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Wüstenstrom – mehr als ein Hype?

Die Enttäuschung war groß. Die TELI Süd hatte in den Presseclub am Marienplatz zu einem ebenso spannenden wie umstrittenen Thema eingeladen: „DESERTEC – Wüstensonne für das Stromnetz der Zukunft.“ Das Projekt sieht vor, die Sonne der Sahara mit solarthermischen Kraftwerken in Strom umzuwandeln und über 3000 Kilometer lange Gleichspannungsleitungen nach Europa zu leiten. Es waren um die hundert Besucher gekommen, der Raum war brechend voll, weil die Veranstaltung als Programmteil des Münchner Klimaherbstes in den Medien großzügig beworben worden war.

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Nur der Stargast des Abends glänzte durch Abwesenheit: Manfred Straub von Desertec. Er hatte sich entschuldigen lassen. Seinen Part und seine Präsentation musste Dr. Thomas Benz vom Technologiekonzern ABB übernehmen. Der erklärte ausführlich und auch für Laien verständlich das Übertragungsnetz in Gestalt hocheffektiver Gleichspannungsleitungen. Sie sparen bis zu zehn Prozent Strom ein. In Brasilien am Itaipu-Staudamm sind sie seit 1980 im Einsatz. In China ist derzeit eine 2000 Kilometer lange Leitung im Bau vom Dreischluchtenstaudamm bis nach Shanghai. Sie wird 30 Millionen Menschen mit Elektrizität versorgen.

Der Referent musste jedoch weitgehend passen bei der Frage, wie das Sahara-Projekt wirtschaftlich und politisch umgesetzt werden solle. „Desertec ist hauptsächlich ein politisches Thema, weil der Strom nicht aus der stabilsten Gegend der Welt kommt und wir sicherstellen müssen, dass uns niemand den Strom abdreht“, war Benz' knappe Antwort dazu.

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Das griff der Versammlungsleiter Arno Kral auf, Vorstandsmitglied der TELI Süd, mit der Frage, ob die Anlagen denn durch schnelle Eingreiftruppen gesichert werden müssten. Er schob nach, ob es denn nicht einfacher und billiger sei, den Strom von Europas Dächern photovoltaisch abzugreifen. Auch hierauf nur die vage Antwort des nicht zuständigen Referenten, dass der Sonneneinfall dafür nicht reiche. Das Publikum wollte weiterhin wissen, was hinter dem Claim von Desertec wirklich stecke: Ein Sahara-Gebiet so groß wie Bayern könnte solartechnisch die ganze Welt mit Strom versorgen. Das, so Benz, sei wohl eine idealtypische Berechnung, wenn man die Anlagen und deren Ausmaße hinzurechne, komme man bestimmt auf eine viel größere Fläche.

Das Publikum murrte, ein Teilnehmer bemerkte scharf: „Die Abwesenheit von Desertec ist eine Missachtung der Münchner Presse.“ Nina Eichinger, ebenfalls Vorstandsmitglied der TELI Süd, erklärte, wie sie in tagelanger Arbeit den Termin gerettet hatte und empfahl: „Schreiben Sie Herrn Straub Emails und bringen Sie damit ihren Protest zum Ausdruck.“ Das Publikum stimmte mit den Füßen ab. Nach Benz' Präsentation leerte sich der Saal schnell und für die Aussprache blieben nur wenige da.

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Schade! Am Ende dieses Beitrag füge ich kursiv das Kondensat eines Telefonats bei, das ich mit Manfred Straub im Sommer führte im Zuge einer P.M. Recherche. Zuvor und hier an dieser Stelle erst einmal die Desertec-Kritik von Dr. Hermann Scheer, Mitglied des Deutschen Bundestages und Präsident von Eurosolar, veröffentlicht im britischen New Scientist vom 26. Oktober 2009 unter dem Titel: “Solar superpower: Should Europe run on Sahara sun?“

Danach betracht Scheer, der 100 000 Dächer in Deutschland mit Solarpaneelen ausgestattet hat, das Vorhaben als “unnötige und teure Ablenkung, die Investitionen aus deutschen Solarprojekten ableitete”. Europa könnte seine Solarenergie in großen Mengen mit Solardächern gewinnen. Er ist darüber verwundert, dass nicht einmal Greenpeace das begriffen hat. Bis Desertec Strom aus Afrika liefern könnte, würde die einheimische Solarstrom-Produktion zu erheblich günstigeren Preisen zur Verfügung stehen.

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Das ist eine völlig andere Sichtweise. Wer hat Recht? Mein Vorschlag: Im Rahmen der TELI-Wissenschafts-Debatte sollte im Jahr 2010 eine Folgeveranstaltung über den Wüstenstrom stattfinden. Darin sollen Straub und Scheer Gelegenheit erhalten, ihre Positionen im Münchner Presseclub zu verteidigen und dann mit Journalisten und Bürgern über die Durchführbarkeit und Notwendigkeit diskutieren, nach dem Motto:

Desertec – mehr als ein Hype?

Die Wüstenstrom-Initiative Desertec, gegründet von Großkonzernen wie Siemens, Münchner Rück, RWE, ABB und Deutsche Bank, will Nordafrika, den Mittleren Osten und Europa durch ein riesiges Gleichstrom-Hochspannungsnetz miteinander verbinden. Dieses hat gegenüber Wechselstrom den Vorteil, dass auf einer Strecke von 3000 Kilometern Länge nur zehn Prozent Stromverlust anfallen, außerdem ließen sich die Kabel kostensparend unterirdisch verlegen. In diesem Stromnetz soll der in südlichen Wüstenregionen erzeugte Strom nach Norden fließen und bis zum Jahr 2050 gut 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken.

Die Desertec-Planer wollen die Elektrizität aus solarthermischen Kraftwerken gewinnen. Spiegel lenken die Sonne auf die Spitze eines Turmes. Sie verwandelt Wasser in Dampf und treibt damit eine Turbine an. Das ist ungeheuer ergiebig, rechnen sie vor: Ein Saharagebiet so groß wie Bayern könnte den Strombedarf der ganzen Welt decken.

Die Technik für das Desertec-Supernetz ist vorhanden, die dafür erforderlichen Solarkraftwerke und Stromleitungen sind seit Jahren im Einsatz, auch die schwindelerregend hohen Kosten von 400 Milliarden Euro sind tragbar, wenn man sie auf 30 Länder und über viele Jahre verteilt, argumentiert Dersertec. Das größte Problem sei, so viele unterschiedliche Länder, die politisch einander nicht grün seien, unter einen Hut zu kriegen, was anderseits aber wieder den Befriedungsprozess vorantreiben könnte.

“Unser Sonnen-Reaktor ist immer in Betrieb und kann jederzeit ans Netz gehen”, freut sich Michael Straub, Desertec-Sprecher und Mitglied im Club of Rome. Das Konzept besteht aus vielen einzelnen Modulen, “deshalb könnte es bereits 2010 starten und bis 2015 die erste Wüstenstrom-Gleichstromtrasse zwischen Tunesien und Süditalien in Betrieb nehmen”, hofft Straub. Das Supernetz lasse sich beliebig erweitern, etwa um die Windkraft der afrikanischen Atlantikküste sowie die der Nordsee, bis hoch nach Island.

Für die Wüsten Australiens, Asiens, der USA und Südamerikas sehen die “Wüstenverstromer” ähnliche Potenziale. In weiteren Ausbaustufen könnte Solarthermik dreimal so viel Strom liefern wie derzeit alle Atommeiler der Welt. Bis zur Jahrhunderthälfte ließen sich jährlich 4,7 Milliarden Tonnen CO2 einsparen, sechsmal mehr als Deutschland 2008 ausgestoßen hat.


Desertec-slide

Fotos: Arno Kral, ABB, Dominic Schindler Creations

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