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Geisteswissenschaften – abschaffen?

Zugegeben, der Titel der öffentlichen Debatte im Gasteig in München war überspitzt: Einstein statt Goethe - Sollten die Geisteswissenschaften an den Universitäten abgeschafft werden? Es war eine Veranstaltung der Volkshochschule in der Reihe »Kontroversen in der Wissenschaft« und hatte experimentellen Charakter: Kann man Themen aus Forschung und Wissenschaft in der Öffentlichkeit betont kontrovers debattieren, lässt sich für den sportlich-intellektuellen Schlagabtausch ein Publikum von Nichtfachleuten gewinnen, kommt am Ende dabei ein konkretes Ergebnis heraus?

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Ein Werkzeug zur Erhöhung der Beteiligung

Akteure dieser Veranstaltung waren Mitglieder des Debattierclubs München (DCM) und des Bündnisses zur Erneuerung der Demokratie (BED). Der DCM wurde im Jahr 2001 von Studenten gegründet und pflegt die Tradition der britischen Unterhausdebatte: eine Pro- und eine Contra-Fraktion, bestehend aus jeweils drei Personen, präsentieren im Wechsel sieben Minuten lang und in freier Rede überzeugende Argumente, die für oder gegen eine konkrete Fragestellung sprechen. Der BED ist aus den Feiern zum 50. Bestehen des Grundgesetzes hervorgegangen, als sich herausstellte, dass die formale Demokratie in Deutschland zwar ausgezeichnet funktioniert, sie den Bürger allerdings zu wenig beteiligt.

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München will ein öffentliches Debattier-Forum einrichten

Beide, BED und DCM, haben das Debattiermodell mit allgemein-politischen Fragestellungen im öffentlichen Raum bereits getestet, u.a. bei der Bundesgartenschau in München im Jahr 2005, mit so viel Erfolg, dass der Münchner Stadtrat hinter dem Rathaus auf dem Marienhof einen Platz für die regelmäßige Debatte unter Bürgern einrichten will. Die Auseinandersetzung über ein Thema aus der Wissenschaft war ein Novum und brachte etwa 50 Besucher auf die Beine, sodass der Saal im Münchner Kulturzentrum Gasteig immerhin voll wurde.

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Die Kunst, schnell auf den Punkt zu kommen

Die Debattanten setzten sich einander gegenüber, der Moderator führte kurz in das Thema ein und leitete dann die Debatte: rief die Teilnehmer namentlich auf und wachte streng über die Redezeit. Nach einer Minute dürfen die Sprecher insgesamt fünf Minuten lang vom Publikum mit Fragen unterbrochen werden, die allerdings abgelehnt werden können; ab der sechsten Minute muss der Redner seine Argumentation zu Ende bringen, pünktlich nach sieben Minuten ist Schluss, sonst klopft der Moderator ab.

Noch mehr Spannung: Das Publikum stimmmt über das Thema ab

Ein zusätzliches Element erhöht den Spannungsbogen und den Wettbewerbscharakter: Vor der Debatte stimmten die Besucher über das Thema ab. Erwartungsgemäß waren nur wenige, insgesamt zwei Teilnehmer für die Abschaffung der Geisteswissenschaften an den Hochschulen, sodass sich die Pro-Seite um so heftiger in das Wortgefecht stürzen musste.

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»Geisteswissenschaftler wollen mit schönen Worten glänzen«

Deren Argumente kreisten um folgende Positionen: Naturwissenschaftler erzeugen mit Hilfe klar nachvollziehbarer Experimente neues »hartes« Wissen – die Geisteswissenschaften (etwa die, die Sprache, Kultur, Geschichte erforschen) sind »weich« und »meinen nur zu wissen«. Die Geisteswissenschaften lebten im Elfenbeinturm und spekulierten z.B. darüber, ob »ein Musikstück Pferdegalopp darstellen« solle. Die geisteswissenschaftlichen Disziplinen zielten aufs Allgemeinwissen, das an die Schulen, aber nicht an die Unis gehörte. Last not least: Die Geisteswissenschaften zögen orientierungslose Studenten an, denen Mathe und Physik zu schwer seien und dem Irrtum erlägen, »mit ein paar schönen Worten glänzen zu können«.

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»Naturwissenschaftler machen alles, was machbar ist – Geisteswissenschaftler setzen moralische Grenzen«

Die Contra-Seite, also die Gegner der Abschaffung der Geisteswissenschaften, hielt tapfer dagegen. Ihr stärkstes Argument: Die Geisteswissenschaften seien ein wichtiges Korrektiv: »Wer soll denn die Konsequenzen aus naturwissenschaftlichen Forschungen aufzeigen, wenn es die Geisteswissenschaften nicht mehr gibt?« Aus diesem Grund habe Alfred Nobel außer Naturwissenschaften auch die Literatur mit einem Preis bedacht sowie Bemühungen um die Schaffung von Frieden auf der Welt honoriert. »Naturwissenschaften, die über den Zaun ihres eigenen Faches hinausschauen, erkennen, dass sie ohne Geisteswissenschaften nichts erreichen können.« Und schlussendlich: Die Naturwissenschaften hätten ein stark positivistisches Moment. »Was machbar ist, wird gemacht – ohne moralische Grenzen, die aber die Geisteswissenschaften liefern und für einen demokratischen Kontext sorgen.« Das war denn auch das Fazit der Veranstaltung: Die Geisteswissenschaften sind das Gewissen der Naturwissenschaften (weshalb sie ursprünglich auch "moral sciences" hießen).

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...und die Gäste mischen als »freie Redner« mit

Vom demokratischen Geist und dessen Vielfalt lebt die gute Debatte, weshalb die Experimental-Veranstaltung an der Münchner Volkshochschule das Publikum aktiv einbezog. Nach den ersten vier Rednern wurde eine Zäsur gemacht und die Besucher hatten das Wort. Fast zehn »freie Redner« traten vor und trugen für eine Minute ihre Pro- und Contra-Argumente vor. Die Debattanten gingen auf diese ein, bevor die zwei letzten Redner für beide Seiten die Argumente noch einmal zusammenfassten und mit vehementen Plädoyers für ihre jeweiligen Positionen »den Sack zumachten«.

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Die fast aussichtslose Pro-Seite gewinnt beim Publikum Stimmen

Am Ende wurde erneut über die Fragestellung abgestimmt. Kompliment: Statt nur wie anfangs zwei Teilnehmer stimmten jetzt sieben für die Abschaffung der Geisteswissenschaften an den Unis – die Pro-Redner hatten also mehr als die Contra-Kollegen gepunktet. Aber schade: Für zwei weitere eingeplante Debatten war an diesem Abend keine Zeit mehr. Das Publikum hätte die Wahl gehabt zwischen den beiden Themen. Eierlegende Wollsau: Darf die Gentechnik bei Lebensmitteln keine Grenzen kennen? Save water - shower with a friend: Der Wasserverbrauch muss halbiert werden!

Im Jahr der Geisteswissenschaften: Das Sprach-, Rede-, Schreibvermögen steht im Fokus!

Vielleicht haben Sie Lust, hier an dieser Stelle die Debatte online zu führen. Oder vielleicht möchten Sie die Debatte über den Wert der Geisteswissenschaften kommentieren, besonders wenn Sie als Redner oder im Publikum dabei gewesen sein sollten und vielleicht selber ein geistes- oder naturwissenschaftliches Studium absolviert haben. Immerhin hat die Bundesregierung das Jahr 2007 zum Jahr der Geisteswissenschaften erklärt – witziger Einwurf eines Gastes: »Dies war eine Werbeanstaltung dafür!«. In diesem Jahr steht das Sprach-, Rede, Schreib- und Ausdrucksvermögen im Fokus - je origineller, kürzer und präziser desto besser:

Los geht’s!

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