Sind wir nicht alle ein bisschen Nerd?
Viktoria Hänsel hat Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Ethnologie studiert. Während ihrer Hospitanz in der P.M. Redaktion besuchte sie die Münchner Nerd Nite. Das ist ein neuartiges Event, bei dem wissenschaftliche Vorträge in Bars und leerstehenden Kaufhäusern zum Besten gegeben werden. Dabei trinken die Teilnehmer viel Bier. Sind die Nerds nur Spinner – oder die Nobelpreisträger von morgen?

Ein grau-blauer Plattenbau in München Giesing: Einst gab es hier Socken, Ohrringe oder Parfüm zu kaufen. Jetzt ist das alte Hertie-Kaufhaus zum „Puerto Giesing“ aufgestiegen. Statt Einkaufskonsum gibt es besondere Bildungserlebnisse in Form der Nerd Nite. Die Idee dahinter ist einfach: Drei Menschen tragen 15 Minuten lang ein abseitig-geniales Thema vor, in dem sie Experte sind. Das Motto lautet: „It’s like Discovery Channel with beer“ – oder wie ein Gast sagt: „Ich geh’ auf Weltreise und schlürf’ ein Bierchen dabei.“
Gut 300 Leute sind zur zehnten Nerd Nite in das leerstehende Kaufhaus gekommen. Wie Nerds sehen die meisten nicht aus, eher: Architekt trifft auf hippen Graphikdesigner. Das Publikum ist hauptsächlich männlich, jeder dritte trägt eine eckige Brille. Gedeckte Kleidungsfarben in schwarz und grau bilden einen harten Kontrast zum grellen Kaufhauslicht. Die aufgebauten Bierbänke vor dem Podium sind komplett besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr ergattert hat, drängt sich am Rand.
Nerd zu sein, war in den 1980ern in den USA ein Schimpfwort für den kulturellen Stereotyp des Strebers, Computerheinis oder Außenseiters. Eben einer, der ganz viel weiß, aber sozial total inkompetent ist, nie vor die Tür geht und keine Frau abbekommt.

Das Stimmengewirr bricht ab, als der Initiator der Nerd Nite, Patrick Gruban, die Anwesenden begrüßt. „So viele wie heute waren es wohl noch nie“, sagt der Webentwickler stolz durchs Mikrofon. Die Themen an diesem Abend sind bunt gemischt: Von Währungsspekulation für Dummies über das Wachs chinesischer Schildläuse bis hin zu einem Computerprogramm, das Kunst erzeugen kann.
Sowohl auf dem Podium als auch im Publikum: Den milchgesichtigen Knilch suche ich vergebens. Denn um die Jahrtausendwende bröckelte das negative Bild vom Nerd. Die Sonderlinge verpuppten sich. Getragen von der Computer- und Web-Revolution ging daraus eine neue Power-Generation hervor. Plötzlich waren sie erfolgreich und scheffelten Milliarden. Super-Nerds wie Bill Gates von Microsoft oder Google-Begründer Sergey Brin und Larry Page machten es allen vor: Nerds können wohlhabend und populär sein.

Ein paar Wochen später. Ich treffe Patrick in einem Café. Die Sonne scheint. Es ist sommerlich warm. Der 35-Jährige trägt ein lila T-Shirt und Jeans. Sein Gesicht ist blass und auf seiner Nase sitzt eine Hornbrille. „Ich war 2006 in New York und entdeckte in einer Bar im East Village die Nerd Nite“, erzählt Patrick.
Ihm gefiel, dass Menschen in einer Bar Vorträge hielten und exportierte die Nite nach München. Die Isar-Metropole ist die erste Stadt außerhalb Amerikas mit dieser bierseligen Bildungsnacht. Zum ersten Abend im Juli 2009 kamen 30 Leute. Seither hat sich die Anhängerschaft dank Twitter und Facebook verzehnfacht. Ein Hype, der auch nicht vor Berlin oder Wien Halt macht. Erste Nerd Nites sind dort in Planung.
„Irgendwie habe ich mit der Nerd Nite bei den Leuten einen Nerv getroffen“, sagt Patrick über den Erfolg der nerdigen Nacht. Verwunderlich ist das nicht. In Zeiten von Castingshows, die eine Glamourwelt vorgaukeln, sind die Menschen des seichten Fernsehkommerzes überdrüssig geworden. Sie wollen Unterhaltung, die wissenswert ist.
Wie sind Nerds im Zeitalter von iPad und Co? „Nerds sind cool geworden. Heutzutage ist es ein Kompliment, so bezeichnet zu werden“, erwidert Patrick und fragt: „Ist nicht jeder ein Nerd, der sich mit einem speziellen Thema wie Religion, Fliegenfischen oder dem Pareto-Prinzip* beschäftigt?“
Die Wissens-Show im alten Hertie war ein voller Erfolg. Georg Zoche sprach über Währungsspekulationen. Er veranschaulichte den Wertverlust des Euros anhand eines Kasten Biers. „Das, was seit Dezember dem Euro widerfuhr, ist so, als würde jemand einem vier Flaschen Bier aus einem Kasten klauen.“ Die mehr oder weniger nerdigen Leute lachten und prosteten sich zu. So knackig und witzig hatte ihnen das bisher noch keiner erklärt.
*) "Das Paretoprinzip, auch Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse verursachen die meiste Arbeit", laut Wikipedia.
Fotos: Wikimedia Commons

Ein grau-blauer Plattenbau in München Giesing: Einst gab es hier Socken, Ohrringe oder Parfüm zu kaufen. Jetzt ist das alte Hertie-Kaufhaus zum „Puerto Giesing“ aufgestiegen. Statt Einkaufskonsum gibt es besondere Bildungserlebnisse in Form der Nerd Nite. Die Idee dahinter ist einfach: Drei Menschen tragen 15 Minuten lang ein abseitig-geniales Thema vor, in dem sie Experte sind. Das Motto lautet: „It’s like Discovery Channel with beer“ – oder wie ein Gast sagt: „Ich geh’ auf Weltreise und schlürf’ ein Bierchen dabei.“
Gut 300 Leute sind zur zehnten Nerd Nite in das leerstehende Kaufhaus gekommen. Wie Nerds sehen die meisten nicht aus, eher: Architekt trifft auf hippen Graphikdesigner. Das Publikum ist hauptsächlich männlich, jeder dritte trägt eine eckige Brille. Gedeckte Kleidungsfarben in schwarz und grau bilden einen harten Kontrast zum grellen Kaufhauslicht. Die aufgebauten Bierbänke vor dem Podium sind komplett besetzt. Wer keinen Sitzplatz mehr ergattert hat, drängt sich am Rand.
Nerd zu sein, war in den 1980ern in den USA ein Schimpfwort für den kulturellen Stereotyp des Strebers, Computerheinis oder Außenseiters. Eben einer, der ganz viel weiß, aber sozial total inkompetent ist, nie vor die Tür geht und keine Frau abbekommt.

Das Stimmengewirr bricht ab, als der Initiator der Nerd Nite, Patrick Gruban, die Anwesenden begrüßt. „So viele wie heute waren es wohl noch nie“, sagt der Webentwickler stolz durchs Mikrofon. Die Themen an diesem Abend sind bunt gemischt: Von Währungsspekulation für Dummies über das Wachs chinesischer Schildläuse bis hin zu einem Computerprogramm, das Kunst erzeugen kann.
Sowohl auf dem Podium als auch im Publikum: Den milchgesichtigen Knilch suche ich vergebens. Denn um die Jahrtausendwende bröckelte das negative Bild vom Nerd. Die Sonderlinge verpuppten sich. Getragen von der Computer- und Web-Revolution ging daraus eine neue Power-Generation hervor. Plötzlich waren sie erfolgreich und scheffelten Milliarden. Super-Nerds wie Bill Gates von Microsoft oder Google-Begründer Sergey Brin und Larry Page machten es allen vor: Nerds können wohlhabend und populär sein.

Ein paar Wochen später. Ich treffe Patrick in einem Café. Die Sonne scheint. Es ist sommerlich warm. Der 35-Jährige trägt ein lila T-Shirt und Jeans. Sein Gesicht ist blass und auf seiner Nase sitzt eine Hornbrille. „Ich war 2006 in New York und entdeckte in einer Bar im East Village die Nerd Nite“, erzählt Patrick.
Ihm gefiel, dass Menschen in einer Bar Vorträge hielten und exportierte die Nite nach München. Die Isar-Metropole ist die erste Stadt außerhalb Amerikas mit dieser bierseligen Bildungsnacht. Zum ersten Abend im Juli 2009 kamen 30 Leute. Seither hat sich die Anhängerschaft dank Twitter und Facebook verzehnfacht. Ein Hype, der auch nicht vor Berlin oder Wien Halt macht. Erste Nerd Nites sind dort in Planung.
„Irgendwie habe ich mit der Nerd Nite bei den Leuten einen Nerv getroffen“, sagt Patrick über den Erfolg der nerdigen Nacht. Verwunderlich ist das nicht. In Zeiten von Castingshows, die eine Glamourwelt vorgaukeln, sind die Menschen des seichten Fernsehkommerzes überdrüssig geworden. Sie wollen Unterhaltung, die wissenswert ist.
Wie sind Nerds im Zeitalter von iPad und Co? „Nerds sind cool geworden. Heutzutage ist es ein Kompliment, so bezeichnet zu werden“, erwidert Patrick und fragt: „Ist nicht jeder ein Nerd, der sich mit einem speziellen Thema wie Religion, Fliegenfischen oder dem Pareto-Prinzip* beschäftigt?“
Die Wissens-Show im alten Hertie war ein voller Erfolg. Georg Zoche sprach über Währungsspekulationen. Er veranschaulichte den Wertverlust des Euros anhand eines Kasten Biers. „Das, was seit Dezember dem Euro widerfuhr, ist so, als würde jemand einem vier Flaschen Bier aus einem Kasten klauen.“ Die mehr oder weniger nerdigen Leute lachten und prosteten sich zu. So knackig und witzig hatte ihnen das bisher noch keiner erklärt.
*) "Das Paretoprinzip, auch Pareto-Effekt, 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse in 20 % der Gesamtzeit eines Projekts erreicht werden. Die verbleibenden 20 % der Ergebnisse verursachen die meiste Arbeit", laut Wikipedia.
Fotos: Wikimedia Commons
open-science - 25. Jun, 12:43


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