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Gepfeilte Sätze mit tanzenden Verben

Wie erreichen Sie ein großes Publikum? Mit kurzen Sätzen und lebendigen Verben. Das empfiehlt der Sprachpapst Wolf Schneider allen, die mit der deutschen Sprache umgehen, insbesondere Bloggern. Die spricht er an mit seinem neuen Buch „Deutsch für junge Profis“, über das ich bereits berichtet hatte in dem Beitrag „Mit einem Satz die Welt einreißen“. Dabei ging es um die Kunst, den ersten Satz eines Artikels so zuzuspitzen, dass er Aufmerksamkeit erregt und Spannung aufbaut. Insgesamt hat der Schreiber 20 Sekunden Zeit, um seine Leser zu fesseln, sonst blättert oder klickt er weiter.

Traumtaenzer

In dem Kapitel „Lasst Verben tanzen!“ nennt Schneider die Tätigkeitswörter „Königswörter“. „Sie sind die Beweger, sie treiben den Satz voran.“ Tote Verben sind für ihn „liegen“, „sich befinden“, „darstellen“. Eine gelbe Karte zeigt er „beinhalten“, „fokussieren“, „initiieren“, „kreieren“, rot kriegen „kommunizieren“ und „vorprogrammieren“.

Er zitiert die Klassiker, um zu zeigen, wie ausdrucksstark Verben sein können: „Aus der Wanduhr tropft die Zeit“ (Kästner) und „es wallet und siedet und brauset“ (Schiller). Natürlich darf auch nicht Goethe fehlen. In seinem Wilhelm Meister heißt es ursprünglich: „Er hatte nichts bei sich“, was Goethe später in ein „Er fand nichts bei sich“ verbesserte. Was lernen wir daraus? Statt Max „ist“ im Sandkasten“ besser: „spielt“, „gräbt“, „buddelt“, „schaufelt“, „schippt“, „wühlt“.

Des weiteren plädiert Schneider in seinem Buch für schlanke Sätze mit kraftvollen Hauptsätzen und „Sätzen wie Pfeile“. Dabei beruft er sich auf die Bibel und den Schöpfungsakt, der von Hauptsätzen regiert wird: „Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer ...“. Erst nach sieben Hauptsätzen erschuf Gott den Nebensatz, bemerkt Schneider.

Jede wichtige Mitteilung besteht aus Hauptsätzen wie etwa auch der Anfang von Rousseaus Gesellschaftsvertrag: „Der Mensch ist freigeboren, und überall liegt er in Ketten.“ Auch Ghandi beherrscht die Art der Verdichtung und schüttelte mit Hauptsätzen wie diesen das britische Kolonialjoch ab: „Zuerst ignorieren sie dich. Dann lachen sie dich aus. Dann bekämpfen sie dich. Dann hast du gewonnen.“

mr_bogenschuetze

Und wie impfen wir Sätze mit jener vorwärtstreibenden Kraft, die wie Pfeile mitten in den Kopf, das Herz oder die Seele fliegen und dort ihren Inhalt entladen? Das beherrschte Schiller, den Schneider mit dem folgenden Satz zitiert: „Da treibt ihn die Angst, da fasst er sich Mut und wirft sich hinein in die brausende Flut und teilt mit gewaltigen Armen den Strom, und ein Gott hat Erbarmen.“

Das hört sich leicht an, in der Praxis sträubt sich aber häufig unser Geist dagegen. Bei der nächsten Email können Sie diese beiden Regeln gleich anwenden: aktive Verben, schlanke Sätze – viel Erfolg!

Fotos: Pixelio
Stefan - 10. Jun, 17:23

Absolut richtig.

Ich muss ihnen da absolut zustimmen. Ich bin leider auch ein Mensch der zu Satz-ungetümen neigt.
Man muss sich wohl doch, während man schreibt, einfach öfters mal vor Augen halten, dass der gegenüber vielleicht die Gedankengänge nicht versteht.

Gruß Stefan

Wolfgang - 12. Jun, 08:05

Sätze zerschlagen

Danke, Stefan, das passiert uns allen. Nach der Niederschrift eines Absatzes das Knäuel einfach zerlegen und den Mut zu _Punkten_ finden. Das ist ganz einfach. Oder noch eine Regel. So schreiben wie Rundfunksprecher reden. Und, ob sie mag oder nicht: Der durchschnittliche Satz in der Bildzeitzung besteht aus acht oder so Worten. Das ist ein gutes Satz-Maß, schafft einen ruhigen Rhythmus und Übersicht. Und: immer am Ball bleiben und üben!

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