künftigen First Lady muss fleißig telefonieren
Überall wo ich in der Woche vor der Wahl hinkam, wurde auf den persönlichen Kontakt durch Telefonate gesetzt, so etwa auch bei einem Fundraising Dinner der führenden Demokraten des Bundesstaats in Seattles Westin Hotel. Dort war der Bruder von Obamas Frau, Craig Robinson, der Ehrengast. Bevor er aus dem Nähkästchen plauderte, wie seine Schwester Michelle und Barack sich kennengelernt hatten und auf was für fiese Proben sie ihren Verehrer stellte, musste der renommierte Basketball-Coach vor den versammelten 700 Gästen erst einmal ein paar Telefonate tätigen. So wie er hatte jeder im Saal eine Liste mit Namen erhalten, die er während der kurzen Pausen im Programm mit seinem Handy anwählte.
Ein Schlachtruf schallt durchs Land: Get out the Vote!
Die Telefoniererei stand unter dem Motto: Get out the vote – GOTV! – und eskalierte bis zum Wahltag. Am Abend erklärte die demokratische Gouvereurin von Washington State Chris Gregoire voller Stolz, das am 4. November allein in ihrem Bundesstaat eine Million telefonische Kontakte mit Wählern gemacht worden seien. Eine Freiwillige im 37. District Büro berichtete ungläubig aus dem Hauptquartier downtown, dass dort 100 junge Leute auf dem Boden hockten und mit ihren Mobiltelefonen die Listen durchtelefonierten. Bei dieser Wahl wurde ein neuer Menschenschlag aus der Taufe gehoben: die Generation O.
"Bei dieser Wahl passiv bleiben – unerträglich!"
Einmal wurde ich an diesem Schicksalstag vom Telefon weggerufen, weil unsere Freiwillige Ann einen Plattfuß hatte und Hilfe beim Reifenwechsel brauchte. Sie fuhr Senioren zu den Urnen. Die Frau verriet mir mit feuchten Augen, dass sie es nicht ertragen hätte, bei dieser Wahl nur passiv zu bleiben. Andere auch nicht: Am Tag zuvor war Bob mit seiner kleinen süßen Tochter Wanjiku erschienen, die neben dem Papa sitzend unbedingt selber Telefonanrufe machen wollte. Und siehe da, die Fünfjährige war dazu durchaus fähig und bezirzte mit ihrem Charme, die Anrufer der Telefon-Bank wie die Angerufenen gleichermaßen.
Newcomer haben fürchterlichen Bammel
Lynn war nervös, als sie ins Büro kam und gestand, solche Anrufe zum ersten Mal in ihrem Leben zu machen und dass sie davor fürchterlichen Bammel hatte. Wir redeten ihr gut zu, hielten ihre Hand, und nach drei Telefonaten war der Bann gebrochen. Und dann waren da noch Denise und JC (Jenette Christopher), zwei Afroamerikanerinnen in schillernden Gewändern. Sie verbrachten am Wahltag Stunde um Stunde am Telefon, waren abends zur Wahlparty zur Stelle und tanzten bis drei Uhr früh ab, obwohl Denise um sieben Uhr im Büro bei Boeing auf der Matte stehen musste.
Klinkenputzen, die zweite Säule der Obama-Kampagne
Die zweite Säule nach der Phone-Bank war Canvassing, das Klinkenputzen. Hier stand das persönliche Gespräch an der Haustür im Mittelpunkt. Die Freiwilligen schwärmten mit Listen aus, auf der etwa 100 Wähler verzeichnet waren. Sie gingen von Tür zu Tür, von Block zu Block und führten grundsätzlich dasselbe Gespräch wie am Telefon, nur unter vier Augen, was größere Vertrautheit ermöglichte. Auch dies war eine große Herausforderung, auf wildfremde Menschen zuzugehen, sie in ein Gespräch zu ziehen und so schnell wie möglich zu punkten. Tempo war Trumpf, ging es doch darum, möglichst viele Botschaften in die Wählerwelt abzusetzen.
"Nehmt das Herz in eure Hand und lasst es sprechen"
Am Vorsamstag vor den Wahlen drängten sich die Freiwilligen nur so im Büro. Für sie war ein Landtagsabgeordneter gekommen, Eric, ein 2,20-Meter-Riese und von seiner Statur her ein Football-Spieler. Er hob zu einer kurzen Rede an, die mitten in die Seele ging: Wir alle nähmen an einem historischen Prozess teil, jetzt solle doch bitte jeder „sein Herz in die Hand nehmen“ und Selbiges bei den Wählern und besonders bei den noch Unentschlossenen sprechen lassen.
"Verräter", knurrt der Cowboy
Am Samstag vormittag unter Herbstsonne war das nicht soo schwer, obwohl einige Häuser alles andere als vertrauensvoll aussahen und manchmal recht finster dreinblickende Gestalten an den Türen erschienen. Doch auch hier war die Gesprächsbereitschaft erstaunlich hoch, nur ein dicker, kurzer Mann mit Cowboyhut knurrte „Verräter“.
Abends wird das Türklopfen ein wenig gespenstisch
Anders war es abends nach fünf Uhr, wenn es dunkel wurde und ein Grundstück schlecht oder gar nicht ausgeleuchtet war. Dort hinzugehen versagte ich mir, und einmal war ich zutiefst erschrocken, als wie aus dem Nichts eine blasse Frau aus dem Wirrwarr des Hausinneren hervortrat und mir ganz nahe kam, da dachte ich – Hollywood ließ grüßen – an einen Geist oder einen Vampir. Und natürlich, überall wo Hunde kläfften, da wollte man nicht unbedingt hin.
Gemeinsame Nachbarschaftsbesuche mit der Gouverneurin
Selbst Ann hatte dieses Canvassing auf sich genommen, ganz alleine, obwohl das hügelige Auf und Ab der Straßen nicht gut für ihre Knie war, aber: „Es könnte um ein paar Stimmen Vorsprung gehen, die das Zünglein an der Waage sind, besonders wenn die Republikaner uns wieder Stimmen klauen, wie das letzte Mal“, erinnerte sie sich bitter. Am Sonntag vor der Wahl hatte die Gouverneurin zum gemeinsamen Türklopfen eingeladen. Ein Rekord, dazu erschienen 500 Menschen.
1 Million Bürger aktiviert, 2 Millionen vernetzt, 600 Millionen Dollar gesammelt
Wahlbeobachter waren sich einig: Obama hat mit seinen Heeren von Freiwilligen die größte politische Maschine aller Zeiten auf die Beine gestellt, siehe dazu auch den vorhergehenden Blog „Yes We Can“. Dieser Apparat verschmolz die beiden Tragsäulen des Community Organizing, Phone Banking und Canvassing, mit dem Internet, das die meisten Freiwilligen wie auch Geldspender aktivierte: über eine Million Helfer wurden mobilisiert, zwei Millionen Menschen miteinander vernetzt, 600 Millionen Dollar flossen in die Wahlkampfkasse – das Doppelte der Summe, die George W. Bush und John Kerry bei den letzten Wahlen 2004 zusammenkratzten.
Wie die Obamaisten den Republikanern Nevada abjagen
Herb, einer der Seattle-Strategen, hatte zuvor in Nevada Obamas Wahlkampfmaschine mit aufgebaut. In dem Casino-Staat mit Las Vegas am Südzipfel "haben wir, oh boy, 30 Büros aus dem Boden gestampft", erzählte er zwischen Telefonaten und Canvassing. Der 39-jährige Kalifornier war ein so genannter Obama Fellow, wie Steph einer der 6300 Fußsoldaten, die nach den Methoden des Community Organizing die Kampagne organisierten. Dazu gehörte auch, neue Wähler vor und während der Vorwahlen zu registrieren, denn an den Urnen wurden nur registrierte Wähler zugelassen. "Wow", schwärmte Herb, "wir wurden von den besten Organizern des Landes trainiert, zum Teil alten Kollegen von Barack". Am Ende schafften es die Obamaisten, den schwer umkämpften "Battleground-State" Nevada den Republikanern abzujagen.
Ein politischer Tsunami schwappt über den Planeten
Das alles zusammen war nicht ein Schneeballsystem, sondern ein ausgewachsener Tsunami, der von unten nach oben exponenziell anwuchs und mit einem Paukenschlag die politische Landschaft der USA und der Welt veränderte. Aus dem Schlachtruf „Yes We Can“ wurde „Yes We Did!“. Am 4. November 2008, acht Uhr abends pazifische Zeit, brach auf dem Planeten mit acht Jahren Verspätung das 21. Jahrhundert an.
Altgediente Strategen aus dem Community Organizing machten den Sieg möglich
Dass das passieren konnte ist nicht allein das Werk der Heerschaften von Telefonierern und Türklopfern im ganzen Land, sondern auch Tausenden anderer Heinzelmännchen zu verdanken, die ebenfalls unten an den Graswurzeln ansetzten, nur noch viel professioneller, darunter: Mein alter Boss in Chicago, Jim Capraro, der Martin Luther Kings Protestmärsche gegen den Rassismus in seiner Nachbarschaft im Südwesten der Metropole am Michigansee betreten miterlebt hatte, das Community Organizing von der Pike auf lernte und daraus das Community Development schmiedete, ein basisorientiertes Modell moderner Stadtentwicklung.
Ein Jahr lang feilte Jim Capraro an neuer Stadtpolitik und "Urban Policy"
Leute wie "Capp" stießen bereits im Mai 2007 zur Obama-Kampagne und bereiteten generalstabsmäßig ihren Launch vor. Der Community Developer Capraro etwa feilte ein ganzes Jahr lang an der Stadtpolitik des Präsidentschaftskandidaten und bereiste im Sommer 2008 die kritischen "Swing States". "Aus meinem eigenen riesigen Netzwerk rekrutierte ich dort Macher für den Wahlkampf", erzählte er mir, im September und Oktober trat er als Redner bei Veranstaltungen auf und in den letzten Tagen des Showdowns "wählte ich mir wie Millionen anderer Helfer die Finger wund, um sicherzustellen, dass die Wähler auch wirklich den Weg zu den Urnen fanden".
Mit Community Organizern gegen den Terrorismus?
Aktivisten wie er sind die "Braintrusts and Thinktanks" hinter Obama. Sie wissen, wie die Menschen auf der Straße ticken und werden den Präsidenten während seiner Amtszeit beraten. Vieles ist bereits vorbereitet, etwa die Auflösung des Straflagers in Guantanamo und Beendigung der Kriege, eine Umwelt-Offensive und durchgreifende Reformen in der Bildungs- und Wissenschaftspolitik, die Einführung eines sozialen Pflichtjahrs: Gut möglich, dass der Neue im Weißen Haus die milliardenschwere Militärhilfe an Länder wie Kolumbien einstellt und Community Organizer hinunterschickt, um soziale Gerechtigkeit zu schaffen und Terrorismus den Nährboden zu entziehen.
"Ihr alle seid meine Mitstreiter!"
Natürlich war Capraro mit seiner Familie und den Enkelkindern Ellie und Evie dabei, mit Tränen einen politischen Traum in Erfüllung gehen sehend, als Obama in Chicagos Grant Park in der Wahlnacht seinen Sieg verkündete. Wer dem Maestro aufmerksam zuhörte, vernahm Folgendes: Die Herausforderungen der Welt verlangen immer wieder ein frisches „Yes We Can“, sowohl von ihm als mächtigster Mann der Welt beim Lösen der anstehenden Probleme als auch von jedem Menschen auf dieser Erde bei der Bewältigung seines Lebens. Wir alle dürften uns als seine Mitstreiter betrachten, im Großen wie auch im Kleinen, im Beruf und in der Forschung, in der Familie und im persönlichen Leben.
Die Welt und das Hiersein veredeln
Wer sich durchringt, eine Hoffnung auszusprechen, findet aus seinen Tiefen auch Wege ins Licht, die gemeinsam mit anderen Bedrückten beschritten werden sollten und viel geistige und körperliche Kraft abverlangen können – am Ende aber die Welt und das Hiersein veredeln.
Wo ist das Fleisch?
Hier war der "Messias Obama", wie so oft in der Kampagne, wieder spürbar, sein über allem schwebender ätherischer Geist, bestechend – aber: "Where's the beef?" Sogar Gerhard Letzing fragte leise, "hat er's wirklich im Kreuz?" und erinnerte an Jimmy Carter, der mit größtem Idealismus grandios floppte. Wird der 44. US-Präsident zum Durchsetzen seiner hehren Ziele in einer aus den Fugen geratenen Welt seine Freiwilligenarmee reaktivieren? Der Mann kann auf 10 Millionen Email-Adressen zurückgreifen, 5 Millionen Handy-Nummern und 4 Millionen Spendernamen.
Furioser Auftakt eines "Open-Source-Government" und "President 2.0"?
Stehen uns vier Jahre Politik im besten Web-2.0-Stil bevor mit Online-Kamingesprächen, im Netz veröffentlichten, diskutierten und basis-reformierten Gesetzesentwürfen – der Beginn einer "Open-Source-Legislative", wie der politische Internet-Spezialist Tobias Moorstedt fragt. Und changiert diese zu einem "Open-Source-Government" mit einem "President 2.0"? Schon kursieren neue Begriffe, ist die 40 Jahre alte Graswurzel- zur "Netzwurzel-Bewegung" herangewachsen.
Die Geister, die Obama rief ...
Kommt nach dem "user generated content" im Netz der "voter generated content" in der Realpolitik? Oder, anders herum, wird Obama die Geister, die er rief und die ihn siegen halfen, nicht mehr los – wird die 19 Millionen Menschen umfassende Netz-Community gegen ihren Netzwurzel-Präsidenten die eigenen Vorstellungen durchboxen, diesen zur Hanswurst degradieren? Oder ist dieses offen ausgetragene Pro und Contra etwa der neue Dialogstil, eine vielstimmige Demokratie, mit dem gravierenden Nachteil, dass Entscheidungsabläufe womöglich auf Schildkrötentempo heruntergebremst werden?
... oder wurde die Basis von der Herrschaft gekidnappt?
Oder, noch ganz anders, ist die Basis, für Herrschende fast immer missliebig, von der Herrschaft in einem grandiosen Handstreich gekidnappt worden? Traditionell war Community Organizing, vor 70 Jahren in Chicago erfunden, immer unparteiisch und arbeitete von unten nach oben, bis Obama kam, der das Credo auf den Kopf stellte, als er sich nach drei Jahren als Community Organizer in Chicagos Southside-Ghetto nach Harvard mit den Worten verabschiedete: "Damit lässt sich kaum was erreichen, richtige Macht hat man nur in der Politik." Sind die nachbarschaftlichen House Meetings, zu denen die Obama-Strategen auch nach der Wahl noch aufrufen, nur ein Mittel, um die Graswurzeln zu sedieren?
Die Linksliberalen giften bereits
Kaum war der Wahlsieg eingefahren, als es im linksliberalen Lager bereits zu gären begann, nachdem die ersten Namen für die Kabinettsposten durchgesickert waren. "Alles Clinton-Leute!", murrte es. Obama-Unterstützer Tom Porter in Seattle sah sich von seinen Kindern und deren Freunde unversehens auf den heißen Stuhl gesetzt. "Seid fair", ermahnte Vater Porter den Nachwuchs, "gebt dem Mann seine 100 Tage Schonfrist!"
Exakt 1430 Tage Bewährung
Der Countdown tickt, am 20. Januar 2009 mit der feierlichen Amtseinführung wird es ernst. Mit der ihm eigenen Fortune, die Obama durch dick und dünn trägt, könnte sich seine Bewährungszeit generös verlängern, aber nach 1430 Tagen ist definitiv Schluss, orakeln abergläubische Geister. Am 21. Dezember 2012 wird nach einer Prophezeiung der Maya die Welt untergehen. Auch rationalere Geister sind geneigt, hierin eine mahnende Symbolik zu sehen, die Mister President doch auf Turbo schalten lassen möge.
"You betcha!"
Wie röhrte Sarah Palin, Wahlverlierer John McCains Vize, so unnachahmlich: "you betcha!" – deshalb hier die ultimative Wette, wer hält dagegen? CHANGE has come not only to America, but will come to you, too. Mehr darüber im Verlauf des Jahres 2009, wenn wir die Kommentare der Leser dieses Beitrags auswerten und eine Bilanz ziehen, die auch die Politik der Obama-Administration einbezieht.
©Wolfgang C. Goede
Vernetzung mit dem P.M. Magazin Print
In der Ausgabe 01/2009 erschien in P.M. der Artikel "Gefährdet das Internet unsere Demokratie?" Darin knüpft die Autorin Petra Fleck an die Obama-Kampagne an und spürt den Schattenseiten der Massenmobilisierung via Internet nach. Hier ein paar der Stimmen, die sie dafür eingefangen hat. Das Volk über jedes Gesetz im Netz abstimmen zu lassen, habe einen anti-demokratischen Effekt, weil sich die Minderheiten überdurchschnittlich beteiligen, so der Politikwissenschaftler Jürger Falter von der Universität Mainz. Der Chaos Computer Club lehnt Internet-Wahlen rundweg ab, weil das Tür und Tor für unwägbare Manipulationen öffne. Der US-Internet-Experte Jaron Lanier warnt vor "digitalem Maoismus", einem Kollektiv von Amateuren, das mit Halbwissen die öffentliche Meinung beeinflusst. Der US-Wissenschaftler Cass Sunstein setzt noch einen drauf: Das Netz fördert nicht die viel beschworene "Weisheit der Vielen", sondern "Herdentrieb, Verdummung, Massenhysterie".
... und hier jetzt die Fortsetzung der Foto-Story

Deutsch-amerikanische Wiedervereinigung: Der P.M.-Reporter, Don, Chris, Gerhard und Kevin treffen sich nach 33 Jahren wieder. Sie waren wie Barack Obama Community Organizer in Chicago und machen für ihn Wahlkampf

Mega-Stress: Stephanie Baker leitet die Obama-Kampagne im 37. District von Seattle. Sie studiert Menschenrechte in New York und ist seit Juli täglich 16 Stunden auf den Beinen

Mama für Obama: Eine Freiwillige im Wahlkampf-Büro beim elektronischen Erfassen der Ergebnisse von Telefon-Banken und Hausbesuchen

Telefon-Bank: Hier machen zu Spitzenzeiten bis zu 15 Leute Anrufe

Get Out The Vote! Lynn und der P.M.-Reporter beim Telefonieren

Jüngster Obama-Fan: Gleich setzt sich sweet little Wanjiku ans Telefon und charmiert die Wähler

Obama-Total: Werbeplakate vor einem Haus

Immer gut gelaunt: Heather unterstützt als Vize-Chefin Stephanie und bleibt selbst bei größter Hektik cool

Star-Gast: Auch Obamas Schwager, Basket-Ball Coach Craig Robinson (Mitte), muss erst mal Telefondienst machen, bevor er erzählt, wie sich seine Schwester Michelle und Barack wirklich kennengelernt haben und welche Rolle er selber spielte

Ehrenvoll: Die Gouverneurin des Bundesstaats Washington Chris Gregoire dankt dem Deutschen für seinen Einsatz

Fundraising Dinner: Die Gäste machen zwischendurch Anrufe, um die Wähler zu mobilisieren

Downtown Seattle: Auch die Geschäftswelt der Pazifik-Metropole setzt auf "HOPE" und "CHANGE"

Freiwilligen-Briefing: Mike macht klar, worauf es beim Tür-zu-Tür-Canvassing ankommt

Klinkenputzen: Der P.M.-Reporter erklärt Anwohnern, was alles auf dem Wahlschein steht

Generation O: “Wir können dieses Land zusammen verändern: Ziegel für Ziegel, Straßenblock für Straßenblock, Nachbarschaft für Nachbarschaft. Gewöhnliche Menschen können Außergewöhnliches schaffen."

Ausschöpfen sämtlicher Kommunikationskanäle: Wer nicht daheim ist, bekommt diese Erinnerung an den Türknopf gehängt

Emotionale Ansprache am D-Day: Es geht um DEINE Zukunft!

Wahl-Party: President-elect Barack Obama verkündet seinen Wahlsieg. Kein Auge bleibt trocken

Sieg mit langer Vorgeschichte: Jim Capraro (Mitte), heute Berater Obamas in städtepolitischen Fragen, im Jahr 1974 mit den deutschen Sühnezeichen-Freiwilligen und Community-Organizing-Azubis

Windy City am Michigansee: Chicago ist das Mekka des Community Organizing und Keimzelle des CHANGE

Erste Gehversuche im Graswurzel-Modus: Interview mit den deutschen Ersatzdienstleistenden 1972

Hier weht der Mantel der Geschichte: Die 37th-District Freiwilligen JC, der P.M.-Reporter, Linda und Denise mit dem 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika, Barack-Superstar

Politisches Weltbeben: Aufmacher der Lokalzeitung am Morgen nach der Wahl

Jetzt ist das 21. Jahrhundert eingeläutet: Seattle und US-Amerika können wieder leuchten

Obamania: Spannung und Jubel auch im Ausland – Wahl-Party in Münchens angesagtestem Club

... yes we can, sí se puede – jawohl, wir können es schaffen! Der Wahlsieg bleibt für Obama, seine Wähler und Sympathisanten in aller Welt über die nächsten vier Jahre eine fortwährende Herausforderung
Fotos: W. Goede, F.-P. Mau, pixelio M. Voelkl (Chicago), mybo (neighborhood team)
Vertiefende Links
Saul-Alinsky-Organizing – Jetzt auch in Deutschland / ASF – Das Zeichen 1998
Community Organizing – ein Weg für Deutschland? / Foco – Jahrestagung Stadtteilarbeit 2004
Civil Journalism & Scientific Citizenship / Comm-Org-Papers, University of Wisconsin 2003
„Demokratie ist, wenn jeder mitmacht. Auf der ganzen Welt!" / Aktive Bürgerschaft – Beitrag in P.M. zum 25. Jubiläum 2003
Aus der Ohnmacht zum Empowerment / Netzwerk Gemeinsinn 2006
Wissenschaftliche Literatur
Die beiden Sozialwissenschaftler Professor Dr. Leo Penta und Dr. Peter Szynka haben sich mit der Theorie und Praxis des Community Organizing in den USA und in Deutschland auseinandergesetzt. Dazu sind unlängst ihre neuesten Bücher erschienen:
Leo Penta (Hg.): Community Organizing. Menschen verändern ihre Stadt. Edition Körber Stiftung 2007

Peter Szynka: Theoretische und Empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinksy (1909 – 1972). Akademie für Arbeit und Politik/Bremer Beiträge zur Politischen Bildung 3/2006

Siehe zu diesen Publikationen auch Super Tuesday: Schub für deutsche Sozialforscher
Follow-up-Drehscheibe
* Bei Obamas Amtseinführung am 20.01.09 wurde heißgeschaltet das neue bürgeraktive Internet-Forum des Weißen Hauses
* Am 23.01.09 verkündete Obama die Gründung einer neuen Organisation, ORGANIZING FOR AMERICA (danke, Gerhard!). Sie vereint eine halbe Million Menschen, die seine Kampagne aktiv unterstützten. In einer Video-Adresse begrüßt Obama sie als die Bürger, die "an der Seite des Präsidenten die Agenda unterstützen, für die Sie so hart gekämpft haben".
* Zu Saul Alinsky's 100. Geburtstag am 30.01.09 lief auf National Public Radio NPR (danke, Michael!) ein Interview mit Sanford Horwitt, dem Alinsky Biografen, zum Thema: Saul Alinsky The man who inspired Obama
* Zu "Alinsky's Centennial" siehe auch Chicago Tribune: Alinsky's organizing legacy lives on und die Huffington Post: Saul Alinsky's Centennial and His Advice to Obama: Keep Your Eyes on the Prize
* Warum Obama nur mit starken Verbündeten, u.a. in der CO-Szene, sowie mit den CO-Werkzeugen den Kurs der USA verändern kann. Eine Studie auf der Comm-Org-Plattform der Wisconsin Universität (danke, Michael!): Organizing in the Obama Years: A Progressive Moment or a New Progressive Era?
* Die verkrusteten deutschen Parteien schnuppern Morgenluft. Inspiriert vom Obama-Erfolg, möchten sie sich an seinen Kampagnenstil anhängen. Im Februar 2009 referierte vor der Berliner Stiftung "Neue Verantwortung" JULIUS VAN DE LAAR, Youth Vote Manager der Obama 08 Presidential Campaign, über "Campaigning 2.0: Neue Führungs- und Beteiligungsstrategien für eine moderne Parteiendemokratie" -- Fazit: Mit dem schnellen Click, per Knopfdruck und einer Super-Internet-Werbung läuft gar nichts (danke, Ruppe!). Die Basis ist nicht online, sondern offline, aktive Beziehungs- und Vernetzungsarbeit, kurz: "Relational Power" im CO-Jargon.
* "Ich bin es, dein Anführer", so lautet ein Beitrag in der Süddeutchen Zeitung am 18.02.09 von Tobias Moorstedt, der während des US-Wahlkampfes bereits mit dem Buch „Jeffersons Erben. Wie die digitalen Medien die Politik verändern“ sich als Experte für Demokratie 2.0 einen Namen machte. Darin legt er dar, dass "Organizing for America" (2. Eintrag auf dieser Drehscheibe) 3500 Hauspartys veranstaltet habe, in denen Obamas Konjunktur-Stimulus-Programm diskutiert wurde. Teilnehmer wurden ermutigt, die Abgeordneten der Republikaner anzurufen und anzumailen, um deren Unterstützung einzufordern. Der Präsident setzt auf die neuen elektronischen Medien, wie er selber mit seinem Blackberry-Handy demonstriert, und deutete auf seiner ersten Pressekonferenz an, dass er auf die großen TV-Networks verzichten kann, "er spinnt seine eigenen Netzwerke aus DSL-Leitungen und W-Lan-Wellen". Die vernetzten Bürger, schreibt Moorstedt, werden neben der vierten Gewalt (Presse) zur fünften Gewalt. Aus diesen Reihen kommt der Wunsch, Obama möge eine Wiki-Legislative etablieren, in der Gesetzesvorschläge gemeinsam erarbeitet werden.
* "Grüne eifern Obama nach", lautet ein Beitrag in der Süddeutschen Zeitung am 27.02.09. Danach will die Partei will gezielt im Internet um Wähler werben.
* "Die Obama-Strategie für Deutschland?": Diese Frage stellt der Vernetzungsberater Wolfgang Fänderl in einem Beitrag von "Netzwerk Gemeinsinn". Sie könnte "wervolle Anregungen bieten, soweit wir sie auf unsere kulturellen Verhältnisse und aktuellen Herausforderungen übertragen können", lautet eine seiner Antworten.
* Mit "Mit dem Internet per du" stellt die "Süddeutsche Zeitung" am 02.03.09 die neuen Onlineportale der großen Parteien im Jahr der Bundestagswahlen vor: Der CDU-Internetauftritt zeige, "wem Merkels Partei nacheifern will: Barack Obama".
* Obama verfolgen die Gespenster seines Vorgängers. "Rotes Kreuz wirft Bush-Regierung Folter vor", schreibt die "Süddeutsche Zeitung" am 17. März. Was passiert jetzt mit Guantanamo und den Gefangenen, kommt es zu einer nationalen oder internationalen Anklage gegen Bush? -- hier ist der Neue Chef im Weißen Haus gefordert.
* Im Streit um Managerzulagen greift Obama auf sein Wahllkampf-Netzwerk zurück. Das berichtet die "Süddeutsche Zeitung" am 18. März im Leitartikel "Obama in Gefahr": "Seit dem Wochenende hat Obamas einstige Wahlkampforganisation, die sich nun Organizing for America nennt, 13 Millionen E-Mails verschickt. Darin werden alle Freunde gebeten, ihren Wahlkreis-Abgeordneten im Kongress anzurufen und ihn daran zu erinnern, wie wichtig es für Amerika sei, dass der neue Präsident seine Ziele verwirklichen könne."
* Obama hat ein neues Jahrhundert der Forschung ausgerufen, um die Zukunftsherausforderungen zu bewältigen, konstatiert die "Neue Züricher Zeitung" am 18. März mit ihrem Beitrag "Neuer Optimismus unter Amerikas Forschern" .
* Jeder Präsident würde gern das Steuer herumreißen – dieser tut es wirklich, nach 60 Tagen im Amt, indem er gigantisch viel Geld für Reformen in die Hand nimmt, schreibt die Zeit am 19. März in "Revolutionär der Mitte".
* "Im Dauereinsatz für den mächtigsten Mann der Welt." Unter diesem Titel berichtete der Münchner Merkur am 23.03. online über eine Veranstaltung an der Neubiberger Bundeswehruniversität. Auf Einladung von Privat Dozent Dr. Franz Kohout berichtete dort der Autor über die Obama-Wahlkampfmaschine. Und hier berichtet Kohout auf der Homepage der Universität der Bundeswehr München über die Veranstaltung "Community Organizing and the Obama Campaign".
* Dieser Präsident funkt auf allen Kanälen, schreibt die "Süddeutsche" am 26.03 in "Der ganz präsente Präsident". Er tippt ständig in sein Blackberry, belagert die Laptops seiner Landsleute mit Emails, ist auf Youtube omnipräsent, war als erster Präsident Gast bei Jay Lenos Late Night Show und gibt nacheinander zwei direkt übertragene Live-Pressekonferenzen. Und: Obama lädt zur Online-Fragestunde. US-Präsident antwortet im Web live auf Bürgerfragen
* Beim 2. Münchner Methoden-Fachforum "Ja, wir tun's! Bürgerbeteiligung der Zukunft" wurde das Obama-Prinzip dargestellt. Der Titel: Yes, we can! -> Yes, we did! - und dann?. Die Kamagne wurde aus dem Community Organizing hergeleitet und nach Obamas ersten hundert Tagen im Amt die Frage gestellt: Wie demokratisch ist der neue US-Präsident?
* Der US-Journalist Jim Geraghty geht in "National Review Online" vom 14. Mai den Wurzeln Obamas in Saul Alinsky nach, Titel des Beitrags (besonders lesenswert sind auch die Links darin): The Alinsky Administration
* Sozio-historischer Hintergrund zu den Wurzeln des Obama-Ismus
Obamas Graue Eminenz: Saul Alinsky
P.M. History 10-2009
»Yes, we can!« Der Aktivist lehrte die Armen, sich selbst aus dem Sumpf ihres Elends zu ziehen. Seine Mittel: Vernetzung und Konfrontation.
* Bilanz nach einem Jahr Obama: Der Hoffnungstraeger wankt
Wenn der letzte Funke Hoffnung schwindet
Aufstellung "Politik im Raum" und Netzwerk Gemeinsinn
27. November 2009
open-science - 7. Nov, 20:15


Gratulation, Obama Wolfgang!