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Wir kopieren uns zu Tode

Der österreichische Sozialforscher Stefan Weber sieht das Fundament unserer abendländischen Kultur wackeln. Wir kopieren uns zu Tode – mit diesem Satz könnte man den Inhalt seines Buches „Das Google-Copy-Paste-Syndrom“ (Heise/Telepolis) zusammenfassen. Darin geißelt er etwas, was wir alle mittlerweile ununterbrochen beim Arbeiten am Computer tun: etwas kopieren und es an anderer Stelle wieder einsetzen.

buch25

Das lernen heute bereits Kinder, ist praktisch, spart Zeit, macht Arbeiten effizienter, doch auf unsere professionelle Arbeit übertragen, etwa in der Wissenschaft oder im Journalismus, machen uns diese beiden Griffe zu Plagiateuren, schlimmer: Wir schaffen keine neuen geistigen Erzeugnisse mehr, sondern verlöten bestehendes Wissen mit den bestehenden Elementen einfach nur zu neuen Formen, recyclen sozusagen bestehende Wissensschätze, ohne neue Gedanken zu erschließen, kritisiert der Autor.

Dafür legt er folgende Beweise vor. Nach Umfragen bei US-Studenten ist diese Praxis im akademischen Betrieb so verbreitet, dass mittlerweile jede vierte Abschlussarbeit ein „zumindest partielles Plagiat“ darstellen könnte. In Österreich nicht viel anders. Google und Wikipedia besetzen Platz 1 bei den Recherchen von Studierenden, der Gang in die „reale Bibliothek“ folgt weit abgeschlagen auf Platz 5.

Auch immer mehr Journalisten greifen
auf diese „gehirnlose Kulturtechnik“ zurück und „ergoogeln sich die Wirklichkeit“. Bereits im Jahr 2006 setzte für 60 Prozent der österreichischen Print-Journalisten die Recherche mit einer Googleabfrage ein. Die Frage ist, was danach kommt. Der Verdacht besteht, dass Segmente aus dem Netz einfach mit Sätzen miteinander verbunden werden und die als geistige Neuschöpfung ausgegeben werden – sind doch Journalisten durch die Presseagenturen sowieso verdorben, sagt der Autor.

Deren Meldungen hat man früher, bevor es Google gab, einfach entweder 1:1 übernommen oder hat sie mit der Schere ausgeschnitten und auf Manuskriptpapier neu zusammengeheftet, oft bei Nichtnennung der Quellen. Der Autor nennt Beispiele, wie sich mit Google heute selbst O-Töne und Atmosphärisches einfangen und so darstellen lassen, als wäre man selber als Reporter vor Ort gewesen. „Eigentlich wird damit der Google-Suchalgorithmus zum neuen Gatekeeper im Journalismus”, sagt er resigniert.

Diese Praxis setzt sich fort bis in die Wikis. Deren Autoren gehen meistens nach demselben Prinzip vor, übernehmen bei plagiierenden Quellen ihr Wissen, schnipseln es neu zusammen und stellen es ein – was Weber in Anlehnung an Friedrich Kittler als „Austreibung des Geistes aus der Textproduktion“ brandmarkt. Er erinnert daran, dass unter strengen wissenschaftlichen Maßstäben bereits ein Plagiat vorliegt, wenn weniger als die Hälfte eines Textes aus ausgewiesenen Zitaten besteht. Und: Um Plagiate handelt es sich auch, wenn die Strukturen und Aufbauformen anderer Arbeiten übernommen werden. Das bezieht sich auch auf Sätze, die in ihrer Form und Inhalt, nur mit anderen Worten besetzt, "adaptiert" werden. Der Autor berichtet aus seiner eigenen Praxis, wie er akademische Plagiatsfälle aufspürt, ingesamt 67 in den Jahren 2002 bis 2008. Dazu setzt er selber Google ein und sucht nach den Quellen fragwürdiger Sätze.

Das alles reißt eine grundsätzliche Frage auf. Alles in der Natur ist erst einmal eine Kopie des anderen. Durch kleine Kopierfehler entstehen Mutationen, aus denen neue Originale hervorgehen. Jede Erfindung, auch Kunst geht nicht viel anders vor. Akademische Arbeiten, in den Vor-Google-Zeiten oft aus den umfangreichen, in den Bibliotheken entstanden Zettelkästen „zusammengeschnipselt“, wurden nur mangels Vernetzung nicht als Plagiate entdeckt.

Die eigentliche Frage ist: Wo sind die Grenzen, und was ist wirklich neu? Schon die antiken Philosophen, darunter Platon, klagten: “Es gibt nichts Neues unter der Sonne.”

Siehe auch: Internationale Zeitschrift für Journalismus "message" 3-2010: Plagiate im Journalismus

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