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Wenn das der Chef wüsste …

Unglaublich, schon wieder Freitag nachmittag. Der Stapel der ungelesenen Bücher und Journale auf meinem Schreibtisch ist in den letzten fünf Tagen noch höher angewachsen. Mit der lawinenartigen Wissensproduktion halten wir Journalisten nur mühsam mit. Keuch! – halten wir doch mal kurz inne und fragen nach den tieferen, über das gedruckte Wort hinausgehenden Einsichten in dieser Woche. Hm, also ein Mal der Verlagskantine entronnen zu sein und sich über Mittag mit einem Kollegen im Deutschen Museum getroffen zu haben, um uns gemeinsam die neue Ausstellung „Zentrum Neue Technologien“ ZNT anzuschauen, das war wirklich hochinteressant!

Im November flog der Bundespräsident extra aus Berlin ein, um in München diesen modernen Hightechaltar einzuweihen und den Deutschen zu signalieren: Macht euch keine Sorgen, wir sind wissenschaftlich top und können mit dem Rest der Welt spielend mithalten, auch wie wir die neuen Erkenntnisse dem Rest der Bevölkerung begreiflich machen. Unserer Hospitant, Johannes Faber, hatte dem feierlichen Akt beigewohnt und einen spannenden Bericht geschrieben, Titel: Die Dampfmaschine fährt jetzt mit Nanomotor.

-Blick-in-die-Ausstellung_Ufo_1

Das macht neugierig: In der Mitte des Saales soll als Ufo-artiges Gebilde ein DNA-Schülerlabor schweben, Vitrinen erklären auf Knopfdruck, wie modernste Nano- und Biotechnologie funktionieren und miteinander verschränkt sind, zum Beispiel in Gestalt einer gentechnisch veränderten Ziege, die auf die Besucher zutritt. Das Ganze ist insofern sehr menschenfreundlich, als auch Bedenkenträger hier ihre Sorgen loswerden, dass die Forscher sich zu neuen Schöpfern des Lebens aufschwingen könnten. Hier findet der Gast Computer, die seinen Einwänden zuhören, wenn sie durch den Besuch nicht ausgeräumt werden sollten (und deren Rückmeldungen hoffentlich von Forschern und Entscheidungsträgern gesammelt und berücksichtigt werden).

So genannte „Talking Heads“, sprechende Köpfe simulieren Gesichter von Menschen, die von ihren medizinischen Problemen erzählen und warum sie sich eine Gentherapie wünschen. Der Besucher soll ihnen bei der Entscheidung behilflich sein und einen Ratschlag geben. Und schließlich: Am Gläsernen Labor können die Gäste mit Forschern direkt in Kontakt treten, auf Augenhöhe.

-Talking-Heads

Diese moderne Kommunikationsarchitektur trägt die Handschrift von Museumsdirektor Professor Wolfgang Heckl, selber ein leidenschaftlicher Nanoforscher, der aber selbstkritisch sagt: Neue Technologien lassen sich nicht gegen den Willen der Menschen durchsetzen, sondern „wir müssen sie auf unsere Forschungsreise mitnehmen“, sonst endet das Ganze in einem Fiasko, wie die Atomenergie.

So weit die Absichten -- erwartungsvoll betrete ich die Ausstellung. Auf der großen Leinwand vor dem Ufo läuft gerade der Film “Das Nanoschnitzel”, ein Film des Bayerischen Rundfunks, das Informativste, Originellste und Spannendste, was die TV-Branche zum Nano-Thema je hervorgebracht hat, aber nicht mehr das Frischeste, nebenbei gesagt: aus dem Jahr 2003.

Der große lichtdurchflutete Raum mit den riesigen Fenstern wirkt atmosphärisch sehr angenehm. Anders als der Rest des Museums ist er nicht vollgepackt mit Exponaten, sondern atmet. Doch ihm fehlt die Seele, finde ich nach den ersten Schritten. Man fühlt sich ein wenig verloren, viele der Experimente sind kühl und unpersönlich, leider funktionieren einige nicht, so wie die angepriesenen Talking Heads. Viele der Dialoge mit den Vitrinen sind zu kompliziert, als dass man ihn bis zum Erkenntnisgewinn durchhielte. Und auch das, was hinter dem Glas ausgestellt wird, bleibt vielfach abstrakt. Am Gläsernen Labor fehlen die Schautafeln und Erläuterungen, der Monitor ist abgeschaltet, die beiden Forscher sind in ein Fachgespräch vertieft, sodass man als Besucher kaum auf die Idee käme, sie anzusprechen.

-Blick-vom-Veranstaltungsforum-in-das-ZNT

Nur ein Experiment scheint die Aufmerksamkeit der vielen jugendlichen Besucher zu fesseln. Eine Plattform mit zwei Toren, deren Ebene sich verstellen lässt. Ein Wassertropfen simuliert einen Fussball, den man mit geschickten Bewegungen in die Tore bugsieren muss. Meine Bewegungen sind offensichtlich zu schwerfällig und unkoordiniert, mit Bewunderung schaue ich einer feinmotorisch begabteren Schülerin zu, die den Tropfen meisterhaft beherrscht und durch die Tore schleust. Mit diesem Versuchsaufbau soll der Lotuseffekt erklärt werden. In immer mehr Materialien, sogar Fensterscheiben wird er eingebaut. Die Oberflächen sind noppenförmig gestaltet, sodass Wassertropfen darauf abrollen und beim Wegrollen den Schmutz mitnehmen kann – doch nirgendwo wird diese selbstreinigende Wirkung richtig erklärt. Diese Chance, junge Leute für das Abenteuer Forschung zu gewinnen, bleibt ungenutzt, leider!

Betroffen frage ich mich: Weiß denn um all diese Defizite der Meister selber, der jahrelang so stolz für das ZNT geworben hatte und der leider viel zu wenig Zeit findet, sich um all seine Projekte so zu kümmern, wie sie es verdienten? Forschungsprojekte an der LMU München, sein neuer Lehrstuhl für Wissenschaftskommunikation an der TU München, sein wöchentlicher Sonntagsstammtisch im Bayerischen Rundfunk – und vor allem: Geld, viel Geld, mehrstellige Millionenbeiträge zu sammeln für die Sanierung des über hundert Jahre alten Museums auf der malerischen Münchner Museumsinsel, das an vielen Teilen vom Verfall bedroht ist.

-Nanoorakel3

Das Highlight des Besuchs ist ein Flyer, den ich an einem Stand auflese und der mich sofort packt: Schüler schreiben Sciencefiction Geschichten über ihre Erkenntnisse aus den Bio- und Nanotechnologien. Das finde ich klasse, so soll neues Wissen in den jungen Köpfen verarbeitet und verwurzelt werden! Ich hoffe nur, dass sie hier im ZNT wirklich die Grundlagen finden – aber vielleicht wird ja noch ein wenig nachgebessert, hoffen mein Kollege und ich beim Linseneintopf in der Museumskantine mit dem wunderbaren Blick über die winterliche Isar.

Beim Gang durch die wunderschönen Flugzeug- und Schiffshallen im Deutschen Museum, wo die Technik vergangener Zeiten mit Händen zu greifen ist, wurden wir sehr nachdenklich: Ist die heutige Wissenschaft mit ihren Nano-, bald subatomaren Einheiten überhaupt noch in Museen vermittelbar – brauchen wir für deren Darstellung nicht eine völlig neue Denke?

Wieder zurück im Büro schreibe ich der Science-Fiction-Veranstalterin, Petra Scheller, eine schnelle Email, und kurz darauf ruft sie an, erzählt und sprudelt, farbig und mit vielen Beispielen. Dieses Projekt scheint bei ihr in guten Händen. Sie kennt den Schülerfrust, hat über die Verständlichkeit von Schulbüchern eine Dissertation geschrieben (Achtung Schüler, Lehrer und Kultusbeamte: Die aus dem Schrödel Verlag sind kleinteiliger, besitzen attraktivere optische Elemente und machen mehr Lust als die aus dem renommierten Klett Verlag!).

-petraznt2-032

„Wissenschaft ist spannend – wenn ihre Geschichten richtig erzählt werden“, sagt Petra Scheller und verweist auf den Schreibwerkstattteil der Homepage des Deutschen Museums, wo man viel Information zu diesem Projekt findet. In den Oster-, Pfingst- und Sommerferien treffen sich hier Schülergruppen zu Schreibseminaren, die von Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftsautoren angeleitet werden. In Gruppen von zehn Teilnehmern entwickeln sie kurze Texte von zwei Seiten Länge, die sich etwa mit Themen befassen wie: Ein Gen sagt mehr als tausend Worte.

„Science Fiction Romane ersetzen Formeln durch Fiktion, rücken Utopien ins Zentrum und verpacken Hoffnungen wie auch Befürchtungen in fantastische Zukunftsgeschichten“, heißt es in der Anleitung. „Wo ist die Grenze zwischen Mensch und Technik? Darf man Menschen klonen? Wollen wir den Gedächtnischip?“ Solche provozierenden Fragen sollen den Musenfluss der Schüler in Gang bringen.

-Nanoorakel12

Ich hoffe, dass bis zu den Osterferien alle Experimente funktionieren, damit die jungen Leute aus dem Thema so viel Nektar wie möglich saugen mögen für ihre Expeditionen ins Reich der Nano-Teilchen und anschließend der Literatur. Im Herbst wird es eine öffentliche Lesung der Werke geben, worauf ich mich heute schon freue. Bestimmt werden sie viel spannender als die vielen staubtrockenen Bücher auf meinem Schreibtisch, die sich bis dahin wahrscheinlich verdoppelt und verdreifacht haben werden, ohne dass ich sie angerührt hätte.

Fotos: Deutsches Museum / Scheller
open-science - 8. Mrz, 12:50

Plätze frei im Schreib-Workshop Deutsches Museum!

Sehr geehrte Damen und Herren,

in den Osterferien vom 30. März bis 1. April (täglich 10.30-16.00 Uhr)
findet im Deutschen Museum die erste „Schreibwerkstatt
Zukunftstechnologien“ statt. Jugendliche (ab 14 Jahren) können hieran
teilnehmen und ihre Geschichten von der Zukunft erzählen: Wie könnte die
Welt in 100 Jahren aussehen? Werden dann winzige Nanoroboter im Körper
defekte Zellen reparieren? Könnten diese kleinsten Partikel gefährliche
Schwärme bilden? Wie nutzt man den Gedächtnischip, der uns direkt mit
unserem Computer vernetzt?

Es sind noch einige Plätze im Osterferienworkshop frei.
Die Teilnahmegebühr beträgt 10,- Euro (Beteiligungspauschale für die
Verpflegung während der drei Workshoptage). Die Anmeldung ist möglich
per E-Mail: p.scheller@deutsches-museum.de oder telefonisch: 089/2179-435.
Teilnehmen können Jugendliche ab 14 Jahren.

Mit freundlichen Grüßen
Petra Scheller

www.deutsches-museum.de/schreibwerkstatt

--
Petra Scheller
Zentrum Neue Technologien

Deutsches Museum
Museumsinsel 1
80538 München
Tel. +49/(0)89/2179-435
Fax +49/(0)89/2179-513
p.scheller@deutsches-museum.de
www.deutsches-museum.de

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