Wenn Wissenschaftler bolzen
Die Luft in der Hauptstadt ist auf einmal sehr wissenschaftshaltig. Die Forscher könnten jubeln, endlich einmal sprechen die Berliner über sie, aber viele wollen sich vielleicht auch verstecken, denn das Ihrige ist dieses Wissenschaftsgespräch nicht: Statt nüchterner Zahlen, Fachbegriffen, Stopf- und Schachtelsätzen sowie Kontrolle und Fasson am Vortragspult geht es um das Gegenteil: emotionaler Vortrag ist angesagt, der ein Thema aus den Wissenschaften einem buntem Publikum unter die Haut reibt, Theatereinlagen und Musik sind erlaubt, schrille Töne und Übertreibung, wenn's der Wahrheit und Überzeugung dient auch Verkleidungen, kurzum: Alles ist recht, um die Zuhörer von den Stühlen zu reißen, denn die befinden anschließend über den Erfolg des Vortragenden. Science Slam heißt das Ganze, Wissenschafts-Bolzerei, wenn man so will, und die ist jetzt auch in Berlin angekommen.

Der Vorläufer davon ist der Poetry Slam, eine Poeten-Schlacht, bei der Volksdichter in wenigen Minuten einen literarisch-dichterischen Erguss unter die Zuhörerschaft bringen, mit Schmäh und Effet, vielleicht auch völlig leblos und unbewegt – es gewinnt, was gefällt, nur langweilig und bieder darf die Vorstellung nicht ausfallen. Wie vor drei Wochen in der Münchner Schauburg, Theater der Jugend, als eine Teilnehmerin ausgelost wurde, die im Stegreif über ihre Malaisen berichtete, die der Geburtstag am Weltaidstag ihr einbringt, zum Brüllen. Das vorwiegend junge Publikum tobte und erhob sie zur Siegerin.

So spielerisch und witzig muss man mit der Wissenschaft umgehen, um beim Berliner Science Slam zu punkten. Das beginnt schon mit dem Titel: „Warum Bohnen gut für dich sind und warum zur Hölle muss ich immer furzen, wenn ich die esse?“, hieß es zum Beispiel. Das polarisiert, das erste würde ich als leidenschaftlicher Bohnenesser unterschreiben, das zweite nicht, fällt eher unter die Rubrik “Klischee”. Der Vortragende von der TU Berlin hatte dann auch bald seine Munition verschossen und fiel auf das Niveau eines normalen Referats zurück, aber immerhin gekonnt und immer noch so unterhaltsam, dass er nicht ausgebuht wurde.

Wahrscheinlich muss man eine so bunte Biografie haben, um dort zu siegen: Uri Hart, eine bereits ältere Dame, war Brieftägerin, studiert Judaistik, unterrichtet Hebräisch und trägt, während der Rest Berlins schläft oder den letzten Absacker zu sich nimmt, Zeitungen aus. Ihr Titel, na ja, für eine Headline bei P.M. wäre sie ein wenig zu lang: “Von einer Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe, einem keuschen dreiviertel-nackt tanzenden Mann, einem Moses Mendelsohn ohne Verstand und wie der Koran die Wahrheit fand: Die Akzente der Bibel und ihre Auslegung am Beispiel von Gen 39,8.“

Hm, sieht auch nach einer inhaltlichen Herumschachtelei und Stopferei aus, aber wie sie daraus ein Gesamtkunstwerk inszeniert, beeindruckend. Sie singt und tanzt ein Lied, in dem eine Frau den biblischen Josef zu sich ins Bett ziehen will, und dann folgt eine originelle Untersuchung der erwähnten Bibeltextstelle, für die die Frau alle Register der Sprache und Bildung zieht. Am Ende hat man sich köstlich amüsiert und dabei etwas gelernt. Das Beherrschen dieser Kombination ist nicht leicht heutzutage, weshalb gute Slammer auch sonst im Leben nicht untergehen werden – auf jeden Fall ist der Science Slam eine gute Vorbereitung der Studiosi für ein Leben, in dem immer weniger das abstrakte Wissen zählt, sondern wie man es gehaltvoll unter die Leute bringt und sie damit zum Staunen bringt.

Einer der Wegbereiter dieser ungewöhnlichen wissenschaftlichen Vortragsform ist das Haus der Wissenschaft in Braunschweig. Eventuell wird es im Auftrag der Bundesregierung und des Wissenschaftsjahres der Energie 2010 erstmals einen bundesweiten Wettbewerb geben. Heute abend, am Freitag, dem 26. Februar durchlaufen potenzielle Teilnehmer in der Löwenstadt Braunschweig bereits ein Warmup dafür mit spannenden Themen wie “Uni auf Droge” oder “Warum Türken andere Werbung brauchen”. Beim letzten Slam versammelten sich 300 Zuschauer! Könnte besser als Kino und hinterher Disco werden. Dem Sieger winkt als Preis das “Goldene Gehirn”. Siehe auch die Videos dazu auf der Homepage!
Fotos: Haus der Wissenschaft Braunschweig

Der Vorläufer davon ist der Poetry Slam, eine Poeten-Schlacht, bei der Volksdichter in wenigen Minuten einen literarisch-dichterischen Erguss unter die Zuhörerschaft bringen, mit Schmäh und Effet, vielleicht auch völlig leblos und unbewegt – es gewinnt, was gefällt, nur langweilig und bieder darf die Vorstellung nicht ausfallen. Wie vor drei Wochen in der Münchner Schauburg, Theater der Jugend, als eine Teilnehmerin ausgelost wurde, die im Stegreif über ihre Malaisen berichtete, die der Geburtstag am Weltaidstag ihr einbringt, zum Brüllen. Das vorwiegend junge Publikum tobte und erhob sie zur Siegerin.

So spielerisch und witzig muss man mit der Wissenschaft umgehen, um beim Berliner Science Slam zu punkten. Das beginnt schon mit dem Titel: „Warum Bohnen gut für dich sind und warum zur Hölle muss ich immer furzen, wenn ich die esse?“, hieß es zum Beispiel. Das polarisiert, das erste würde ich als leidenschaftlicher Bohnenesser unterschreiben, das zweite nicht, fällt eher unter die Rubrik “Klischee”. Der Vortragende von der TU Berlin hatte dann auch bald seine Munition verschossen und fiel auf das Niveau eines normalen Referats zurück, aber immerhin gekonnt und immer noch so unterhaltsam, dass er nicht ausgebuht wurde.

Wahrscheinlich muss man eine so bunte Biografie haben, um dort zu siegen: Uri Hart, eine bereits ältere Dame, war Brieftägerin, studiert Judaistik, unterrichtet Hebräisch und trägt, während der Rest Berlins schläft oder den letzten Absacker zu sich nimmt, Zeitungen aus. Ihr Titel, na ja, für eine Headline bei P.M. wäre sie ein wenig zu lang: “Von einer Zuckerpuppe aus der Bauchtanzgruppe, einem keuschen dreiviertel-nackt tanzenden Mann, einem Moses Mendelsohn ohne Verstand und wie der Koran die Wahrheit fand: Die Akzente der Bibel und ihre Auslegung am Beispiel von Gen 39,8.“

Hm, sieht auch nach einer inhaltlichen Herumschachtelei und Stopferei aus, aber wie sie daraus ein Gesamtkunstwerk inszeniert, beeindruckend. Sie singt und tanzt ein Lied, in dem eine Frau den biblischen Josef zu sich ins Bett ziehen will, und dann folgt eine originelle Untersuchung der erwähnten Bibeltextstelle, für die die Frau alle Register der Sprache und Bildung zieht. Am Ende hat man sich köstlich amüsiert und dabei etwas gelernt. Das Beherrschen dieser Kombination ist nicht leicht heutzutage, weshalb gute Slammer auch sonst im Leben nicht untergehen werden – auf jeden Fall ist der Science Slam eine gute Vorbereitung der Studiosi für ein Leben, in dem immer weniger das abstrakte Wissen zählt, sondern wie man es gehaltvoll unter die Leute bringt und sie damit zum Staunen bringt.

Einer der Wegbereiter dieser ungewöhnlichen wissenschaftlichen Vortragsform ist das Haus der Wissenschaft in Braunschweig. Eventuell wird es im Auftrag der Bundesregierung und des Wissenschaftsjahres der Energie 2010 erstmals einen bundesweiten Wettbewerb geben. Heute abend, am Freitag, dem 26. Februar durchlaufen potenzielle Teilnehmer in der Löwenstadt Braunschweig bereits ein Warmup dafür mit spannenden Themen wie “Uni auf Droge” oder “Warum Türken andere Werbung brauchen”. Beim letzten Slam versammelten sich 300 Zuschauer! Könnte besser als Kino und hinterher Disco werden. Dem Sieger winkt als Preis das “Goldene Gehirn”. Siehe auch die Videos dazu auf der Homepage!
Fotos: Haus der Wissenschaft Braunschweig
open-science - 26. Feb, 16:30

