Mit einem Satz die Welt einreißen
Schreiben wie mit dem Skalpell: So scharf und zugespitzt sollte der erste Satz eines Blogs sein, wenn der Schreiber gelesen werden will. Der Journalisten- und Schreibtrainer Wolf Schneider befolgt diesen Ratschlag und lässt sein neues Buch mit dem Satz beginnen: „Wir trafen Jesus in der Mittagspause kurz vor der Kreuzigung ... Wer nach diesem ersten Satz den zweiten nicht liest, ist nicht von dieser Welt.“

Um sich aus den Textfluten im Netz abzuheben, müssen besonders Blogger auf originelle Einstiege achten, empfiehlt Schneider in „Deutsch für junge Profis“. „Wer einen ersten Eindruck machen will, kriegt keine zweite Chance“, zitiert er das Credo vieler US-Schreiber. Der Einstieg muss wie ein Paukenschlag sein oder mit den Worten Wolfgang Hilbigs, den Schneider zitiert: „Mit den ersten Sätzen ist es etwas Ähnliches wie mit einer unverhofften Erektion.“ Noch plastischer war Altmeister Henri Nannen: „Mit einem Erdbeben anfangen und das steigern.“
Insgesamt hat der Schreiber 20 Sekunden Zeit, die Aufmerksamkeit seines Lesers zu gewinnen, bevor der weiterschwirrt. Diese Regel leitet sich her aus dem Fahrstuhl-Test. Wenn ein Mitarbeiter mit seinem Chef zusammen im Lift steht, hat er genau diese Frist, ihn von einer neuen Idee zu überzeugen. Dieses Zeitmaß entspricht einem Text von 350 Zeichen – DAS IST NICHT MEHR ALS DER ERSTE ABSATZ DIESES TEXTES. Das bindet Schneider zu einem allgemeinen Schreibgebot zusammen: „Alles, was nach draußen geht, Brief, Mail, Prospekt und Angebot, muss es binnen 20 Lesesekunden geschafft haben, dem Adressaten mitzuteilen, worum es sich handelt – und vor allem: warum er weiterlesen soll.“
Mit dieser Regel gebe es allerdings ein Problem, gesteht der Autor. Sie ist zwanzig Jahre alt. Heute im Zeitalter des Internets ist das Lesen viel flüchtiger geworden. Die Vorspänne von Online-Texten sind auf 150 bis 250 Zeichen geschrumpft, ein Online Magazin bricht sogar schon nach 66 ab. Möglicherweise zu früh, stilbildend aber ist Twitter, das das Doppelte, 140 Zeichen erlaubt – knapp zehn Sekunden.
Schneiders weitere Empfehlungen auf den folgenden 157 Seiten: Mit Silben geizen, lasst Verben tanzen, der Atem bringt’s, mit Kommas Musik machen. Einiges liest sich nicht ganz so spannend wie das erste Kapitel, doch Respekt: Mit 84 Jahren steht der deutsche Sprachpapst, wie er von einigen genannt wird, noch voll unter Dampf, pardon: navigiert er die jetzt auch noch einmal die Internet-Generation in die Seele ihrer Leser.

Foto: Wikimedia Commons

Um sich aus den Textfluten im Netz abzuheben, müssen besonders Blogger auf originelle Einstiege achten, empfiehlt Schneider in „Deutsch für junge Profis“. „Wer einen ersten Eindruck machen will, kriegt keine zweite Chance“, zitiert er das Credo vieler US-Schreiber. Der Einstieg muss wie ein Paukenschlag sein oder mit den Worten Wolfgang Hilbigs, den Schneider zitiert: „Mit den ersten Sätzen ist es etwas Ähnliches wie mit einer unverhofften Erektion.“ Noch plastischer war Altmeister Henri Nannen: „Mit einem Erdbeben anfangen und das steigern.“
Insgesamt hat der Schreiber 20 Sekunden Zeit, die Aufmerksamkeit seines Lesers zu gewinnen, bevor der weiterschwirrt. Diese Regel leitet sich her aus dem Fahrstuhl-Test. Wenn ein Mitarbeiter mit seinem Chef zusammen im Lift steht, hat er genau diese Frist, ihn von einer neuen Idee zu überzeugen. Dieses Zeitmaß entspricht einem Text von 350 Zeichen – DAS IST NICHT MEHR ALS DER ERSTE ABSATZ DIESES TEXTES. Das bindet Schneider zu einem allgemeinen Schreibgebot zusammen: „Alles, was nach draußen geht, Brief, Mail, Prospekt und Angebot, muss es binnen 20 Lesesekunden geschafft haben, dem Adressaten mitzuteilen, worum es sich handelt – und vor allem: warum er weiterlesen soll.“
Mit dieser Regel gebe es allerdings ein Problem, gesteht der Autor. Sie ist zwanzig Jahre alt. Heute im Zeitalter des Internets ist das Lesen viel flüchtiger geworden. Die Vorspänne von Online-Texten sind auf 150 bis 250 Zeichen geschrumpft, ein Online Magazin bricht sogar schon nach 66 ab. Möglicherweise zu früh, stilbildend aber ist Twitter, das das Doppelte, 140 Zeichen erlaubt – knapp zehn Sekunden.
Schneiders weitere Empfehlungen auf den folgenden 157 Seiten: Mit Silben geizen, lasst Verben tanzen, der Atem bringt’s, mit Kommas Musik machen. Einiges liest sich nicht ganz so spannend wie das erste Kapitel, doch Respekt: Mit 84 Jahren steht der deutsche Sprachpapst, wie er von einigen genannt wird, noch voll unter Dampf, pardon: navigiert er die jetzt auch noch einmal die Internet-Generation in die Seele ihrer Leser.

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open-science - 30. Apr, 11:01


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